04
Feb 2021

Operation Wortvogel: The Return

Themen: Neues |

Wo waren wir? Krankenhaus, richtig. Mein Frau lieferte mich Montag pünktlich ab, mir wurde ein Zimmer zugewiesen (nicht dolle, aber ich habe auf Reportagereisen in Hotels schon schlechter gewohnt), und dann hieß es warten.

Nach anderthalb Stunden kam eine Schwester, ich zog mir das OP-Leibchen über und die Schluppen. Wahrlich, es ist kein würdiger Gang durch das Krankenhaus, kaum bekleidet und mit einem Umschlag voller Krankenakten in der Hand.

Wenigstens ist anhand des EKG beweisbar, dass der Wortvogel ein Herz hat:

Der OP-Tisch war unter dem Einmal-Tuch mit einer Art Gel-Polster überzogen. Da liegt man durchaus angenehm. Ich bat den Narkosearzt, kein großes Tamtam zu machen, da meine Spritzenphobie kein größeres Interesse an den Details der Betäubung zulässt. Er plauderte nett mit mir, irgendwann spürte ich auf der anderen Seite einen kleinen Stich – die Schwester legte den Zugang statt in die Hand in die Armbeuge.

Kaum drei Minuten, nachdem ich mich hingelegt hatte, meinte der Narkosearzt: "So, jetzt dürften Sie gleich die Medikamente spüren."

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Narkose weiterentwickelt hat. Die paar Male, die ich als Kind und Jugendlicher im Krankenhaus zugebracht hatte, waren das medikamentöse Holzhämmer gewesen, die einem über den Schädel gezogen wurden. Koma gefolgt von langsamer Rückkehr ins Leben im Wachraum.

Im Jahr 2021 sagte ich noch "Wow, da kommt’s", dann war ich weg. Und nach einer nicht wahrgenommenen Zeitspanne hörte ich die Schwester "da sind Sie ja schon wieder" sagen. Es waren kaum zwei Stunden vergangen. Ich war praktisch augenblicklich in der Lage, mich nach meinem Zustand zu erkundigen und zu erzählen, dass ich mal einen ZDF-Zweiteiler über die erste approbierte Ärztin Deutschlands geschrieben hatte (man schreibe das der Narkose zu). Auf meine Frage, wann ich in den Wachraum käme, lächelte die Schwester vermutlich (Maskenpflicht): "Da sind Sie bereits – wir bringen Sie nun auf Ihr Zimmer."

Dort angekommen, schnappte ich mir erstmal mein Handy, um bei Facebook auch fotografisch Vollzug vermelden zu können:

Ich unterstelle mal, dass ich noch prima auf Drogen war. Ich spürte relativ wenig, auch wenn meine Nasen-Innenräume offensichtlich ein Schlachtfeld waren: Rotz, Blut, Fäden, Gummischläuche. Der Doktor hatte sich ja wahrlich ausgetobt. Die OP war wohl gut verlaufen. Allerdings war zu erkennen, dass der Linksdrall meiner Nase keinen Schaden genommen hatte. Damit muss ich weiterhin leben.

Ich schlief noch ein Stündchen, was sich als problematisch gestaltete, denn die ramponierte Nase fühlte sich ebenso wie ein Fremdkörper an wie die Fremdkörper in der ramponierten Nase. Keine wirklichen Schmerzen, aber man merkt, dass da Sachen drin sind, die nicht rein gehören.

Zum Abend gab es dann erstmals Speisung und ich hätte es mir für eine Klischee-Komödie nicht besser ausdenken können:

Ich bin nicht auf dem Laufenden, was den Standard in deutschen Krankenhäusern angeht, aber ich bin schon ein wenig überrascht, dass das, was ich als Privatpatient bekomme, ungefähr dem entspricht, was ich für Kassenpatienten als Mindestmaß ansehe. Das hier sollte doch wohl der Normalfall sein. Weniger wäre Hundefutter.

Ich kann mich auch erinnern, wie horrend ich als Kind Klinikaufenthalte empfand, weil ich so unfassbar schnell einen Lagerkoller bekam. Alle Comics waren irgendwann gelesen, alle Brettspiele ausprobiert, alle Schokoriegel gegessen. Heute ist das Gottseidank anders. Man hat Smartphone, Tablet und Laptop dabei, es gibt gutes WLAN, man kann mit der Außenwelt in Kontakt bleiben, die Festplatte sortieren und ein paar liegen gebliebene Filme nachholen.

Dennoch nervte es nach einer Weile. Ich entließ mich selber für eine Stunde, um durch Bogenhausen zu spazieren, saß vor dem Prinzregententheater in der Sonne und trank einen Kaffee – denn auch der Kaffee in der Klinik entsprach jedem Klischee von Krankenhauskost.

Ich wollte heim. Betreuung brauchte ich ja keine und weitere Untersuchungen standen auch nicht an. Aber man bestand darauf, dass ich mindestens zwei Nächte bleiben müsse. Die Nächte waren besonders übel. Nicht wegen der Schmerzen – wegen der Fremdkörper in der Nase. Sie verhinderten nicht nur die freie Atmung, sondern auch den ruhigen Schlaf durch ihre permanente Präsenz. Stellt euch das vor wie bei Michael Palin in EIN FISCH NAMENS WANDA:

Niemand schläft gut mit Pommes in der Nase.

Wenigstens war das Leiden zeitlich beschränkt: Am Mittwoch Morgen kam der HNO-Spezialist vorbei und holte die "Pommes" aus meiner Nase:

Danach wurde ich entlassen – mit Bübchen-Creme und dem Rat, die nächsten zwei Wochen nicht zu schneuzen. Die restlichen Fäden werden sich von selber auflösen und je mehr die Schwellungen zurück gehen, desto besser werde ich dann atmen können.

Und was hat’s gebracht? Ich kann jetzt schon mit geschwollener Nase besser atmen als vorher. Dem Bericht zufolge hat man einen echten Monsterkanal zu meinen Nebenhöhlen gebohrt. Nasenscheidewand ist nun auch gerade wie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Nasenmuschel ist verkleinert. Dürfte also alles passen.

Ob ich weniger schnarche? Laut Aussage der LvA war es heute nacht sogar noch schlimmer als vorher – aber das mögen die Folgen der OP sein. Wenn nichts hilft, ist danach eine radikale Diät dran. Letzte Möglichkeit: eine weitere OP am Gaumenlappen. Ich werde nicht als Schnarcher sterben. Das ist mein Schwur.

Momentan zählt aber: der Weg ist frei.

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comicfreak
comicfreak
4. Februar, 2021 10:53

Stirbst du nicht eher wegen des Schnarchens denn als Schnarcher? Zumindest wenn du nicht alleine lebst?

Comicfreak
Comicfreak
4. Februar, 2021 12:16
Reply to  Torsten Dewi

Ich wollte einen Scherz über durch Schlaflosigkeit zur Aggression getriebene Partner andeuten

Dietmar
6. Februar, 2021 00:37
Reply to  Torsten Dewi

Scherze? *duckundwech*

comicfreak
comicfreak
4. Februar, 2021 10:55

PS: ich bin froh, dass der Jenifer-Grey-Effekt hier nicht eingetreten ist

Bärbel
Bärbel
5. Februar, 2021 16:11
Reply to  comicfreak

ich hab gestern erst wieder die friends-folge geschaut, in der sie die alte rachel-freundin/brautjungfer mindy spielt. zwei stunden später beim surfen in der imdb traf mich der schlag (schon wieder, bestimmt das 3. mal nur im zusammenhang mit dieser einen folge…)

Andre
Andre
4. Februar, 2021 12:58

Zur Geschwindigkeit mit der die Narkose einschlägt kann ich als viel-zu-oft-Operierter was sagen: Ich hatte so eine Hammer-Narkose zuletzt 2008. Da hatte ich das Gefühl von Freiem Fall, während die Narkose losging, und ich konnte mich nicht mehr festhalten. Bei der nächsten OP 2010 hab ich beim Vorgespräch mit dem Anästhesisten darum gebeten, dass die OP-Einleitung langsamer verabreicht werden möge. Das hat dann auch gewirkt und ich bin langsam in den Schwummer versickert. Mal davon abgesehen, dass ich im Aufwachraum dann noch der Uhrzeit fragen konnte, angeblich mehrfach, bevor ich mir die Zeit gemerkt habe.

TL;DR: Propofol (erkennt man am komischen Geruch in der Nase) kann man langsam verabreichen, dann ist die Narkose weniger schlimm.

Nulpe
Nulpe
4. Februar, 2021 12:59

Jäch, danke für die roten Nasenpommes, war grad am Essen.
Gute weitere Genesung wünsche ich dir.

Matts
Matts
4. Februar, 2021 16:35

Schön zu hören, dass alles gut gegangen ist. Und weiterhin Gute Besserung!

Harry
Harry
4. Februar, 2021 22:09

Gaumensegel/ Gaumenlappen/Zäpfchen doch hoffentlich nicht entfernen lassen? Hatte einen Kumpel und Dem brachte es gar nichts! Hingegen kann man den Gaumen durch eine op ( Radiofrequenz ?) straffen. Da gab es einmal eine Reportage darüber im Fernsehen. Soweit ich in Erinnerung habe war die Erfolgsquote 90-95%.Aber ist schon so lange her das ich es gesehen habe. Aber "Berliner Charité, warnt vor den Eingriffen und sieht Risiken. Das Magazin "Focus" zitiert: "Manipulationen am Gaumensegel können jedoch das Risiko bergen, dass man danach nicht mehr richtig schlucken kann" Weiterhin alles gute.

comicfreak
comicfreak
5. Februar, 2021 09:32
Reply to  Harry

Danke für die Info