USA/Australien 2018. Regie: Michael Spierig, Peter Spierig. Darsteller: Jason Clarke, Helen Mirren, Sarah Snook, Angus Sampson, Laura Brent u.a.

Offizielle Synopsis: In einer verlassenen Gegend von San Jose, 50 Meilen von San Francisco entfernt, lebt die Witwe Sarah Winchester in ihrer monströsen Villa. Die Erbin des Waffen-Imperiums von William Winchester lässt in jahrzehntelanger, ununterbrochener Bautätigkeit ein gigantisches und unübersichtliches Anwesen mit über 500 Zimmern errichten – voller Irrwege, falscher Türen und im Nirgendwo endender Treppen. Auf die Außenwelt wirkt das Gebäude wie das exzentrische Denkmal einer wahnsinnigen Frau. Der bekannte Psychologe Dr. Eric Price wird damit beauftragt, den Geisteszustand der Millionenerbin zu untersuchen. Denn Sarah Winchester ist davon überzeugt, ein Gefängnis für Hunderte rachsüchtige Geister und gequälte Seelen zu errichten, die durch Winchester-Waffen zu Tode kamen und nun Vergeltung suchen. Der Arzt stellt bald fest, dass es in der Villa tatsächlich nicht mit rechten Dingen zugeht: Gefangen im größten Geisterhaus der Welt müssen Sarah und Dr. Price einen Ausweg finden, um die Verdammten des Winchester-Hauses zu erlösen.

Kritik: Vorab: Die offizielle Synopsis beginnt eigentlich mit dem Satz „Nach einer wahren Geschichte“. Das habe ich gestrichen. Nicht albern werden, gelle?

Ich mag die australischen Spierig-Brothers. Die produzieren mit vergleichsweise wenig Geld unterhaltsame Genre-Ware in Kinoqualität, ohne dabei ihre Outback-Wurzeln unter den Tisch fallen zu lassen. Und sie steigern sich: Vom launigen Erstling „Undead“ zum komplexen SF-Thriller „Predestination“ war es ein ziemlicher Sprung. „Jigsaw“ hat sie ja fast bis nach Hollywood gebracht (der wurde in Kanada gedreht). Mit „Winchester“ versuchen sie sich an klassischem „gothic horror“ und haben mit Helen Mirren auch eine hochkarätige Hauptdarstellerin an Bord, die so etwas mit einer Augenbraue stemmen kann. Erfreulich, bin ich doch ein ausgewiesener Fan des Genres.

Leider ist das Ergebnis mehr als unbefriedigend und was normalerweise für das Brüderpaar arbeitet, arbeitet hier gegen sie. Gotischer Grusel lebt vom Zeitkolorit, vom glaubwürdig gealterten Mobiliar, von vergilbten Gardinen, Staub auf den Kronleuchtern und knarzenden alten Dielenböden. Die Atmosphäre eines stickigen Jahrhunderts ist dabei ebenso wichtig wie die Darsteller und die Story.

Erwartungsgemäß konnten die Spierigs nicht im echten Winchester-Haus drehen, sondern haben alles in Australien nachgebaut – manchmal mit Hilfe digitaler Set-Erweiterung. Das Ergebnis ist auch angesichts von nur 4 Millionen Dollar Budget wenig überzeugend: Wir glauben das Haus nie als Haus, es bleibt Kulisse, eine sehr fadenscheinige noch dazu. Die Gegenstände bleiben Requisiten, die Kleidung bleibt Kostüm, die Figuren sind immer erkennbar Darsteller, die sich mühen, eine Welt zu bevölkern, die nicht stimmig gebaut ist.

Auch auf Seiten der Story hakt es an allen Ecken und Enden. Zu offensichtlich ist es, dass die Spierig-Brüder es geil fanden, das tatsächlich exisitierende Winchester Haus als Grundlage für einen Geisterfilm zu nehmen – es hatte ja schon Stephen King UND die drei Fragezeichen inspiriert. Aber über die Idee hinaus, dass jedes Zimmer die Heimstatt für einen Geist darstellt, ist den Spierigs halt so gar nichts eingefallen. Der tatsächliche Antagonist bleibt blass, die Schocks werden eher pflichtbewusst gesetzt und die tragische Komponente für unseren Helden bleibt eher dünn.

Da können dann auch die Darsteller nichts mehr retten – wüsste man nicht, dass Jason Clarke, Helen Mirren und Sarah Snook zu deutlich mehr in der Lage sind, würde man es nach „Winchester“ kaum glauben.

Schade. Ich hätte den Spierigs einen weiteren Indie-Hit gegönnt.

Fazit: Ein Geistergrusler, dem nach der Grundidee schnell das Gas ausgeht und der weder inszenatorisch noch technisch überzeugt.



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HeinoWortvogelDietmar Recent comment authors
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Dietmar

Ich bin ein Weichei: Ich habe mich beim Trailer jedes Mal erschreckt, wenn ich das sollte und wenn es beabsichtigt war… 🙁

Heino
Heino

Schade, von dem hatte ich mir mehr erhofft. Aber da mir noch kein Film der Spierigs gefallen hat, sollte es mich wohl nicht überraschen.