Ich erzähle die Geschichte seit Jahren: Die Briten haben einfach das bessere Fernsehen, besonders um die Weihnachtszeit. Auch dieses Jahr ist wahrlich nicht arm an Highlights: ein neuer Hercule Poirot-Film mit John Malkovich, eine werkgetreue Adaption von „Krieg der Welten“, neue Folgen von „Luther“, eine Live-Episode von „Not going out“, ein Gruselfilm von Mark Gatiss, diverse Weihnachts-Specials beliebter Serien und eine Sackladung an Back-Wettbewerben, Game-Shows und Rückblicken.

Bisher haben die LvA und ich das immer so gehalten, dass wir uns (auf Wegen) die wichtigsten Produktionen am Folgetag aus dem Internet gezogen haben. Ohne schlechtes Gewissen – ich halte das nicht für Raubkopiererei und vor Ort hätten wir das ja gemütlich vom Hotelbett aus geschaut.

Lieber würden wir das alles natürlich live erleben. Aber die Engländer sind sehr gut darin, ihre Live-Streams nach außen aus lizenzrechtlichen Gründen abzuschotten. Man muss sich schon in sehr graue Bereiche begeben, um BBC & Co. oft nur in grieseliger SD-Qualität auf dem Notebook anschauen zu können. Ist kein Spaß, machen wir nicht.

Die regionalen Restriktionen sind umso ärgerlicher, da die englischen Sender auch noch ziemlich geile Mediatheken haben, in denen man sich tonnenweise Kultserien tutti completti ansehen kann:

Nun trug es sich zu, dass ich 2018 nach zehn Jahren Widerwillen und aus Gründen der Sicherung meiner Privatsphäre einen professionellen VPN-Service installiert habe. NordVPN kostet mich gerade mal 3 Dollar im Monat und sorgt dafür, dass wirklich nur ich selber weiß, von wo aus ich surfe.

Hätte ich früher gewusst, wie einfach so etwas zu installieren und zu benutzen ist, hätte ich das schon viel früher gemacht. Aktuell hilft mir das System, auf US-Presse-Webseiten zu zu greifen, die wegen der DSGVO in Deutschland nicht abrufbar sind.

Nun habe ich mich in den ersten Wochen gar nicht so sehr mit der Frage beschäftigt, was ein VPN eigentlich noch so alles ermöglicht. Eher zufällig kam mir der Gedanke, dass sich damit doch auch die Regionalsperren der englischen und amerikanischen Sender umgehen lassen sollten – Freiheit für alle YouTube-Videos und die BBC!

Nun ist es wie so oft: theoretisch möglich, aber praktisch nicht ganz so einfach. Während US-Medienseiten und YouTube vergleichsweise wenig Probleme bereiten, sind die englischen TV-Sender etwas zickiger. Und ihr wisst, was das bedeutet: wenn man den Wortvogel nicht reinlassen will, klopft er doppelt so laut.

Zuerst einmal stellte ich fest, dass praktische alle britischen TV-Sender zum Gebrauch ihrer Webseiten und Mediatheken ein Login brauchen. Das ist aktuell noch sehr einfach, denn weder die Email-Adresse noch die angegebene Privatadresse werden wirklich geprüft. Ihr könnt eine Adresse im Buckingham Palace angeben, wenn ihr wollt.

Nächste Hürde: Oft gehen die Streams trotz der Umleitung über einen Londoner Server nicht, es gibt eine Fehlermeldung. Erst dachte ich, es läge ein Fehler der Webseite vor, aber es ist mitunter NordVPN, wo es hakt: einfach den Server wechseln (geht per Knopfdruck auf der Weltkarte), schon flutscht es.

Als hartnäckig erwies sich Channel 4, wo u.a. „The Great British Bake Off“ läuft, eine unserer Lieblingssendungen. Obwohl mein Rechner der Webseite mitteilte, dass wir direkt in London sitzen, blieben wir mit dem Verweis auf die falsche Region ausgesperrt. Ich musste ein wenig googlen, um den durchaus cleveren Haken zu finden – die Webseite fragt die Systemzeit meines Rechners ab. Und ich befinde mich ja in einer anderen Zeitzone. Die Lösung liegt auf der Hand: einfach die Systemuhr eine Stunde zurück stellen. Schon steht auch einem Abend mit Channel 4 nichts im Wege.

Nun war ich also dank NordVPN und ein bisschen Tüftelei in der Lage, mir die geliebten britischen Sender live anzuschauen und deren Mediatheken zu nutzen. Im Fall der BBC gibt es sogar noch mehr Bonus: die separate App zum iPlayer ist ein Hammer. Man kann alle Sendungen, die einen interessieren, runterladen. Und dann kann man sie auch anschauen, wenn man offline ist.

Somit stand also dem weihnachtlichen TV-Ausflug ins Königreich nichts mehr entgegen.

Alles gut und schön und angesichts des begrenzten Aufwands auch absolut erfreulich, aber die LvA und ich schauen ja gerne gemeinsam fern. Auf dem großen Fernseher. Ich entwickelte den Ehrgeiz, die britischen TV-Sender auch auf unseren acht Jahre alten Flachmann an der Wand zu bringen. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Nun ist unser LG 42SL9000 nicht gerade üppig ausgestattet, als Smart-TV geht der wahrlich nicht durch. Einzige direkte Verbindung ins Internet: der alte Amazon TV-Stick, den ich vor drei Jahren gekauft und dann mangels anhaltendem Interesse vernachlässigt hatte. Schnell fand ich raus, dass es für den auch eine NordVPN-App gibt und man die BBC iPlayer-App relativ problemlos nach-installieren kann. So sollte es gehen – aber so ging es nicht.

Kurz gesagt: es war nicht stabil. NordVPN macht es einem in der Android-App auf dem Stick sehr schwer, mal eben den Server zu wechseln, ständig stürzt was ab und innerhalb von zwei Stunden war ich nicht einmal in der Lage, mich bei der BBC auch nur stabil einzuloggen. Keine Ahnung, ob der Stick dafür zu alt oder die Software zu inkompatibel ist. Wäre schön gewesen – aber was nicht ist, ist nicht.

Es war dann eher eine Schnapsidee, die ich als nächstes probierte – irgendwo in der Schublade vergraben lag ja noch mein erster Chromecast-Stick von Google, den ich vor mittlerweile viereinhalb Jahren gekauft und dann ebenfalls bald eingemottet hatte. Zwar zweifelte ich daran, dass der überhaupt noch funktionierte, aber Versuch macht bekanntlich kluch. Stick in den Fernseher, WLAN verbinden, aktivieren – System-Update. Das war zu erwarten. Nach drei Jahren in der Schublade musste die Software auf den neusten Stand gebracht werden. Das klappte auch ganz prima und bald begrüßten mich die schönen Wallpaper des Sticks auf dem Fernseher in bester HD-Qualität. Somit stand dieses sehr rudimentäre Netzwerk.

Und nun? Ich las mich nochmal ein, was mit dem Stick überhaupt zu machen war und bereitete mich innerlich auf die Option vor, die neuste Variante des Plömpels zu kaufen, sollte sich mein Chromecast als zu alt herausstellen.

Was soll ich sagen? BBC-Webseite aufrufen, Stream starten, Chromecast-Button im Browser klicken und auf Vollbild stellen – läuft. In HD. Absolut flüssig und synchron in Sachen Video UND Audio. Solange die Bandbreite des heimischen Internet-Anschlusses nicht querschießt, geht das gänzlich ohne Probleme. Wenn ich Downloads aus den Mediatheken per BBC-App anschaue, kann ich auf NordVPN ganz verzichten, dafür wird der Standort nicht noch einmal gecheckt.

Ich war schon ein bisschen baff.

Zusammengefasst: Ich habe mir eine Low Tech-Lösung aus einem VPN-Abo und einem alten Chromestick gebastelt, die es mir erlaubt, die gesammelten englischen TV-Sender und ihre Mediatheken in HD auf den alten heimischen Fernseher zu streamen. Nur selten muss man mal zwischen den Sendungen per Knopfdruck den Server wechseln.

Eine schöne Bescherung.

Ich bin sicher, das geht eleganter und einige von euch werden mir erklären, dass Lösung X oder Workaround Y doch viel besser sind. Aber für das, was ich erreichen wollte, und für den Einsatz, den ich dafür zu erbringen bereit war, ist es für mich die perfekte Lösung. Und ich musste nicht mal neue Hardware zukaufen.

Weihnachten kann kommen.

 



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The Dude
The Dude

Wieso der große Aufwand? BBC, Channel 4, ITV und viele weitere UK-Sender in HD lassen sich doch in Baden Baden ganz einfach via Satellit Astra 28.2° Ost empfangen.

Teleprompter
Teleprompter

Ganz einfach ? Wer zeitgleich auch noch deutsches TV haben will, das über Astra 19.2° kommt, braucht dann noch einen Multifeed / schielenden LNB und DiSEqC-Schalter.

Dietmar

neue Folgen von „Luther“

*sabber* Yippieh!

Petz
Petz

Eine „Period-adaptation“ von War of the Worlds? Klingt ja toll.

nulldev
nulldev

Und wieder hebt Torsten meine Stimmung.

Marco
Marco

Interessant dass das noch funktionert. Wir ™ muessen auch non-US Seher sperren. Und zwar aus Lizenzgruenden. Wenn wir das nicht ordentlich machen, drohen uns Strafgelder und andere Konsequenzen bis hin zum Verlust des Contents. Das ist eigentlich ein konstanter whack-a-mole contest mit staendig neuen VPN IPs und staendigen update der Listen. Aber schlussendlich laesst sich das nicht verhindern und hoffentlich aendern sich langsam die Lizenbedingungen um das alles einfacher, fuer den Kunden bequemer und fuer die Sender finanziell interessanter zu machen. Ich haette gar kein Problem, der BBC Geld zu geben, aber die wollen (eigentlich duerfen) ja nicht!

Nicholas
Nicholas

Die USA und Großbritannien bieten immer einen spannenderen Inhalt, der leider nur für die Einwohner verfügbar ist. Nachdem ich von den Vorteilen eines VPNs erfahren habe, habe ich nie aufgehört, es zu benutzen (meiner ist NordVPN). Mit einem guten VPN können Sie fast jedes Geo-Blocking umgehen. Es ist wie die Eröffnung einer ganz neuen Welt. Ich benutze auch NordVPN, um auf Netflix US zuzugreifen.

oibert
oibert

Leider auch dieses Jahr wieder kein Wipe, weil Charlie Brooker zu beschäftigt mit Black Mirror ist…

Marco
Marco

FYI: Der erste Teil des Hercule Poirot 3 Teilers laeuft heute (morgen und uebermorgen die restlichen Teile), der Mark Gattis Grusel The Dead Room lief wohl Heiligabend und War of the Worlds scheint noch keinen festen Sendetermin zu haben. Zumindest habe ich nichts gefunden