Es kommen dieser Tage wieder mehr neue Texte, aber da ich unterwegs bin, kann ich aktuell wenig schreiben. Stay strong.

Originaltext April 2013:

Eine neue Generation von smarten Uhren soll dem simplen Zeitmesser den Garaus machen: künftig steuert die iWatch das Handy, sie verwaltet Termine und liest SMS vor. Doch mit der Aufrüstung am Armband kommen Probleme auf, die von den Herstellern schon bei den Smartphones bisher nicht gelöst werden konnten.

Vom Statussymbol zum Wegwerfartikel

Die wichtigste Zahl in der Geschichte der Digitaluhr hat drei Stellen: 007. Dem britischen Geheimagenten James Bond ist die Popularisierung der zeigerlosen Zeitmessung in den 70ern zu verdanken. 1973 trug er in „Leben und Sterben lassen“ die Hamilton Pulsar LED im heute schon wieder retro-sexy Minimaldesign. In „Der Spion, der mich liebte“ faszinierte er die Zuschauer mit einer Seiko 0674 samt LCD-Bildschirm, deren Nachrichtenticker eine Art frühen Twitter-Feed vorwegnahm. Diese Szenen machten die preisgünstige digitale Quarzuhr zum „must have“ der 70er und 80er.

Mit den fallenden Preisen stieg der Anspruch der Hersteller, immer mehr Funktionen in die kleinen Metallgehäuse zu zwingen, gänzlich unabhängig von der Frage, welchen praktischen Sinn das machen sollte. Taschenrechner, Computerspiele, Höhenmesser – sogar als Taschenfernseher musste sich die Armbanduhr zweckentfremden lassen. Erst mit dem Erfolg von Swatch und dem Revival des Zeiger-Ziffernblatts beruhigte sich der Markt wieder etwas. Die 90er brachten als primäre Neuerung nur noch die Funkmessung zur hypergenauen Zeitangabe.

Die Armbanduhr als Allzweckwaffe

Damit soll nun Schluss sein. Fast alle großen Hersteller haben die Uhr am Handgelenk zum „next big thing“ erklärt, zum scheinbar endlos erweiterbaren Gadget, das so individuell auf den Nutzer einstellbar ist wie das Smartphone, dem es als Sidekick dienen soll. Mit Bluetooth und eInk-Display soll eine neue Generation von „iWatches“ verhindern, dass User ständig ihr Handy aus der Jacke fummeln müssen, um eingehende SMS zu checken oder Termine zu sichten. Der Blick auf das Handgelenk ist schneller, intuitiver – und von Kindesbeinen antrainiert.

Schon auf dem Markt ist die „Pebble Smartwatch“, die ihre Existenz einer Crowdfunding-Kampagne verdankt. Das Ziffernblatt kann hier so bequem ausgetauscht werden wie das Wallpaper beim heimischen PC und eine App sorgt für die Verbindung zum Smartphone. Google arbeitet an einer eigenen Variante, was durchaus Sinn macht: mit Android hat man ein passendes Betriebssystem schon parat und mit einem Google-Konto lassen sich Adressen, Telefonnummern und Termine leicht auf die Uhr schaufeln. Auch Apple lässt sich nicht lange bitten: 100 Entwickler sollen mit Hochdruck an der Hardware arbeiten. Und wo Apple einen Markt sieht, ist Samsung nicht weit.

Produkt ohne Kundschaft?

Ob es überhaupt einen nennenswerten Markt für „iWatches“ gibt, ist momentan allerdings fraglich. Denn mit dem Ausbau zum Kleincomputer erwarten den User auch schon alle Ärgernisse, die aus dem guten alten Handy ein Frustobjekt machten: zu kleine Bildschirme, um darauf nennenswerte Texte oder Bilder anzuschauen; zu schwache Batterien, die spätestens alle drei Tage ans Ladegerät müssen; und Betriebssysteme, die gerne mal abstürzen oder Updates brauchen. Die Unverwüstlichkeit der einfachen Zeigeruhr weicht einem komplexen Hightech-System, das dem User zwar Arbeit abnimmt, aber auch viel Konzentration abverlangt. Solange die Hersteller nicht wenigstens das Batterie-Problem lösen, dürften viele potentielle Kunden abwinken. Wer will neben dem Notebook und dem Handy gleich noch die Armbanduhr ständig aufladen müssen?

Und James Bond? Der hält sich mittlerweile aus dem Technologie-Wettrennen raus. Er trägt seit 1995 die analoge Omega Seamaster ganz ohne Schnickschnack.

NACHTRAG 2017: Pebble ist weg vom Markt, die Apple Watch ist längst Realität – und wie von mir erwartet kein „game changer“ im Stile von iPhone oder iPod. Ich vermute, dass dieses Segment auch mittelfristig nur Nische bleiben wird. Aber das breite Angebot ist beeindruckend.



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War auch zunächst skeptisch, aber wenn die unabhängig vom Handy funktionieren, könnte es durchaus zu mehr als reinem Nischenprodukt reichen. Interessant dürften vor allem die gesundheitlichen Nutzungsmöglichkeiten sein, da dürfte sich dank zusehends älterer (und fetterer) Bevölkerung durchaus ein recht großer Markt erschließen lassen.

invincible warrior
invincible warrior

Als Fitnessarmnbänder haben sich die Smartwatches ja inzwischen schon durchgesetzt. Das sind zwar keine vollwertigen Smartwatches, aber haben zur Zeit genug zusätzliche Funktionen und sind vom Preis erschwinglich, dass sie eben eine Marktdurchsetzung erreicht haben.
Die echten Smartwatches müssen dagegen noch auf ihren Durchbruch warten, solange es aber zB keinen Kontaktlinsenscreen gibt, sehe ich da auch keine große Chancen für. Aber falls man das Platzproblem löst, wäre es der nächste konsequente Schritt in der Entwicklung der Smartgeräte.

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Ich denke weniger an Fitness, sondern mehr an Leute, die z.B. Diabetes oder Herzprobleme haben und ihren Gesundheitszustand permanent kontrollieren müssen.

Dieter
Dieter

Hm… leider sind etliche der Links im Original-Artikel nicht mehr aufrufbar… seuzf

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