China 2016. Regie: Stephen Chow. Darsteller: Deng Chao, Show Lo, Kitty Zhang Yuqi, Tsui Hark, Jelly Lin Yun, Wen Zhang, Kris Wu Yi-Fan

Offizielle Synopsis: Der stinkreiche Immobilienhai Mr. Liu will das geschützte Delfinreservat Green Gulf plattmachen. So sehen sich die Meeresbewohner gezwungen, ihre Unterwasserwelt mit allen Mitteln zu verteidigen. Angeführt von Eight (halb-Mann, halb-Oktopus und großartig gespielt vom taiwanesischen Popstar Show Lo), beauftragen sie die schöne Meerjungfrau Shan, den fiesen Playboy zu ermorden. Ausgerüstet mit den tödlichen Waffen der See, aber nicht allzu viel Talent für ihre Aufgabe, macht sich Shan daran, Liu zur Strecke zu bringen.

Kritik: Stephen Chow ist der Spielberg Asiens – oder vielleicht auch der Bob Zemeckis. Ein Regisseur, der massenkompatible Blockbuster dreht, die vor Spezialeffekten und drolligen Einfällen strotzen, gerne mal hemmungslos sentimental sind und sich nicht um Genregrenzen scheren. Der Tag, an dem ich das erste Mal den grandios überdrehten „Shaolin Soccer“ gesehen habe, wird mir auf immer im Gedächtnis bleiben.

Chows neuster Film ist sicher die prallvollste, aber manchmal auch berstende Wundertüte eines Mannes, der nach dem Prinzip „mehr ist immer besser“ dreht. In „The Mermaid“ schafft er eine naive Wunderwelt der Meermenschen in einem gestrandeten Ölfrachter, ganz nahe bei den Menschen und doch vor ihnen verborgen. Peter Pan mit Fischgeruch.

Eigentlich handelt es sich um einen Disney-Film asiatischer Prägung, mit einer süßen Liebesgeschichte, schrägen Nebenfiguren und einer zeitgemäß simplen Öko-Message, dass der Mensch mehr Rücksicht auf die Natur nehmen muss. Der Mega-Industrielle ist ebenso ein Kind geblieben wie die Meerjungfrau – zarte Bande sind unvermeidlich und gesungen wird auch. Zum Finale hin drohen die unversöhnlichen Kräfte von beiden Seiten, das Glück und vielleicht sogar die Zukunft der Erde zu vernichten. Trotzdem ist das Happy End garantiert.

Klingt, als könnte man prima den ganzen Nachwuchs rein schleppen und sicher sein, dass Sohnemann hinterher ein Oktopus sein möchte und die Tochter beim Fasching auf ein Meerjungfrauenkostüm besteht? Leider nein. Über weite Strecken ist das zwar bezaubernd und unwiderstehlich, aber wenn Chow über die Strenge schlägt, kippt „The Mermaid“ – und zwar vollständig.

Der Regisseur hat sich entschieden, die Warnung vor der Vernichtung maritimer Lebensräume nicht nur thematisch anzusprechen, sondern drastisch zu bebildern: Der Prolog steigt mit fast unerträglichen Aufnahmen von Massakern an Walen und Delphinen ein, und im großen Finale werden Dutzende von Meermenschen von Maschinengewehrkugeln zerfetzt. Der Mensch ist des Meermenschen Feind. Und die Einsicht eines einzelnen Industriellen wird daran nichts ändern. So gerät das Happy End zu einer melancholischen Bitte, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Für eine quietschbunte Liebeskomödie zwischen einer Meerjungfrau und einem geläuterten Kapitalisten kommt man sehr ernüchtert aus dem Kino.

Warum Chow meinte, seine Message derart brutal unter die Leute bringen zu müssen, dass die eigentliche Zielgruppe eines solches Films vermutlich heulend aus dem Kino rennt? Ich weiß es nicht. Hat vielleicht was mit asiatischer Mentalität zu tun. Das sind die Kids womöglich abgehärtet. Für eine breite Auswertung im Westen würde ich dringend empfehlen, den Film um seinen Prolog zu erleichtern und im Finale stark zu kürzen. SO geht das hier gar nicht.

Fazit: Ein praller Märchen-Blockbuster mit viel Phantasie und teilweise schrillen Gags, der im Prolog und im Finale durch schockierende Brutalitäten die Altersgrenze völlig unnötig hochsetzt. Kindern würde ich das nicht zumuten. Deshalb nur 7 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Charmante, skurrile Komödie. Dass das Thema Umweltschutz allmählich in China populär (gemacht) wird, schadet dem Film gar nicht.“



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..what the..?
jetzt bin ich perfekt in der Mitte zwischen „bloß nicht“ und „Muss ich sehen“

heino
heino

@Comicfreak:geht mir auch so. Shaolin Soccer war großartig, Kung Fu Hustle dagegen ein derber Rückschritt. Und der hier könnte in beide Richtungen ausschlagen. Aber ich glaube, ich gehe das Risiko ein

lapismont

In der Tat ziemlich abgefahrener Film. Es gab jede Menge Lacher im Publikum, etwa bei diverser musikalischer Untermalung und in der Tat ist das Abschlachten ein rabiater Kotrapunkt, vor allem, weil die Opfer gar nicht direkt thematisiert werden.