amerposterFRANKREICH/BELGIEN 2009, 90 Minuten

REGIE Hélène Cattet / Bruno Forzani

DARSTELLER Marie Bos / Delphine Brual / Cassandra Forêt / Charlotte Eugène-Guibbaud / Harry Cleven / Bianca Maria D’Amato

DREHBUCH Hélène Cattet / Bruno Forzani

Story: Ana als Kind: Sie erforscht den Raum, in dem ihr Großvater aufgebahrt ist, erlebt ihre Stiefgroßmutter (so habe ich das zumindest interpretiert) als Hexe, versucht aus den Streitgesprächen der Eltern und bizarren Beobachtungen ein Weltbild zusammen zu zimmern, das immer bedrohlichere Züge annimmt.

Ana als Jugendliche: Ein Gang mit der Mutter ins Dorf. Männer, die Ana anstarren, ihre Brüste, ihre Beine, ihre Lippen. Wölfe allesamt. Manche unbeholfen, wie der Junge in ihrem Alter. Andere gefährlich, wie die Motorrad-Bande. Die Mutter: Einfersüchtig, die erotische Vormachtstellung schon an das Kind verloren zu haben. Begierde, Strafe. Aber Ana wird eines Tages mit den Wölfen gehen.

Ana als Frau: Sie kehrt in die verlassene Villa der Eltern zurück. Leere, Einsamkeit – oder doch nicht? Knarzendes Leder, schwarze Handschuhe, Verletzungen. Erotische Phantasie: Wunsch oder Phobie? Ein nächtlicher Besucher, ein Rasiermesser…

Kritik: Okay, ein paar Filme vom FFF bespreche ich jetzt nochmal in Textform, weil die Zeit für Videos nicht reicht. Eigentlich wollte ich „Vampires“, „Redline“ und „Silent House“ hier in München sehen, weil sie in Berlin nicht in meinen Plan passten. Nun lasse ich „Vampires“ aus, und habe extra für Reini (einen Giallo-Fan vor dem Herrn) „Amer“ angeschaut. Dafür bin ich natürlich denkbar ungeeignet, weil ich Giallos nicht mag, und Argentos „Giallo“ im letzten Jahr schon gleich dreimal nicht.

Aber siehe da, genau das ist der Grund, warum ich manchmal auch gegen mein Bauchgefühl eine Karte kaufe (wie auch schon im Falle „Into the Void„): „Amer“ ist ein wirklich bemerkenswerter, konsequent strukturierter und anspruchsvoller Film. Weder platte Hommage noch banales Abziehbild, überhöht er Topoi, Muster und Stilelemente des Giallo und des generellen Sleaze-Films der 70er, bis sie ein hitziges, gespanntes Konzentrat ergeben. Wo die Story dem Giallo schon immer zweitrangig war, rückt sie hier völlig aus dem Blickfeld. Statt dummer, eitler Dialoge bleibt der Film über die gesamte Laufzeit fast völlig still. Die einzelnen Zitate brauchen keinen Kontext, weil schon die Originale selten homogen waren. Konzepte wie Defizite des Giallo sind hier zur reinen Lehre verschmolzen.

„Amer“ ist kaum zu besprechen, ohne die drei Episoden einzeln anzugehen. „Ana als Kind“ erinnert noch am deutlichsten an Argento, versucht sich an einer (rein subjektiv erlebten) Mystery-Geschichte, ohne ihr letztlich Inhalt oder Ende geben zu können. „Ana als Jugendliche“ ist ein erotisches Märchen, fast in Echtzeit erzählt, plotlos, heiß und unschuldig, langsam und getrieben zugleich. Hier werden die Grenzen zum Softsex fließend, zu Franco vielleicht. „Ana als Erwachsene“ ist ein verstörender Mix aus Giallo-Motiven, so absurd wie folgerichtig, so konsequent wie schmerzhaft.

Alle drei Teile zusammen ergeben vielleicht eine Geschichte, vielleicht drei, vielleicht keine. Man darüber diskutieren, was das Gezeigte sagen soll. „Amer“ bleibt an jeder Stelle offen genug, um sich dekonstruieren zu lassen, wie ein unmögliches Puzzle, dessen Teile verschiedene richtige Bilder darstellen können. Kein anderer Film des Festivals (inklusive „Enter the Void“) ist so subjektiv. Alles schwebt, könnte jederzeit so oder so gemeint sein. Der Blick ist selten direkt, oft konkret verschleiert, dann heimlich durch Türschlösser und Fenster. Wir sind Voyeure, wir schauen Voyeuren zu, und haben immer das Gefühl, selbst beobachtet zu werden. In einer Welt ohne Sprache werden die Geräusche unerträglich: Holz, Leder, Glas. Helles Licht blendet, das dunkle Blau der Nacht kühlt.

Vielleicht nicht generell, aber zumindest für diesen Film ist Charlotte Eugène-Guibbaud eine echte Entdeckung: Mit den übergroßen Zahnabständen, den riesigen Augen, den nach außen gestülpten Lippen, und den üppigen Lolita-Kurven verkörpert sie eine fast schon zurückgebliebene Sinnlichkeit. Eros ohne jede Ratio. In der Ausstrahlung Täterin, in der Wirkung Opfer.

amer

Ein weiteres Lob gebührt der Musik, die ihre Vorbilder nicht nachahmt, sondern sie gleich 1:1 übernimmt: Der Soundtrack von „Amer“ besteht aus einer Aneinanderreihung von überhitzten Giallo- und Poliziotti-Tracks aus den 60er und 70er Jahren, was ihm einen ebenso hysterischen wie melancholischen Grundton verleiht.

Ich bin ziemlich sicher, dass bei „Amer“ die Schere sehr weit auseinander geht: Von kaum einem Film, den ich so hoch lobe, bin ich so sehr überzeugt, dass er den meisten von euch nicht gefallen wird. Er verlangt viel, und bietet manchmal frustrierend wenig. Aber wer noch ins Kino geht, um Fragen gestellt und nicht beantwortet zu kommen, wer sich als Zuschauer nicht passiv, sondern aktiv als Erzähler sieht, der findet hier eine liebenswerte Hommage an das unvollkommene, das gefühlte, das sinnliche Kino der 70er Jahre.

Mehr Fieberphantasie als Film, mehr Bilderbogen als Handlungsbogen, mehr Spannung als Entspannung. Sicher der europäischste Film des Festivals, und nicht nur als einzelnes Produkt zu bewerten, sondern als Bestandteil und Quintessenz einer ganzen Erzählkultur. Darum acht Punkte von zehn.

Einziger Wermutstropfen – die Splitscreen-Effekte aus dem Trailer gibt es im Film leider nicht:



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Marcus
Marcus

Ich habe dein Motto „ein paar Wildcards müssen sein“ beherzigt und deshalb (und weil ich Gialli mag) „Amer“ auf dem Kölner FFF auch gesehen. Das Kino mit knapp 300 Sitzen war übrigens gut halb voll. Das waren bei „The Reef“, „Detour“, „Stranded“ und „Hatchet 2“ (letzter lief, als ich ihn sah, allerdings gegen den Überraschungsfilm „Piranha 3D“) erheblich weniger.

Tja, was soll man dazu sagen? Einer herkömmlichen Analyse oder Kritik verwehrt sich dieser Film so gründlich, dass ich am besten mal schildere, was mir beim Gucken durch den Kopf ging.

„Teil 1“: Wow, ist diese Musik cool! Wow, sieht dieser Film gut aus! Und wieso finde ich diese Szenen um den toten Großvater und mit dem, was in ihrem Zimmer passiert (was auch immer es ist) so hypnotisch spannend, wo ich doch gar nicht weiß, was hier eigentlich los ist?

„Teil 2“: Easy-Listening-Mucke. Altherren-Voyeurismus. Aber irgendwie trotzdem classy. Es zieht sich stellenweise etwas. Sieht immer noch cool aus, aber so langsam wüßte ich schon gerne, was hier los ist…

„Teil 3“: immer irrere Traumszenen (die Fahrt zurück zur Villa!). Keine Ahnung, was hier los ist. Die Musik zieht an. Es wird Nacht. Die geradezu hypnotische Sogwirkung setzt so langsam wieder ein. Holy fuck, was für ein audiovisueller Trip. Immer noch keine Ahnung, was hier los ist, aber es wird irgendwie immer besser. Ein Killer. Das blitzende Rasiermesser im Dunkel. Blut. Gewalt. Finale! Ende. Wow. Uff. Ich habe noch genauso wenig Ahnung, was das alles sollte, wie am Anfang, aber das ist mir inzwischen völlig egal.

Fazit: Ist der Film gut? Keine Ahnung. Hat er mir persönlich gefallen, im herkömmlichen Sinne des Wortes? Keine Ahnung. Aber habe ich es bereut, mir das aufgroßer Leinwand angesehen zu haben, anstatt mir den parallel laufenden „Harry Brown“ zu geben, von dem ich eh schon weiß, dass ich ihn höchstwahrscheinlich mögen werde? Auf keinen Fall! Keine Wertung außer 😯 😎 :-0 .

Peroy
Peroy

Und der Award für das beste Poster des Festivals geht an…

Lukas

Zumindest der Vorspann ist ein Splitscreen-Inferno. Toller Film. Ich hatte keine Ahnung, was mich da erwarten würde, habe nur das Poster gesehen und gewusst, dass das gut wird. 8)

Marcus
Marcus

@Peroy: Yep.

Achim
Achim

Soeben habe ich auf Wikipedia nachgelesen, was ein Giallo ist, und kann keinen Zusammenhang zwischen dem, was Wikipedia als Giallo behauptet und dem beschriebenen Film erkennen, auch wenn Wikipedia Dario Argento als wichtigen Vertreter des Giallo nennt.

Wikipedia sagt aber auch, dass die deutschen Edgar Wallace Filme die Gialli inspirierten. Und Psycho.

Wo wird in diesem Film denn gemordet?

Dr. Acula

Ich bin immer noch am Überlegen, ob ich „Alice Creed“ nicht sausen lassen soll und statt dessen „Amer“ kucke. Ich glaube, für so einen reinen Trip wäre ich durchaus mal wieder empfänglich.

Marcus
Marcus

@Achim: der Zusammenhang ist formaler, nicht inhaltlicher Natur. Insbesondere die inszenatorisch etwas ausgeflippteren Argentos werden recht deutlich beliehen.

„Wo wird in diesem Film denn gemordet?“

Diese Frage impliziert, dass du „Amer“ nicht gesehen hast. Das erklärt auch, wieso du den Vergleich nicht verstehst. Um deine Frage zu beantworten: Am Ende.

Thies
Thies

Insgesamt ist „Amer“ auf jeden Fall die Erfahrung wert, aber man sollte sich auf jeden Fall vorher darrüber klar sein worauf man sich einlässt – ein Experimentalfilm der die Narrative teilweise nicht mal mehr andeutet, dafür aber durch Abstraktion der Stilmittel einen Bilderrausch erschafft, wie ich ihn schon lange nicht mehr sah. Es war wohl der endgültige Sieg der Form über den Inhalt – wobei für mich die zweite „Episode“ und der Beginn der dritten – die Taxifahrt! – die Höhepunkte darstellten.

Der 60er/70er Score sorgte bei mir allerdings für einen fiesen Ohrwurm, den ich seitdem nicht mehr loswerde – Anklicken auf eigene Gefahr:
http://www.youtube.com/watch?v=fPhKdr1S7LA

Achim
Achim

@Marcus:

Klar habe ich diesen Film nicht gesehen, wo denn auch?

Wird in einem echten Giallo nicht ziemlich gleich gemordet, und zwar gerne in Serie?

Reini

Oha! Ein sehr schöner Artikel (und ich fühl mich auch ein bisschen geschmeichelt ;-)… und außerdem der Beweis, dass du doch einen (Fast-) Giallo gutfinden kannst, in dem Edwige Fenech nicht blank zieht! 😀
Interessanterweise war der Film übrigens in Frankfurt fast ausverkauft…

Marcus
Marcus

@Achim:

„Klar habe ich diesen Film nicht gesehen, wo denn auch?“

Auf dem FFF vielleicht?

„Wird in einem echten Giallo nicht ziemlich gleich gemordet, und zwar gerne in Serie?“

Das kann man so pauschal nicht sagen. Ich kenne eine Reihe waschechter Gialli, bei denen es nur wenige Morde gibt und auch nicht sofort „zur Sache geht“.

Generell kann man sagen, obwohl es gewisse Standardplots und Themen gibt, die gerne bearbeitet werden, sind für die Zugehörigkeit zum Genre eine Reihe anderer Faktoren mindestens genauso wichtig: das Produktionsland Italien, nicht älter als ca. Ende der 80er (obwohl es bei letzterem in einigen Einzelfällen auch Ausnahmen geben kann, und manch andere dieser Einschränkung widersprechen werden) und vor allem der typische „Giallo-Look“:
– ausgedehnte Mord- und Stalking-Sequenzen (gerne aus Killer-Perspektive),
– knallige Farben,
– „opernhafte“ Inszenierung (betont „künstliches“, traumartiges oder theaterhaftes Feeling in Ausstattung und Bildkomposition, plus elaborierte Kamerafahrten)
– ungewöhnliche Filmmusik (gerne Easy Listening, Jazz, Avantgarde, Prog – selten bis nie „klassische“ Orchester-Spannungsfilm-Musik nach Hollywood-Art)
– exotische, oft sehr umständliche Mordmethoden, sehr explizit dargestellt
– für die Entstehungszeit sehr freizügige Nackt- und Sexszenen (aber nicht immer!)
– meist (aber nicht immer!) sehr komplexe Whodunit-Plots mit vielen falschen Fährten und oft verblüffenden (und nicht selten ziemlich willkürlichen) Auflösungen
– gerne leicht krude psycho-sexuelle Motivationen des Killers (davon gibt es aber recht viele Ausnahmen – handfeste rationale (meist finanzielle) Motive sind nicht so selten)
– oft Amateurdetektive, die zufällig in die Handlung reinstolpern, als Helden

Kurz: was ein Giallo ist, hängt von einer Reihe formaler und stilistischer Kriterien ab, die nicht alle erfüllt sein müssen, wobei es durchaus Grenzfälle gibt. Als Genre ist der Giallo nicht so formelhaft wie es z.B. sein amerikanischer Nachfolger, der Slasher-Film, ist.

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[…] more from the original source: Fantasy Film Fest 2010: Amer @ Wortvogel – 100 % Torsten Dewi Film, Videos No Comments […]

Thomas
Thomas

Ich musste mich in Frankfurt zwischen Amer und dem wirklich großartigen „Tucker & Dale vs. Evil“ entscheiden.
Amer hätte ich zwar auch gerne gesehen, aber ich denke da hätte ich nicht soviel gelacht…

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[…] Vielleicht, weil “Amer” so eine brillante Quintessenz des Giallo war, hatte ich mich auf “Berberian Sound […]

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[…] ♥ Amer ♦ Black Death ♦ Centurion ♥ Chatroom ♥ Clash ♥ Corridor ♦ Devil’s Playground ♥ Enter the Void ♥ Four Lions ♦ Frozen ♦ Gallants ♦ Hybrid ♦ Kaboom ♥ Monsters ♦ Red Hill ♣ Redline ♦ Suck ♥ The Disappearance of Alice Creed ♣ The Silent House ♥ The Wild Hunt ♥ Tucker & Dale vs. Evil […]

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[…] bin mit dem Regie-Duo Cattet/Forzani am Scheideweg – nach dem großartig konsequenten „Amer“ und dem ebenso konsequent vergeigten „The strange colour of your body’s tears“ […]