poster_marshlandMarshland

Spanien 2014. Regie: Alberto Rodriguez. Darsteller: Raul Arévalo, Javier Gutierrez, Antonio de la Torre, Nerea Barros u.a.

Story: Zwei Polizisten sollen das Verschwinden zweier Schwestern in der spanischen Provinz des Jahres 1980 aufklären. Bald gibt die weite Sumpflandschaft die Leichen frei und es geht um Mord. Um mehrere Morde. Und schließlich um die Frage, wie weit eine Gemeinschaft zu gehen bereit ist, um vergangene Sünden und nie bestrafte Täter zu schützen. Dabei verläuft der Graben nicht nur zwischen den Dörflern und der Polizei, sondern auch zwischen den Beamten selbst…

Kritik: Man kann „Marshland“ für einen entsetzlich mäandernden Krimi halten, der seine zu komplizierte Geschichte zu spannungslos und mit trüben Bildern erzählt, in dem durchschwitzte Polyesterhemden und schlechte Haarschnitte regieren und geraucht und gesoffen wird, als gälte es Rekorde zu brechen. Zähes Männerkino, wie es auch aus Chile oder Mexiko kommen könnte. Man läge nicht mal wirklich falsch damit.

Hat man allerdings rudimentäre Ahnung von den historischen Zusammenhängen, dann wird schnell klar, dass „Marshland“ unterschwellig vibriert, dass jede Szene aufgeladen ist mit schmerzhafter Geschichte und gerade bei uns Deutschen die entsprechenden Knöpfe drücken kann. Hier wird eine Mordserie erzählt, die weit zurück greift in einen über Jahrzehnte tumb hingenommenen Unrechtsstaat, der immer noch lautstarke Verteidiger hat und dessen schmierigste Vertreter weiterhin an den Schnittstellen der Macht sitzen. Wo aus folternden „Sicherheitskräften“ brave Polizisten werden und aus Diktatoren Demokraten, als müsse dafür nur das Hemd gewechselt werden, als habe das System nicht unter der Erde noch seine Wurzeln erhalten.

Sound familiar?

„Marshland“ schafft es, mit einer großen Bandbreite von klar gezeichneten Figuren die Spannungsverhältnisse in der noch wackeligen Demokrat über den Kriminalfall zu erzählen, ohne in simples Schwarzweiß zu verfallen. Hier tun gute Menschen Böses, und böse Menschen Gutes. Das alles ist in großartig-deprimierenden Bildern eingefangen, in denen sogar die Häuser und Autos zu schwitzen scheinen und die ewig präsenten Staub- und Matschflecken bis in die Seelen reichen.

Sicher kein leichter Film, keiner, der sich dem Publikum anbiedert oder es mit einfachen Erklärungen bei der Stange hält. Aber ein schöner Beweis, dass anspruchsvolle Krimikost auch außerhalb Skandinaviens und Großbritanniens serviert wird.

Fazit: Langsamer, drückender Krimi vor der Kulisse des nach dem Tode Francos neu demokratisierten Spaniens. Ein Film, der von seinem Zeitkolorit und seinen gut beobachteten Figuren lebt, die sich mit einer gänzlich neuen Kultur arrangieren müssen.

springSpring

USA 2015. Regie: Justin Benson, Aaron Moorhead. Darsteller: Lou Taylor Pucci, Nadia Hilker, Francensco Carnelutti, Nick Nevern, Jeremy Gardner u.a.

Story: Evan hat seine krebskranke Mutter verloren, seinen Job auch, und ein dumpfer Schläger will ihm die Fresse polieren. Auf den Rat einer Freundin hin kauft er sich spontan ein Flugticket nach Europa, um Kopf und Gemüt auszulüften. Er landet schließlich im malerischen Italien, wo er sich prompt in die so hübsche wie eigenwillige Louise verliebt. Was er nicht ahnt: Louise ist ein Jahrhunderte altes Monstrum, das in jeder Generation geschwängert werden muss, um sich aus den Stammzellen des Fötus zu regenerieren. Doch auch für Louise ist die Liebesgeschichte nicht das, was sie erwartet hat…

Kritik: Durch einen kurzen Vorabplausch mit Onkel Filmi ging ich diesen Film eher negativ belastet an – die Macher sind wohl aus der Indie/Mumblecore-Ecke, für die ich wenig Leidenschaft hege. Darum dauerte es auch eine Weile, bis ich die improvisiert wirkende Kameraarbeit und die unaufdringlichen Dialoge als Stilmittel und nicht als Unfähigkeit identifizieren konnte. Ab da ging’s dann geradewegs bergauf.

90 Prozent der Laufzeit ist „Spring“ eine Urlaubs-Liebesgeschichte zweier junger Menschen, deren Leben sich im Umbruch befindet. Das erinnert an die „Before“-Trilogie von Linklater mit Julie Delpy und Ethan Hawke, und natürlich ist das „exotische“ Europa der Katalysator.

Benson und Moorhead verstehen es dabei hervorragend, das aneinander Herantasten der beiden Protagonisten glaubwürdig zu inszenieren, Evans Faszination, Louises‘ Distanz. Da findet sich kein Kitsch, kein Melodrama. Hier finden sich zwei, die erst ihre Rezeptoren öffnen müssen. Nähe zulassen, wenn man das Klischee bedienen möchte.

Die Atmosphäre Apuliens verstärkt die traum-hafte Qualität des Sommermärchens, in die eher beiläufig nach einer Stunde der Horror von Louises‘ immer unkontrollierbareren Verwandlungen einbricht. Aber auch dann dreht „Spring“ nicht in die Genrestandards, hält sich weiter an der Liebesgeschichte fest, die sich von der lovecraftschen Unbeschreiblichkeit nicht zerstören lassen möchte. Das Monster in Louise – es könnte auch ein gewalttätiger Exfreund sein, eine Drogenabhängigkeit, eine tödliche Krankheit. Es ist nicht wirklich Fokus, sondern nur das Hemmnis, das die Liebenden überwinden müssen.

Die bewusst dokumentarische begleitende Kamera ergänzt sich hervorragend mit den wenigen, aber exzellent umgesetzten Spezialeffekten, die bei größerer Käsigkeit den Zuschauer leicht aus der Filmwirklichkeit hätten reißen können.

Als besonderen Pluspunkt muss man zudem die deutsche Nadia Hilker nennen, die nach Auftritten in „Soko“ und „Alarm für Cobra 11“ als Louise ein ganz starkes internationales Debüt hinlegt. Sinnlich und scharfsinnig, schlagfertig und sehnsüchtig – das könnte (sollte!) der Beginn einer beeindruckenden Karriere sein.

Gut, insgesamt könnte „Spring“ Kürzungen von 10 bis 20 Minuten in den ersten beiden Akten vertragen und das Finale ist zwar folgerichtig, aber auch etwas unspektakulär – das tut der Frische und der Vitalität der Liebesgeschichte jedoch keinen Abbruch.

Fazit: Eine dialoglastige Independent Love Story, in der die Tatsache, dass es nicht nur um „boy meets girl“, sondern auch um „boy meets monster“ geht, eher nebensächlich bleibt. Das grundsympathische und gut gespielte Stück verdient ein Publikum weit über das Horrorfilm-Genre hinaus.

wyrmwood-posterWyrmwood: Road of the Dead

Australien 2014. Regie: Kiah Roache-Turner. Darsteller: Jay Gallagher, Bianca Bradley, Leon Burchill, Keith Agius, Catherine Terracine u.a.

Story: Die Zombie-Apokalypse kommt schnell, gnadenlos und unerwartet. Mechaniker Barry muss sogar seine Frau und seine Tochter erschießen, bevor er sich auf den Weg macht, um wenigstens seine Schwester Brooke zu retten, die sich allerdings schon in den Fängen eines außerordentlich madden scientists befindet. Doch man kann ja auch mal Glück im Unglück haben und als Barry im gepanzerten Wagen seine Schwester befreien kann, hat diese durch ungefragt an ihr durchgeführte Experimente ein paar Fähigkeiten, die sich beim Kampf gegen die Zombies als durchaus nützlich erweisen.

Kritik: Kann die Zombiewelle ENDLICH mal wieder abebben? Haben wir neben Dutzenden von B-Movies, Blockbustern wie „World War Z“, den diversen „Resident Evil“-Sequels UND TV-Serien wie „Z Nation“ und „The Walking Dead“ nicht ENDLICH mal genug schlurfende Untote gesehen? Wie wär’s mal wieder mit Dämonen, Vampiren oder meinetwegen auch Mumien?

„Wyrmwood“ ist weniger ein Film, mehr ein verfilmtes Armutszeugnis. Eine Handlung gibt es nicht: Die Seuche bricht aus, Barry will seine Schwester retten. Nicht mal der Weg von diesem mageren A zu diesem mageren B ist möglich – letztlich stoßen die beiden durch puren Zufall aufeinander. Es gibt auch keine „character arcs“, niemand entwickelt sich oder lernt dazu. „Wyrmwood“ führt lediglich ca. 10 Figuren ein, von denen am Schluss nur noch zwei übrig bleiben. Der Rest ist großkalibriges Zerplatzen von Zombieschädeln.

Es ist völlig egal, ob die Action halbwegs flüssig inszeniert ist oder ob Bianca Bradley im durchgeschwitzten BH gut aussieht – „Wyrmwood“ ist ein kleinster gemeinsamer Nenner, der nicht mal ein Basisgerüst mitbringt und allen Ernstes glaubt, 100 Minuten könne man auch mit schierer Freude am Schmodder totschlagen. Und dem ist halt nicht so.

So gehalt- und stilvoll wie australisches Dosenbier.

Fazit: Zombie-Splatteraction ohne nennenswerte Story oder Charakterentwicklung, die zwar flüssig inszeniert ist und zwei oder drei nette Ideen mitbringt, der aber auch spätestens in der zweiten Hälfte die Puste ausgeht und die den Rest der Laufzeit mit Schießereien und Zombie-Zähnefletschen rumbringt.



avatar
12 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
9 Comment authors
Fantasy Filmfest White Nights 2018: The Endless - Wortvogel - 100% Torsten DewiPeroyFantasy Filmfest Masterliste (1) | Wortvogel – 100 % Torsten DewiErikMarcus Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
John
John

SPRING ist von den Machern von RESOLUTION. Den ich hype wie nichts gutes. Benson & Moorhead sind für mich (noch) das bestgehütete Geheimnis der englischsprachigen Filmlandschaft.

DMJ

„Auf den Rat einer Freundin hin kauft er sich spontan ein Flugticket nach Europa, um Kopf und Gemüt auszulüften.[…] Was er nicht ahnt:“
Es gibt kaum noch sichere Orte in Europa!

Moment… falscher Film/Trailer. 😛

Kaio
Kaio

„Kann die Zombiewelle ENDLICH mal wieder abebben? Haben wir neben Dutzenden von B-Movies, Blockbustern wie “World War Z”, den diversen “Resident Evil”-Sequels UND TV-Serien wie “Z Nation” und “The Walking Dead” nicht ENDLICH mal genug schlurfende Untote gesehen?“

Oh Gott ja! Es reicht einfach. Wenn man Videospiele dazu nimmt wirds noch unerträglicher, da wird sich schon gegenseitig damit überboten welches Spiel mehr nach „Mir doch scheiß egal, hier haste Zombies“ im Titel klingt.

spuddl
spuddl

@“Kann die Zombiewelle ENDLICH mal wieder abebben?“
Scheinbar nicht! *grummel*

Vielmehr würd’s mich wirklich freuen, wenn hier endlich die „Fury Road“-Rezi zu finden wäre – das Ding muss doch endlich kommen. Nun soll es scheinbar Mai (2015…???) sein. Aber wem glaubt echter Mann schon in der Sache!? *grummel und irgendwann selbst erwürg*

OnkelFilmi
OnkelFilmi

@John: Dann scheinst Du nicht VHS VIRAL gesehen haben. Das war meine erste Begegnung mit Benson/Moorhead, und liess wahrlich nichts gutes für SPRING verheissen. Denn „Bonestorm“ ist wahrscheinlich das schwächste Segment, das es in den VHS-Filmen gegeben hat (und das will was heissen), absolut plump, uninspiriert und öde.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Taugt Wyrmwood denn wenigstens als Bier-und-Bretzel-Film im Rausch?

Marcus
Marcus

MARSHLAND: Der Film ist zu lang, er ist zu langsam und die Story ist mir für die Laufzeit zu dünn. Atmosphärisch und gut gemacht ist er aber. 7/10.

SPRING: What he said. 7/10.

WYRMWOOD: Die 08/15-Zombie-Fließbandware, ohne die wohl nix unter dem FFF-Banner auskommt, hat zwei halbwegs originelle Ideen. Leider beide scheiße. Belanglos, aber dank der slicken Machart im Festival-Kontext noch: 5/10.

Erik
Erik

Für eine Sekunde hatte ich gehofft, es hätte jemand von mir unbemerkt die genialen Wormwood-Comics verfilmt. Zu früh gefreut.
http://en.wikipedia.org/wiki/Chronicles_of_Wormwood

trackback

[…] ♥ Automata ♦ German Angst ♥ A girl walks home alone at night ♣ The Lazarus Effect ♥ Marshland ♥ Spring ♣ Wyrmwood ♥ The Guest […]

Peroy
Peroy

„Spring“ ist ein exquisiter, furzlangweiliger Scheissfilm.

Peroy
Peroy

„Wyrmwood“ ist auch scheisse.

trackback

[…] Vom letzten Film des Teams Moorhead/Benson war ich ja rechtschaffen beeindruckt – „Spring“ vermählte durchaus innovativ eine mediterrane Liebesgeschichte mit Lovecraft-Horror und dem […]