Deutschland 2018. Regie: Tilman Singer. Darsteller: Luana Velis, Jan Bluthardt, Julia Riedler, Nadja Stübiger, Johannes Benecke, Lilli Lorenz

Offizielle Synopsis: Die völlig verwirrte Taxifahrerin Luz taucht eines Nachts in einer heruntergekommenen Polizeistation auf. Immer wieder spricht sie dieselben Worte vor sich hin, eine pervertierte Version des Vater Unsers. Die diensthabenden Beamten rufen den Polizeipsychologen Dr. Rossini zu Hilfe. Er versetzt die junge Frau in Hypnose und bahnt den Weg für einen Dämon, der nur eines besitzen will: Luz.

 

Kritik: Deutsches Genrekino auf dem FFF – das ist immer ein Münzwurf. Wird uns ein neuer „Figaro’s Wölfe“ anöden und verärgern zugleich? Oder wird uns ein „Schneeflöckchen“ so sehr aus dem Kinosessel ballern, dass wir hinterher wildfremden Leuten auf der Straße davon erzählen wollen? Und warum habe ich ausgerechnet bei heimischen Produktionen immer das Gefühl, die haben was gegen mich persönlich?!

„Luz“ kam erfreulicherweise mit ausreichend Vorabinfo, die dem Zuschauer erlaubt, das Geschehen auf der Leinwand einzuordnen: es ist der erste Langfilm von Tilman Singer und ein Produkt der Kunsthochschule für Medien Köln. Hier wird NICHT die nächste Generation „Alarm für Cobra 11“-Regisseure rangezogen, hier geht es um Cinema, Anspruch, Auteur -Theorie und das experimentelle Ausreizen der noch rudimentären eigenen Stimme als Filmemacher.

Und so ist „Luz“ auch mitnichten der straighte, klaustrophobische Dämonenthriller, als den ihn das Programmheft verkaufen will (das klingt schwer nach „Let us prey“).

Worum es genau geht, lässt sich für den Zuschauer nur schwer und auch erst am Ende sagen, vielleicht sogar erst nach mehrmaliger Sichtung des Films. In groben Umrissen: Das bizarre Hypnoseverhör der verwirrten Taxifahrerin Luz bringt einen Fall von Teufelsbeschwörung in einer chilenischen Mädchenschule ans Tageslicht, der bis in die Gegenwart reicht – und das Verhör ist ein Teil davon.

Darum geht’s – und eigentlich doch nicht. Die Story ist genau genommen nur Hintergrundrauschen, Tilman Singer (sehr sympathisch im Q&A nach der Vorstellung) arbeitet lieber mit Fragmenten, Bildern und halbgaren Ideen, die nur sehr lose an einen Erzählstrang gekettet sind. Er vertraut im Zweifelsfall dem extremen Bild und der extremen Entblößung seiner Figuren mehr als dem roten Faden. Da muss man sich als Zuschauer viel zusammen reimen – oder einfach hinnehmen.

Vieles, womit Singer die 70minütige Laufzeit füllt, ist Spielerei, ein Ausprobieren der Möglichkeiten, das sich irgendwann abschleifen wird – Sound, Kamera und Licht werden überwichtig genommen und erdrücken förmlich das, was erzählt werden soll. Die Erkenntnis, dass sich die Form dem Inhalt unterordnet, ist hier noch nicht angekommen. Aber gerade deshalb ist „Luz“ auch ein echter Bauch-Film, ein Sammelsurium starker Ideen, in dem man wühlen kann wie in einer „Alles 1 Euro!“-Kiste auf dem Trödelmarkt. Was geht und was nicht, das legt man sich sauber getrennt beiseite und begutachtet es.

Müsste ich überhaupt einen übergreifenden Kritikpunkt anbringen, dann wäre es die Konzentration auf die Taxifahrerin Luz sowohl im ersten Akt als auch in der Vermarktung (sie ist der Titel, sie ist das Poster, etc.). Letztlich ist die Figur aber nicht die Protagonistin, sie ist bestenfalls ein Katalysator. Und Luana Velis‘ Darstellung ist auffallend blass gerade im Vergleich zu Jan Bluthardt und Julia Riedler, die den Film förmlich an sich reißen.

Wer zum Festival kommt, um ausgewachsenes Genrekino zu sehen, der ist hier falsch. Wer aber zum Festival kommt, um die Geburt neuer Filmemacher zu sehen, filmische Experimente und mutige Erstlinge, der sollte „Luz“ auf jeden Fall eine Chance geben.

Fazit: Kunst/Studentenkino, das sich zu sehr auf coole Visuals und erzählerische Gimmicks konzentriert und zu wenig auf den Erzählfluss. Aber die begeisterte Energie der Beteiligten, ein paar tolle Bilder und die schauspielerische Leistung besonders von Julia Riedler und Jan Bluthardt retten „Luz“ über die angenehm kurze Laufzeit. 7 von 10 Punkten – aber man muss wissen, auf was man sich einlässt.

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Eindringlich und hypnotisierend, aber auch sehr wirr. Man merkt sehr, dass hier, wie der Regisseur auch anmerkte, die einzelnen Szenen im Vordergrund stehen, nicht die Handlung.“

 

 



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Steffen
Steffen

Kann man den „Schneeflöckchen“ eigentlich mittlerweile irgendwo kaufen, leihen streamen oder ähnliches?

Würde den echt gerne endlich mal schauen…

thies
thies

Von einem DVD-Start ist noch nichts bekannt, aber er hat inzwischen einen Verleih und soll Ende des Monats im Kino laufen.

Steffen
Steffen

Ach der lief noch nicht mal im Kino bis jetzt… danke für die Info… krass das das sich so lange hin zieht

Reini
Reini