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April 2016

Fantasy Filmfest Nights 2016 (1): What we become, Emilie, Moonwalkers, The Witch, High Rise

What we become

WhatWeBecomePosterDänemark 2015. Regie: Bo Mikkelsen. Darsteller: Mille Dinesen, Ole Dupont, Mikael Birkkjær, Troels Lyby, Marie Hammer Boda, Therese Damsgaard, Benjamin Engell

Offizielle Synopsis: Noch ist alles friedlich in der dänischen Vorstadtsiedlung Sorgenfri. Noch! Denn schon bald brechen Chaos und Wahnsinn über die Vorgärten herein, in Form eines rasend schnell um sich greifenden Virus, der vor nichts Halt macht. Nicht vor Nachbarn, nicht vor Freunden, nicht vor Familienmitgliedern. Die Staatsgewalt handelt sofort und riegelt die Häuser hermetisch ab. Drinnen sind die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen. Draußen breitet sich die Seuche unaufhaltsam aus. Dafür sorgen die schlurfenden, kratzenden und vor allem beißenden Wirtsträger.

Kritik: Okay, kein schlechter Einstieg, gerade wenn man die FFF Nights als "kleinen Bruder" des FFF sieht und damit auch bei den Filmen die Erwartungen ein bisschen in Grenzen hält. "What we become" erzählt eine sehr bekannte Geschichte mit sehr bekannten Figuren und sehr bekannten Wendungen, die davon lebt, dass die Perspektive hier eine andere ist - die Menschen in Sorgenfri sind Vorstadtspießer, weder Verursacher der Epidemie noch an den Schaltstellen der Macht noch aus dem Material, aus dem Helden geschnitzt werden. Sie sind die, die wir in anderen Filmen immer erst zu sehen bekommen, wenn sie schon zombifiziert sind - Kanonenfutter und Hindernis für die eigentlichen Helden. Es ist ein Film über die Verlierer, die Ohnmächtigen und die Impotenten - und er gönnt uns keine Katharsis, dass diese auch mal über sich hinaus wachsen könnten.

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Die große Epidemie ist mit augenscheinlich wenig Geld in Szene gesetzt worden, was aber überraschend gut funktioniert: Ein paar Betonelemente verdeutlichen glaubwürdig, dass die Stadt abgeriegelt ist, ein zwei schwarze Planen illustrieren die "Verpackung" der Vorstadthäuser.

Auch in der Darstellung der Figuren findet Mikkelsen interessante Facetten im Klischee: Der Teenager, der mit der Pubertät auch seine Männlichkeit beweisen muss (u.a. mit dem hübschen Mädel aus dem Nachbarhaus), der Vater, dessen ewige Konfliktscheu zwangsläufig zur Katastrophe führt, die nur oberflächlich funktionierende Beziehung, die mit der Epidemie augenblicklich zerbricht - das alles wird nur angeschnitten, aber es verleiht "What we become" eine erfreuliche Substanz unter der omnipräsenten Oberfläche der Zombievirus-Genres.

Technisch und darstellerisch wird Hausmannskost geboten, was aber gerade deshalb in Ordnung ist, weil der Film im dänischen Suburbia spielt und sich nicht wirklich für "Hollywood acting" eignet. Gerade die Tatsache, dass Sorgenfri auch 30 Kilometer südlich von Düsseldorf oder 20 Kilometer westlich von Stuttgart liegen könnte, verleiht dem Geschehen eine für dieses Genre ungewöhnliche Nachvollziehbarkeit - und wirft mal wieder die Frage auf, warum der deutsche Regienachwuchs so etwas nicht gestemmt bekommt.

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=WXv4EDVmYF0[/youtube]

Fazit: Dänisches Kleinstadt Virus/Zombie-Drama, das mit bescheidenem Mitteln und einem guten Auge für Charakterdetails die mangelnden Schauwerte wettmacht und zwar nicht das ganz große Rad dreht, aber mit Einsatz und Authentizität punktet. 6 von 10.


Emelie

Emelie-Theatrical-PosterUSA 2015. Regie: Michael Thelin. Darsteller: Sarah Bolger, Joshua Rush, Carly Adams, Thomas Bair, Elizabeth Jayne

Offizielle Synopsis: Einen guten Babysitter zu finden ist schwer, und noch schwerer ist er zu ersetzen. Die Thompsons wissen ein Lied davon zu singen. Fast wäre ihr gemeinsamer Abend ruiniert, als das Kindermädchen für ihre drei ziemlich anstrengenden Kids kurzfristig absagt. Da erscheint Anna als rettender Engel in letzter Sekunde und mit warmen Empfehlungen. Sie wirkt aufgeschlossen und scheint auf Anhieb mit Jacob, Sally und Christopher gut zurechtzukommen. Doch kaum sind die Eltern weg, bekommen die drei zu spüren, dass mit der jungen Frau etwas ganz und gar nicht stimmt!

Kritik: Schade, schade, schade. "Emelie" (Arbeitstitel: "Bad Sitter") fängt klasse an, baut ein interessantes Mystery auf: Wer entführt eine Babysitterin? Und wer macht sich dann große Mühe, diese durch eine Schwindlerin zu ersetzen? Zumal Emelie sehr schnell beginnt, mit den Kindern groteske Psycho-Spiele zu spielen, die elterliche Urängste bedienen. Sie manipuliert die drei Kinder geschickt, um Keile zwischen sie zu treiben und die Beziehung zu den Eltern zu hintertreiben. Besonderes Emelies Fähigkeit, die einsetzende Pubertät von Jacob zu nutzen, ist sehenswert und versprich latent perverses Thriller-Vergnügen.

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Und dann, nach ungefähr einer halben Stunde, bricht das Konstrukt komplett in sich zusammen. In einer schmerzhaft reingehämmerten Szene wird die Motivation von Emelie erklärt - und sie ist nicht nur langweilig, sondern auch hanebüchen. Es werden Löcher im Plot sichtbar, die Geschehnisse im Haus werfen immer mehr Fragen auf und immer wieder angedeutete Subplots (das Elternpaar scheint eine schwere Zeit hinter sich zu haben) werden nicht mehr bedient. Die raffinierten Psycho-Spielchen degenerieren zu Hysterie- und Gewaltausbrüchen, irgendwann wähnt man sich in der Slasher-Version von "Kevin - Allein zu Hause". Diverse Kontinuitäts-Probleme lassen zudem auch Post Production-Probleme schließen (der kleine Freund von Jacob verschwindet irgendwann und ist am Ende plötzlich verletzt in der Ambulanz - wieso?).

Da hilft es auch nicht, dass Sarah Bolger einen wirklich prima Psycho-Sitter abgibt und die Kinderdarsteller außerordentlich authentisch sind.

Gut angefangen, stark nachgelassen - schade, denn die erste halbe Stunde von "Emelie" hätte wirklich einen besseren zweiten und dritten Akt verdient.

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=WkuGHllQPwE[/youtube]

Fazit: Ein gutes erstes Drittel Psychothriller, nach dem der Film in Exposition und zunehmender Unlogik ersäuft, bis nur noch ein fader Abklatsch des Stepfather / The Guardian / Hand that rocks the Cradle-Subgenres übrig bleibt. 4 von 10.


Moonwalkers

moonwalkers-poster-high-resolutionGroßbritannien, Frankreich 2015. Regie: Antoine Bardou-Jacquet. Darsteller: Ron Perlman, Rupert Grint, Robert Sheehan, Stephen Campbell Moore, Kerry Shale

Offizielle Synopsis: Ein traumatisierter, gewalttätiger Vietnam-Veteran wird vom CIA mit einer heiklen Mission betraut. Er soll 1969 nach London reisen, um Stanley Kubrick zu rekrutieren. Der Regisseur ist gerade durch 2001: A SPACE ODYSSEY in aller Munde und soll nun für die Amis eine Mondlandung inszenieren, falls die echte Apollo-Mission scheitert. Durch eine Verwechslung geraten Perlman und sein prall gefüllter Geldkoffer allerdings an den erfolglosen Bandmanager Jonny und einen Haufen dysfunktionaler, dauerbreiter Hippies. Es hilft nix: die Apollo-Mission rückt dem Mond immer näher und die schrille Zweckgemeinschaft muss die filmische Fälschung irgendwie auf die Beine stellen …

Kritik: Jau, das klingt auf dem Papier sicher sehr witzig, kombiniert es doch die Verschwörungstheorien der Fake-Mondlandung mit der These, diese sei von Kubrick inszeniert worden. Mit FFF-Veteran Ron Perlman und Harry Potter-Kumpel Rupert Grint ist das auch sympathisch besetzt. Bei der Ausstattung haben sich die Macher des in Belgien gedrehten Films augenscheinlich viel Mühe gegeben. Das strotzt vor überzeichnetem Zeitkolorit der Swinging Sixties.

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Allerdings weiß der Film mit seiner drolligen Ausgangsidee nicht viel anzufangen, letztlich werden nur ein paar Sketche draus gebaut mit Pointen von schwankendem Humor. Es steigert sich nicht, die Figuren entwickeln sich nicht und die ungewöhnliche Partnerschaft von Grint und Perlman bleibt so oberflächlich wie unglaubwürdig - genau genommen legt sich der Film auch auf keinen Protagonisten fest. Während Grint in der ersten halben Stunde der Fokus, dreht sich Akt 2 fast komplett um Perlman. Das passt alles nicht zusammen, da ist nichts aus einem Guss - und mit 107 Minuten ist der Film für eine letztlich substanzlose Komödie dann auch wieder zu lang.

Wer es etwas genauer will - Mark Tinta hat den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen. Mehrfach.

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=wRoMpeUGZ9I[/youtube]

Fazit: Eine konzeptionell sympathische Farce, die sich mit zunehmender Laufzeit in nur vermeintlich witzige Details verzettelt, statt den Plot und die Charaktere zu entwickeln. Auch angesichts der Besetzung hätte mehr drin sein müssen. 5 von 10.


The Witch

the-witch-600x889USA, Großbritannien, Kanada 2015. Regie: Robert EggersDarsteller: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson

Offizielle Synopsis: Neuengland um 1630. Gerade erst ist der strenggläubige William mit Frau und fünf Kindern in der Neuen Welt angekommen, schon wird er mit seiner Familie aus der Kolonie-Gemeinde ausgestoßen. Mit bedrohlichem Knarren schließt sich das Tor hinter dem stolzen Fundamentalisten und lässt die sieben einsamen Seelen in die unerforschte Wildnis des neuen Kontinents ziehen. Am Rand eines dunklen Forsts findet die Familie einen Ort, um neu anzufangen, doch das Glück ist nicht von Dauer: Die Ernte verdirbt, das Vieh verhält sich seltsam und während eines harmlosen Spiels verschwindet Williams jüngstes Kind auf mysteriöse Weise. Mit der Suche nach dem Baby beginnt eine Reihe verstörender Vorfälle, in deren Verlauf der Wahnsinn schleichenden Einzug in die kleine Gemeinschaft hält. Gefangen in Isolation und Aberglauben entscheidet sich das Schicksal der Familie in einem wirbelnden Chaos aus Gewalt und Irrsinn ...

Kritik: Das ist eine Kritik, deren Ergebnis mir selber nicht gefällt. Ich möchte "The Witch" mögen. Weil es ein mutiger Independent-Film ist, der sein Heil nicht in billigen Schauwerten sucht. Weil er einer Reihe großartiger Schauspieler eine Reihe großartiger Performances abringt. Weil die Idee, ein karges Leben auch in kargen, braun-grauen Bildern zu illustrieren, richtig ist, ebenso wie die Idee, aus zeitgenössischen Berichten und Protokollen eine Chronik des Versagens einer Familie zu destillieren, vom Kampf gegen die externen Umstände bis zur Zerfleischung durch interne Konflikte.

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Aber es hakt. Es hakt, weil sich die Macher letztlich nicht wirklich entscheiden wollen, ob es sich nun lediglich um ein Drama über die bröckelnde Kraft der Frömmelei oder eben doch um ein Okkult-Melodram handeln soll. Über weite Laufzeiten sehen wir sechs Personen zu, die langsam beginnen, sich gegenseitig zu hassen und deren einziger Klebstoff - der Glaube - seine verbindende Kraft verliert. Die Hexe als Bedrohung ist letztlich nur ein Sinnbild für den Zweifel am gewählten Weg - und dann eben doch nicht, als impliziert (aber niemals auserzählt) wird, dass es die "Hexe im Wald" eben doch gibt.

Aus der Pendelbewegung zwischen den beiden Genres zieht "The Witch" keine Kraft, keinen Antrieb. Er mäandert vor sich hin, eskaliert seine Konflikte vorhersehbar und hat am Ende kein Ende, weshalb der Epilog so angetackert wird, als hätten die Geldgeber nach dem ersten Screening an die Macher gemailt "Da werden wohl ein paar Nachdrehs nötig sein - SO können wir den Zuschauer ja schlecht aus dem Kino lassen, oder?".

Schade eigentlich, denn ich mag Filme, die den Mut haben, nicht ironisch oder krachend oder bunt oder sexy sein zu wollen, die nach stiller Kraft streben. Aber auch für die gilt halt: Das Ergebnis zählt. Es muss funktionieren.

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=uTCq6cnRbDs[/youtube]

Fazit: Ein starkes, aber auch karges und freudloses Drama über den Zerfall einer Puritaner-Familie in den frühen Tagen der Besiedlung Nordamerikas. Den Anspruch, die Folgen religiösen Wahns in Zeiten großer Armut anzuprangern, macht dann der unnötig konkrete und alberne Epilog zunichte. 4 von 10.


High-Rise

high-rise-posterGroßbritannien 2015. Regie: Ben Wheatley. Darsteller: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy

Offizielle Synopsis: Hochgeschwindigkeitsaufzüge, Supermärkte, Fitness-Studios und sogar ein Schwimmbad: Diesen Hochhauskomplex müsste kein Mensch wieder verlassen – findet sich hier doch alles, was das Herz begehrt, auf effektiv gestaltetem, perfekt designtem Raum. Als Dr. Robert Laing in eines der Luxusapartments im 25. Stock zieht, ist er eigentlich auf der Suche nach einem Neuanfang und ein bisschen Anonymität. Doch als er in das gesellschaftliche Leben des High-Rise eintaucht, verändert sich sein Leben: Cocktailpartys, Squashduelle und sexuelle Gefälligkeiten stehen von nun an auf der Tagesordnung. Als der Spaß auszuschweifen beginnt, außer Kontrolle gerät und gar Todesopfer fordert, droht der Luxustempel in Anarchie zu verfallen. Was auf Laing bis dahin wirkte wie ein absurder Traum wird zum düsteren Albtraum.

Kritik: "High Rise" ist mal wieder ein schönes Beispiel, warum ich mich vorher nicht über die Filme informieren mag, die im Programm stehen. Zuerst einmal war mir nicht klar, dass ich die Adaption von Ballards legendärer 70er-Dystopie "High Rise" zu sehen bekommen würde - ich dachte, die Dreharbeiten seien noch gar nicht abgeschlossen. Und hätte ich es gewusst - meine Begeisterung hätte sich in Grenzen gehalten, bin ich doch seit Wheatleys "Kill List" und "A field in England" ein Gegner seines vagen, wirren, non-narrativen Stils.

"High Rise" sollte mal von Roeg verfilmt werden, dann von Cronenberg - zwei Regisseure, die ich für ungleich geeigneter gehalten hätte, die Geschichte vom Zerfall einer mondänen Hochhaus-Gesellschaft zu adaptieren.

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Aber Wheatley überrascht. Wie bei Zack Snyder und "Watchmen" haben sich hier Stoff und Erzähler perfekt gefunden, weil sich Wheatley dem Kaleidoskop von Ballards Roman nicht aufdrängen muss, es sich ihm nicht untertan machen muss. Seine fiebrige, zersplitterte Art des Filmemachens, die mich schon bei "A field in England" an das englische Kino der späten 60er erinnerte, entspricht Form und Inhalt von "High Rise", einem Kultroman aus genau dieser Ära.

Aus diesem Grund gelingt es Wheatley auch, den eigentlich kaum in zwei Stunden erzählbaren Roman in seiner gesamten Breite und Tiefe zu erfassen, weil er nicht versucht, ihn zu komprimieren - er lässt stattdessen aus, überspringt, verzichtet auf verbindende Szenen oder Übergänge zwischen den Figuren. Es ist ein Film wie auf Drogen, in dem man immer nur Bruchstücke wahrnimmt, aufblitzende Momente, die nicht zusammen zu passen scheinen, auf dem Boden verteilt aber doch ein stimmiges, wenn auch bizarres Bild ergeben.

Es hilft, dass Wheatley ausreichend Geld und hochkarätige Schauspieler zur Verfügung hat, um das retro-futuristische London in all seiner Beton-Grausamkeit darzustellen. Der Fokus auf Laing - auch wenn er letztlich ein impotenter Beobachter ist - erlaubt dem Zuschauer, an den Film anzudocken.

Trotzdem ist "High Rise" harte Kost und seine Dystopie seltsam unwirklich. Was in den 70ern als mögliches Warnung vor dem Wohlstandsknast eines solches Hochhauses dienlich war, hat sich längst überholt, die Konzepte gelten als un-lebbar, was natürlich auch die Kritik daran kastriert. Es bestätigt, was ich Wheatley schon immer unterstellt habe: Er ist ein Geist der 60er, 70er, sein Anspruch und sein Einsatz wären neben Roeg, Lester und Russell besser platziert gewesen als im neuen Jahrtausend.

Aber man muss auch bereit sein, kraftvolles Kino zu erkennen und zu loben, wenn es aus einer Ecke kommt, in der man danach nicht gesucht hat. Mit "High Rise" hat sich Ben Wheatley nach zwei Totalausfällen bei mir rehabilitiert. DAS ist exzellentes dystopisches Kino - sicher nicht für jeden, aber für mich.

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=1g6izQcDNNA[/youtube]

Fazit: Eine fragmentierte, retro-utopische Allegorie, die mit viel Starpower und ohne übliche Handlungsbögen den Zerfall der gesättigten Klassengesellschaft in einem kontrollierten, aber eben doch unberechenbaren Umfeld durchspielt. Als Dystopie überholt und aus der Zeit gefallen, als Film aber faszinierend und verstörend. 8 von 10.


Nach(t)gedanken

Der erste Tag war wieder mal gut gemischt, was Stil, Inhalt und Genres der Filme anging, allerdings war das Aufgebot auch über weite Strecken genau das, was es nicht sein sollte - Mittelmaß. Man kann sich prima über Drecksfilme aufregen oder für Highlights begeistern - Mittelmaß ist die Hölle, weil sie einen kalt und den Festivaltag sehr lang werden lässt. Es war eine kleine Rettung, dass "High Rise" sich in Richtung Mitternacht noch als Ausreißer profilieren konnte.

Die Veranstalter sollten den Programmablauf etwas besser koordinieren - "The Witch" war für die große Hauptabend-Vorstellung erheblich zu asketisch und unbefriedigend, da hätte "Moonwalkers" mehr Unterhaltung geboten und "High-Rise" mehr Starpower.

Vielleicht ist es eine Frage des Alters, aber mir ist ungut aufgefallen, dass drei der fünf Filme minderjährige Sexualität (in meinen Augen) unnötig ausschlachten. Sei es der Backfisch-Sex in "What we become", das Spiel mit den Hormonen in "Emilie" oder die inzestuöse Lust in "The Witch". Kann man machen, muss man aber nicht - und wäre mir ohne lieber.

Die Dame, die hier einige Filme für Rosebud ansagt, meinte übrigens, "The Witch" müsse als Independent-Film unterstützt werden, um ein Gegenwicht "zu diesem Blumhouse-Müll" zu bilden (was ich unterstütze). Ist natürlich nicht ganz so aufrecht in der Kritik, wenn man gleich danach zwei Trailer für Blumhouse-Filme zeigt...

Es gibt übrigens immer noch und immer wieder Spacken. Hinter mir saß bei "The Witch" ein Pärchen, das offensichtlich ins Kino gekommen war, um mal wieder ausgiebig zu plaudern. Ich musste mich schon bei den Trailern umdrehen und sagen: "Sorry, aber es gibt Leute, die das hier sehen möchten". Die Schelte hielt genau eine Minute, dann ging die Schnatterei weiter. Als der Hauptfilm anfing, habe ich mich noch mal umgedreht und gefragt: "Ist das jetzt noch blanke Unfähigkeit oder schon Unhöflichkeit?". Danach war wenigstens Ruhe. Aber es wäre schöner gewesen, wenn uns das alles erspart geblieben wäre.

Eine Viertelstunde später hörte ich allerdings schräg hinter mir eine nervige junge Dame permanent rumoren und gepresst kichern (wozu der Film keinen Anlass gab), was in der geflüsterten Aussage kulminierte "Ich komme gleich". Ich möchte inständig hoffen, dass sie das einer Freundin ins Handy geflüstert und nicht hormonell gemeint hat...

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  1. 1
    Rudi Ratlos

    Vielen Dank für die Reviews! Schade, dass "The VVitch" so schlecht wegkommt, da fand ich den Trailer ganz interessant (und anscheinend kam der Film auf dem Sundance-Festival ja besser an). Da der aber wohl eh größer startet, spare ich mir den auf den Nights. Bin mal auf die Besprechung der anderen Titel gespannt, bisher lässt mich dieses Jahr das Programm nämlich recht kalt.

  2. 2

    Sehr tolle Reviews!

    Emelie fand ich auch enttäuschend, da habt man aus einer guten Idee und einer guten Hauptdarstellerin wenig gemacht.

    Green Room, aus dem zweiten Review, sehe ich auch ähnlich - dem hat nur etwas der Mut gefehlt, mal was anderes zu wagen.

    Diesen hatte aber ganz eindeutig The Witch - der mir hat tatsächlich wesentlich besser gefallen als dir. Grade die letzte halbe Stunde fand ich schon recht gruselig, auch wenn ich dir Recht geben muss, an einer Stelle hätte man sich doch entscheiden müssen, ob es nun um Aberglaube geht oder um echte Hexen, und in diese Richtung konsequenter gehen müssen.

  3. 3
    Wortvogel

    @ Nummer Neun: Danke für das Lob - und jede gegensätzliche Meinung sei dir gegönnt, ohne die gäbe es ja keinerlei Diskurs.

  4. 4
    Marcus

    FFF Nights, Köln, Senf, die Zweite.

    WHAT WE BECOME: hey, noch ein Low budget-Zombiefilm dieses Jahr. Das wär doch aber nicht nötig gewesen? Oder?!
    Naja, wäre es in der Tat nicht, aber soviel ist klar: PANDEMIC kann weg, nicht der hier. Der hier liefert einen schönen, langsamen Spannungsaufbau, einen sehr feinen carpenter-esken Synthie-Soundtrack, Splatter, gute Darsteller und einen Schuss trockenen nordischen Humor. Das ist nicht weltbewegend, aber doch allemal lohnenswert. 7/10.

    EMELIE: ah, der übliche fiese kleine low budget-Thriller. Hier gut umgesetzt und gespielt, wenn auch leider gegen Ende spürbar an Fahrt verlierend. Und die Szene, in der Emelies Motivation erklärt wurde, fand ich ziemlich gelungen creepy. Kann man sich gut angucken. 7/10.

    MOONWALKERS: Hört nicht auf das mürrische Gemoser des freudlosen alten Mannes da oben. Das hier ist ein flotter, toll gespielter und noch toller bebilderter (und überraschend ruppiger) Spaß. 9/10.

    THE WITCH: auch hier irrt der Hausherr. Das ist ein wirklich gelungenes, toll gespieltes und gefilmtes Horrordrama, das sich, wenn auch mit einigem Anlauf, in wirklich finstere Abgründe hinabschraubt. Man fröstelt, und diesmal ist es nicht die Klimaanlage im Kino.
    In Köln war man allenthalben begeistert, und einige meiner Mitstreiter zückten Höchstnoten. Da kann ich leider nicht so ganz mitgehen, denn für meinen Geschmack bremst sich der Film zwischendurch halt doch ein wenig dadurch aus, dass er zu lange den "vielleicht sind das alles nur Wahnvorstellungen religiöser Spinner"-Angle bedient, obwohl er sich durch eine kurze Szene am Anfang ja schon drauf festgelegt hat, dass es hier wirklich echte Hexen gibt. Wenn man doch aber schon weiß, dass man hier in okkulte Gewässer schippert, dann hätte man die Sache noch wesentlich alptraumhafter anlegen können, statt Laufzeit mit zurückhaltendem Drama zu füllen. Aber das bin vielleicht nur ich. Wichtig ist: auf jeden Fall gucken! 8/10.

    HIGH-RISE: what he said. Ein Ereignis von einem Film, der zumindest teilweise sogar rüberkommt wie etwas, was Stanley Kubrick zu drehen vergessen hat. 9/10.

  5. 5
    Peroy

    Alles beschissen...

  6. 6
    Marcus

    Peroy, die Zustandsbeschreibung deines Badezimmers ist hier nicht das Thema.

  7. 7
    Peroy

    DISKURS!

  8. 8
    Wortvogel

    @ Marcus: Wie es scheint, waren Filmi und du in diesem Jahr in deutlich gnädigerer Stimmung als ich. Ihr werdet altersmilde.

  9. 9
    heino

    Nee, Torsten, die sind jedes Jahr so:-)

  10. 10
    Wortvogel

    @ heino: Dann mal her mit der Gegenmeinung.

  11. 11
    heino

    Geht nicht, ich war nicht da. Aber generell ist besonders Marco wesentlich unkritischer als ich. Marcus ist da deutlich ausgewogener

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