Spanien 2017. Regie: Sadrac González. Darsteller: Lowena McDonell, Julian Nicholson, Haydée Lysander, Marc Puiggener, Will Hudson, Daniel M. Jacobs, Lucy Tillett

Offizielle Synopsis: Eine einsame Designervilla in den Wäldern. Ein alleinerziehender Vater mit nagenden Gewissensbissen. Eine Tochter mit nur einem Arm. Ein Hund namens Mum. Ein misshandeltes Geschwisterpaar. Ein nächtlicher Einbruch. Und ein schwarzer Würfel, der alles zu wissen scheint.

Kritik: Die Spanier sind in den letzten Jahren so etwas wie ein Geheimtipp für anspruchsvolle Festivalbesucher geworden. Die können nicht nur exzellente Thriller wie „The invisible guest“, sondern auch Okkult-Grusel wie „Valdemar Legacy“, Postapokalypse wie „The last days“ und Showbiz-Satire wie „My big night“. Alles auf einem Niveau, das deutlich über der proportionalen Größe der Filmindustrie Spaniens liegt. Warum die können, was wir nicht können? Ich wünschte, ich wüsste es.

Aus diesem Grund hatte ich auch Großes von „Black hollow cage“ erhofft, einem auf englisch gedrehten weiteren Murmeltier-Film. Klar war, dass hier intellektueller, intimer an das Thema heran gegangen wird. Zeitreise nicht als futuristischer Action-Bombast, sondern als Familiendrama in einer isolierten Location.

Leider entpuppt sich der Film schnell – und das ist wirklich das einzige Mal, dass ich das Attribut schnell im Kontext von „Black hollow cage“ verwenden kann – als mäanderndes theoretisches Konstrukt, eine verfilmte Excel-Tabelle von Personen, Räumen und Ereignissen, die in unsäglicher Trägheit kombiniert und rekombiniert werden, ohne jemals zum Leben zu erwachen.

Das fängt schon bei der zentralen Location an, deren Verfügbarkeit ich für die eigentliche Genesis des Films halte: eine Architektenvilla, deren dunkle Gänge und rostige, klinkenlose Türen aggressiv lebensfeindlich und erstickend wirken. Wer hier lebt, kann nicht glücklich sein, kann diese Entscheidung nur aus Stilgründen, niemals aber aus Genuss getroffen haben. Kein Haus – ein Gefängnis.

Adam und seine Tochter Alice (in beiden Fällen schwer symbolische Namen) sind denn auch gefangen und sich selbst Feind. Schweigen, Vorwürfe, Totenstille. Sie verhalten sich wie sediert – wo jeder normale Menschen Leben und Sonne suchen würde, um die Schrecken der Vergangenheit zu vergessen, legt man sich hier in einen architektonischen „sensory deprivation tank“.

Alice‘ bionischer Arm? Irrelevant, er bringt nur die ersten zehn Minuten rum. Der Hund als vage ausformulierte Rekonstruktion des Gehirns der toten Mutter? Eine unwichtige Nebenfigur, von der wir beim ersten Auftritt wissen, dass sie sterben wird, weil Tiermorde in diesen Filmen immer ein billiges Schockmittel sind. Sämtliche futuristischen Elemente von „Black hollow cage“ sind Staffage.

Und dann die „Eindringlinge“. Ein Junge, der nicht spricht, weil das per se creepy ist. Und eine knochige junge Frau (die alles von 13 bis 30 sein könnte), deren sexuelle Wirkung auf Adam bestenfalls behauptet ist.

Der Katalysator: Der Würfel im Wald. Zuerst Orakel, dann Zeitmaschine. Alice muss einen Racheplan verhindern, immer und immer wieder. Sie hilft sich selbst, verdoppelt sich, spricht sich mit der eignen Vergangenheit ab. Irgendwann taucht der Mann auf. Er erklärt, was das alles soll. Das Warum. Nicht das Wie. Der Würfel bleibt, was er ist – ein abstraktes erzählerisches Werkzeug.

Ja, das möchte sehr augenscheinlich Kunst sein, eher noch Autorenkino. Und weil nichts den Begriff Anspruch besser repräsentiert als der Verzicht auf schnödes Entertainment, ist „Black hollow cage“ in Zeitlupe inszeniert, verzichtet auf jegliche Dynamik bei der Kamera, konzentriert sich auf statische, symmetrische Bilder, in denen schweigende Figuren langsam durch lange Korridore schreiten. Jede Einstellung ist gefühlte 50 Prozent zu lang, an vielen Stellen möchte man instinktiv die Fast Forward-Taste drücken. Sich nicht zu langweilen wird zu einer Herausforderung, an der zumindest ich gescheitert bin.

Es hilft nicht, dass die Darsteller sich bis auf wenige Ausbrüche völlig lethargisch verhalten und stumm dreinschauen die primäre Regieanweisung gewesen sein muss.

Seine magere Punktezahl erreicht „Black hollow cage“ nur deshalb, weil am Ende zumindest halbwegs die Zusammenhänge klar werden. Das ist nicht viel, aber mehr als bei einigen anderen Rohrkrepierern dieses Festivals.

Fazit: Reines Konzept-Kino ohne jegliche Empathie, das in einem luftleeren Raum spielt und von leblosen Personen dargestellt wird. In Zeitlupe. Als Gegenteil von „Reset“ gibt es dafür nur 3 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Alles wirkt völlig künstlich. Fast der selbe Plot wie bei „Reset“ – aber in schlecht gemacht.“

Next up: Shockwave

 



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heino
heino

Diese Murmeltier-Nummer gehört IMO ebenso wie Found Footage auf den Müllhaufen der Filmgeschichte, in dem Breich konnten nur wenige Regisseure/Autoren wirklich überzeugende Arbeit vorweisen

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