Ich mag Pierce Brosnan. Immer schon. Der Mann hat klein angefangen, mit einer Statistenrolle in Agatha Christies „Mord im Spiegel“ am Busen von Elizabeth Taylor:

Ziemlich schnell schaffte er es nach Amerika und in die Serie „Remington Steele“, die von Folge 1 an klarmachte: Dieser Typ war geboren, Roger Moore als James Bond abzulösen. Leider kam er aus „Remington Steele“ nicht rechtzeitig raus und musste den Part ablehnen (das gleiche Schicksal hatte ja Tom Selleck ereilt, der für Indiana Jones vorgesehen gewesen war, aber den Vertrag für „Magnum“ einhalten musste).

Wenigstens durfte Brosnan in ein paar Pseudo-Bond-Werbespots auftreten:

Wir alle wissen, wie es weiterging: Beim Reboot der Reihe in den 90ern bekam Brosnan die Rolle dann doch und trug sie auch relativ souverän, bis er sie in den frühen 2000ern an Daniel Craig abgab. Danach machte er, was er auch schon vor Bond gemacht hatte: Er drehte. TV-Filme, Miniserien, kleinere Studiofilme boten Hauptrollen, in verschiedenen Blockbustern hatte er zumeist aussagekräftige Charakterrollen. Nicht die ganz große Karriere, aber deutlich besser als der Kram, mit dem sich Connery durch die 70er gekämpft hat. Besser als Moores Post-Bond-Leistungen sowieso.

Es mag meiner subjektiven Sicht der Dinge entsprechen, aber ich habe das Gefühl, dass Brosnan erst in den letzten sechs, sieben Jahren wirklich begonnen hat, sich als Charakterdarsteller zu etablieren. Er hat in dieser Zeit in einem Dutzend Filme mitgespielt, die seinen Fähigkeiten und seiner etablierten Persona deutlich besser gerecht werden als die meisten Produktionen davor. Er spielt mit seinem Image und probiert sich in Variationen von Figuren aus, die besser zu ihm passen als bisher. Trotzdem zeichnet ihn aus, was man von großen Hollywood-Heroen kennt – er bleibt immer er selbst. Er verschwindet nie in einer Rolle, er ist immer erkennbar Brosnan.

Nachdem mir „The November Man“ vor ein paar Jahren ausnehmend gut gefallen hatte, beschloss ich vor ein paar Wochen, zusammen mit der LvA ein paar weitere aktuelle Brosnan-Filme zu schauen. Die Auswahl war groß – diese Beiträge sind das Ergebnis.


The Foreigner

England/China 2017. Regie: Martin Campbell. Darsteller: Pierce Brosnan, Jackie Chan, Charlie Murphy, Katie Leung, Simon Kunz u.a.

Offizielle Synopsis: Durch einen unglücklichen Zufall wird Fan, die Tochter des Geschäftsmanns Quan, bei einem Bombenattentat irischer Terroristen in London getötet. Durch dieses Ereignis traumatisiert sinnt Quan, einstiger Vietcong-Kämpfer, auf Rache. Auf seiner Suche nach der Identität der Terroristen, bittet er den irischen Regierungsbeamten Liam Hennessy um Unterstützung, der wenig Interesse an tatsächlicher Aufklärung hat. Der aalglatte Politiker und der trauernde Vater werden schnell zu Erzfeinden im Kampf um die Wahrheit.

Kritik: „The Foreigner“ ist in vielerlei Beziehung ein symbolischer Film. Er repräsentiert ein neues Kino, internationaler und gleichzeitig seltsam aus der Zeit gefallen. Die Teile, so poliert sie auch sein mögen, passen noch nicht ganz zusammen, aber es ist schon deutlich, wohin die Reise geht.

Zuerst einmal ist „The Foreigner“ ein erfreulich anspruchsvoller, moralisch ambivalenter und vom Bond- und Zorro-Regisseur Martin Campbell exzellent inszeniert Politthriller, wie er heutzutage kaum noch produziert wird. In den 80er Jahren hätte Sydney Pollack den gedreht – und Jackie Chan wäre Amerikaner gewesen. Zwei, drei Oscars und ein halbes Jahr im Kino. So entstehen Klassiker des Genres.

Aber irgendwann in den 90ern hat sich alles gedreht, der Teenager wurde zur allein seligmachenden Zielgruppe für das erste Startwochenende, das Kino infantilisierte sich, Protagonisten mutierten von Vorbildern zu Idolen, Moral wurde durch Muskelkraft ersetzt, Ambivalenz und Kritik an den Verhältnissen kam aus der Mode. Das gros der Blockbusterfilme zeigt kein Interesse mehr, eine Variation der Wirklichkeit abzubilden und zu kommentieren. Das New York von „Transformers“, „Avengers“ oder „Fast & Furious“ – es ist so real wie Schlumpfhausen.

Kein Wunder, dass ein qualitativ hochwertiger Film wie „The Foreigner“ bei seinem US-Start im letzten Oktober gerade mal 13 Millionen am ersten Wochenende brachte und den größten Teil seines soliden Einspielergebnisses von 145 Millionen in China holte. Es ist eine Sorte Film, für die Amerika im Kino keinen Platz mehr hat – ein Vakuum, das die Streaming-Anbieter mit entsprechenden Serien füllen. Und die Chinesen kaufen gesammelte Expertise ein, in dem sie als „ausrangiert“ angesehene Regisseure wie Renny Harlin und eben Martin Campbell anheuern, damit sie wieder großformatige Filme drehen, die dann mit einem „chinesischen Blickwinkel“ versehen werden, ohne dabei die internationalen Bedürfnisse zu missachten.

Und so kommt es, dass mit Jackie Chan ein Chinese nicht nur den Helden, sondern auch den moralischen Mittelpunkt des Films spielen darf, den Kompass. Quan – und hier stellen sich die Chinesen auch selber dar – steht für einfache Werte, für harte Arbeit, für Familie und Selbstaufgabe. Seine Ehrlichkeit hat keine Schichten, keine zwei Seiten.

Hennessy ist – wenn auch Ire – der Prototyp des amerikanischen Polit-Opportunisten, des eiskalten Schachspielers, der für jede Person in seinem Umfeld ein anderes Gesicht bereit hält. Selbst der Zuschauer ist über lange Zeit nicht sicher, wie er Hennessy einordnen will, denn sein Charme ist beträchtlich und seine Alpha-Instinkte sind Vertrauen weckend. Doch die Fassade bröckelt schnell und Hennessy repräsentiert nicht nur persönliches Versagen, sondern die Korruption des ganzen kapitalistischen Systems. Es ist nur der Romanvorlage zu verdanken, dass als Hintergrund dafür ausgerechnet der relativ ausrangierte Nordirland-Konflikt gewählt wurde.

Quan und Hennessy – das sind nicht nur Welten, das sind Weltbilder. Und der Film lässt keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er steht. Trotzdem ist er in Visualität, Flow und Dramaturgie so westlich, dass er damit nicht aneckt, nicht „krumm“ wirkt.

Das einzige Defizit, das ich „The Foreigner“ ankreide, ist die Verteilung von Präsenz der beiden Hauptdarsteller. Da hätte man sich um mehr Verzahnungen und Parallelen bemühen können. So ist Chan der „Star der ersten Hälfte“, die Kamera bleibt fast ausschließlich an ihm dran, während er erst Information, dann Gerechtigkeit verlangt. Aber kaum ist Brosnan im Spiel, überstrahlt seine Figur das Geschehen und Chan tritt in den Hintergrund. Fast meint man, die Interessen von Quan werden streckenweise den politischen Ränkespielen von Hennessy geopfert. Hier fehlt Balance.

Im Finale kommt dann aber wieder alles zusammen – und findet ein so furioses wie befriedigendes Ende für eine erwachsene Geschichte aus zwei Welten.

Brosnan-Faktor: Elegant, dynamisch, beinhart. Ein formidabler Gegner für alle, die sich ihm entgegen stellen. Wie Bond ein Charakter, für den er geboren wurde.

Fazit: Exzellenter Oldschool-Action-Politthriller mit vielschichtigen Figuren, spannenden Wendungen und hervorragender Regie. In den 80ern oder einer gerechten Welt wäre das ein großer Kino-Release gewesen.



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“ Quan, einstiger Vietcong-Kämpfer“ – also wenn ich den Film richtig verstanden habe, war Chan/Quan Soldat in der südvietnamesischen Armee oder sogar für die Amis selbst. Irgendwann sieht man übrigens auch eine Special-Forces-Akte, nach der er zum Zeitpunkt des Filmes schon 76 sein müsste. Und dass der Film etwas aus der Zeit gefallen wirkt, liegt sicher auch daran, dass der Roman aus dem Jahr 1992 stammt, da war der Nordirland-Konflikt einfach noch aktueller.

Ansonsten volle Zustimmung, das war ein toller Old-School-Thriller, bei dem man wirklich bedauern kann, dass die kaum noch gemacht werdne.

jimmy1138
jimmy1138

„deutlich besser als der Kram, mit dem sich Connery durch die 70er gekämpft hat“

Mit „The man who would be king“, „The great train robbery“, „The wind and the lion“, „Murder on the Orient Express“, „A bridge too far“ sind da schon ein paar ordentliche Sachen dabei, auch wenn Connery bei den zwei letzgenannten Filmen nur Teil eines größeren Starensembles war. „Robin and Marian“ hab ich positiv in Erinnerung, „Zardoz“ und Connerys Borat-Badeoutfit fällt unter „So schlecht, daß es wieder gut ist“-Kult.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Passenderweise heute bei Amazon zum Leihen für schlanke 99-Cent. Da werd ich wohl mal reinschauen.

Thomas Hortian

„Nicht die ganz große Karriere, aber deutlich besser als der Kram, mit dem sich Connery durch die 70er gekämpft hat.“
What? DER ANDERSON-CLAN, ZARDOZ (okay, der ist diskutabel), MORD IM ORIENT-EXPRESS, DER MANN DER KÖNIG SEIN WOLLTE, ROBIN UND MARIAN oder DIE BRÜCKE VON ARNHEIM. Alles tolle Filme. Klar, es gab auch Sachen wie SEIN LEBEN IN MEINER GEWALT und DIE UHR LÄUFT AB, aber die waren in der Minderheit.

Rockin' Role
Rockin' Role

SEIN LEBEN IN MEINER GEWALT ist ja wohl ein absolutes Highlight in Connerys Darstellerkarriere

Mencken
Mencken

Bin mir beim chinesischen Blickwinkel/der chinesischen Selbstdarstellung in diesem Fall nicht so sicher. Quan ist ein Vietnamese und hat dazu noch auf Seiten der Amerikaner gekämpft, was beides nicht wirklich passen will. Allenfalls könnte man sagen, dass hier der vietnamesische Staat indirekt kritisiert/angegriffen wird, aber chinesische Propaganda ist eigentlich immer wesentlich direkter und wenig subtil. Würde das eher als einen von Chans unpolitischen Filmen für den internationalen Markt einordnen.

Jake
Jake

Kleiner Tipp: „The Foreigner“ gibt’s heute bei Amazon Video für 0,99 EUR Leihgebühr (Filmfreitag).

Dietmar

Ich habe den Film zwei mal gesehen, weil er mir sehr gut gefallen hat, weil er Kino ist, wie man es nicht mehr so richtig findet, aber gerne sein darf. Beim ersten Ansehen hatte ich auch kurz gedacht, was macht denn Quan gerade im Wald. Beim zweiten Ansehen fand ich es überhaupt nicht störend, dass beide Charaktere einen Teil des Films für sich beanspruchten. Ein sehr schöner Film.

Eigentlich war Brosnan der ideale Bond im Geist der alten Ära. Viel charismatischer als Dalton! Er hatte sogar eine „Bond-Folge“ in „Remington Steel“ mit bond-ähnlicher Musik und Action. So als Trost-Pflasterchen. Wusste er bestimmt zu würdigen…

Anderl
Anderl

Hab ihn mir wegen deinem Review ausgeliehen und wurde nicht enttäuscht. Wahrscheinlich hätte ich den Film ansonsten komplett ignoriert. So oder so: das Review trifft den Nagel auf den Kopf. Angenehm altmodische, aber nicht angestaubt wirkende und nicht komplett hirnfreie Unterhaltung.

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Danke für den Hinweis auf diesen Film (steht hier auf der Liste) und besonders auf Brosnans Spätwerk. Auf seine alten Tage entwickelt[e] der doch glatt noch mal eine eigenständige Figur, auch, wenn er oben schon ziemlich nach Mischung aus Hurt und Selleck aussieht. Schön!

Btw: Selleck als Indy? RLY!? Wenn ich mir die Folgen vorstelle: Han Solo mit Schnurrbart!! 😉

Noch ’n Btw, oben, drittletzter Absatz: „eine erwachsenen Geschichte“ – was jetzt, erwachsene Geschichte oder Erwachsenen-Geschichte? Letzteres klingt ja zwar irgendwie pornös, aber, naja …