Ich hatte es angekündigt und habe es durchgezogen: gestern war ich zu Gast in der relativ neuen SWR-Talkshow „mal ehrlich…“. Die ganze Sendung kann man sich die nächsten Monate noch in der Mediathek ansehen. Wem die 60 Minuten zuviel verschwendete Lebenszeit sind: meine Beiträge sind 14:30, 43:10 und 54:35 zu sehen.

An dieser Stelle möchte ich erzählen, wie so ein Besuch eigentlich abläuft.

Es gehört zu den Besonderheiten dieser Sendung, dass es genau genommen drei Sorten Gäste gibt: Prominente zum Thema, interessierte Bürger zum Thema, und einfaches Publikum. Die interessierten Bürger werden unter das Publikum gemischt und kommen dann immer wieder selektiv zu Wort. Das ist ein bisschen schwierig, weil es vermutlich für den Zuschauer daheim nicht sofort ersichtlich ist. Ich persönlich würde es für ein wenig zielführender halten, die interessierten Bürger in einen eigenen Bereich zu setzen.

Wie wird man denn interessierter Bürger?

In meinem Fall: durch den Wortvogel. Die Redakteurin der Produktionsfirma (von Bettina Böttinger) hatte zum Thema Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen gegoogelt und war u.a. auf diesen Beitrag gestoßen. Sie rief mich an und wir plauderten über meine Ansichten. Dabei ging es primär um die Frage, ob ich in die Mischung passe. Was nützt es, wenn alle Gäste der gleichen Meinung sind? Es stellte sich schnell heraus, dass ich zwischen den Stühlen sitze: ich bin einerseits ein glühender Verfechter des „Staatsfunks“, andererseits Befürworter einer radikalen Reform desselben.

Es gab insgesamt 3 Telefonate mit der Redakteurin, dann eine Email des Produktionsmanagers. Darin befanden sich Wegbeschreibung, Erklärungen zum Ablauf und eine recht simple Kleiderordnung: Keine Werbung, keine schreienden Muster, eher „casual“. Kleiden, aber nicht verkleiden.

Kein Problem:

Ich entscheide mich für blau – keine Überraschung. Sonderlich nervös bin ich nicht. Ich habe schon vor Kameras gestanden, kann gut spontan reden und kenne mich im Thema aus. Das sollte für so eine Veranstaltung eigentlich reichen.

Es geht nach Mannheim. Eine Stunde Fahrt von Baden-Baden, aber ich fahre zwei Stunden früher los, um nicht im Stau zu stehen und das Risiko einer Verspätung einzugehen. Tatsächlich komme ich gut durch und bin 45 Minuten vor dem vereinbarten Termin vor Ort. Weil ich sowieso bei einem LIDL parken muss, kaufe ich mir dort eine Banane – und stoße im Backregal auf ein neues „Warm“-Fach mit abgepackten BURGERN! Ich greife sofort zur BBQ/Bacon-Version – das schreit nach einem Geschmackstest!

Nach dem Öffnen des Packpapiers schreit es allerdings eher nach Mülleimer:

Zu meinem Erstaunen schmeckt der „Burger“ auch gar nicht schlecht, wenn auch nur lauwarm. Man hat ihn praktischerweise von allen nährstofftragenden Bestandteilen befreit gelassen: keine Tomate, keine Gurke, kein Salatblatt. Nur Brötchen, Fleisch, Speck, Käse und BBQ-Sauce. Essbar. Nicht mehr, nicht weniger. Ich achte sorgfältig darauf, mir nicht die Studiokleidung zu bekleckern. Es gelingt.

Als Lektüre während der Mampferei gönne ich mir noch mal die SPIEGEL-Titelgeschichte über den Reformbedarf bei ARD und ZDF. Etwas dünn, aber mit einigen guten Ideen. Insgesamt habe ich ein halbes Dutzend Thesen zum Thema, die ich im Idealfall in der Sendung loswerden möchte.

Dann steige ich aus dem Wagen und gehe rüber zur Alten Feuerwache. Sie strahlt im güldenen Abendlicht, dahinter einer dieser monströsen Wohnbunker, die Städte wie Mannheim „auszeichnen“. Ein großes Plakat und ein Ü-Wagen künden von der Sendung, die in zwei Stunden aufgezeichnet werden soll:

Am Eingang nimmt mich eine junge Dame in Empfang – sie hat ein Clipboard mit den Bildern aller Gäste. Im ersten Stock ist so eine Art Ruheraum mit einem typischen Schnittchen-Büffet, Getränken und diversen Mitarbeitern der Produktionsfirma, die sich Freigaben unterzeichnen lassen, dass wir auch wirklich gefilmt werden dürfen, und die uns ein wenig Einweisung geben. Man bittet uns, nicht zu viel vorab zu diskutieren, weil diese Diskussionen für die Sendung bestimmt sind. Die Redakteurin steckt mir, dass man bei der letzten Ausgabe das Problem hatte, dass sich zwei der streitträchtigsten Kontrahenten im Vorfeld so angefreundet hatten, dass vor laufenden Kameras kein richtiges Streitgespräch mehr zustande kam. Das soll vermieden werden.

Im diskreten Umschlag und gegen Unterschrift bekomme ich die Aufwandsentschädigung für den Abend: 150 Euro. Yay!

Während eine Visagistin mich ein wenig abpudert, erkenne ich Jörg Meuthen von der AfD, dessen Ablehnung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens einer der Auslöser dieser Debatte ist. Er wirkt entspannt, jovial, fast freundlich. Nicht wie der Eisenfresser, als den ihn die Presse darstellt. Da ich den ganzen Abend kein persönliches Wort mit ihm wechseln werde, kann ich zwischen Fakt und Fiktion nicht unterscheiden.

Interessant ist der Assistent (Bodyguard? Sekretär?) von Meuthen: ein ziemlicher Schrank mit schwarzem Sakko und schwarzem Rollkrakenpulli, kräftigem Kinn und professioneller Zurückhaltung. Sein akkurater Haarschnitt erinnert an die Luftwaffe in dunklen Zeiten und sein Gesicht hätte von Arno Breker gemeißelt worden sein. Er passt so sehr in das Bild, das man von der AfD haben möchte, dass es selbst der AfD als kontraproduktiv auffallen müsste. Aber das ist nur eine oberflächliche Beobachtung, faktisch ist der junge Mann sehr freundlich und bietet mir spontan die Email-Zusendung der Meuthen-Rede an, als er mich über die Einstellung seines Chefs reden hört.

Ich trage übrigens ein Kärtchen, das mich von dem üblichen Publikums-Plebs trennt:

Ich bin froh, dass es im Studio zu warm für das Sakko sein wird – Rufus hat offensichtlich mal drauf geschlafen und es ist voller Katzenhaare.

Plötzlich taucht Polizei auf, zwei, drei Mann. Ich ahne: Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz is in da house! Fast zeitgleich mit Malu Dreyer erscheint auch der SWR-Intendant Peter Boudgoust mit seinem Justiziar Hermann Eicher. Neben Meuthen sind das die prominenten Schwergewichte des Abends.

Moderator Florian Weber kommt rein, ergreift das Wort. Er verspricht, dass es eine lockere Sendung wird und bittet darum, dass wir durchaus drängend um Teilnahme buhlen sollen. Die Sendung lebt von ihrer Lebendigkeit.

Mir zieht sich das alles zu sehr. Statt zwei Stunden hätten es auch 45 Minuten zur Vorbereitung getan. I don’t idle well.

Dann ist es soweit: 17.45 Uhr werden wir ins Studio runter gebracht, wo sich bereits das Restpublikum versammelt hat. Ich hole mir einen Aperol Spritz an der Bar – Cola oder Apfelsaft bekomme ich schließlich auch zu Hause. Ein Stuhl ist für mich markiert, aber ich schaue mich erstmal noch ein wenig um.

Ich hätte gedacht, dass die Technik mittlerweile dank Digitalisierung nochmal deutlich mehr geschrumpft ist, aber das wirkt noch aufwändig wie bei der ZDF-Hitparade 1982 („Gerd, fahr ab!“). Gefilmt wird nicht nur mit üblichen Studiokameras, sondern auch mit zwei Steadycams. Der Aufwand rechtfertigt sich dadurch, dass in Echtzeit mitgeschnitten wird. Was hier zwischen 18.00 Uhr und 19.00 Uhr geschieht, wird (sofern es ohne hässliche Zwischenfälle bleibt) schon vier Stunden später exakt so ausgestrahlt. Das bedeutet: alles, was ich an Redezeit bekomme, wird im SWR auch zu sehen sein.

Der Regisseur stellt sich kurz vor, macht ein paar launige Sprüche, bittet das Publikum, den Kameras möglichst nicht im Weg zu stehen. Alles Standard.

Der Countdown läuft: Florian Weber kommt raus, begrüßt das Publikum, und nimmt mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Professionalität ein Promo für die Januar-Sendung auf. Kein Versprecher, kein zweiter Take, kein unentspannter Blick. Respekt.

Den Einstieg in die Sendung bilden ein paar kurze Thesen für oder gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Es zeigt sich, dass eigentlich nur Herr Meuthen wirklich gegen das Prinzip ARD/ZDF argumentiert. Andere Teilnehmer haben Probleme mit der Erhebung der Haushaltsabgabe oder einzelnen Programmteilen, verteidigen das System aber durchaus mit Leidenschaft.

Ich werde an dieser Stelle nicht die ganze Sendung rekapitulieren, ihr könnt sie euch ja oben über den Links zur Mediathek ansehen.

Leider zeigt sich schnell, dass die Sendeform für ein so umfangreiches und gleichzeitig komplexes Thema kaum geeignet ist. Die Teilnehmer verbeißen sich gleich zu Anfang in den Aspekt Gebühren und können kaum davon lassen. Das hätte man mit „manche sind dafür, manche dagegen, einige halten sie sogar für illegal“ schneller abhaken können. Die wirklich relevanten Fragen, z.B. ob ein System aus den 50er Jahren im Zeitalter von YouTube, Netflix und Amazon Prime noch Bestand haben kann, werden gar nicht erst gestellt – obwohl ich zweimal versuche, dahin zu kommen.

Ich gestehe – ich echauffiere mich auch, als eine Professorin für Medien aus Stuttgart (mit der ich mich nach der Sendung ausgezeichnet unterhalte) Netflix die „Unterwanderung“ der Märkte vorwirft. Ich werfe mich für den Streaming-Anbieter massiv in die Bresche. Die Professorin hat die Größe, den unglücklich gewählten Begriff dann wieder zurück zu nehmen.

Während viele Wortbeiträge für sich genommen interessant sind, kommt eine homogene Diskussion nicht zustande und schon gar nicht voran. Am Ende sind ein paar Grundsätzlichkeiten ausgetauscht, aber wirklichen Erkenntnisgewinn kann ich nur begrenzt erkennen. Die Thesen, die ich nicht vortragen konnte, werde ich in den kommenden Tagen sicherlich schriftlich zusammen fassen und hier präsentieren.

Die 60 Minuten gehen rum wie im Flug, eine Verlängerung gibt es nicht und als die Rotlichter über den Kameras erlöschen, drängen vielen Zuschauer sofort zum Ausgang, aber es kommt durchaus noch zu interessanten Gesprächen.

Alles in allem ein kurzweiliger, aber etwas zu luftiger Abend, der in dem Moment, als ich zur Garderobe will, doch noch einen denkwürdigen Abschluss findet: Malu Dreyer, immerhin die Ministerpräsidentin des Landes, kommt an mir vorbei, hält inne, reicht mir die Hand: „Ich bin übrigens auch ein Fan von Netflix.“

Und das war’s. Ich trete hinaus in die Dunkelheit, steige in meinen Wagen und fahre nach Baden-Baden, um zwei Stunden später die Sendung mit der LvA im Fernsehen anzuschauen. Sie ist stolz auf mich. Das zählt mehr als alles andere.



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comicfreak
comicfreak

..hast du gut gemacht!
*Schulterklopf*
Ich fand die Sendung sehr kurzweilig und deine Beiträge sowieso sehr gut.

Mal ne Frage: hab ich mir das nur eingebildet, oder hat Meuthen tatsächlich immer schon vehement wie ein Wackeldackel genickt, sobald der braunbewestete Gebührenquerulant dran kam?
Wirkte wie absichtlich so hingesetzt, dass dabei immer beide im Bild sind.

Dietmar

Hahaha! Ja, das war ein herziges Pärchen.

Daniel+Spiegelberg
Daniel+Spiegelberg

Hab mir die ganze Sendung angeguckt und finde, dass der Wortvogel eine glänzende Figur abgegeben hat. Das Format der ganzen Veranstaltung fand ich verunglückt. Es ging erkennbar nicht um einen fruchtbaren Meinungs-Austausch, an dessen Ende sich vielleicht mal wer Gedanken in Richtung „Oh, so hab ich das ja noch nie gesehen. Stimmt eigentlich!“ gemacht hätte, aber so sind Talk-Shows leider. Fun-Fact am Rande: Immer, wenn ich Deine Texte lese, höre ich die in einer ganz anderen Stimme. Obwohl ich Dich schon 2x in persona getroffen habe, und daher weiß, wie Du klingst. That being said: Well done, Sir.

Markus

Mit Verlaub, der Sprecher einer rechtspopulistischen Partei braucht nicht „die Presse“, um als „Eisenfresser“ dazustehen.

tim

Jörg Meuthen outet sich als Demagoge, wenn er die Abschaffung von ARD / ZDF fordert: Er tut es ja nur, weil sie ihm nicht passen. Außerdem wollen AfD-Sympathisanten nicht noch mehr Wettbewerb. Doch die Abschaffung hätte genau dies im TV-Markt zur Folge.
Eine interessante Sendung war es jedenfalls, auch dank dir, Torsten. Mit einigen Sachen stimme ich mit dir überein, aber nicht mit allen. Ich habe das Ganze mal zum Anlass genommen, endlich aufzuschreiben, was mich an ARD/ZDF schon lange stört. Falls jemand mag:
https://ausnahmezustand-neuzeit.blogspot.de/2017/11/vormodernitat-im-digitalen-zeitalter.html

Gnislew

Wieder ein wundevoller „Backstage“-Bericht.

BTW: Ich habe dir man eine Nominierung für den Blogger Recognition Award über den Zaun geworfen.

Howie Munson
Howie Munson

Die interessierten Bürger werden unter das Publikum gemischt und kommen dann immer wieder selektiv zu Wort. Das ist ein bisschen schwierig, weil es vermutlich für den Zuschauer daheim nicht sofort ersichtlich ist.

Für mich machte das auch fast den Eindruck wie scriptet reality, finde das ziemlich irreführend, wenn da immer von „der mann/die Frau dort hinten am Tisch“ geredet wird, wenn der Moderator doch weiß, dass die Person von der Redaktion da hingesetzt wurde….

Yossarian
Yossarian

Ähnlich geht es mir dabei auch. Was soll diese Art von Inszenierung? Sowas sind Elemente, die man meinetwegen in irgend einer Unterhaltungsshow einbauen kann, aber wenn eine vorgeblich ernste Diskussionssendung solche Stilelemente verwendet, dann wirkt das zumindest auf mich genau umgekehrt, nämlich unseriös.

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[…] man aber auch loben können, wenn Lob angemessen ist. Schon hinter den Kulissen der eben genannten Talkshow erwähnte der SWR-Intendant Boudgoust, dass man auf die neue ARD-Audiothek verweisen könne, die […]