Noch zwei Läufe bis Ibiza. Durchhalten. Wenigstens ist das Wetter deutlich milder geworden, der bewölkte Himmel hilft, die Kräfte zu konservieren.

9 Kilometer soll der nächste Lauf werden. Leider ist Freitag, ich habe beruflich viel zu erledigen, und als ich endlich dazu komme, meine Laufschuhe anzuziehen, teilt mir die Ehefrau mit: „In einer Stunde holen uns die Freunde ab, damit wir Essen gehen.“

Eine Stunde inklusive Dusche und neuer Kleidung? Da kann ich 9 Kilometer abhaken. Ganz ausfallen lassen? Kommt auch nicht in Frage. Nach dem Essen laufen? Unwahrscheinlich. Ich entscheide mich deshalb, mal wieder auf der 6 Kilometer-Strecke hinter der Bundesstraße zu laufen. Das lässt sich in 45 Minuten schaffen – inklusive „frisch machen“ reicht’s.

Weil ich mich unter Druck fühle, kürze ich sogar noch ein wenig ab, nehme den Weg über die Fußgängerbrücke statt über die Ampel. Knappe 5,5 Kilometer. Mehr ist heute einfach nicht drin.

Und trotzdem ist heute mehr drin.

11.08.17:

Ich bin selber verblüfft, als ich mir hinterher die Werte anschaue: Schnellste 5 Kilometer und schnellste 3 Meilen. Ein Durchschnitt von fast 9 Stundenkilometern. Das hat sich nicht so schlimm angefühlt, auch wenn es ein anstrengender Lauf war. Das beweist der Puls von durchschnittlich 152. Unterbewusst muss mich der Zeitdruck doch voran getrieben haben. Ich will mich nicht beschweren.

Laut Waage bin ich jetzt auf 96 Kilo, habe demnach zehn Kilo abgenommen. Auf der Bahn bin ich von null auf mittlerweile 12 Kilometer gekommen. Beides in drei Monaten. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass ich mich wegen des Sports nicht mehr ganz so fanatisch auf die Diät konzentriere. Zwar esse ich immer noch gesünder und mit mehr Bedacht, aber der erhöhte Kalorienverbrauch bedingt, dass ich mich nicht wie 2012 bewusst unterernähren kann/darf. Ich bin mit den Ergebnissen deshalb sehr zufrieden. Alle Hemden passen wieder und ich sehe den Unterschied im Spiegel.

Okay, letzter Lauf vor Ibiza. Ich bin entschlossen, die 9 Kilometer zu knacken. Es scheint draußen recht kühl, darum ziehe ich lange Laufkleidung an. Der Plan: Auf dem Kiesweg an der Schnellstraße die üblichen 6 Kilometer, dann für die letzten 3 Kilometer ins Stadion, wo die LvA schon bei der Gymnastik ist.

Es wird hart, sehr hart. Ich habe die Außentemperatur unterschätzt, schwitze sehr schnell. Außerdem trage ich die neuen Adidas-Schuhe, in denen ich einfach noch kein gutes Laufgefühl habe. Und das Mittagessen war wohl nicht ausreichend lang her, wie mir mein schwer rumpelnder Verdauungstrakt mitteilt. Als ich nach 6 Kilometern ins Stadion einlaufe, bin ich eigentlich schon durch. Bis Kilometer 7,5 denke ich permanent ans Abbrechen. Aber ich bin sowieso schon sehr langsam heute, da will ich die schwache Leistung nicht mit einem Versagen krönen. Und siehe da, die letzten 1,5 Kilometer gehen dann wieder besser – so gut, dass ich die letzten 150 Meter mit mehr als 17 Stundenkilometer sprinte, um mich auszupowern.

13.08.17:

Kein Tag der Rekorde – aber die 9 Kilometer sind endlich gefallen.

Damit bin ich 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11 und 12 Kilometer gelaufen.

Allerdings zahle ich einen Preis, vielleicht bedingt durch die Schuhe und den abschließenden Sprint: meine rechte Ferse tut fies weh, ich humpel den Weg heim. Da muss Voltaren-Salbe drauf. Schon klar: wenn es mich erwischt, erwischt es mich an der rechten Ferse, an der mein Knochen etwas zu stark ausgebildet ist und die Sehne reizt. Das hatte mir der Sportorthopäde schon prophezeit.

Ich hoffe, das gibt sich. Man wird sehen – auf Ibiza.

Zwei Tage später weiß ich: das gibt sich nicht. Schlimmer: mein linkes Knie meldet sich. Es ist kein Schmerz, aber eine ständige Präsenz, die mich nervös macht. Nichts wäre schlimmer, als wegen übereilter und unvorsichtiger Trainingseinheiten Verletzungen zu riskieren, die alles wieder zunichte machen.

Hinzu kommt, dass es auf Ibiza brutal heiß ist. Selten fällt das Thermometer unter die 30 Grad-Grenze. Ich sehe viele Jogger (anscheinend steht ein Marathon an), aber das sind bei dieser Hitze jämmerliche, ausgelaugte Gestalten, zu denen ich mich nicht gesellen möchte. Es fällt mir leicht, die Pläne hinzuschmeißen und stattdessen auszutesten, ob ich meine „Lauf-Sucht“ auch mal zehn Tage lang zusammen mit meinem Knie auf Eis legen kann.

Ich kann.

Tatsächlich helfen gerade die Aufenthalte im Pool den Gelenken und ich genieße es, einfach mal ohne schlechtes Gewissen zu schlemmen: italienisch, spanisch, indisch, belgisch. Nach drei Monaten Sport und Diät habe ich mir das verdient.

Dies ist die einzige Aktivität, die ich mir zweimal am Tag erlaube:

Natürlich mache ich mir nach der Rückkehr dann doch Sorgen: habe ich zugenommen? Hat meine Kondition wieder abgenommen? Muss ich beim Training wieder von vorne anfangen? Es ist wenig ermutigend, dass ich die ersten drei Tage wirklich gar keine Lust habe und mich dann zwingen muss, nach zwei Wochen die Sportschuhe wieder zu schnüren. Watt mutt, datt mutt.

Bewußt gönne ich mir zum Wiedereinstieg einen Beauty-Lauf im Sonnenuntergang am Rhein, ohne Zeitvorgabe oder hohes Tempo.

28.8.17:

Das ist Minimalanforderung und dient auch dazu, das Knie anzutesten. Scheint soweit alles in Ordnung, auch wenn der Lauf mich mehr anstrengt, als er sollte – 48 Minuten für 6 Kilometer ist wahrlich keine große Leistung. Um wieder ein besseres Gefühl zu bekommen, will ich die nächsten drei Läufe bei 6 Kilometern bleiben. Keine Experimente, sagte der olle Adenauer ja schon.

Zwei Tage später habe ich es etwas eilig, will zum Abend nur schnell auf dem Kiesweg jenseits der Landstraße. Das Problem: der ist abgesperrt, weil der Kies durch eine Asphaltdecke ersetzt wird. Kurzfristig biege ich ins Stadion ab. Ich merke sofort, dass es meinem inneren Rhythmus nicht gut tut, spontan den Lauf zu ändern. Schon beim Einlauf auf die Rennbahn bin ich erschöpft und genervt.

30.8.17:

Eigentlich eine sehr ordentliche Zeit, was ich aber nicht merke, weil ich zwei Tage lang die Daten dieses Laufs aus Frust nicht checke. Gefühlsmäßig war ich nämlich erheblich langsamer und erschöpfter. Immer noch knabbert in mir die Sorge, die zwei Wochen Pause könnten meine Ambitionen nachhaltig geschädigt haben.

Da hilft nur eins: weitermachen.

Freitag wieder ins Stadion, diesmal geplant. Ich treffe die Personal Trainerin meiner Frau, die hier ein paar Kinder im Weitsprung trainiert. Beobachtet strengt man sich gleich mehr an, ich bemühe mich um Haltung und Konzentration. Zwei Runden vor Schluss läuft Julia plötzlich neben mir, lobt mich, gibt mir Tipps, rät zu einem finalen Push. Ich bin zuerst einmal überrascht, dass ich in diesem Zustand überhaupt (schnaufend) plaudern kann, während ich laufe. Und weil ich mir keine Blöße geben will, halte ich auch auf den letzten 400 Metern mit ihr Schritt. Da. Muss. Ich. Durch.

1.9.17:

Die exakt gleiche Zeit wie vor zwei Tagen. Damit kann ich mehr als zufrieden sein, zumal die Ergebnisse im Rahmen meiner 6 Kilometer-Läufe unter den Top 5 liegen. Ibiza hat mich also nicht fett und faul gemacht.

Fett und faul machen mich allerdings die nächsten beiden Tage, die meine Frau und ich auf einem Streetfood-Festival verbringen, wo es erheblich zu viel leckeres Grillgut zu kosten gibt und sättigende Nachspeisen. Aber so einen Event kann man nicht auslassen, rede ich mich heraus. Und für den Sonntag steht wieder eine Trainingsstunde meiner Frau mit Julia an. Da kann ich nebenher im Stadion noch mal 6 Kilometer lang Kalorien verbrennen.

Ich entschließe mich, seit längerem mal wieder einen „ghost run“ zu absolvieren. Ich möchte die Leistung von vorgestern überbieten. Einfach, um mich mit einer Steigerung zu beruhigen, um ein Erfolgserlebnis zu verspüren.

Es ist einer dieser seltenen Tage, an denen alles perfekt zusammen kommt: keine Schmerzen, 20 Grad, gut verdaut, Ruhe im Stadion. Das gesetzte Ziel ist realistisch, vielleicht sogar die 42 Minuten-Grenze, an der ich bisher gescheitert bin.

3.9.17:

Ich kann es selber nicht glauben. Exakt 40 Minuten für 6 Kilometer. 9 Stundenkilometer. Neuer Rekord. Und ich fühle mich total entspannt. Erstmals verleihe ich mir selber ein breit grinsendes Smiley in Runtastic. Dewi is back!

Aus den gesammelten Werten der letzten Läufe ziehe ich übrigens die Erkenntnis, dass mein Herzschlag momentan maximal bis 180 geht.

Als Belohnung – und weil ich meine Sportkopfhörer auf Ibiza liegen gelassen habe – gönne ich mir einen Satz Sportkopfhörer kabellos:

Es war also in toto ein sehr befriedigendes Sechserpack an Läufen. Ich bin teilweise weit, teilweise schnell gelaufen, habe mich bei ersten körperlichen Zipperlein vernünftig verhalten und am Ende auch noch die Leistung deutlich gesteigert. Die Laufzeit auf 6 Kilometern um drei Minuten zu verbessern ist kein Klacks – umgerechnet ist das fast eine gesamte Stadionrunde.

Trotzdem bin ich mir sehr bewusst, dass ich noch ganz am Anfang stehe. Oft jogge ich neben einer Trainingsgruppe von älteren Herrschaften, die an Stadtläufen teilnimmt. Das sind Männer und Frauen von 50 bis 70, die allesamt doppelt so fit sind wie ich, doppelt so schnell, doppelt so entspannt. Das kann frustrierend sein, aber auch anspornend. Es ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein weiter Weg.

Jetzt wird es wieder hakelig: das Fantasy Filmfest steht ins Haus. In München verbringe ich meine Zeit mit Kino, schlechtem Essen und eilig geschriebenen Reviews. Da habe ich eigentlich weder Zeit noch Lust zum Training. Aber ich will nicht nach einer soliden Woche schon wieder unterbrechen.

Mein Lösungsansatz: Ich schaue mal, was ich vormittags an der Isar laufen kann. Als Notnagel lade ich mir außerdem eine Fitness-App auf das iPhone, mit der ich täglich intensiv 7 Minuten im Hotelzimmer trainieren kann. Zumindest das sollte drin sein:

Es gilt wie immer: man wird sehen.



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Bei mir gibt’s dann hinter dem Haus einen kleinen Park, durch den man in ein kleines Wäldchen laufen kann… 🙂

comicfreak
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..hier könntest du mit Göttergatte und der Frau vom Hausarzt laufen O:)

PS: bin wahnsinnig beeindruckt