Es ist kein Geheimnis und ich hatte es vor ein paar Tagen erst wieder im Nebensatz erwähnt – nichts ist unzuverlässiger als der Blick in die Glaskugel, sei er nun wissenschaftlich oder medial fundiert. Dabei ist es egal, ob man 1000, 100 oder 10 Jahre in die Zukunft schaut. Es ist egal, ob man über die großen politischen Strömungen sinniert oder banale technische Fortschritte – in den 80ern konnten sich selbst "Zukunftsforscher" den Zusammenbruch der Sowjetunion ebenso wenig vorstellen konnten wie die Tech-Experten die Erfindung des iPhones Anfang der 2000er. Wir sind notorisch schlecht in der Extrapolation – oder vielleicht ist die Möglichkeit der Extrapolation auch nur Illusion.

Gerade in den 70ern, als man – Club of Rome, Hoimar von Ditfurth, Smog – den Untergang besonders greifbar wähnte, versuchte sich das (extrem linksliberale) Fernsehen an einigen Utopien, wie wir wohl im Jahr 2000 und darüber hinaus leben werden. Nicht Science Fiction, nicht Science Fact – vielleicht Speculative Fiction.

Ein Klassiker ist die positiv gemeinte, aber letztlich doch erschreckend trostlose "Dokumentation" mit dem Titel RICHTUNG 2000 aus dem Jahr 1972:

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Hier sieht man schon: in ein paar Details gar nicht schlecht gemutmaßt, insgesamt aber ein Weltbild, das der Wirklichkeit von 2000 oder gar 2020 so gar nicht nahe kommt. Als Beispiel sei nur die abstruse Idee herausgegriffen, man könne Umweltverschmutzung einfach per Gesetz verbieten. Kein Wunder, dass die TITANIC das ein paar Jahre als Satire umgesetzt hat:

Aber wenigstens übt sich RICHTUNG 2000 nicht in Schwarzmalerei, sondern wägt – zumindest im fiktionalen ersten Teil – Segen und Fluch der modernen Technik relativ neutral gegeneinander ab.

Kürzlich stieß ich bei der Sichtung des spannenden Oeuvres von Eberhard Itzenplitz auf ein weiteres Kleinod dieser Zeit. Unter dem Namen TELEROP 2009 – ES IST NOCH WAS ZU RETTEN wurde 1974 in 13 Folgen das komplexe Bild einer von Raubbau und Überbevölkerung ausgelaugten Erde skizziert, die in ihrer seltsamen Spießigkeit den Untergang kommen sieht, ohne sich der verursachenden Mechanismen zu entledigen.

Erfreulicherweise kann man sich die komplette Staffel auf YouTube anschauen:

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Sehr schnell offensichtlich: Das ist nicht die Welt von 2009. Es ist das Jahr 1974, dem prognostizierte Entwicklungen aus Studien und von Forschern aufgepfropft wurden. Man kann vielleicht Peak Oil vorhersagen oder die Entwicklung der Alterspyramide – dem aktuellen Zeitgeist zu entfliehen ist hingegen praktisch unmöglich. Geht der Blick auch nach vorn, ist der Blickwinkel doch immer die Gegenwart. Das altert diese Form von spekulativer Dokumentation auch so brutal – nicht anders als die Welt von 1997 in DIE KLAPPERSCHLANGE oder Kubricks Vision von 2001.

Auffällig ist vor allem, dass diese Sendungen immer mit der Steigerung unserer aktuellen Probleme keine Schwierigkeiten hatten, sich aber mit der Steigerung unserer aktuellen technischen Möglichkeiten schwer taten. Man überzeichnet Fragen zu Katastrophen, lässt aber die Antworten völlig außer Acht. Als wäre der Mensch nicht in der Lage, den Kurs zu wechseln, sich zu beschränken, gemachte Fehler zu korrigieren. DAS ist die Einbahnstraße der Denke der 70er, der selbst große Theoretiker wie Ditfurth nicht entkommen konnten. Sie ist die Umkehr der Technikgläubigkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als man noch überzeugt war, jede Not und jedes Elend ließen sich mit summenden Elektronenhirnen und blinkenden Knöpfen eliminieren.

Aber gerade weil diese Sendungen aus den 70ern, zu denen ich auch spekulative Filme wie SMOG und DIE HAMBURGER KRANKHEIT zähle, so augenscheinlich daneben lagen (und das nicht erst in der Rückschau), finde ich sie sehr lebensbejahend: sie zeigen, dass wir in den letzten 50 Jahren nicht alles falsch gemacht haben, dass die Furcht vor Atomtod und Waldsterben, die uns in den 80ern so lähmte, weitgehend unbegründet war. Der Mensch mag sich vor der Zukunft fürchten, weil sie "das unentdeckte Land" ist, aber wenn wir die Erwartungen der Vergangenheit als Maßstab nehmen, dann gilt das, was der Mann, der vom Hochhaus fiel, zwei Meter vor dem Aufschlag sagte:

Bis hierher ging’s gut.

Und davon abgesehen: wer behauptet eigentlich immer, es hätte im Nachkriegs-Deutschland einen Mangel an interessanter Science Fiction gegeben?!



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Dietmar
13. April, 2020 19:25

Auffällig ist vor allem, dass diese Sendungen immer mit der Steigerung unserer aktuellen Probleme keine Schwierigkeiten hatten

Wenn es nicht um reine Unterhaltung geht ("Zurück in die Zukunft" oder ähnliches), ist es in meinen Augen auch das Gute an Science Fiction: Aktuelle Entwicklungen auf eine vermeintliche Zukunft zu übertragen und damit zu verdeutlichen.

Als ich Kind war, war ich mir ganz sicher, dass ich mit Dreißig wahrscheinlich irgendwie im Weltall arbeiten würde und vielleicht auf dem Mars wohnen. Als dann die Space Shuttles kamen, war mir klar, die Eroberung des Weltalls beginnt. Dann ging alles viel langsamer als erwartet und es kam die Challenger-Katastrophe. Als junger Erwachsener dachte ich, diese tragbaren Computer-Bildschirme in "The Next Generation" werden doch nie wirklich möglich sein. Wie soll man das alles, was einen Computer ausmacht, in so einem Bildschirm unterbringen? Jetzt benutze ich so etwas täglich.

Eigentlich unfassbar ist auch, dass meine Mutter als Kind kein Auto gesehen hatte. Pferd und Wagen. Sense und Pflug. Ein Fahrrad war High-Tech. Sie schüttelt nur den Kopf, was es alles gibt. Einen Sinn in solchen Geräten sieht sie nicht wirklich. Das ewige Gedaddel ihres jüngsten Enkels am Handy oder wer weiß, was der da immer mitschleppt (ich begegne ihm kaum, und sie kann es nicht beschreiben), ist für sie vollkommen unnötig, unverständlich und albern. Ich bezweifele, dass ich so alt werde wie sie heute ist. Aber ich wäre schon gespannt zu sehen, was fast ein Jahrhundert nach meiner Geburt möglich ist.

dann gilt das, was der Mann, der vom Hochhaus fiel, zwei Meter vor dem Aufschlag sagte:

Bis hierher ging’s gut.

Das sagt Steve McQueen in die "Glorreichen Sieben" dem alten Mann des Dorfes. Habe ich aus sentimentalen Gründen mit größtem Vergnügen vorletzte Woche geguckt.

Andreas
Andreas
13. April, 2020 20:32

Es war irgendwann zwischen 1988-90 als ich mit meiner Klasse in einem Computerraum der Schule stand und unser Lehrer sagte: Was ihr hier seht ist die spitze der Technik, besser kleiner und stärker ginge rein physikalisch nicht. Der Raum war mit Macintosh II ausgestattet wenn ich nicht irre.

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