USA 2018. Regie: Sebastian Gutierrez. Darsteller: Abbey Lee, Carla Gugino, Ciaran Hinds, Matthew Beard, Dylan Baker

Offizielle Synopsis: Als die schöne, frisch verheiratete Elizabeth auf dem Anwesen ihres reichen Ehemanns eintrifft, scheint ihr die Welt zu Füßen zu liegen. Grenzenloser Luxus soll fortan ihr Leben bestimmen, nichts ihr verwehrt bleiben. Nur eine Regel muss sie dafür befolgen und niemals das geheimnisvolle Arbeitszimmer ihres Gatten betreten! Was ihr alleingelassen und gelangweilt in dem großen Haus – unter der Beobachtung der unheimlichen Haushälterin Claire – natürlich nicht lange gelingt.

Kritik: Ich freue mich über jeden SF-Film auf dem FFF, weil SF seltener die ausgelutschten „Leute gehen in den Wald“-Plotten bedient und deutlich seltener auf Sadismen setzt. SF ist Genrekino eher für den Kopf als für den Bauch – und „Elizabeth Harvest“ genau dafür ein perfektes Beispiel. Er spielt in einer völlig artifiziellen Welt und handelt von ebenso artifiziellen Personen, die nur als Bausteine der Geschichte funktionieren, als notwendige Schachfiguren. Er baut einen „science mystery thriller“, der alle fünf mit „aber in Wirklichkeit…“ die Richtung wechselt.

Genau darum ist es auch wurscht, dass wir nach zwei Minuten schon ahnen, was das Geheimnis von Elizabeth ist – und das Geheimnis ihres Mannes. Denn es geht weniger um das was, mehr um das wie und warum. In immer neuen Konstellationen bringt der Film die vier (bzw. fünf) Figuren zusammen, entlarvt und entblößt sie, stellt sie neu auf. Alle bauen an einer Welt, einer heilen Welt, der sie sich in ihrem sturen Beharren konsequent verweigern. Weil sie eine Zukunft aus der Vergangenheit schaffen wollen.

Wenn das sehr theoretisch klingt – das ist es auch. „Elizabeth Harvest“ ist ein durchkonstruierter Puzzlefilm, vergleichbar sowohl mit 70er Jahre „social science fiction“ wie auch mit den „Hercule Poirot“-Krimis. Seine Spannungskurve wird nicht erzählt, sie wird wie ein Kartenhaus sorgsam gebaut. Hier ist nichts Zufall.

Das ist durchaus faszinierend in seiner eleganten, aber auch immer distanzierten Art. Der ätherischen Abby Lee kann man stundenlang dabei zusehen, wie sie nackt oder in teuerste Designerkleider gewandet durch das Haus schleicht, ein Luxusgeschöpf in einer Luxusvilla, ein Gegenstand unter Gegenständen – auf der Suche (in jedem Sinne) nach sich selbst, nach ihrem Platz, nach Antworten.

Aber irgendwann schlägt „Elizabeth Harvest“ dann doch einen Purzelbaum zuviel, wendet die Story zu oft, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Der Wegfall relevanter Figuren wird zum Schaden, denn ohne sie geht auch das Kernthema verloren. Was ist überhaupt das Kernthema? Bei vergleichbaren Filmen wie „Die Frauen von Stepford“ oder „Ex machina“ war das relativ klar, bei „Elizabeth Harvest“ scheint hingegen manchmal eine allem unterliegende Frage zu fehlen: Was will Elizabeth?

Man könnte die Obsession männlicher Filmemacher, sich mit der Schaffung der perfekten Frau zu beschäftigen, durchaus mal thematisieren. Ist das Widerstand gegen den Feminismus, eine Unterstellung, die Frau sei sowieso nur als mechanisches Wesen brauchbar, eine kranke Vorstellung von „perfekter Beziehung“ durch perfekte Abhängigkeit vom Mann als Gottesgestalt?

Aber unter der unfassbar gelackten Oberfläche stellt „Elizabeth Harvest“ diese Fragen am Ende doch nicht und muss sie auch nicht beantworten. Gut unterhalten hat man sich trotzdem – vor allem als Mann.

Fazit: Konzept-SF der ultra-gestylten Art als luxuriöses Kammerspiel, das zwar mit immer neuen Wendungen zu überraschen weiß, letztlich aber weder Fragen stellt noch beantwortet. Mehr interessant als wirklich gut. 7 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Leider ein paar Längen in der – dafür sehr gut integrierten – Auflösung. Ansonsten wirklich gut und spannend.“



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Hamburg, Tag 2, Film 3:

Der Film wurde bei der Ansage mit viel Vorschusslorbeeren bedacht – das muß nicht immer eine Garantie für Spaß oder Spannung sein. Aber hier erzeugt die Handlung dann doch den nötigen Sog um über kleinere Turbolenzen im Plot hinweg zu helfen. Nach der ersten blutigen Konfrontation dachte ich noch: „Hoppla, das ging ja schnell“. Der Film kann im Verlauf dadurch, dass er seine Figuren an dem Handlungsort ständig neu anordnet, für Spannung sorgen ohne zum reinen Kammerspiel zu werden. Darstellung, Kamera, Ausstattung sind ebenfalls über jeden Zweifel erhaben.

Mein Fazit: Gediegenes Festival-Futter