10
Juni 2026

2 Cent: Sting der Stalker

Themen: 2 Cent, Neues |

Dieses Thema ist nicht wichtig. Meine Replik ist es auch nicht. Aber manchmal muss ich was rauslassen wie einen trockenen Furz. Dann stinkt’s halt.

Es geht um diesen Artikel im Merkur, dessen erster Absatz eigentlich schon reicht, um Männer meines Alters "well, fuck you too!" knurren zu lassen:

"Viele Songs feiern wir wegen der Musik, aber der Text ist manchmal etwas daneben", hieß es anlässlich der Musikaktion "Respektvolle Musik" zum Weltmädchentag im vergangenen Herbst. Sabine Trettenbacher, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, hatte Schülerinnen und Schüler dazu aufgerufen, populäre Musikstücke genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der Dewi sollte nicht kleine Mädchen treten. Das weiß er. Aber die haben angefangen! Die pöbeln gegen Sting und The Police! *

Guck mal, wie stolz die alle sind!

Man liest sowas und weiß sofort: Das Internet wird heute wieder sehr tapfer gegen Dinge kämpfen, die längst besiegt sind. Es ist bezeichnend, dass man es sich zum "Mädchentag" zur Aufgabe gemacht hat, nicht etwas das zu suchen, was Frauen richtig – sondern was Männer falsch gemacht haben.

"Every Breath You Take" von The Police also. Jener Song, bei dem seit ungefähr 1983 jeder zweite Musikjournalist bedeutungsschwer erklärt: "Äh… wisst ihr eigentlich, dass das gar kein romantisches Lied ist?"

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Ja. Wissen wir. Danke.

Das ist ungefähr so überraschend wie die Erkenntnis, dass "Moby Dick" nicht primär ein Buch über nachhaltigen Walfang ist.

Nun haben Schülerinnen also im Rahmen eines Projekts den Song "entlarvt" und umgedichtet, weil sie ihn als problematisches Stalking-Lied verstehen. Und ich sitze davor wie ein Mann, der gerade erfahren hat, dass Darth Vader möglicherweise kein guter Vater war.

Die eigentliche Pointe ist ja: Der Song WAR NIE missverstanden. Zumindest nicht von den Leuten, die damals halbwegs zugehört haben. Sting selbst hat seit Jahrzehnten erklärt, dass das Stück von Kontrolle, Besitzanspruch und obsessiver Überwachung handelt. Genau deshalb ist es ein guter Song. Weil er nicht aus der Perspektive eines therapeutisch austarierten Beta-Männchens erzählt wird, das nach einer Trennung erst einmal an seinem Selbstwert arbeitet und respektvoll Grenzen akzeptiert.

Die Ambivalenz ist es, die den Song interessant macht, die viele Hörer andocken lässt. Weil man tief in sich das Gefühl kennt, nicht loslassen zu können, aus dem Hintergrund zu beobachten – wohl wissend, dass das nicht okay ist.

Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass junge Menschen Texte hinterfragen. Das ist völlig legitim. Das Problem ist dieser seltsame Reflex, Kunst moralisch abzuklopfen, als wäre sie keine Diskussionsgrundlage, sondern ein Geständnis des Künstlers.

Ein Lied darf offenbar nicht mehr beschreiben, wie Menschen fühlen, wenn diese Gefühle toxisch, hässlich oder unbequem sind. Kunst soll heute zunehmend nicht mehr reflektieren, sondern moralisieren. Sie soll korrekte Haltung transportieren.

Dabei waren die interessantesten Figuren der Kulturgeschichte immer kaputt, obsessiv, fehlerhaft oder komplett wahnsinnig. Ohne Eifersucht kein Othello. Ohne Hybris kein Faust. Ohne moralische Verwahrlosung kein CLOCKWORK ORANGE. James Bond trägt kein Kondom, aber Django hat eine Monatskarte. Isso.

Und ohne problematische Männer gäbe es 84 Prozent der Popmusik nicht.

Man stelle sich den kulturpädagogisch bereinigten Ersatz vor:

"Every breath you take
I will fully respect your emotional autonomy."

Das ist kein Song. Das ist eine verbindliche Absichtserklärung.

Dabei lasse ich mal außen vor, dass auch die Popmusik aus weiblicher Perspektive einen Haufen Leichen im Keller hat. Oder dass man unter diesem Gesichtspunkt Peter Maffays Klassiker "Und es war Sommer" unter umgekehrten Vorzeichen kritisieren könnte – nämlich als sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen.

Selbst in Sachen Stalking hätte man locker auf einen deutschen Klassiker zurückgreifen können, der schon 1977 Augenbrauen in die Höhe zwang:

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Retrospektiv ist der Song übrigens außerordentlich interessant, weil er beide Perspektiven präsentiert: der Mann, der eher aus Langeweile und Melancholie eine junge Frau beobachtet, und die Frau, die sich davon belästigt fühlt. DAS wäre mal eine Analyse an den Gymnasien des Landes wert!

Aber man will nicht mehr verstehen, warum Kunst unangenehm ist, warum sie es sein muss. Man möchte sie umschreiben, bis sie niemanden mehr verstört.

Wenn ich dazu mal Hauck & Bauer heranziehen darf:

Es ist das Äquivalent zu diesen permanenten Winnetou-Neuauflagen, bei denen man alle paar Jahre den Romanen immer mehr Zähne zieht, damit die Twitter-Sphäre bloß keine Schnappatmung bekommt. Und dann wundert man sich, dass der Apache müde sabbert.

So verlieren Werke ihre historische Wahrheit. Vergangenheit war nicht sauber. Menschen waren nicht sauber. Beziehungen waren nicht sauber. Kunst schon gar nicht. Das. Muss. So. Sein.

Wenn wir anfangen, ältere Werke permanent mit der Moral-Schablone der Gegenwart zu überpinseln, lernen wir nichts mehr über frühere Denkweisen, Sehnsüchte oder Abgründe. Wir sehen dann nur noch uns selbst – geschniegelt im moralischen Ganzkörperspiegel der Gegenwart. Und das ist letztlich viel langweiliger als ein obsessiver Stalker-Song aus den Achtzigern.

Bringen wir es auf den Punkt: Wer die Vergangenheit ignoriert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Aber wer sie durch nachträgliche Anpassungen unsichtbar macht, ist schuld daran, dass wir aus ihr nicht mehr lernen können.

Aber nicht mit mir. I’ll be watching you.

* Disclaimer: Es ist völlig legitim, gegen Sting und The Police zu pöbeln. Wenn man in einem Alter ist, in dem man weiß, wer Sting und The Police waren.



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26 Kommentare
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Marcus
10. Juni, 2026 10:03

Spielt denen bloß nie "Sex Type Thing" von den Stone Temple Pilots vor, das überleben die nicht. 🤣

Stefan
10. Juni, 2026 11:08

Volle Zustimmung zu allem. Außer der "Twitter-Sphäre". Der dortige Mob würde wohl eher direkt zur Abschiebung der Mädchen aufrufen oder zu .. Dingen, die ich hier jetzt nicht schreiben kann.
Was ist ein Künstler, was ist ein Werk, was ist Sozialkritik, Satire oder Biographie? Es scheint zunehmend an Differenzierungsvermögen und Kunstverständnis zu mangeln, auf allen Seiten.

10. Juni, 2026 11:28

Als Metalhörer kenn ich das Problem seit meiner Jugend. Nein, "Stirb lächelnd" von "Eisregen" ist keine Aufforderung zum Amoklauf, genauso wenig wie "Kill Your Mother Rape Your Dog" von "Dying Fetus" Leute auf komische Ideen bringen soll. It’s just Entertainment. Aber hey, wäre sicher amüsant, wenn auch diese Songs mal von Schülerinnen umgedichtet werden würden…

Mike
10. Juni, 2026 11:56

„Wenn wir anfangen, ältere Werke permanent mit der Moral-Schablone der Gegenwart zu überpinseln, lernen wir nichts mehr über frühere Denkweisen, Sehnsüchte oder Abgründe. Wir sehen dann nur noch uns selbst – geschniegelt im moralischen Ganzkörperspiegel der Gegenwart.“

Sehr gut beschrieben, danke.

Noch schlimmer wird es, wenn man bedenkt, dass die „Moral-Schablone der Gegenwart“ ja ebenfalls ständig verändert und immer wieder angepasst wird.

Denkt man das Ganze konsequent weiter, dann bleibt von den Werken der kulturellen Menschheits-Geschichte nach ein paar Generationen wohl nicht mehr viel übrig, außer völlig abgestumpfter Einheitsbrei, während der Kern des Werks in George Orwells Memory Hole verschwindet.

Wenn wir anfangen alles umzuschreiben, um gegenwärtige politische / moralische / gesellschaftliche Denkweisen zu stützen, dann machen wir wohl ein problematisches Fass auf.

Auch wenn der Anlass deines Artikels nur ein kleiner war, so läuft das Thema ja inzwischen auf so vielen Ebenen, dass es übergeordnet eben doch wichtig ist.
Deshalb noch mal danke.

Andy
10. Juni, 2026 14:36

Wahrscheinlich arbeitet sich diese Generation demnächst an "Last Christmas" ab und erkennt, das dort eine toxische Frau rumhurt und einen jungen Kerl an Weihnachten sitzen lässt…

Nikolai
10. Juni, 2026 15:14
Reply to  Torsten Dewi

Wer kann singen obwohl er ein Herz gespendet hat? Natürlich jemand mit zwei Herzen.

Es handelt sich um ein Lied über Timelords

Klar Sache.

Serienfan
11. Juni, 2026 09:21
Reply to  Andy

So abwegig ist das nicht, dem Song "Baby, It’s Cold Outside" werden inzwischen "Rape-Lyrics" unterstellt.

Folgende Sequenz wird heutzutage gar nicht mehr im Original gebracht:

I really can’t stay (But baby it’s cold outside)
I’ve got to away (But baby it’s cold outside)
This evening has been (Been hoping that you’d drop in)
So very nice (I’ll hold your hands, they’re just like ice)

Dass das Original so gesungen wurde, dass mehr als offensichtlich ist, dass die Frau zum Bleiben überredet werden möchte, wird heutzutage komplett ausgeblendet.

Hairy Ass Truman
11. Juni, 2026 13:46
Reply to  Torsten Dewi

Aber ein amüsantes Wasserglas, brachte es uns doch diesen schönen Vergleich zwischen Dean Martin und Megan The Stalion https://www.youtube.com/watch?v=KCF_SWTiRCc

Magineer
10. Juni, 2026 15:20

Im nächsten Schuljahr kommt dann "Smooth Criminal" dran. 😀

10. Juni, 2026 17:03

Töfte!

Daniel
10. Juni, 2026 20:13

Han shot first

11. Juni, 2026 12:45

Man sollte auch nicht vergessen, dass Text und Überschrift nicht auf dem Mist der Mädchen gewachsen sind.
Die strahlen stolz, weil man Mädchen und Frauen immer auffoirdert breit zu lächeln, und weil sie das ganze auf ihre Instrumente umgebaut haben.
Wie war denn der Versuchsaufbau?
Evtl. gab die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises die Musik vor (man muss ja vergleichen können, ne woahr, außerdem muss es Musik sein, die das zuständige Gremium kennt), und die Mädel haben dann ihre Interpretationsroutine LK Deutsch drüber laufen lassen.
Keine Pointe.
Ansonsten würden Jugendliche Musik wählen, die sie selbst hören. Da gibbets ja auch noch etliches.

Walter K. aus H.
11. Juni, 2026 22:27

Was soll denn der Klimbim mit Djangos Monatskarte?

Lothar
14. Juni, 2026 13:12

Auf die zwei Schülerinnen einzutreten, weil sie eine Textanalyse auf etwas gemacht haben, was andere schon hunderte male davor gemacht haben und dabei auf ein Ergebnis kommen, auf das schon andere kamen, ist doch eigentlich komplett unnötig. Die sind in der Schule und arbeiten sich in Richtung Abitur und nicht an der Uni, um einen Doktortitel zu erlangen. Entsprechend ist auch das Umtexten als Teil der Analysearbeit nichts Weltbewegendes, nicht mal was Neues. Haben wir damals auch schon gemacht.

Wer mal auf Zurechnungsfähigkeit überprüft werden sollte, sind die ganzen Leute um die beiden Schülerinnen drumherum, die meinen, dass das etwas sei, das in einer Zeitung auftauchen sollte. Ebenso die Leute bei einer Zeitung, die meinen, dass das etwas sei, das Relevanz für einen Bericht in einer Zeitung hat.

Matthias U.
17. Juni, 2026 12:23

Ich stimme dir im Großen und Ganzen zu, jedoch

"als sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen"

… äh, wie oder was bitte? Sex ist hierzulande ab 16 erlaubt, und von Missbrauch sehe ich in Maffays Text ehrlich gesagt weit und breit nix.

Thomas Nez
22. Juni, 2026 17:18

Darf ich hier mit etwas Verspätung auch noch etwas unterbringen:

Dass es die Intention des Songs darin besteht, dass die Hauptfigur nicht ganz zimmerrein ist, sollte spätestens dann klar werden, wenn das Lied immer wieder plötzlich einen Halbton tiefer geht, wodurch die Atmosphäre augenblicklich bedrohlich wird und man sich sofort unwohl fühlt…