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Mai 2022

Kino-Kritik: TOP GUN: MAVERICK

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

USA 2019/22. Regie: Joseph Kosinski. Darsteller: Tom Cruise, Jennifer Connelly, Jon Hamm, Ed Harris, Val Kilmer, Miles Teller, Glenn Powell u.a.

Story: Pete "Maverick" Mitchell ist auch nach 35 Jahren noch Captain – seine Leidenschaft für die Fliegerei hat seinen Aufstieg in der Navy nachhaltig blockiert. Nach einem Zwischenfall mit einem Experimentaljet wird er erneut zur Top Gun-Einheit versetzt: Er soll "die Besten der Besten" für eine hochgefährliche, geheime Mission trainieren – darunter Rooster, den Sohn seines verstorbenen Freundes Goose. Mitchell nutzt die Chance, auch wieder mit seiner alten Flamme Penny anzubandeln. Aber die Zeit für das Training ist knapp bemessen und der Einsatz praktisch undurchführbar…

Kritik: Es ist schon kurios. TOP GUN gehört zwar zu den absolut ikonischen Filmen der 80er Jahre, war für Filmfans aber immer nur alberner Quatsch gewesen – ein auf Spielfilmlänge aufgeblasener Werbefilm für die Navy, in dem alle Menschen schön, gut und tapfer sind. Die Sorte hohler Spektakelfilm, der erst in den 90ern zu voller Blüte kommen sollte. Pathos, Melodrama, Kitsch – alles auf 11. Es ist nicht zu viel, wenn noch mehr geht.

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Dass ausgerechnet der Trailer zum Sequel dieses Kitsch-Klassikers dem gesamten Fandom weiche Knie machen würde – es kam für uns alle überraschend und hat letztlich nichts mit TOP GUN als Film zu tun, sondern mit TOP GUN als Chiffre für die 80er, für unsere Jugend und den Spaß, von dem wir meistens nur glauben, ihn damals gehabt zu haben. TOP GUN: MAVERICK ist nicht nur die Fortsetzung eines Films, er ist die Fortsetzung unserer Jugend, die Beschwörung einer Ära, in der "Mann-Sein" keinen hässlichen Beigeschmack hatte und Konflikte noch nicht von Computern, sondern von tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten ausgetragen wurden.

In diesem Kontext, und vielleicht nur in diesem, ist TOP GUN: MAVERICK ein großartiger Film. Weil er sich um die vergangenen 35 Jahre nicht schert, den Plot des Originals einfach mit Tom Cruise in der Ausbilder-Rolle noch mal erzählt und dabei wirklich jedes Klischee des Heldenfilms durchkaut, das längst auf dem Komposthaufen der Kinogeschichte liegen sollte: Homoerotische Jungs liefern sich Schwanzvergleiche in Millionen teuren Hightech-Spielzeugen, natürlich bekommt der Supermann mit der Lederjacke und dem Motorrad das schärfste Mädel – und sich schwitzend muskelbepackt abzuklatschen schweißt Männer zu Brüdern.

Man kann entgeistert sein, dass TOP GUN: MAVERICK kein Interesse zeigt, die Mechanismen und Rollenmodelle des Vorgängers zu variieren oder gar zu hinterfragen. Bis man sich klar macht, dass er sie sogar zelebrieren will. So wie Cruise nicht gealtert ist, so sieht er auch sein Weltbild der 80er intakt. Maverick ist der "perfekte Mann" und damit erübrigt sich jede Neuinterpretation. Maverick ist Cruise, Cruise ist Maverick – unantastbar, unbesiegbar, zweifelsfrei in jedem Sinne.

Kann man an diese Glorifizierung andocken und TG:M als Tempel für den Kinogott Cruise sehen, dann wird man sich prächtig unterhalten, zumal der Film beweist, dass im klassischen Erzählkino noch eine Menge Saft steckt. Der weitgehende Verzicht auf CGI und die straffe, aber sehr klassische Erzählweise lassen noch einmal erahnen, dass auch Blockbuster nicht zwangsweise vom Rummelplatz kommen, sich nicht in jeder Sekunde für "eyeballs" prostituieren müssen. Das ist doppelt ironisch, weil TOP GUN einer der Filme war, die die ganze Misere mit ausgelöst haben. Was bei ihm Overkill war, ist heute Opas Kino – der besten Sorte.

Das heißt nicht, dass der Film ohne Probleme daher kommt.

Das ist zuerst einmal Tom Cruise selbst. TG:M soll die Geschichte eines Mannes erzählen, der eigentlich "zu alt ist für diesen Scheiß", der als auszumusternder Wolf ein letztes Mal den jungen Hunden zeigt, wer das Rudel führt. William Shatner in STAR TREK: THE MOTION PICTURE, Sylvester Stallone in ROCKY 5 und 6, Clint Eastwood in GRAN TORINO, Sean Connery in NEVER SAY NEVER AGAIN, Harrison Ford in INDIANA JONES IV. Fällt euch was auf? Das waren Filme über alte Männer. Tom Cruise aber weigert sich zu altern. Sein Maverick ist so fit und flink wie 1986, er erlaubt sich keine Schwächen, keine Defizite, kein Leistungsabfall. Er kann gar keinen würdigen Nachfolger haben. Der perfekte, athletische, unbesiegbare Supermann unterläuft das eigentliche Thema des Film.

Die Kehrseite dieser Medaille ist das Casting des Love Interest. Regisseur Kosinski meinte, man habe auf Kelly McGillis verzichtet, um nicht alle Handlungsstränge in die Vergangenheit weisen zu lassen. Das ist auffällig gelogen. Auch Jennifer Connelly spielt eine alte Flamme von Mitchell. Um zu verstehen, warum McGillis raus und Connelly rein musste, reicht es, aktuelle Bilder von McGillis und Connelly zu googeln. McGillis hat den Fehler gemacht, älter zu werden – viel älter als Cruise. Connelly hingegen ist immer noch das zarte, bezaubernde Geschöpf, in das wir uns in den 80ern verliebt haben. Klar ist das "age shaming" – es ist Hollywood.

Die Pussyfication der Filmindustrie macht auch vor TG:M nicht halt. Obwohl die gleichen Gefahren und Konflikte gesetzt werden, darf diesmal niemand sterben, nicht mal verletzt werden. Das Happy End muss allumfassend sein, nicht mal die Gegner von Mitchell in der Navy bekommen irgendeine Form von Buße auferlegt. Dass Lebensgefahr damit nicht mehr als Lebensgefahr ernstgenommen wird und wir die aktuelle Generation um die Erkenntnis betrügen, dass totaler Einsatz auch Opfer fordert? Geschenkt. Laut TG:M kann man ALLES haben: Liebe, Karriere, Erfolg, und auch mit fast 60 den Körper eines 30jährigen. Man muss nur wollen.

Dazu passt, dass die Mission im Film so generisch gehalten wird, dass man sich in einem Videospiel wähnt: in irgendeinem Land gibt es irgendeine Fabrik, in der vielleicht demnächst Uran angereicht wird. Iran? Nein, verschneite Berglandschaften, Nadelwälder und eine erstaunliche kurze Reisedistanz machen das so unwahrscheinlich wie die Tatsache, dass die feindlichen Jets Instrumente mit englischer Beschriftung tragen. Es macht keinen Sinn – soll es auch nicht. Wer keinen konkreten Gegner nennt, tritt auch niemandem auf die Füße.

Aber all das ändert nichts daran, dass TOP GUN: MAVERICK als Heldenfilm der alten Schule perfekt funktioniert und die zwei Stunden wie im Flug vergehen (pun intended). Weil man sich gerade 2022 wünscht, die Welt wäre noch so einfach, die Männlichkeit so erstrebenswert, und der Weg zum Frieden nur eine gut platzierte Rakete entfernt.

Fazit: Ein in Inhalt, Stil und Dramaturgie für das neue Jahrtausend aufgemöbeltes Retro-Spektakel, das erfolgreich zum Kult poliert, was ursprünglich Kitsch war.

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P.S.: Wer Spaß an albernem Schnickschnack hat, sollte mal den Call Sign-Generator zum Film probieren. Hat bei mir nur in Firefox, aber nicht in Chrome funktioniert.

 



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Lothar
Lothar
13. Mai, 2022 15:00

> Iran? Nein, verschneite Berglandschaften, Nadelwälder und eine erstaunliche kurze Reisedistanz machen das so unwahrscheinlich wie die Tatsache, dass die feindlichen Jets Instrumente mit englischer Beschriftung tragen.

Steht auf den Bomben des Gegners "Sorry"? Dann würde ich Kanada vermuten.

Lothar
Lothar
16. Mai, 2022 11:27
Reply to  Torsten Dewi

Geschrieben wird es "sorry" (auch in Kanada). "Sory" käme aus dem an der Bombe angebrachten Lautsprecher, der das dann kurz vor dem Aufschlag rausplärrt.

hans
hans
13. Mai, 2022 15:41

>> Call Sign-Generator zum Film probieren. Hat bei mir nur in Firefox, aber nicht in Chrome funktioniert.

Pics or it didnt happen!

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
13. Mai, 2022 23:12

Teil 1 fand ich (erst vor wenigen Jahren gesehen) schon nur lala, das liest sich leider auch nicht wirklich besser. Dann doch lieber den Honest Trailer zum Erstling.
Warum Cruise nicht altert, wüsste ich aber auch gerne…

Martin Däniken
Martin Däniken
16. Mai, 2022 13:59

Empfehle ergänzend: Tucker Carlsons "END OF MEN"
Der Trailerteaser ist einfach göttlich und Emma Thornes Betrachtungen einfach himmlisch!

Dietmar
16. Mai, 2022 21:11

Oha…Kelly McGillis hat mich jetzt aber doch erschüttert ó.Ò

Mina Rette
Mina Rette
17. Mai, 2022 07:40

"Konflikte … von tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten ausgetragen wurden"

Konflikte von Männern in fliegenden und fahrenden Kisten finde ich jetzt nicht als allzu "retro", wenn ich mal in die Nachrichten schaue.

Mina Knallenfalls
Mina Knallenfalls
17. Mai, 2022 14:30
Reply to  Torsten Dewi

Du hast einen recht offensiven Tonfall gegenüber anderen, wenn auch nur ein Anflug von Kritik durchscheint, nicht wahr?

dermax
dermax
18. Mai, 2022 09:30

OK, offenbar ist man sehr einhelliger Meinung, dass TGM was kann, dann muss ich jetzt dringend ein Kino finden, das ein Double Feature macht!
Und Cruise liefert wieder zuverlässig ab, macht "Die Mumie" noch einmal unverständlicher, oder halt zur berühmten Ausnahme von der Regel.

jimmy1138
jimmy1138
18. Mai, 2022 14:22

Der wahre Grund – ob seitens der Produzenten bewußt oder unbewußt – , warum Kelly McGillis nicht im Film ist, läßt sich wohl erahnen. Auch wenn das nie so jemand zugeben wird. Da ist sich nicht einmal ein kurzes Cameo ausgegangen?
Fast noch schlimmer finde ich aber, daß das Fehlen von Meg Ryan (jüngeren Bildern zufolge ein Opfer plastischer Chirurgie beinahe wie aus "Escape from L.A."), die im ersten Teil die Frau von Goose spielte, mit eben derselben Argumentation begründet wurde.
Immerhin dreht sich der Film offenbar auch um den Sohn von Goose.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
20. Mai, 2022 09:36
Reply to  Torsten Dewi

Aber McGillis hätte heute ja auch absolut nicht zu Cruise gepasst. Das würde schon sehr komisch aussehen mit dem ewig jungen Tom Cruise.
Man kann natürlich argumentieren: wieso wird die nicht mehr erwähnt? Aber wenn wir realistisch sind, wen würde ein "Kollege" von vor über 30 Jahren heute noch interessieren? Ich kenne den Film noch nicht, aber vermute ja schon, dass es auch etwas Nostalgie bei Maverick auslöst zurück bei Top Gun zu sein. Aber Maverick wirkte für mich nicht wie der Typ, der wehmütig nach hinten schaut. Und mit wem sollte er denn wehmütig über Gillis sprechen? Connellys Charakter? Ich vermute Skerritt wurde nicht ala Robert Logia in Independence Day 2 ins Bild geschoben, Iceman ist ein beschäftigter Admiral. Also wieso sollte man da außer Fan-Pleasing McGillis auch erwähnen? Einzige Kritikpunkt ist halt, wieso man Conelly unbedingt als Ex-Freundin präsentieren muss, das ist das einzige, was einen Nachgeschmack gibt.