Ich gerate ja mit deutschen Nachwuchs-Genrefilmern immer und immer und immer und immer und immer wieder aneinander. Die Tatsache, dass ich die Ergebnisse ihrer Bemühungen beschämend finde, ist dabei nur der halbe Grund. Wirklich unangenehm wird mir der deutsche Genrefilm immer erst durch die Eierschaukelei der Macher, die regelmäßig so tun, als würde zwischen sie und John Carpenter kein Blatt Papier passen, als wäre die Zurückweisung ihrer Talente in Hollywood eher historisch gewachsenen Ressentiments geschuldet als der eigenen Inkompetenz.

Dass man die meisten deutschen Horrorfilmer weltweit ignoriert, weil man sonst hämisch lachend mit dem Finger auf sie zeigen müsste, ist leider kein Klischee – selbst technische und inhaltliche Standards scheinen hierzulande Mangelware. Ich habe das Gefühl, „Schneeflöckchen“ wird sehr lange sehr einsam sein an der Spitze.

Weil meine Meinung da wahrlich von der Mainstream-Kritik gedeckt wird und ich im Gegensatz zu Ivo Ritzer scheißbraun nicht für eine anderen Farbton von gold halte, bin ich immer etwas überrascht, wenn die Branche einen Film (scheinbar) anders wahrnimmt als ich. So hadere ich durchaus mit der Tatsache, dass „Hagazussa“ von einigen Kritikern als Meisterwerk gefeiert wird. Aber gut, an der Kunst scheiden sich gerne mal die Geister.

Dass aber ausgerechnet das Grusel-Gerümpel „Unterwelt“ von aller Welt begeistert aufgenommen wird, war mir von Anfang an suspekt. Beim B-Film Basterds Festival glänzte der Streifen mit gleich 18 Lorbeeren auf dem Poster – und ich raunte dem Veranstalter zu: „Die sind Fake – davon bin ich überzeugt, das prüfe ich nach.“

Und so ließ ich mir, da im Internet keine lesbare Version zu finden war, vom Doc Acula eine Abschrift der Meriten schicken, als da wären:

Winner Horror Award Webdance Film Festival 2018
Winner NYC Indie Film Awards 2018
Monthly Category Winner Berlin Flash Film Festival 2018
Best Costume Design Enginuity Film Festival 2018
Quarterly Online Film Festival 2018 – Best Actor
Winner Best Int. Feature New York Independent Film and Video Festival 2018
ONIROS Film Award Winner Monthly Edition
MedFF Best Horror Movie Winter Edition 2017
Winner Best Indie Feature South Cinematograpic Academy Film & Arts
Nominees: Genre Celebration Festival 2018
Los Angeles CineFest Semifinalist
Indie Film Awards 2018
Independent Horror Movie Awards 2017
Logicinema Art Films
Finalist Eurasia International Monthly Film Fest 2017

Mehr als ein Dutzend Preise, Nominierungen und Erwähnungen – Respekt, möchte man sagen. Wenn man’s denn glaubt.

Tippt man die einzelnen Festivals ein, ergibt sich bald ein homogenes Bild: man findet eine mehr oder weniger billig zusammen geschusterte Webseite, die einen Preis auslobt, von dem man noch nie gehört hat. Eingereicht werden müssen die Filme online, bzw. per DVD-Screener, es gibt keine „echten“ Screenings bei „echten“ Zusammenkünften von interessierten Cineasten. Hier nur ein Beispiel:

Spannender wird es, wenn man auf „submit“ klickt, um einen Film einzureichen. Praktisch ALLE der hier gelisteten Festivals/Awards verlinken dann automatisch zu FilmFreeway, einem Portal, dessen einziges Ziel die Vermakelung von ruhmsüchtigen Regisseuren/Produzenten an Dutzende von No Name-Festivals ist. Hier meldet man sich an, hier lädt man hoch – und hier bezahlt man Gebühren:

Es wird sehr schnell klar, dass es an keiner Stelle um eine tatsächliche Begutachtung und Bewertung von Filmen geht. Hierbei handelt es sich um eine Preisfabrik, die gegen Geld JEDEM Streifen so viele Nominierungen und Awards zuschustert, wie man zu zahlen bereit ist. Eine qualitative Kontrolle ist nicht gewünscht und auch nicht möglich.

Wie es ein recht guter Beitrag auf reddit präzise zusammenfasst:

Cash in. “Awards” out. 

IndieWire hatte vor Jahren mal einen hervorragenden Artikel zu diesen „fake festivals“, aber der ist leider nicht mehr online. Es gibt aber mittlerweile andere Seiten, die vor diesen Pseudo-Veranstaltungen warnen.

Kurzum: Wer hier gewinnt, hat nichts geleistet – und kann auch nicht ehrlich von sich behaupten, er wisse das nicht. Diese Massen-Preise sind für ruhmsüchtige Prahler, die ihr Publikum und vermutlich sich selbst blenden wollen. Katzengold. Wertlos.

Was bedeutet das für „Unterwelt“? Primär, dass Regisseur Ralf Kemper (vermutlich bei FilmFreeway) eine dreistellige Summe in die Hand genommen hat und damit bei mehr als einem Dutzend „fake festivals“ Lorbeeren einkaufen gegangen ist. So etwas macht sich gut auf dem Plakat, damit kann man andere, legitimere Festivals ködern und vielleicht auch den einen oder anderen Käufer von Silberscheiben.

Was es auch bedeutet: „Unterwelt“ bleibt ein Scheißfilm und ich brauche mich nachts nicht mehr zu wälzen, weil ich fürchten muss, jemand mit Ahnung sähe das anders.



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Xander Morusinvincible warriorSigur RosMarcusNummer Neun Recent comment authors
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comicfreak
comicfreak

..der war wirklich weder gut noch unterhaltsam und der „Twist“ hat das vollends an die Wand geklatscht

Marcus
Marcus

„So hadere ich durchaus mit der Tatsache, dass „Hagazussa“ von einigen Kritikern als Meisterwerk gefeiert wird.“

Jetzt sag bloß, es reicht dir nicht als Bestätigung, dass ICH dir zugestimmt habe. 🙁

Nummer Neun

Ich fand ihn aber auch sterbenslangweilig! Und damit sind wir schon zu dritt und damit wahrscheinlich mehr Leute, als ihn sich im regulären Kino abseits von Filmfests angesehen haben.

Marcus
Marcus

Ich habe im FFF-Rahmen mit einigen Leuten über den Film gesprochen und kann dir versichern – wir sind nicht nur zu dritt…

Marcus
Marcus

„Best Costume Design Enginuity Film Festival 2018“

Hmm, lecker. Lorbeeren mit Schreibfehler…

John
John

Was leider vergessen wird ist das diese Praktiken schon seit Jahren stattfinden und ohne diesen Weg fasst kein Verleiher einen Film anfasst. Das System gibt es seit Jahren auch im Werbe und Musikvideobereich. Das jetzt so extrem auf DEUTSCHE INDIEFILME zu schieben finde ich dreist, den das Konzept funktioniert WELTWEIT… ob der Film scheiße ist oder nicht… on Lorbeeren gekauft sind oder nicht, sollte nichts mit dem Herkunftsland zu tun haben. Sorry, leider liest sich das so.

Marco
Marco

Hm, Los Angeles CineFest? Eigentlich kenne ich mich mit den Festivals hier in LA recht gut aus, aber davon hatte ich noch nicht gehoert. Also mal nachschauen: ‚Los Angeles CineFest is an online and live international event. […]Each month Los Angeles CineFest announce semi-finalists, finalists, and winners.

Ah ja, online und live. Und wenn man monatlich kuert, da kommen natuerlich schon ne Menge ‚Finalisten und Semi-Finalisten in einem Jahr zusammen …
😉

Sigur Ros
Sigur Ros

Ja, das ist echt armselig, aber nur konsequent – wenn anderswo mit gefälschten Doktortiteln gehandelt wird, warum sollten andere Branchen dem nachstehen, insbesondere wenn viele Regisseure in Sachen Profilneurose und Narzissmus und Geltungssucht manchen Möchtegern-Professoren in nichts nachstehen?

invincible warrior
invincible warrior

Was sagst du eigentlich zum Nachtmahr? https://www.youtube.com/watch?v=xrQkasMhy6Q
Der hat ja recht gute Kritiken bekommen.

Xander Morus
Xander Morus

Guter Artikel.