08
Jul 2020

No way out: Ein neuer Anfang

Themen: Neues |

Gestern lief mir auf Facebook dieses Bild über den Weg:

Ich erinnere mich auch an eine humorige Version der Frage in Form eines Cartoons aus den 80ern. Ein typischer deutscher Spießbürger steht in Schlafanzug und Schluppen am Zigarettenautomaten vor seinem Mietshaus: "Einen Moment lang dachte er daran, einfach abzuhauen."

Oder um es mit Udo Jürgens zu singen:

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Auf jeden Fall dachte ich über das Facebook-Bild dann doch eine Weile nach. Abhauen? Ein neues Leben anfangen? Nicht einfach umziehen und den Job schmeißen, sondern gleich die Identität wechseln und alles hinter mir lassen? Dorthin  gehen, wo mich niemand kennt und wo niemand etwas von mir will?

Ich gestehe: ich habe drüber nachgedacht. Früher, in der Zeit vor der LvA. Damals, als ich teilweise monatelang die Post nicht aufgemacht habe, das Finanzamt drohte, sich Kisten mit Kram in den Ecken meiner Zimmer stapelten und die Renovierung meines Hauses immer unaufschiebbarer wurde. Die Freundin war keine Freude, sondern eine Last, jeder administrative Vorgang lähmte mich.

Es war einfach – zu viel. Das Leben zu kompliziert. Alles nur ein Berg von Sachen, die aggressiv abgearbeitet werden wollten. Um es mit Clark Kent zu sagen, der nach seiner ersten Begegnung als Superman mit der gierigen Öffentlichkeit feststellt:

"They all wanted a piece of me, ma."

Ich hatte eine Vorstellung, wie es laufen sollte. Alles zu Geld machen, was sich kurzfristig zu Geld machen lässt. In eine Tasche damit, ein paar Klamotten dazu, dann ein Flugticket nach Mexiko. Von dort aus mit einem gekauften Wagen nach Kanada, vielleicht sogar nach Alaska. So lange auf der Route bei Diner-Restaurants halten, bis irgendwer sagt, dass man einen Helfer brauchen könne. Vielleicht ein Zimmer über der Bar. Nicht viel Geld. Aber ein Zimmer. Essen. Und sonst – nichts.

Ein Leben ohne Pflichten über den Tag hinaus. Holz hacken. Vom Großhändler Zutaten abholen. Die Bar sauber halten. Aushelfen, wenn es voll wird.

Keine Steuererklärungen mehr, nicht mal ein Briefkasten mit meinem Namen drauf. Keine Akten sortieren, keine Bescheinigungen beibringen, keine toxischen Freunde und keine sozialen Verpflichtungen mehr. Abends mit einem Bier am See sitzen. Vielleicht einen Streuner aufnehmen, der daneben sitzt.

Klar ist das die klassische Fluchtphantasie eines von der Komplexität des Lebens überforderten "urban citizen". Jedes Klischee erfüllt. The american dream. Statt Probleme zu lösen, einfach weglaufen. Neuer Name, neues Spiel – neues Glück?

Heute denke ich nicht mehr so. Ich habe zu viel, das ich nicht mehr aufgeben kann, allen voran die LvA. Kein Leben ohne sie könnte besser sein als das Leben mit ihr. Und die Phase, in der mir alles über des Kopf wuchs, habe ich überwunden. In dem ich erwachsen geworden bin, meinen Kram sortiert habe, Aufgaben nicht mehr liegen lasse. Es stellt sich heraus: es ist gar nicht so schwer. Oder zeitaufwändig.

Geblieben ist der Drang, mein Leben zu vereinfachen, die toxischen Elemente zu minimieren, mir/uns eine Sphäre zu schaffen, in die niemand eindringen kann, die unsere persönliche "bubble" ist, in der wir auf der Terrasse sitzen und bei Cocktails mit zwei Katzen dem Sonnenuntergang zuschauen.

"Ich habe eigentlich immer 1000 Sachen zu erledigen" – das ist ein Satz, den man von mir heute nicht mehr hört. Es mag eine gewisse Altersträgheit sein, aber ich will das nicht mehr. Ich brauche es nicht mehr.

Seltsam: Als ich angefangen habe, diesen Beitrag zu schreibe, dachte ich noch, dass die Quintessenz sein würde, dass ich kein neues Leben mehr anfangen will, dass diese Phantastereien eines jüngeren Torsten sich erledigt haben. Aber wenn ich mir diesen jüngeren Torsten auf Fotos anschaue, dann ist er weit weg und mir wird klar: ich habe längst ein neues Leben angefangen. Ich habe das, was mich belastet, hinter mir gelassen und nur behalten, was sich bewährt hat.

Und so mag auch die Erkenntnis vor Kitsch triefen: ein neues Leben beginnt man nicht mit einem Flugticket, sondern im Kopf. Wenn du es wirklich willst, musst du es nicht suchen – es kommt zu dir.

Wie sieht’s bei euch aus? Hattet ihr, habt ihr manchmal des Gefühl oder den Drang, "einfach abzuhauen"? Durch San Francisco gehen in zerrissenen Jeans? Tom statt Torsten heißen, Mandy statt Manuela? Alles mit einem Bündel Dollarscheinen aus der Hosentasche bezahlen?

Was müsstet ihr dafür aufgeben? Was würdet ihr dafür aufgeben?

Würde mich interessieren.



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Thorben
8. Juli, 2020 18:20

Meine Scheidung vor etwas über 10 Jahren war der Moment in dem ich neu anfangen „musste“. Ein weiter so gab es nicht mehr. Scheidung, Schulden, Scheißjob,, keine Wohnung. Alles auf Null.

Und es gehört zu dem besten, was wir je passiert ist. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber ich bin da wo ich immer schon sein wollte – es geht mir besser als je zuvor – mit Frau und Kindern, ohne die ich nicht mehr leben möchte. Einem Job der mich erfüllt und wenigen Sorgen drum herum. Auch weil ich mich von „toxischen“ Freunden und Themen getrennt habe und mich auf das konzentriere, was mich glücklich macht.

Dietmar
8. Juli, 2020 20:00
Reply to  Thorben

Die Trennung von toxischen Personen ist das Wichtigste, was man tun kann! Das meine ich ganz ehrlich.

Dietmar
8. Juli, 2020 19:32

"Kein Leben ohne sie könnte besser sein als das Leben mit ihr."

Das, also das da, das ist schön!

Dietmar
8. Juli, 2020 19:58

Deine Frage kann ich konkret beantworten: Ich habe im Juli 2018 meinen Lebenstraum aufgegeben und meinen Betrieb endgültig abgeschlossen; ein bisschen wie Paddy. Und wie Du würde ich das Leben mit meiner Familie nie aufgeben wollen und können. In vielem, was Du schreibst, erkenne ich mich wieder. Ich brauche es auch nicht mehr, mich bis zum buchstäblichen Umfallen aufzureiben. Ich habe akzeptiert, dass ein Durchbruch nicht kommen wird, egal, wie viel Arbeit ich noch reinstecke. Das hat meinen Einsatzeifer gekillt.

Es ist eigenartig, wenn man etwas aufgibt, von dem man meint, dass es einen seit der Kindheit im Kern ausgemacht hat. Ich habe seit fast einem Jahr nicht mehr konzentriert über Stunden, was früher absolut normal war, an einem der Instrumente gesessen. Ich war auf keinen Sitzungen mit profilneurotischen Auseinandersetzungen. Ich habe seit letztem Sommer nicht eine einzige 60-Stunden-Woche mehr gehabt, was früher normal war. Ich gebe nur noch selten Konzerte, als Solist schon lange nicht mehr, und Gigs mache ich auch nicht mehr. Die Wochenenden sind also in der Regel frei.

Stattdessen arbeite ich absolut normal, bin über Stunden bei meiner Mutter zur Betreuung, pflanze und säe auf unserem Grundstück, mache wieder so regelmäßig und intensiv Sport wie vor dem Studium und plane die Bad-Renovierung. Und ich merke jetzt erst so richtig, wie sehr ich an mir Raubbau betrieben habe. Wenn mein berufliches Tages- oder Wochensoll erfüllt ist, kann ich es immer noch nicht fassen, wie viel Zeit ich dann noch für mich habe. Endlich bleibt auch mal ein bisschen Geld über, das ich, abgesehen von den noch laufenden Abzahlungen des Betriebskredits, zur Verfügung habe.

Ich bin in Normalität versunken. Ich verbiete mir, mit Wehmut dem Scheitern nachzutrauern.

Keine Ahnung, was von meinem Solorepertoire überhaupt noch laufen könnte. Ich habe noch nie so lange, abgesehen von einer schweren Verletzung und Rekonvaleszenz vor einigen Jahrzehnten, nicht ernsthaft geübt. Ich wage fast nicht, mich wieder an die Instrumente zu setzen, weil ich Angst vor meinem Ehrgeiz habe, der mich wieder zum unbedingten Einsatz zwingen könnte, und davor, dass mich Enttäuschung niederschmettern könnte.

Last edited 4 Monate zuvor by Dietmar
Gerrit
Gerrit
9. Juli, 2020 02:41

Been there, done that. Ich wollte für einige Monate, wenn möglich Jahre, in einem Ashram verweilen. 2 Mahlzeiten täglich-wäre gegangen. Früh aufstehen (für mich ist alles vor 10 früh) – schwierig, aber machbar. Im Schnitt 2 Stunden Yoga pro Tag-klar gerne. Getrennt von der Frau, die ich 2Jahre zuvor geheiratet hatte, leben – "was soll das, bissu doof ? "frug ich mich nach wenigen Tagen. Zurück nach Bremen suchte ich mir neue Jobs und blieb parallel in dem Betrieb, in dem ich vor der Auszeit war, mit reduzierten Stunden. Vier Jahre lang. Dann schiss mein Kollege dem Boss auf den Schreibtisch, knallte die Tür, und ich wollte nur eine Banalität klären und wurde plötzlich Stellvertreter.

Matts
Matts
14. Juli, 2020 14:59

Wirklich eine sehr gute Frage. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, wo ich das wohl theoretisch tun könnte. Einfach alles über Bord werfen und nach Feuerland fliegen, oder so. Denn es gibt nicht wirklich etwas, dass mich fest bindet.
Andererseits ist es nicht der Fall, das mir einfach alles über Kopf wächst, oder alles furchtbar ist. Deshalb sehe ich nicht wirklich einen Grund, es zu tun. Außerdem bin ich faul.
Ich bin noch auf der Suche nach der einen Person, mit der ich alt werden möchte. Aber sehe nicht, dass ich ans andere Ende der Welt fahren müsste, um sie zu finden.