13
Dez 2022

Kino-Kritik: AVATAR: THE WAY OF WATER (aka AVATAR 2)

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

USA 2022. Regie: James Cameron. Darsteller: Sam Worthington, Zoe Saldana, Stephen Lang, Sigourney Weaver, Jack Champion, Trinity Bliss u.a.

Story: Nach Jahren relativen Friedens kehren die Menschen mit ihren Raumschiffen und Monstermaschinen nach Pandora zurück – Na’vi/Mensch-Hybriden sollen ihnen helfen, die indigene Bevölkerung “ruhig zu stellen”, damit Pandora die neue Heimat der Menschen werden kann. Zu diesen Super-Soldaten gehört auch ein Klon von Quaritch, der noch eine Rechnung zu begleichen hat. Jake Sully erkennt, dass seine Gegenwart die gesamte Na’vi-Population gefährdet und flieht mit seiner Familie zu einem verwandten Stamm, der auf Inseln und im Einklang mit den Meeresbewohnern lebt. Die Gewöhnung an die neuen Lebensumstände gestaltet sich als schwierig und schon bald tauchen am Horizont wieder die Kriegsmaschinen der Menschen auf…

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Kritik: Ich tue mich schwer. Üblicherweise verbringe ich die Heimfahrt von den Presse-Screenings damit, im Kopf die ersten Argumente und Kritikpunkte zu sortieren, um einen “flow” für den Review zu finden. Bei AVATAR 2 (den nenne ich jetzt mal so) wurde das permanent ausgebremst, weil bei jedem Gedanken ein Warnton schnarrte und mich meine Erinnerung ermahnte “das hast du genau so schon in der Kritik zum ersten Film geschrieben“. Man kann ja schlecht den gleichen Text zweimal schreiben.

Andererseits: wenn Cameron den gleichen Film zweimal dreht?!

Tatsächlich gibt es kaum etwas, dass man zu AVATAR 2 schreiben kann, das nicht schon auf den ersten zutraf. Er ist in seinen Leistungen und seinen Fehltritten praktisch deckungsgleich und man unterverkauft den Film nicht, wenn man konstatiert: hat euch AVATAR gefallen, wird euch AVATAR 2 gefallen. Fandet ihr AVATAR scheiße, wird euch der hier auch nicht bekehren.

Als überlange esoterische Ethno-Fantasy, die mit suppiger Sentimentalität langweilt, bis Cameron endlich krachende Action von der Kette lässt, ist AVATAR 2 für mich eine echte Herausforderung, die bestenfalls als Technik-Showreel funktioniert. Aber so habe ich ja auch den ersten Film wahrgenommen – der immer noch der erfolgreichste Film aller Zeiten ist. Die Frage “was weiß der Dewi schon?” ist absolut legitim.

Also machen wir die Probe auf’s Exempel: gehen wir AVATAR 2 nicht losgelöst an, sondern am roten Faden meiner Kritik von 2010.

Auf meiner weiten Reise durch die Welt bin ich nun endlich dazu gekommen, mir “Avatar” anzusehen, und zwar so, wie er gesehen werden sollte: im Originalton, mit digitaler Projektion, in 3D, mit Publikum, und auf einer mörderisch großen Leinwand.

Diesmal habe ich den Film auch wieder so gesehen, wie er gesehen werden sollte: im Originalton, mit digitaler Projektion, in 3D, mit Publikum, und auf einer mörderisch großen Leinwand. Wenn nicht AVATAR, was dann?

Der Film ist ein Monster. Angetrieben von einem Monster-Ego. Er ist genau die Sorte von bizarrem Exzess, den man von einem genuinen Meister der Form erwartet, der seinen eigenen Weltrekord in fortgeschrittenem Alter noch einmal übertreffen will, ja übertreffen muss. An keiner Stelle ist “gut” gut genug – die Vorgabe ist immer “mehr”, “schneller”, “bunter”, “breiter”. Mit vielen Ausrufezeichen.

Da hat er recht, der Vogel.

Es ist Camerons immer noch einzigartiger Beherrschung des Mediums zu verdanken, dass er sich dabei nicht im totalen Effekt-Overkill verstolpert. Auch in den brachialsten Actionszenen zeigt er sein trainiertes und perfektioniertes Gespür für Choreographie und Timing, das z.B. George Lucas bei den Prequels, und Michael Bay bei so ziemlich allem abgeht. Da sitzt jeder Insert, ist jeder Frame exakt geplant. Wie bei “Aliens”, “Terminator” – Cameron ist eine Regie-Maschine, und um mit “Inner Space” zu sprechen: Die Cameron-Maschine hat null Defekte.

Wer bin ich, dass ich mir widersprechen würde?! Insbesondere in der zweiten Hälfte zeigt Cameron eine absolute Meisterschaft in Sachen Flow und Choreographie, seine Action deklassiert immer noch alle Konkurrenz. Gerade weil AVATAR 2 technisch einen großen Schritt vorwärts macht, greifen CGI und Live Action noch mal perfekter ineinander. Das ist nahtlos.

Definiert “Avatar” damit die Möglichkeiten des SF-Films neu, wie es z.B. “Matrix” tat? Nein. Zwar ist die Menge der Effekte beeindrucken, ihr Einsatz exzellent durchdacht, und ihre schiere Omnipräsenz überwältigend – aber nichts davon ist wirklich neu, und zum “game changer” fehlt dann in letzter Konsequenz auch die Perfektion: Zu oft ist CGI noch als CGI erkennbar, zu oft haben die Figuren von der Festplatte bei schnellen Bewegungen zu wenig Gewicht, und sind jederzeit als virtuell spürbar. In seiner völligen farblich übersättigten Künstlichkeit hat der Planet Pandora manchmal sogar den unangenehmen VR-Beigeschmack eines Xbox360-Shooters.

Diese Befürchtung hatte ich hier auch, aber sie gilt weitgehend nur für den Prolog, der noch im Wald spielt. Sobald AVATAR 2 in die Inselwelt umzieht, kann Cameron die gesteigerte Leistungsfähigkeit moderner CGI und seine Begeisterung für Unterwasser-Sequenzen voll ausspielen – Fantasy trifft Fotorealismus. DAS wäre der richtig Look für AQUAMAN gewesen.

Dass die Darsteller angesichts ihrer meist kompletten Digitalisierung im allgemeinen Rummel nicht groß auffallen, ist verständlich. Weniger verständlich ist, wie Sam Worthington in kurzer Reihenfolge die Hauptrollen in “Terminator: Salvation”, “Avatar” und “Clash of the Titans” einsacken konnte. Wenn ihm im Verlauf der Handlung Haare wachsen, sieht er immer mehr wie ein zu muskulöser Ben Affleck aus – und er spielt auch nicht sonderlich inspiriert. Sein Avatar irritiert mich, weil er an Woody Harrelson erinnert. Nennenswert in der CGI-Performance erscheint mir nur Zoe Saldana, die am meisten aus den blauen Pixeln quetscht, was noch als “Schauspielerei” durchgeht.

Hier bin ich zwiegespalten. Die menschlichen Darsteller interessieren Cameron diesmal noch weniger als die Na’vi (und Konsorten). Sam Worthington sehen wir nicht ein einziges mal als Sam Worthington, Stephen Lang und Sigourney Weaver kommen nur in extrem kurzen Szenen am Anfang vor. Wir müssen uns also vollends auf die Na’vi (und Konsorten) als Protagonisten einlassen. Andererseits hat sich die CGI in einem Maße verbessert, dass es erheblich leichter fällt, die Na’vi (und Konsorten) als Hauptfiguren anzunehmen. Die Details, die Mimik. das Spiel der Muskeln unter der Haut – Respekt.

Nun habe ich keine Probleme, mir fast 3 Stunden lang State of the Art-Effekte in 3D anzuschauen, mit geradezu affiger Detailverliebtheit in groß angelegten Action-Sequenzen. Aber wie schon in “Titanic” zeigt Cameron einen massiven Widerwillen, in der Konstruktion der Geschichte über das Mindestmaß hinaus zu gehen. Das ist im besten Fall praktikabel, im schlimmsten Fall aber peinlich.

Auch hier gilt: Camerons erzählerische Ambitionen haben sich im Gegensatz zu den Effekten leider nicht weiter entwickelt. AVATAR 2 ist eine genau so rudimentäre wie banale und überraschungsfreie Ethno-Fantasy aus dem Baukasten wie der Vorgänger.

“Avatar” ist “Lederstrumpf”, “Shogun”, “Der Smaragdwald”, “Pocahontas”, “Der Mann, den sie Pferd nannten”, “Der mit dem Wolf tanzt”, “Outlander“, und jeder andere Film, in dem (grob gesagt, es gibt Variationen) ein vermeintlich überlegener zivilisierter Charakter (gerne verletzt) bei einem vermeintlich primitiven Stamm landet, dessen Kultur annimmt, die schöne Häuptlingstochter flachlegt, sich vor dem besten Krieger beweisen muss, und am Ende den Stamm gegen seine eigenen Leute führt, weil er deren Rücksichtslosigkeit erkannt hat.

Und das hier ist die konsequente Fortsetzung, die mehr Western- als SF-Standards bedient und dann noch Siedlerromantik und Tierschutz suppig zusammen rührt.

Schlimm ist es demnach nicht, so eine 0815-Story zu erzählen, besonders nicht bei einem Film, der mit vielem, aber nicht einem ausgereiften Plot zu begeistern versucht. Auch “Titanic” war als Love Story kaum mehr als eine dünne Hülse. Ermüdend ist aber, dass Cameron so gar kein Interesse hat, die Geschichte wenigstens minimal zu variieren – was sich ja wirklich anböte, wenn man sie schon auf einen anderen Planeten verlegt. Er hakt die einzelnen Plot Beats geradezu gelangweilt ab, und selbst die emotionalen Momente sind nie mehr als Mechanik, eine Fortführung des Films von A nach B, von B nach C, etc.. Jede Folge der ersten Staffel von “Battlestar Galactica” ist mitreißender – und ich habe genug Kampfszenen in “Babylon 5” gesehen, deren Ausgang mir mehr Sorgen machte. Es ist alles zu vorhersehbar, bis in die einzelnen Dialoge und Konflikte.

Auch hier – im Westen nichts Neues.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Hinzu kommt, dass Cameron die altbekannte Geschichte mit den durchweg blassen Protagonisten um Randfiguren erweitert, die sich in seinem Oeuvre sein 30 Jahren nicht verändert haben – Selfridge ist Burke aus “Aliens”, Chacon ist Hernandez, Sully ist Hicks, etc. Das Militär ist böse und korrupt, steckt mit der Regierung und den Großkonzernen unter einer Decke, für das Ziel der totalen Ausbeutung ist jedes Menschenopfer akzeptabel, etc. pp. So beeindruckend Camerons technische Vorreiterschaft ist – so sehr stagniert seine Entwicklung als Autor. Und es schert ihn augenscheinlich nicht.

In dieser Beziehung ist AVATAR 2 sogar noch reduzierter als der Vorgänger: außerhalb der sowieso schon extrem klischee-beladenen Kleinfamilie und dem Bösewicht gibt es keine nennenswerten Charaktere, nur Pappcharaktere, die Funktionen erfüllen und pflichtschuldig Storybeats einläuten. Spannende Figuren scheren Cameron so wenig wie eine spannende Story.

Und damit kommen wir zu dem, was mich an “Avatar” nicht nur gestört, sondern regelrecht wütend gemacht hat: Dieser New Age-Chavinismus, nach dem ein Haufen elender Baumtänzer in jeder Beziehung die moralische Überlegenheit hat, weil er “in Einklang mit der Natur” lebt. Es ist die hässliche Fratze des Selbsthasses, der unsere Kultur spätestens seit den 60ern in Wellen immer wieder durchläuft. Wir sind seelenlose Killer, die für behauptete Reichtümer die eigene Existenzgrundlage vernichten. Keine neue, und in ihrer Simplizität auch keine stimmige Message. Cameron will uns weismachen, dass doch alles in Gut und Böse unterteilbar ist, und die Maschine niemals die menschliche Spiritualität ersetzen kann – im Prinzip genau der Gedanke, an dem sein Film erzählerisch scheitert, weil er neben der hochgezüchteten Technik eben keine nennenswerten gedanklichen Fortschritte bietet. Die Macht der Maschine ist seelenlos – das gilt für Pandora wie für “Avatar”. Isn’t it ironic?

Diese Treehugger-Nummer treibt Cameron in AVATAR 2 noch auf die Spitze – für jemanden, der so technophil ist wie Cameron, ist sein Weltbild erschütternd technophob. Industrie, Militär, Raumfahrt, Politik, Schulmedizin, Technik – alles Gift, alles nur Mauern zwischen dem Menschen und dem friedlichen Beisammensein am Strand unter Palmen.

Walfang ist das, was es anzuprangern gilt? Echt jetzt? Der ist voll brutal und gemein? Weil wir das nicht seit 50 Jahren wissen und weltweit auch konsequent verbieten? Erklärt uns Cameron vielleicht in Teil 3, dass FCKW die Ozonschicht schädigt?

Vielleicht bin ich echt zu zynisch, aber mit einer so ausgelutschten “sei eins mit der Natur”-Nummer konnte man in den 70ern noch bei LAUTLOS IM WELTRAUM punkten, aber im Jahr 2022 ist das entweder naiv oder brutal kalkuliert.

Die simple “Noble Savage”-Plotte mit der Öko-Botschaft ist in einem Maße penetrant, unaufrichtig, und folgenlos (was hält die irdischen Streitkräfte davon ab, Pandora nach dem Aufstand einfach zu Klump zu bomben?), dass ich mitunter vermuten musste, Cameron halte seine Erzählung aus blankem Zynismus auf Kindergarten-Niveau – je einfacher, desto mehr Raum bleibt für seinen technischen Achterbahnritt. Dazu passt auch der Soundtrack von James Horner, der ungesund zwischen Bombast, Ethno-Drums, und Enya-Versatzstücken umher rudert.

Isso. Musik diesmal aber von Simon Franglen.

Zu der ganzen weichgespülten Erzählung passst dann auch die fortschreitende pussification of James Cameron: “Avatar” ist bei aller Action geradezu albern gewaltfrei, der einzig nennenswerte Tod (des Häuptlings) geschieht fast nur im Augenwinkel des Zuschauers. Und die “Sexszene” ist ungefähr so erotisch wie Tara Reids Gehopse auf Christian Slater in “Alone in the Dark”. Ein PG-Rating sah noch nie so verlogen aus.

Hier wieder. Ähnlich wie bei TOP GUN: MAVERICK dürfen dem Publikum nur sehr dosiert Gewalt oder Tragik präsentiert werden. Offene Wunden, Blut, Opfer? Alles in schnellen Schnitten und off camera versteckt.

Ich verwehre mich übrigens gegen Christians präventiven Vorwurf, Kritik an der Welt, der Philosophie, und der Geschichte “Avatars” sei typisch für den Zynismus und den Flachwitz der “modernen Generation”. In meinen Augen verlangt “Avatar” zum vollen Genuss nicht “einlassen”, sondern “doof stellen”. Die Öko-Moral mögen 12jährige knorke finden, und es mag sie inspirieren, sich Gedanken über die Plünderung unserer Ressourcen zu machen – aber wenn jetzt erwachsene Menschen sich als Na’Vis anpinseln, und künftig in einem “Hometree” leben wollen, dann sehe ich die Infantilisierung der postmodernenen Gesellschaft auf einem neuen, destruktiven Höhepunkt. Ich dachte immer, Hippies gehen nicht ins Kino.

What he said. AVATAR 2 ist der Film für Leute, die das Leben in alten Bacardi-Werbungen für nachhaltig und nachahmenswert halten:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Was macht “Avatar” dann aber zum erfolgreichsten Film aller Zeiten? Da bin ich überfragt. Vielleicht ist es wie oben angedeutet: Die Message, dass der Mensch zu seinen Wurzeln zurückfinden muss, kommt in Wellen (60er, 80er), und spricht eine Ursehnsucht an, die über das rationale Verständnis weit hinausgeht. So dünn die Botschaft ist (letztlich etwa wie “Make love, not war”), so massenkompatibel ist sie genau deshalb auch. Ihre Naivität macht sie kritikresistent, und sie krault geschickt der Furcht des reptilischen Gehirns vor der Vernichtung die Eier. Niemand kann das von Cameron postulierte Dilemma ernstnehmen – und doch will jeder glauben, dass die elementaren Dinge so einfach sind. Mein Freund, der Baum.

Oder eben “Mein Freund, der Wal”.

Das Wespennest, dass Cameron auch explizit lebensbejahende Religiösität gegen destruktiven Atheismus setzt, lasse ich jetzt mal ungeöffnet, weil ich den Film hätte ernstnehmen müssen, um mich darüber zu ereifern.

Ich lasse den Deckel auch hier drauf – AVATAR vertritt eine alberne Gaia-Religion, möchte sie aber lediglich als Spiritualität im weitesten Sinne verstanden wissen. Ommm…

“Avatar” ist ein Showcase, mit dem Cameron zeigen will, was heutzutage möglich ist, und was die nächsten 20 Jahre bringen können. Und wie für einen Showcase üblich, hält er seine Ware laut schreiend und wedelnd vor die Kamera: “Alles neu! Alles besser! KAUFEN! KAUFEN!”. Er produziert das, was in der Hiphop-Kultur “bling” genannt wird. Es ist nicht auf Nachhaltigkeit produziert, sondern mit dem erklärten Ziel, ein instinktives “wow” zu provozieren.

Auch das gilt: AVATAR 2 zeigt im direkten Vergleich, wie sich die CGI weiter entwickelt hat, wie perfekt komplexe Welten aus dem Computer mit realen Aufnahmen kombiniert werden können, bis die Schnittstellen nicht mehr erkennbar sind. Niemand plant einzelne Shots, einzelne Frames derartig perfektionistisch und pedantisch wie James Cameron. Dass er dabei gerne vergisst (oder ignoriert), dass Film mehr ist als Inszenierung, ist leider keine neue Erkenntnis. Ich bin der festen Überzeugung, dass AVATAR 2 genau das ist, was Cameron wollte. Ob das auch für das Publikum gilt, wird man sehen.

Tja, aber an manchen Stellen war mir die dezente, aber durch und durch hochkarätige Wertarbeit in “District 9” tatsächlich lieber, denn sie zeigt Möglichkeiten der SF in einer ganz anderen, storygebundenen Richtung auf.

Ein Text wie ein guter Wein: wird mit dem Alter besser – und wahrer.

“Avatar” ist dennoch ein sehenswerter und perfekt durchgeplanter Trip, ein Spektakel um des Spektakels willen, von genau dem Regisseur, der wie kein zweiter für so ein Projekt prädestiniert ist. “Avatar” reißt mit, begeistert, lädt zum fliegen ein. Wie bei keinem anderen Film habe ich mich im Kino gefragt: “Wie soll dieses Erlebnis auf DVD reproduzierbar sein?” Kino um des Kinos willen, mit Leidenschaft und Spielfreude. Bis das Licht wieder angeht, und der Vorhang fällt. Dann sollte man tunlichst vermeiden, das Gesehene über das Bauchgefühl hinaus zu überdenken.

Kaum etwas kann ich für das Sequel mehr bestätigen und betonen: In einem großen Kino in 3D und mit gesenkten Erwartungen an Story und Figuren ist AVATAR 2 ein ziemlich zerdehntes, aber auch fettes Teil, das vor allem im letzten Drittel tüchtig anzieht und erneut einmal Camerons singuläres Talent als visueller Actionkomponist bestätigt. Aber dafür muss man in Kauf nehmen, dass die Story doof, die Figuren langweilig und die Wendungen vorhersehbar sind.

Und nun zur ganz anderen Lesart: Ich bin ein alter Mann und meine Trigger sind nicht von Xbox-Spielen und tik tok-Videos geprägt. Cameron ist ein Genie und bedient eine neue Generation von Zuschauern, deren Empathie erheblich leichter zu erregen, aber auch flacher ist. Die einen Film auch verstehen können will, wenn sie nebenher auf dem Handy chattet. Die Dreidimensionalität nur beim Bild, aber nicht bei den Figuren sucht.

Vielleicht ist es das. Vielleicht ist AVATAR einfach nicht für mich gemacht und ich muss endlich einsehen, dass Kino 2020 nicht für den Wortvogel von 1968 funktionieren muss, sondern für die Rotznasen, die alles mit Apple Pay bezahlen und deren Kritik sich auf ein Daumen hoch-Selfie auf Instagram beschränkt. Weil meinem Opa 1978 STAR WARS auch nicht gefallen hätte.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

FAZIT: Ethno-Kitsch im aufwändigen CGI/3D-Gewand, der zusammen mit dem Vorgänger vielleicht besser als sechsstündige Miniserie bei einem Streamer funktionieren würde. weil er fürs Kino einfach zu gedehnt und antriebslos ist. Beim heimischen Fernseher kann man wenigstens zu den “best bits” vorspulen.



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

16 Kommentare
Älteste
Neueste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
heino
heino
13. Dezember, 2022 18:46

Also alles wie gehabt und wie vermutet. Da habe ich dann ja wieder Geld und Zeit gespart

Thomas Ramseier
Thomas Ramseier
28. Dezember, 2022 22:24
Reply to  heino

Sterbenslangweilig !!

S-Man
S-Man
13. Dezember, 2022 23:16

Genau so erwartet. Danke für die Bestätigung.

Mal sehen, wenn ich mal Langeweile hab, dann setz ich mich in den Saal 1 vom Zoopalast, schalte mein Hirn aus und schau mir an, was CGI inzwischen so kann…

Goran
Goran
14. Dezember, 2022 00:49

Wie erwartet.

Avatar was ja damals das 3D-Ding. Perfektes Timing, der Film, mit der Technik und der Planung, zu dem Zeitpunkt – Handlung wurscht.
Wir sind damals extra nach Kaiserslautern gefahren, aus Trier und Saarland, weil das Kino dort so tolle Projektoren haben sollte.

3D hat sich aber mittlerweile doch eher überlebt; Die Industrie hat den Trend ja totgefilmt und so bin ich mir wirklich unsicher, ob das auch nur annähernd wieder ziehen kann, auch wenn an Saalkonkurrenz ja nichts vorhanden ist.

Habe mal nachgesehen und im Cinemaxx um die Ecke hätte ich mir noch um halb zwölf ohne Problem ne Karte für die Mitternachtspremiere holen können.
Blockbusterstarts sahen schon mal wichtiger aus.

Last edited 1 Monat zuvor by Goran
jimmy1138
jimmy1138
14. Dezember, 2022 11:28
Reply to  Goran

“Die Industrie hat den Trend ja totgefilmt”

Das muß Cameron richtig wehtun. Er war mit Avatar quasi Pionier in Sachen nativem 3D (d.h. 3D, das mit speziellen Kameras gefilmt wird). Dieses ist zumindest in Hollywood praktisch inexistent – stattdessen hat man dort auf 3D Umwandlungen gesetzt.
Das war in meinen Augen ein reiner “cash grab” und hat dem Ruf von 3D nachhaltig geschadet. Das Hobbit-Experiment mit der höheren Framerate (in Avatar 2 mWn auch ein neues Feature) hat auch nicht funktioniert.

Apropos S/FX – Nolan behauptet, den ersten Atombombentest für “Oppenheimer” ohne CGI gefilmt zu haben. Das ist mal eine Ansage, die einen ins Kino lockt!

Last edited 1 Monat zuvor by jimmy1138
Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
15. Dezember, 2022 17:12
Reply to  jimmy1138

War er dafür bei Onkel Kim zu Besuch oder hat er dafür 25 Kilotonnen TNT zusammengesucht?

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
14. Dezember, 2022 10:14

Also wirklich wie erwartet. Mich würde auch eher die technische Sicht interessieren, weil Cameron ja auch angab, die 3D Projektion weiter perfektioniert zu haben durch variable Bitrate in den Szenen. Aber ob mich das nun in ein Kino zieht, ich weiß noch nicht.

Jedenfalls wird es spannend, wie erfolgreich der Film wird. Immerhin ist ja Avatar 3 schon abgedreht und Avatar 4+5 sind ja auch schon quasi fest eingeplant. Hier kann und sollte Cameron aber nicht nochmal das gleiche abliefern wie bei 1, daher bin ich hier viel gespannter, was er machen will. Ich möchte Cameron nicht auf die Schnauze fallen sehen, aber befürchte es doch sehr.

Matts
Matts
14. Dezember, 2022 14:04

Tja, das Review deckt sich so ziemlich mit meinen Erwartungen. Aber hey: Manchmal hab ich Bock, mich von seichter Story und schönen Bildern berieseln zu lassen. Also werd wohl bei Gelegenheit reingehen.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
16. Dezember, 2022 11:09

Lief der in 3D-HFR oder „nur“ Stereo 3D – hab ein wenig Angst vor dem GZSZ-Look, aber die besseren Slots sind bei uns die mit HFR…
Plätze im Premium-Kino (2 Tickets 43€ plus 2€ für die Brille) sind in den nächsten Tagen bei uns kaum zu bekommen, der Film scheint also doch wieder die Massen anzulocken.

Jan
Jan
19. Dezember, 2022 17:11
Reply to  Rudi Ratlos

Ich fand den Einsatz weit (!) weniger irritierend als bei den Hobbit-Filmen.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
27. Dezember, 2022 10:33
Reply to  Jan

Superschräg: Wir waren eigentlich in der „normalen“ 3D-Vorstellung allerdings wirkten manche Szenen superflüssig (HFR?), so dass der Rest bei Szenenwechseln „gestockert“ hat. Das war ziemlich irritierend.

Edin Basic
Edin Basic
16. Dezember, 2022 12:07

Vor etwas habe ich noch mehr Angst,als vor Stephen Lang.
Das sind Zwangspausen,damit noch mehr Popcorn und Nachos verkauft werden kann.
Kann jemand bestätigen,das es keine gibt.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
27. Dezember, 2022 10:33
Reply to  Torsten Dewi

Laut Disney darf es eigentlich keine Pausen geben.

S-Man
S-Man
4. Januar, 2023 02:10

Habe jetzt beide Teile (noch einmal) gesehen und stimme dir bei der Inhaltskritik wieder komplett zu.

Und dass es im dritten Film wieder um den gleichen hohlen Gegner gehen wird, macht den letzten Rest Interesse an diesem komplett zunichte.

Bzgl. der Technik hingegen muss ich sagen, war ich deutlich weniger beeindruckt. Eigentlich bin ich nur deiner Begeisterung wegen wirklich ins Kino gegangen, denn der Inhalt konnte mich nicht ködern.

Doch ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, in einem Computerspiel zu sitzen. Die Perfektion des Rendering ist für mich noch nicht erreicht. Zu keinem Zeitpunkt hat mein Hirn das alles geglaubt. Zu keinem Zeitpunkt habe ich die Figuren, die Welt, die Tiere, die Maschinen als “echt” empfunden. Das Wasser wirkte in Konsistenz und Optik künstlich, ebenso wie die Na’vi Puppen. Klar sind jetzt mehr Poren, Härchen und Muskeln zu sehen, aber irgendwie fehlt das gewisse Etwas, um überzeugend zu sein. Vielleicht ist es aber nicht nur die Technik, die problematisch ist, sondern auch die Perfektion der Modelle: Die Maschinen sind alle perfekt ohne Kratzer, Rostflecken und Beulen. Die Pflanzen haben keine toten Blätter oder eingerissenen Ränder und die Na’vi sind allesamt mit den perfektestmöglichen, makellosen Körpern ausgestattet und jede Bewegung abaolut jeder Figur wirkt zu geschmeidig, um real zu sein. Vielleicht ist es auch nur das, was mich unterbewusst stört, keine Ahnung.

Die aktuelle 3D-Technik konnte ich noch nie leiden. Die Bilder sind immer leicht unscharf, insbesondere wenn man sich etwas aus den Augenwinkeln am Bildrand anschaut, ohne den Kopf zu drehen. Dafür ist der Sonnenbrillen wegen prinzipbedingt das Bild dunkler als bei 2D und man muss sich außerdem 3h mit diesem Plastikding auf der Nase selbst arrangieren. Zusätzlich kommt das Problem, dass dieses Pseudo-3D dem Kopf signalisiert, dass man auch mal am Protagonisten vorbei in die Tiefe schauen könnte. Schade nur, dass man dort nichts erkennt, weil der Fokus der Kamera eben auf dem Protagonisten liegt und nicht auf der Pflanze dahinter oder der Pfeilspitze davor. Ergo habe ich von einem 3D Bild gar nichts, wenn ich nicht jede Ebene fokussieren kann. Mir zumindest macht das Kopfschmerzen.
Ich bin extra in einen der modernsten Kinosäle Berlins gegangen, weil ich hoffte, dass sich in all den Jahren, in denen ich dieses 3D bewusst boykottierte, etwas signifikant in dem Bereich getan hat. Leider nicht. Immernoch komische Sonnenbrillen für unscharfe Bilder statt scharfe, klare, helle Bilder.

Und das HFR? Ich muss gestehen, ich hatte im Kino leider vergessen, darauf explizit zu achten. Aber das heißt zumindest, dass es mir (im Gegensatz zum Hobbit damals) nicht negativ auffiel. Ob es einen positiven Effekt hatte, kann ich leider nicht sagen, mich würde ein Direktvergleich zwischen herkömmlicher Bildrate und erhöhter Bildrate sehr interessieren.

Fazit: Inhaltlich insbesondere für die Filmlänge mal wieder erstaunlich banal. Wieder hübsche bunte Bilder zum Anschauen und Staunen, keine Frage, aber für mich persönlich noch eine gute Ecke weit weg vom Level “Glaubwürdigkeit”. Und auf die paar wenigen echten Showcase-Szenen für 3D würde ich zugunsten gestochen scharfer und hellerer Bilder für die restlichen 3h immernoch auf diese blöden Brillen verzichten.

Uwe Düsseldorf
Uwe Düsseldorf
5. Januar, 2023 17:59
Reply to  S-Man

Triffts ziemlich genau, übrigens im UCI ohne Pause