Ende Oktober. Ich hatte es vor zwei Wochen angekündigt – heute soll der Rekord über 3 Kilometer fallen, der sowieso schon bei flotten 18:11 liegt. Mir ist angesichts der Herausforderung ein wenig flau – vielleicht ist das aber auch nur der Hunger. Ich starte eine Rockmusik-Playlist und programmiere einen „ghost run“ gegen mich selbst. Das Ziel: unter 6 Minuten pro Kilometer und damit unter 18 Minuten in toto.

Es wird ein harter Lauf. Nichts anderes habe ich erwartet. Rekorde – auch die gegen sich selbst – bekommt man nicht geschenkt. Und je kürzer die Strecke, desto knapper die Unterschiede. Da zählen Sekunden, was das Ergebnis umso überraschender macht.

26.10.2017:

Fast anderthalb Minuten unter der bisherigen Bestmarke. 10,8 Stundenkilometer. Drei Rekorde: Schnellster Kilometer, schnellste Meile, schnellster Durchschnitt.

Eigentlich will ich nach einer kurzen Pause nochmal 3 Kilometer laufen, um mehr Kalorien zu verbrennen, aber ich winke vor mir selber ab: das darf heute auch mal reichen. Es ist bewiesen, was zu beweisen war. Ich spaziere sehr zufrieden heim.

Drei Tage später: Sturmtief Herwart zieht über das Land, Winterzeit ist da – genug Grund, keinen Fuß vor die Tür zu setzen. Aber zum Mittag hin wird es hier in Baden-Baden überraschend – erschreckend! – schön draußen. Also habe ich keine Ausrede. Und weil ich in den letzten Tagen diverse Rekorde gebrochen, dabei aber die Gesamtlänge der Läufe ein wenig vernachlässigt habe, entscheide ich mich für eine entspannte Langstrecke am Rhein. Dazu passt, dass ich mir ja letzte Woche haufenweise neue Lesungen von Archive.org gezogen habe.

Playlist:

„The door in the wall“ von H.G. Wells
„All cats are grey“ von Andre Norton

Genau 10 Kilometer bin ich bisher nur einmal gelaufen, das ist fast vier Monate her. Knapp eine Stunde und 22 Minuten habe ich gebraucht. Es war sehr anstrengend. Ich will mich heute nicht anstrengen, aber schneller sollte es schon gehen. Sonst hätte ich in vier Monaten ja kaum Fortschritte gemacht.

29.10.2017:

Vier Minuten unter der Zeit. Bestmarke über 10 Kilometer. Sehr gut. Aber mein Ziel ist, diese Strecke mittelfristig auf 1:10:00 zu drücken. Erfreulicher scheint mir, dass ich mich nicht besonders quälen musste, ich habe mir sogar den Schlussspurt verkniffen.

Die beiden Lesungen waren zudem wirklich klasse und haben mich inspiriert.

Als nächstes steht der letzte Lauf im Oktober bevor – Halloween. Da bietet sich ein Nachtlauf an. Ich will versuchen, mit so wenig „Restkilometern“ wie möglich in den November zu gehen, um mein gesetztes Ziel von 450 Kilometern in 6 Monaten zu erreichen. Weil mir aufgefallen ist, dass ich sowieso noch nie 13 Kilometer gelaufen bin, entscheide ich spontan: 13 Kilometer sollen es heute sein.

Das mangelnde Licht am Rhein ist kein Problem. Es ist eine sternenklare Nacht und der Mond steht fast voll am Himmel. Das reicht. Ich unterschätze allerdings die nächtliche Herbstkälte. Nach ein paar Kilometern werden meine Hände kalt – sehr kalt. Die Distanz ist wenigstens gut gewählt, denn nach ziemlich exakt sieben Kilometern endet der Damm sowieso. Ich sehe plötzlich grüne, umher tanzende Lichter, die ich nicht einordnen kann. Warnleuchten? Die Geister von Rheindämonen geholter Seeleute? Nein, es sind Schafe hinter einem Zaun, denen kleine Blinklichter umgehängt wurden.

Määähhh!

Ich versuche, mich auf dem Rückweg auf die Lesung von „Victory“ zu konzentrieren, einer Military-SF-Novelle von Lester Del Rey mit der sehr klugen Erkenntnis „soldiers no nothing about war“. Aber bei Kilometer 9 geht den Bluetooth-Ohrstöpseln der Saft aus, es bleiben nur Dunkelheit, Kälte und Stille. Ich will es nicht bestreiten: auch schön, mal ganz bei sich zu sein. Ich laufe wieder wie auf Automatik, wie eine Maschine. Gleichmäßige Schritte, gleichmäßiger Atem. Die einzigen Lichter in der Ferne kommen von der Staustufe. Da wartet mein Wagen auf den Heimweg.

31.10.2017:

Sauber. Ich bin die 13 Kilometer in der Geschwindigkeit gelaufen, in der ich bisher nur 12 Kilometer geschafft habe. Und bei den 12 Kilometern hatte ich geschrieben, dass ich diese Strecke eigentlich auch unter 100 Minuten schaffen müsste – umgerechnet ist mir auch das gelungen. Ich freue mich über die Leistung und die Dusche daheim, die endlich wieder meine Finger auftaut. Vielleicht brauche ich doch Laufhandschuhe.

Ich mache wieder eine kleine Pause von vier Tagen. Die LvA ist krank und mir geht es auch nicht perfekt. Außerdem haben wir eine Woche Urlaub, die wir ohne Stress genießen wollen. Aber für Sonntag ist miserables Wetter angesagt, also entscheide ich am Samstag, noch mal einen Nachtlauf einzulegen – um 17.00 Uhr. Danke Winterzeit!

Diesmal für die Ohren: „What If – The History of Science Fiction“, eine dreiteilige Radio-Doku der BBC von 1979. Faszinierend, denn hier kommen die ganzen SF-Koryphäen zu Wort, die damals noch lebten: Norman Spinrad, Thomas M. Disch, Ray Bradbury, Arthur C. Clarke, Robert Heinlein, Harry Harrison, J.G. Ballard. Sehr lehrreich obendrein: Der Moderator nennt den damals aktuellen Blockbuster „Star Wars“ etwas indigniert „a bit silly, really“.

Ich werde ein wenig größenwahnsinnig und plane einen neuen Rekord: 16 Kilometer. Das Problem: dafür muss ich den Rhein-Damm nicht nur bis zur Absperrung und zurück laufen (jeweils 7 Kilometer), sondern dann NOCHMAL umdrehen und die letzten beiden Kilometer als Bonus absolvieren. Ich ahne: das wird hart.

Ich schäme mich nicht, dass es nicht reicht. Ab Kilometer 10 blinkt in meinem Körper die Reserve-Leuchte, ab Kilometer 12 wird es Quälerei. Als ich bei Kilometer 14 wieder an meinem Wagen bin, ist der Gedanke, noch zwei Kilometer dranzuhängen, eine Drohung, der ich mich nur verweigern kann. Zumal ich mittlerweile so langsam laufe, dass auch keine gute Zeit zu erwarten ist.

4.10.2017:

14 Kilometer, zweitweitester Lauf bisher. Das muss reichen. Das reicht. Ich kann es kaum erwarten, heim und unter die Dusche zu kommen.

Drei Tage später hat das Wetter umgeschlagen, der Himmel ist grau, es regnet. Schon ab 15.00 Uhr muss ich einen Lauf planen, sonst wird es zu dunkel. Eigentlich das perfekte Wetter, um in meinem neuen Pullover gemütlich im Sessel zu bleiben, aber ich ziehe auch eine perverse Genugtuung aus der Tatsache, dass ich hier einen besonders hartnäckigen Inneren Schweinehund niederkämpfen muss.

Es ist ein einfaches Ziel: neuer Rekord auf 9 Kilometern. Einfach deshalb, weil ich diese Distanz erst einmal gelaufen bin und das noch dazu sehr langsam: knapp 1 Stunde und 12 Minuten sind kein Ruhmesblatt und sollten leicht zu schlagen sein. Ich spaziere ins Stadion, lege meine Brille beiseite und laufe im Nieselregen los.

Playlist: „The missing link“ von Frank Herbert

Das Ziel: unter 65 Minuten bleiben und damit ungefähr bei 7:15 pro Kilometer. Eine Steigerung von einer halben Minute pro Kilometer zum letzten Lauf über diese Distanz.

Was mich bremst, sind nicht die Kälte und der Nieselregen – es ist die Tatsache, dass ich letzte Nacht nur zwei Stunden geschlafen habe und seit dem Frühstück keine Nahrung mehr in meinen Magen geplumpst ist. Bei Kilometer 3 werde ich etwas schlapp, die Kilometer 4 bis 6 sind schwer. Aber es gibt keine Alternative, keinen Plan B. Und siehe da: als ich nach dem Ende des Hörspiels und ab Kilometer 7 einen deutlichen Schritt zulege, verbessert sich mit dem Tempo auch mein Zustand. Ich schnaufe zwar wie eine Lokomotive, aber gleichmäßig und nicht ungesund. Die Energie reicht sogar, um den letzten Kilometer als schnellsten Kilometer zu laufen.

7.11.2017:

Sieben Minuten unter der früheren Bestmarke. Das ist viel, aber angesichts der miserablen früheren Bestmarke auch wieder nur okay. Unter 63 Minuten sollte ich das vor dem Ende meines ersten Halbjahres schon noch drücken können. Vielleicht übermorgen mit einem „ghost run“?

Ich gestehe: Es hat was, aus dem useligen Herbstwetter vom Regen durchnässt heimzukommen, die Joggingklamotten auszuziehen und sich unter die heiße Dusche zu stellen. Man fühlt sich wie nach einem Marathon, auch wenn man „nur“ 9 Kilometer gelaufen ist. Mein 60. Lauf, übrigens. Es sieht so aus, als würde ich das gesetzte Ziel von 450 Kilometern in sechs Monaten zum Monatsende tatsächlich erreichen.

Randbemerkung: Ich bin nach zwei Monaten mal wieder mit den alten Laufschuhen auf die Bahn gegangen. Das geht gar nicht. Denn zum ersten Mal schmerzt auch die rechte Ferse wieder. Die Adidas scheinen da deutlich besser zu sitzen und zu dämpfen.

Danach: eine Woche Pause. Das Wetter wird katastrophal schlecht in Baden-Baden, teilweise hagelt es und bei Nieselregen um die 2 Grad werde ich mir keine Lungenentzündung anlaufen. Das wird mir allerdings erst klar, als ich bei dem Wetter und starkem Gegenwind auf dem Rheindamm stehe und erstmals in meiner Sportkarriere gar nicht erst los laufe. Ich bin kein Laufmasochist.

Aber was nun? Ich kann ja schlecht für den Winter aufhören mit der Lauferei. Also doch mal Studio ausprobieren. Ich buche ein Probetraining bei einer recht preiswerten Fitnesskette in Rastatt und freue mich, dass ich schon bei der Anmeldung anklicken kann, dass ich keinen Trainer brauche. Nichts nervt mehr als gut gelaunte Muskelberge, die mir einen langfristigen Vertrag aufschwatzen wollen.

Zu meiner Überraschung stellt sich das Studio trotz des Discounter-Images als sehr groß, modern und gepflegt heraus, auch zum frühen Abend ist es nur gut besucht, aber nicht übervoll. Sprudelgetränke sind kostenlos und der Mix aus Berufstätigen und Berufsjugendlichen stört mich nicht. Ich kann auch die eitlen, tätowierten Eisenstemmer ignorieren. Kurzes Aufwärmen auf der Ruderbank und dann – rauf auf das Laufband, 9 km/h einstellen und los geht’s!

15.11.2017

Ich will nicht lügen: Es ist ein Debakel. Nach einem Kilometer schnaufe ich wie Thomas die Lokomotive. Obwohl es leichter sein müsste, weil das Band sich ja von selbst bewegt und ich nur auf der Stelle, aber nicht vorwärts laufe, ist es viel schwerer. Meine Vermutung: Beim Jogging nimmt mein Körper bei jedem Schritt Mikro-Anpassungen vor, läuft mal unbewusst etwas langsamer, dann schneller. Auf der Maschine geht das nicht, sie zwingt mir ihre Geschwindigkeit auf. Das bin ich nicht gewohnt. Nach 3 Kilometern muss ich eine Pause machen.

Danach auf den Crosstrainer, das schont die Knie. Ich beschließe, es am ersten Tag nicht zu übertreiben – 2 Kilometer. Dann wieder eine kurze Pause und noch mal für 2 Kilometer auf die Ruderbank. Es ist ein erstaunlich angenehmes Gefühl, auch mal die Arme und den Oberkörper stärker ranzunehmen. Vielleicht sollte ich statt des reinen Joggings eher einen Trainingsmix ins Auge fassen.

Trotz des mageren Ergebnisses schreckt mich das Erlebnis nicht ab. Fitnessstudio könnte ich mir zumindest als Ergänzung vorstellen.

Im Einkaufszentrum, in dem das Studio liegt, gehe ich noch kurz in den Edeka. Verdammt, die haben an der Backtheke diese elend leckeren Mohnschnitten, die ich so liebe! Ich gehe tapfer vorbei und kaufe eine Banane.

Danach fahre ich ins Cineplex nach Baden-Baden, um mir „Justice League“ anzusehen. Im selben Komplex liegt das Edelstudio, das mir vor ein paar Monaten einen Gutschein für zwei Wochen Probetraining überlassen hat. Weil bis zum Film noch 30 Minuten Zeit sind, gehe ich hin und lasse den Gutschein in einen temporären und unverbindlichen Mitgliedsausweis umwandeln. Welches der beiden Studios unter dem Strich besser für meine Bedürfnisse ist, wird sich zeigen. Vielleicht ja auch keins von beiden?!

Der Vorteil: ich habe nun für die zwei verbleibenden November-Wochen, in denen ich mein Halbjahres-Laufziel erreichen will, eine warmes und edles Fitnessstudio. Da kann mir das uselige Herbstwetter im wahrsten Sinne des Wortes am Arsch vorbei gehen.



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Stefan
Stefan

Wer braucht schon ein Studio. Auch laufen bei Schieeettwetter kann schön sein. Die Elemente spüren und als Trainingseffekt hinnehmen. Ich laufe grundsätzlich bei jedem Wetter und es gibt nichts schöneres als bei -8 Grad und geschlossener Schneedecke wie Legolas über den Schnee zu schweben. 😉

Ansonsten ist deine Entwicklung wirklich sehr gut. Mit etwas biss schaffst du in Kürze die 10k unter 60min. Vielleicht auch mal etwas Fokus auf Intervalltraining legen. Da du ja sowieso in zwei Studios eingeschrieben bist, probiere doch mal auf dem Laufband Intervall wie 30s Schnell, 1:30m langsam. 30 minuten und vielleicht auch noch mit Steigung bzw. unterschiedlichen Steigungen. Programme heißen sowas wie „Intervall High peak“ oder so ähnlich 🙂

Howie+Munson
Howie+Munson

Vielleicht sollte ich statt des reinen Joggings eher einen Trainingsmix ins Auge fassen.

Halte ich für eine gute Idee. Willst ja keinen Laufwetbewerb bestreiten, sondern hauptsächlich Kalorien verbrennen…. Und wenn du verschiedene Muskelgruppen stimulierst, steigt auch dein Grundumsatz…

Jake
Jake

Ich will nicht lügen: Es ist ein Debakel. Nach einem Kilometer schnaufe ich wie Thomas die Lokomotive. Obwohl es leichter sein müsste, weil das Band sich ja von selbst bewegt und ich nur auf der Stelle, aber nicht vorwärts laufe, ist es viel schwerer.

Ich hatte vor einigen Jahren mal das Glück, kostenlos in einem unserer örtlichen Fitnessstudios trainieren zu dürfen und habe das Angebot einen Winter lang recht ausgiebig genutzt. Bin zu der Zeit ausschließlich auf dem Laufband gerödelt und habe im Frühjahr, bei meinem ersten Lauf im Freien, die selbe Erfahrung gemacht wie Du jetzt im umgekehrten Fall.

Meine Vermutung: Durch den anderen Untergrund und den leicht veränderten Laufstil auf dem Laufband werden nicht exakt die gleichen Muskelgruppen angesprochen wie beim Laufen im Freien. Das macht sich dann bemerkbar, wenn man vom Studio auf die Straße wechselt und umgekehrt. In Deinem Fall kommt evtl. noch als „Erschwernis“ hinzu, dass im Studio die Luft steht und Du dadurch leichter ins Schwitzen kommst. Möglicherweise gibt’s sogar noch eine psychische Komponente, da man im Studio auf der Stelle läuft und der „visuelle Input“ bzw. die Abwechslung fehlt.

Aber wie gesagt, alles nur geraten.

trackback

[…] Wir erinnern uns: Mein erster Lauf in einem Fitnessstudio war ein Debakel. Wenigstens konnten mir einige Leser versichern (auch auf Facebook), dass ich nicht der Einzige mit diesem Problem war/bin. Es mag auch damit zu tun haben, dass es auf dem Laufband einfach erheblich egaler ist, ob man abbricht, wenn man keinen Bock mehr hat. Man sieht die Strecke nicht vor sich, hat keinen Rückweg zum Auto zu bestreiten. Es lähmt ein wenig die Motivation. […]