equals-mposter-galleryUSA 2015. Regie: Drake Doremus. Darsteller: Nicholas Hoult, Kristen Stewart, Guy Pearce, Jacki Weaver, David Selby u.a.

Story: In einer Welt nach dem nuklearen Holocaust haben nur zwei menschliche Enklaven auf der Erde überlebt: Eine perfektionierte, emotionslose, urbane Gemeinschaft in einer hypermodernen Betonstadt – und eine mythische Barbarenwelt, die womöglich nur als fiebrige Abschreckung erfunden wurde. Grafiker Silas wird von der Krankheit SOS erwischt, die nach und nach seine Gefühle (re)aktiviert. Er verliebt sich in die Kollegin Nia, die ebenfalls an SOS leidet. Beide müssen ihre Beziehung geheim halten, denn SOS-„Kranke“ haben nur die Wahl zwischen Selbstmord oder Hinrichtung. Als beide den Entschluss gefasst haben, in die „wilde Welt“ zu fliehen, stellt eine neue wissenschaftliche Entdeckung alles auf den Kopf…

Kritik: „Equals“ ist ein Film, der nur müde Klischees durchkaut, sei es im Bereich „young romance“ oder in Sachen Science Fiction – hier ist keine Idee neu, keine Wendung überraschend. Das Drehbuch ist so in sich selbst verliebt, dass wirklich JEDES Element, das eingeführt wird, im dritten Akt handlungsrelevant wird. Jeder halbwegs sauber sozialisierte Filmfan kann daher wirklich alle Entwicklungen vorhersagen.

Ich könnte jetzt mit enzyklopädischem Wissen um mich werfen, auf „Logan’s Run“ ebenso verweisen wie auf „The Island“, meinetwegen bis „1984“ zurückgehen und Vergleiche mit „Fahrenheit 451“ anstellen. „Gattaca“? Auch. Aber es wäre Eierschaukelei, weil Doremus‘ Film seine Dystopie letztlich nur als Staffage für eine entsetzlich banale „verbotene Liebe“-Geschichte nutzt, in der Kristen Stewart sich wieder mal gesellschaftlich verpönt hingeben darf – wenigstens funkelt der Lover diesmal nicht.

Relevant sind für die Einordnung von „Equals“ eigentlich nur die auffälligen visuellen und inhaltlichen Parallelen zu Lucas‘ Frühwerk „THX 1138“:

Der direkte Vergleich der beiden Filme dient vor allem der schockierenden Verdeutlichung der Infantilisierung des modernen Kinos – unsere Protagonisten sind Teenager, gefangen in kindischen Klischeegeschichten. Keine Erwachsenen mehr, kein echtes Drama mehr. Das cineastische Fleisch ist schon lange Soylent grün, kannibalistische, geschmacksfreie Wiederverwertung.

Der Grund, warum das bei „Equals“ nicht sofort auffällt, ist in der überraschend gelungenen visuellen Präsentation zu suchen: Doremus hatte den Lxuus, in Singapur und Japan drehen zu können. Ähnlich wie bei den chinesischen und indischen Locations von „Code 43“ bekommen wir hier in der Tat eine völlig neue, fremde, futuristisch urbane Welt zu sehen, die unseren „sense of wonder“ bedient, ohne dafür auf Trickeffekte zurückgreifen zu müssen. Für die Augen ist „Equals“ damit ein echter Genuss, eine grüngraue Vision im „Apple chic“.

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Einen Bonuspunkt bekommt „Equals“ zudem für das Casting von David Selby als Mentor – der war nämlich in der Episode „The norming of Jack 243“ der Serie „The Wide World of Mystery“ Star einer extrem ähnlichen Geschichte – und das schon 1975:

„In a society of the future, a conformist falls in love with a fugitive, who forces him to rethink his attitudes about the society he lives in.“

Ich kann es nicht bestreiten – ich liebe so ein detailverliebtes Insider-Casting. Und David Selby kann ich sowieso gut leiden. Die Produzenten von „Equals“ sollten „The norming of Jack 243“ als Bonus mit auf die DVD packen.

Ich finde es bedenklich bis erschütternd, dass die heutigen Generationen Filme wie „Equals“ als valide Science Fiction vorgesetzt bekommen. Oder „Hunger Games“. Oder „Fifth Wave“. Da waren wir vor 40 Jahren schon weiter. Es ist wohl an uns, die Erinnerung an „Punishment Park“ aufrecht zu erhalten, an „The War Game“ und „The Day After“, „Escape from New York“ und „Blade Runner“.

Fazit: „THX 1138“ trifft „Twilight“ – eine verwässerte und bis ins Ärgerliche simplifizierte Dystopie, deren Banalität und Vorhersehbarkeit auch die extrem slicke Produktion und die fähigen Darsteller nicht aufwiegen können. Lieber „High Rise“ gucken.



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G

Hunger Games ist in Ordnung. Und oberflächliche Science Fiction gab es schon früher. 😉

dermax
dermax

Hab Hunger Games bis zu den ersten 30min von Teil 3.1 durchgehalten, dann konnt ich die Verschwendung von Lebenszeit auch nicht mehr mit popkulturellem Studium rechtfertigen…
Und wir sollten doch eher die Erinnerung an „Die Klapperschlage“ als an „Flucht aus LA“ aufrecht erhalten, oder 😉

Dietmar

Da waren wir vor 40 Jahren schon weiter.

Wir schon, aber die jungen waren da noch nicht geboren und sind angemessen naiv. Ich finde, der Fokus hat sich verschoben: Früher machte man Kino, Fernsehen, Theater, Musik etc. für Erwachsene und die jungen mussten sich ihre Nischen erstreiten, heute scheint es genau anders herum zu sein; wobei vor allem die eigentlich erwachsenen Männer oft noch herumlaufen wie zu groß gewordene Kinder.

Interessantes Phänomen bei einer eigentlich alternden Gesellschaft.

Chris Schulze
Chris Schulze

Tolles Review. Insbesondere die Einordnung in den filmhistorischen Kontext gefällt mir gut.
Ein kleiner Fehler ist mir aber aufgefallen: „Ähnlich wie bei den chinesischen und indischen Locations von „Code 43″ bekommen wir…“ Der Film heißt „Code 46“.

Mic

Irgendwie sieht der Trailer wirklich aus wie „1984“ minus alle gesellschaftlichen oder sozialen Inhalte. Mehr muss ich davon auch nicht sehen.