17
Sep 2020

Fantasy Filmfest 2020 (2): ARCHIVE

Themen: Fantasy Filmf. 20, Film, TV & Presse, Neues |

GB/USA 2020. Regie: Gavin Rothery. Darsteller: Theo James, Stacy Martin, Rhona Mitra, Toby Jones, Peter Ferdinando

Offizielle Synopsis: George steht kurz vor dem Durchbruch. Viel Zeit bleibt dem Robotik-Ingenieur auch nicht mehr: Drei Jahre gab ihm seine Firma, um in einem streng isolierten Labor die nächste Stufe künstlicher Intelligenz zu entwickeln. Zweieinhalb davon sind bereits um. Seine einzigen Gefährten auf der Station sind sein erster Prototyp J1, ein Roboter mit den geistigen Fähigkeiten eines Kleinkindes, und das bereits modifizierte Nachfolgemodell J2, das etwa die Gefühlswelt eines Teenagers innehat. Fieberhaft arbeitet George nun an der Vollendung von J3. Sie muss einfach perfekt werden – eine Androidin mit echten Gefühlen, einem Bewusstsein und Erinnerungen. Doch George forscht nicht nur des wissenschaftlichen Fortschritts wegen. Heimlich verfolgt der Konstrukteur noch eine ganz persönliche Agenda.

Kritik: Der hier hatte mich sehr früh gegen sich. Weil es danach aussah, als würde wieder mal diese "Mensch erschafft Maschine, die dann zur Bedrohung wird"-Nummer gefahren, die wir schon sehr oft gesehen haben. Die kargen Locations und die harsche, lebensfeindliche Umgebung haben wieder diesen Ruch von billigem Symbolismus. Das hatten wir in ELIZABETH HARVEST, in THE MACHINE und in BLACK HOLLOW CAGE. Sprödes Designerkino mit tollen Bildern, aber letztlich ohne wirkliche Story oder Vorwärtsdrang.

In den ersten zehn, zwanzig Minuten gibt sich der Film auch wenig Mühe, uns an sich ran zu lassen – die Exposition ist minimal, ohne den Text im Programmheft ist man weitgehend verloren. Der Protagonist ist fast schon autistisch verschlossen und die Roboter-Schrauberei in gigantischen Industrielaboren hat wenig Kuschelfaktor.

Aber je länger ARCHIVE dauert, desto besser wird er. Weil er nicht nur ein Thema bedient, sondern mehrere. Weil er nicht ein spezifisches SF-Konzept bedient, sondern mehrere. Aus verschiedenen Fraktionen (die ARM-Corporation, das Archive-Unternehmen) webt er ein Netz aus Abhängigkeiten, aber auch Möglichkeiten, die George für sein nur scheinbar offensichtliches (und banales) Ziel nutzen will. Nach und nach ergeben sich immer neue Spannungsfelder, Allianzen, Konflikte.

Am stärksten ist ARCHIVE immer dann, wenn er sich auf die Beziehung von George zu den Robotern konzentriert. Hier werden diverse Vorbilder teils subtil, teils eindeutig referenziert: von FRANKENSTEIN über GHOST IN THE SHELL bis LAUTLOS IM WELTRAUM. Regisseur Rothery gelingen Szenen zwischen George und gerade Roboter J2, die dem Zuschauer das Herz brechen können. Und da wird in der kalten Umgebung und der mechanistischen Story eben doch noch die Wärme gefunden.

Verschränkt man in den ersten zehn Minuten noch mental (oder vielleicht tatsächlich) die Arme vor der Brust, weil das hier alles arg "schon oft gesehen" daher kommt, kann man sich dem emotionalen Sog der Geschichte spätestens in der zweiten Hälfte nicht mehr entziehen, wenn Rothery Wendungen und Rätsel stapelt, die sich zum Nachspann perfekt auflösen. It’s NOT what you think it is.

Als einziges Manko sehe ich Hauptdarsteller Theo James, der zwar nicht grundsätzlich schlecht ist, aber letztlich nicht die Gravitas eines echten Charakterdarstellers mitbringt. Er ist kein Bruce Dern, kein Sam Rockwell.

Wer Filme wie MOON (an dem Rothery mitgearbeitet hat), LAUTLOS IM WELTRAUM und DARK STAR mag, der kommt um den hier nicht drumrum.

Fazit: Ein so sprödes wie berührendes und komplexes SF-Drama, dem ein wenig mehr Exposition und ein stärkerer Hauptdarsteller gut getan hätten. Trotzdem ein frühes Highlight des Festivals. 8 von 10 Punkten.

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1 Kommentar
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Dietmar
20. September, 2020 12:58

Das merke ich mir mal!