England 2017. Regie: Juan Carlos Medina. Darsteller: Bill Nighy, Olivia Cooke, Sam Reid, María Valverde, Daniel Mays, Douglas Booth, Eddie Marsan, Ameila Crouch, Henry Goodman, Morgan Watkins

Offizielle Synopsis: Das Grauen schleicht durch London! Eine brutale Mordserie erschüttert das verruchte East End der 1880er Jahre, immer mehr Opfer werden verstümmelt aufgefunden. Die ängstlichen Bewohner flüstern von einer übersinnlichen Kreatur, dem Golem, der in den nächtlichen Straßen sein Unwesen treiben soll. Inspektor Kildaire soll die blutigen Taten aufklären, in die der Music Hall-Star Dan Leno und die junge Schauspielerin Elizabeth verwickelt zu sein scheinen, die für den Mord an ihrem Mann im Gefängnis auf ihr Urteil wartet.

Kritik: Wenn ich das richtig sehe, haben wir es hier mit einer Roman-Adaption zu tun, die teilweise per Crowdfunding finanziert wurde. Es ist KEINE typisch gelackte BBC-Produktion mit perfektem Cast, perfektem Production Design und perfekten Tricks. Und das ist auch gut so.

Strukturell ist der „Limehouse Golem“ totales Chaos, das titelgebende Monster eine bewusste Irreführung und der Plot kann sich nicht entscheiden, ob er sich auf den Slasher-Aspekt oder das klassische Murder Mystery konzentrieren soll. Empathische Momente der Figuren wechseln sich mit recht heftigem Gore ab, die Steife der viktorianischen Ära kontrastiert mit der schwülen Atmosphäre der räudigen Music Halls. Und immer wieder werden Elemente eingestreut, die vermutlich aus dem Roman stammen, hier aber seltsam vage und mangelnd ausformuliert wirken: Kildare ist homosexuell, Elizabeth genital verstümmelt, Karl Marx einer der Verdächtigen. Teilweise sinnfreie Details, die den Film andicken, ohne ihm Kalorien zu verleihen.

Das ist aber auch nicht weiter wichtig, weil „Limehouse Golem“ dafür in anderen Bereichen Punkten kann. Wie „Berlin Syndrome“ zieht er aus der Romanvorlage psychologische Tiefe und Vielschichtigkeit, die Figuren sind nicht annähernd so oberflächlich gezeichnet, wie wir es aus den gelackten „victorian mysteries“ gewöhnt sind. Immer wieder gibt es… nein, keine Twists denn das würde man ja erwarten… tonale Wechsel und Fokussprünge, als hätte man zwei parallel produzierte Miniserien ineinander geschnitten und radikal gekürzt. Es werden Charaktere anerzählt, die in einen größeren Kontext gehören sollten, das Panorama ist da, aber seltsam beschnitten.

Dass das Ergebnis trotz gewisser Unsicherheiten überzeugen kann, ist sowohl der üppigen Ausstattung als auch der ungewöhnlich beklemmenden Londoner Atmosphäre und den Darstellern zu verdanken – man KANN mit Größen wie Douglas Booth und Bill Nighy glücklicherweise kaum was falsch machen.

Fazit: Eine seltsam wirr erzählte Slasher-Mär mit Grand Guignol-Elementen und viel visuellem Graphic Novel-Stil, weitab von den üblichen pudrigen viktorianischen Mysterys, wie wir sie kennen. Verstolpert sich mitunter, kommt aber auch dank großartiger Darsteller erfolgreich über die Ziellinie. 8 von 10.

Shriek of the Nowak-Yeti:

„1880 geht in London ein besonders brutaler Serienkiller um. Gibt es Querverbindungen zu der des Gattenmordes verdächtigten Music-Hall-Darstellerin Lizzy? Toll besetztes und gespieltes und ungeheuer detailverliebtes period piece zwischen Love Story, Whodunit und Killerthriller. Sehr bedächtig inszeniert, aber lohnend. 7 von 10.“

 



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Theater Kritik: Hyde/Jekyll - Wortvogel - 100 % Torsten DewiMarcus Recent comment authors
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Marcus
Marcus

Etwas sehr verschwurbelt inszeniert, aber dennoch im Zweifel der bessere FROM HELL. 9/10.

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[…] Zeilen, emotionsstark von einem exzellenten Ensemble dargebracht. Ich fühlte mich streckenweise an „The Limehouse Golem“ erinnert, einen Film, der ebenfalls einen klassischen viktorianischen Schauerstoff mit modernen […]