USA 2017. Regie: Justin Benson, Aaron Moorhead. Darsteller: Justin Benson, Aaron Moorhead ,Callie Hernandez, Tate Ellington, Lew Temple, James Jordan, Emily Montague, Ric Sarabia u.a.

Offizielle Synopsis: Zehn Jahre sind vergangen, seit die Brüder Aaron und Justin den Klauen des religiösen Kults entkommen sind, in dem sie einst aufwuchsen. Doch ausgerechnet jetzt taucht ein Videoband in ihrer Post auf, dessen Botschaft die Vergangenheit wieder auferstehen lässt – und nur kurze Zeit später finden sich die zwei wieder auf dem Weg in die kärglich-mysteriöse Abgeschiedenheit ihrer einstigen Heimat. Kaum dort angekommen, mehren sich trotz überraschend ausgelassener Stimmung die Vorzeichen, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist: Keiner scheint gealtert, Vögel fliegen in seltsamen Formationen, bizarre Hügel markieren ein unwirkliches Territorium und jenseits des abendlichen Lagerfeuers scheinen im Dunkeln seltsame Dinge zu lauern. Als die Ereignisse sich zuspitzen, müssen die Brüder erkennen, dass die Wahrheit selbst ihre kühnsten Vorstellungen bei weitem übertrifft.

Kritik: Vom letzten Film des Teams Moorhead/Benson war ich ja rechtschaffen beeindruckt – „Spring“ vermählte durchaus innovativ eine mediterrane Liebesgeschichte mit Lovecraft-Horror und dem amerikanischen Mumblecore-Independent-Kino. „The Endless“ ist sicher kein Schritt voran für das Duo, zeigt aber erneut, dass eine neue Generation von Filmemachern in der Lage ist, jenseits von Blumhouse dem Genre frische Impulse zu geben.

Das Setup ist verführerisch präzise in der Zeichnung der Situation und der Personen: Justin ist der stärkere der beiden Brüder, Aaron das schutzbedürftige Sensibelchen. Justin ist nur widerwillig bereit, mit Aaron noch einmal in das Camp zurück zu kehren, weil er ahnt, dass Aaron der gespielten (?) Sympathie und Empathie der Kultisten nicht widerstehen kann. Doch kaum vor Ort, werden diese Prämissen wieder in Frage gestellt: Der Kult hat keinen Anführer, niemand scheint gezwungen, niemand wirkt wie unter Drogen. Es ist Justin, dessen Antagonismus zunehmend zum Problem wird – und selbst der Zuschauer beginnt zu zweifeln, ob die etablierte Aufteilung von Gut und Böse stimmig ist – vor allem, wenn Kräfte involviert sind, die jenseits jeglicher Moral stehen.

Und so ist auch „The Endless“ (nicht nur dem Titel nach) ein weiterer Ausflug in Lovecraft-Territorium, erneut clever verpackt in eine nur scheinbar „kleine“ Geschichte mit überschaubarem Personal. Im Verlauf seiner 111 Minuten baut der Film derart viele Figuren, setzt derart viele Plots an, platziert derart viele Mysterien in die Schatten, dass man spätestens mit dem Beginn des dritten Akts aufgibt, die genaue Logik der Welt im Camp durchschauen zu wollen. Es sind Naturkräfte am Werk, deren Mechaniken nicht nur für die Protagonisten rätselhaft bleiben sollen. Das ist aber nicht einer Schwäche des Drehbuches geschuldet, sondern offensichtlich der Absicht der Macher. „The Endless“ ist gewollt opak, undurchsichtig. So gelingt es ihm auch, gänzlich ohne nennenswerte Schocks oder dynamisch geschnittene Action über die gesamte Laufzeit spannend und auf erfreuliche Weise unangenehm zu sein. Man hat permanent das Gefühl, dass hier etwas ganz schief läuft.

Damit hat „The Endless“ durchaus eine Menge auf der „Haben“-Waagschale. Was die „Soll“-Waagschale angeht: So sehr mich die minimalen Mittel beeindrucken, mit denen hier ein vergleichsweise großes mythologisches Rad gedreht wird, so sehr hätte ich mir manchmal eine etwas aufwändigere und sorgfältigere Produktion gewünscht. HD-Bild, etwas dynamischere Kamera, ein paar sorgfältigere Effekte. Und das Happy End wirkt ein wenig angetackert und auch stimmungstechnisch fast im Bruch zum Gesehenen. Aber das sind Niggeligkeiten, wie ich immer sage – in einer Welt voller teurer Scheißfilme ohne eigene Ideen kann man genuine Individualisten wie „The Endless“ nur begrüßen.

Fazit: Was als Sekten-Drama zu beginnen scheint, wechselte mehrfach clever die Perspektive und zieht den Zuschauer konsequent so lange auf falsche Fährten, bis er ungefähr so verloren ist wie nach zwei Staffeln „Twin Peaks“. Okkultgrusel, der mit Atmosphäre und einem durchdringenden Gefühl von Unwohlsein punktet. Nur mangels kleinerer technischer Schwächen 8 von 10 Punkten.

Das Grummeln der Kinosaurier: 

Philip Seeger: „Unerwartet interessante Variation des Themas „Kommune mit dunklen Geheimnis“.“
Markus Nowak: „Schräger Mindfuck, der auf völlig falsche Fährten führt, bis er sein Mystery aus dem Sack lässt. Könnte einerseits ein wenig gestrafft werden, andererseits noch tiefer ausgearbeitet werden, gefällt aber auch so ausgezeichnet.“



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Will Tippin
Will Tippin

Ist Euch nicht aufgefallen, dass die Sequenz mit dem zwecks Entzug angeketteten Typ und die Sache mit den Videokassetten schon einmal als eigenständiger Film namens „Resolution“ auf dem Festival war? Der gleiche Regisseur laut Programmheft. Ob die zwei Filme zusammenhängen?

Marcus
Marcus

Jo, so ungefähr. 7/10.

Jake
Jake

Einer meiner Highlights des Festivals. Hätte ein wenig kürzer ausfallen können, aber Torstens Kritik deckt sich ziemlich exakt mit meinen eigenen Eindrücken. 8/10