Frankreich 2018. Regie: Quentin Dupieux. Darsteller: Anaïs Demoustier, Benoît Poelvoorde, Grégoire Ludig, Orelsan, John Sehil

Offizielle Synopsis: Auf einem Polizeipräsidium, das in den 70ern steckengeblieben zu sein scheint, meldet der scheinbar arglose Fugain einen Toten, den er auf der Straße gefunden hat, woraufhin er die Nacht über vom undurchsichtigen Kommissar Buron vernommen wird.

Kritik: Ihr wisst, dass ich immer „frisch“ ins Kino gehe, um dem Film unvorbelastet eine faire Chance zu geben. Das klappt natürlich nicht immer. Wenn ich die Beteiligten kenne und keine hohe Meinung von ihnen habe, ist es eine tatsächliche Anstrengung, nicht mental die Arme vor der Brust zu verschränken und die Stirn zu kräuseln. Erfreulicherweise gibt es immer wieder Filme, die mich überzeugen, dass auch bis dato enttäuschende Regisseure ihre lichten Momente haben können – siehe Xavier Gens, der mich erst kürzlich mit dem extrem gelungenen „Cold Skin“ überraschte.

Und damit kommen wir zu Quentin Dupieux, noch so einem Kultregisseur, dessen Kult ich nicht verstehe. Ich finde seine Filme optisch flach (er hat sich auf einen sehr farbarmen Videostil festgelegt), verkünstelt wirr und letztlich ohne wirklichen Inhalt. Humor ist ja bekanntermaßen sehr subjektiv und da haben Dupieux und ich wenig Schnittmengen – selbst und besonders bei seinen expliziten Komödien. „Eitel“ ist vielleicht das treffendste Attribut für Mann & Werk.

Und genau DESHALB freue ich mich umso mehr, eine Kehrtwende verkünden zu können: „Keep an eye out“ (ein perfekter deutscher Titel wäre „Uffbasse!“) ist tatsächlich über die knappe Laufzeit von 77 Minuten durchgehen witzig, immer überraschend und selbst in den bizarren, realitätssprengenden Wendungen sympathisch interessiert, den Zuschauer nicht allein zu lassen.

Das Setting ist dabei typisch Dupieux: eine Polizeistation aus Beton, die auch ein Bunker sein könnte. Braun, orange, gelb. Vielleicht die späten 70er, vielleicht die späten 80er. Menschen reden miteinander, aber immer aneinander vorbei – der Verdächtige Fougain ist der einzige, dem an echter Kommunikation gelegen ist, aber er dringt zum egomanen Buron einfach nicht durch. Ein typisch hitchcockster Spannungsmoment ist dabei, dass nur Fougain weiß, dass es eine zweite Leiche gibt – und zwar in Spuckweite.

„Keep an eye out“ beginnt dabei verführerisch simpel als boulevardeske Krimikomödie – zwei Männer, die in einem Raum diskutieren, wie genau sich etwas abgespielt haben könnte. Aber dann öffnet sich die Narrative auf typischef Dupieux-Art: die Rückblenden von Fougain werden plötzlich bevölkert von den Personen, die er erst im Präsidium kennen gelernt hat. Sie mischen sich ein und lenken ihn ab. So erzählt er von einer Zigarettenpause drei Tage zuvor, bei der ihn nun eine Polizistin anspricht, um mit ihm auf ein Bier zu gehen. Klar, dass das die exakt Wiedergabe der Geschehnisse nicht vereinfacht…

Aber Dupieux dreht noch weiter am Rad der filmischen Realität – was, wenn das Revier kein Revier ist und der Kommissar kein Kommissar? „All the world is a stage“, wie Shakespeare schon schrieb – man muss es nur wissen.

Das ist so bezaubernd schräg wie sympathisch nachvollziehbar und zehrt mächtig vom großartigen, sehr reduzierten komödiantischen Timing der beiden Hauptdarsteller. Und es erinnert mich daran, wie sensationell ich Poelvoorde seinerzeit im leider etwas vergessenen „Man bites dog“ fand (der 1992 in der selben Woche wie „Reservoir Dogs“ in München gezeigt wurde).

Fazit: Der erste Dupieux, bei dem Story, Darsteller, Dialoge und gewollter Wahnsinn perfekt ineinander greifen. Rehabilitation! 8 von 10 Punkten.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Durchgeknallte Komödie, bei der die Gags sitzen.“

P.S.: Ich unterstelle allerdings wieder mal, dass der Schreiber der Inhaltsangabe den Film nicht gesehen hat (ich habe sie an zwei Stellen korrigieren müssen).

 



avatar
2 Comment threads
1 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
2 Comment authors
MarcusDr. Acula Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Dr. Acula

Das klingt schön. Ich kann ja sowieso auf Dupieux („Wrong Cops“ war der einzige, der mir nicht zu sagte, und ich hab mich sogar durch „Nonfilm“ gearbeitet)… wenn der dann mal sogar mal richtig zugänglich ist…

Marcus
Marcus

Bei Dalli Dalli hätten wir jetzt gesagt, „mal“ haben wir zweimal, da müssen wir einmal abziehen. 🙂

Marcus
Marcus

Dupieux war selten zugänglicher. Sehr lustig. 8/10.