Ich hatte ja schon erzählt, dass ich mit dieser Mini-Konsole sehr zufrieden bin. Klar kann man SNES-Games auch im Browser spielen, auf China-Konsolen oder per Raspberry pi, aber so perfekt und so authentisch (und so legal) geht es nur mit dem Classic Mini.

Nun bin ich ja kein großer Gamer – ich finde die Konsole eher aus nostalgischen Gründen interessant und als „proof of concept“. Nach dem Erfolg des NES Classic Mini und des SNES Classic Mini stehen auch schon die nächsten Kandidaten in den Startlöchern: C64 Mini, Amiga Mini, Atari Mini. Hinzu kommen diverse Konsolen, die bestenfalls semi-offiziell sind und eine Art Brücke zwischen den chinesischen Kopien und den legalen Retro-Daddelmaschinen darstellen.

Spannender als die Spiele selbst ist auch die Frage, was diese Konsolen noch so alles können. Sie basieren ja meistens auf relativ generischer Hardware, die theoretisch weit mehr emulieren kann als nur das vorgegebene NES oder SNES. Und in der Tat hat man bei der NES Classic Mini auch sehr schnell festgestellt, dass Nintendo die Tür für „Upgrades“ sympathisch weit offen gelassen hat.

Es dauert keine Woche, bis die Meldung kommt, dass das SNES Classic Mini letztlich mit den gleichen Mitteln zu knacken und zu erweitern ist wie der Vorgänger. Und dass es dafür keine Risikobereitschaft und stundenlange Fummelei in den digitalen Eingeweiden braucht. Es braucht nur Hakchi2.

Und so entscheide ich mich, an einem launigen Abend mit Hilfe eines Freundes die Mini-Konsole zu hacken und weitere Spiele aus dem SNES-Katalog aufzuspielen. Nicht, weil ich so wahnsinnig viel Zeit mit der Daddelei verbringen will – sondern weil ich es kann (wenn ich es denn kann). Es ist der Forscherdrang, nicht der Spieltrieb, der mich vorwärts peitscht.

Das hier ist mein Werkstattbericht.

Quo vadis, SNES Classic Mini?

Kurz zu den Rahmenbedingungen: Hakchi ist ein Windows-Programm mit überschaubarer Oberfläche und in vielen Sprachen, dessen Funktionen primär darin bestehen, das Kernel der Konsole auszulesen und zu sichern, dieses dann durch eine gehackte Version zu ersetzen, und schließlich neue Spiele aufzuspielen, die vom System genau so erkannt werden wie die originär mitgelieferten 21 Klassiker. Außerdem kann Hakchi das Original-Kernel auch wieder zurück transferieren, womit sich die Konsole jederzeit in den Werkzustand zurück versetzen lässt (dazu gleich mehr).

Die Hilfe meines Kumpels Steffen brauche ich aus einem gänzlich prosaischen Grund: Er hat auf seinem Macbook eine Partition mit Windows, unter der Hakchi läuft. Ich selber habe keinerlei Microsoft-Betriebssystem zur Hand und werde auch keines nur für einen Abend auf meinem Macbook Air installieren.

Wir plömpeln also die Konsole per USB unter Windows an das Macbook – erwartungsgemäß wird sie nicht erkannt. Hakchi wird nun gestartet und gibt uns eine Tastenkombination vor, mit der wir die Konsole quasi „aktivieren“ können, und installiert dann auch gleich die Treiber, damit das Gerät korrekt angesprochen wird. Das läuft wie Butter.

Dann wird das Original-Kernel von der Konsole auf den Rechner überspielt und gesichert. Das ist aus zwei Gründen wichtig: Wenn man die Konsole verkaufen oder umtauschen will, sollte sie keine gehackte Software enthalten. Und die Beschaffung und Benutzung von SNES-Roms ist rechtlich bestenfalls eine Grauzone, generell aber eher als Software-Piraterie anzusehen. Ich behalte mir die Möglichkeit vor, das SNES Classic Mini nach dem Experiment wieder in seinen legalen Urzustand zurück zu versetzen.

Was die Roms angeht: Ich werde keine Quellen verlinken und auch deren Download nicht empfehlen. Persönlich halte ich es für albern, darum ein „Raubkopien!“-Gezeter anzustimmen, aber die rechtliche Lage ist, wie sie ist. Wer Roms sucht, wird relativ einfach einen kompletten Satz von allen 763 Spielen finden, die jemals für das SNES produziert wurden – samt Boxart, die von der Mini-Konsole klaglos erkannt und dargestellt wird. Das Komplettpaket passt auf eine selbstgebrannte CD. Raubkopierte Roms und Original-Spiele sind auf dem Bildschirm letztlich nicht zu unterscheiden, was auch eine bezaubernde Kehrseite hat: Es gibt durchaus Anzeichen, dass Nintendo selbst mitunter auf Roms aus der Szene zurückgreift.

Da nicht alle Spiele auf die 512Mb Flash-Speicher der Mini-Konsole passen, suche ich mir mit Hilfe des Internets die 99 besten aus. Insgesamt 100 Megabyte geballter Gaming-Nostalgie mit vielen alten Bekannten: Batman, Mario, Teenage Mutant Ninja Turtles, Captain Kirk, Aladdin.

Wie das meistens so ist: wir brauchen zwei, drei Anläufe, bis das neue Kernel aufgespielt ist und die Spiele von Hakchi erkannt werden. Es kommt durchaus mal zu einer Fehlermeldung wegen einer Checksumme, dann wird die Konsole sicherheitshalber zurückgesetzt. Bei der Übernahme der Spiele in den Hakchi-Speicher werden drei Games als mit dem Emulator nicht kompatibel gemeldet. u.a. „Rock’n’Roll Racing“ und „Uniracers“. Ich beschließe, mich damit momentan nicht zu rum zu ärgern – ob ich am Ende 117 statt der erwarteten 120 Spiele auf der Konsole habe, ist mir vergleichsweise schnuppe.

Was ich ebenfalls ignoriere: Die Boxart wird nicht automatisch erkannt, man muss die Cover der Schachteln zu jedem Spiel von Hand einpflegen. Das ist mir in diesem Moment zu mühsam und für das Experiment auch nicht notwendig.

Nach ungefähr einer halben Stunde haben wir die Konsole also gehackt, das neue Kernel aufgespielt, das alte Kernel gesichert, die sortierten neuen 96 Spiele in Hackchi überspielt – Zeit, den Button „Mit NES/SNES synchronisieren“ zu drücken und die Roms damit auf die Konsole zu heben.

Nach fünf Sekunden kommt eine Fehlermeldung: irgendwas mit „read-only file system“ und Problemen mit .tar-Dateien. Dabei haben wir nichts Offensichtliches falsch gemacht. Mich irritiert, dass auch eine Google-Suche nicht hilft – es scheint kein typischer Fehler zu sein. Wie dem auch sei: Hakchi zeigt sich unfähig, die Spiele auf die Konsole zu übertragen.

Frust.

Ich spiele das Original-Kernel auf, um mich zu vergewissern, dass ich die Konsole nicht unrettbar zerschossen habe. Das ist ja bei Smartphone-Hacks gerne mal der Fall. Aber das SNES Classic Mini ist sehr gutmütig, lässt sich klaglos in den Urzustand versetzen.

Alles nochmal von vorne.

Gleiches Problem.

Ich freue mich, dass Steffen in dieser Beziehung so ist wie ich: stur. Geht nicht gibt’s nicht. Was nicht passt, wird passend gemacht. Wir stellen fest: es gibt seit gestern schon wieder eine neue Hakchi-Fassung, die zwar keine Lösung anbietet, aber vielleicht beim generellen Bug-Fixing weiterhilft. Und als wir die installieren, bellt die Virensoftware von Windows plötzlich sehr aggressiv. Zwar ist das Programm sauber, aber Microsoft möchte uns trotzdem den Zugriff verbieten. Kann es sein, dass in den Sicherheitsvorkehrungen des Betriebssystems auch die Weigerung begründet liegt, das SNES zu bespielen?

Also: Systemschutz deaktivieren und mit neuster Hakchi-Version fortfahren. Und siehe da: es geht. Binnen zwei Minuten sind die 96 zusätzlichen Spiele auf die Konsole transferiert. Keine Ahnung, welcher der beiden Ansätze den Unterschied gemacht hat, es zählt nur, dass es anscheinend funktioniert.

Konsole aus dem Macbook raus, an den Fernseher ran, Testlauf. Und siehe:

Das SNES Classic Mini meldet nun 117 Spiele. Kein Unterschied zwischen Originalen und geladenen Roms. Und der interne Flash-Speicher ist nicht mal halb voll.

Steffen und ich gönnen uns 15 Minuten Daddelei, ich verhaue ihn bei Streetfighter 2, er ballert in Alien 3 eine Horde Kreaturen über den Haufen. Emulation perfekt, noch dazu auf dem großen HD-Fernseher. So muss das sein, so darf das gerne öfter klappen.

Insgesamt haben wir eine gute Stunde investiert, um das SNES Classic Mini von einem geschlossenen System mit 21 Spielen in ein offenes System mit 117 Spielen von möglichen 763 zu verwandeln. Dabei haben wir weder die Hardware verändert noch die Software unumstößlich manipuliert. Es wird drei Minuten dauern, morgen alles wieder in den Originalzustand zu versetzen.

Hier findet ihr eine Anleitung als Video:

Was ist mein Fazit?

Ich bin rechtschaffen begeistert. Nintendo hat die Mini-Konsole sehr offensichtlich nicht stark gegen Einflussnahme der Gamer abgeschirmt, dank USB-Kabel und Hakchi ist der Hack ein Kinderspiel. Kein Vergleich zu früheren Versuchen, z.B. meinem Samsung Galaxy Smartphone ein neues Betriebssystem aufzuzwingen. Mit ein wenig Geduld sollte eigentlich jeder SNES Classic Mini-Besitzer seine Konsole aufbohren können. Und sei es nur, um der vorgegebenen Auswahl die eigenen Lieblinge hinzu zu fügen.

Bleibt die rechtliche Seite. Es ist… na ja, illegal ist ein hässliches Wort. Ich bin gewöhnlich kein Freund der Maxime „Wo kein Kläger, da kein Richter“, halte die Verwendung von 25 Jahre alten Game-Roms in diesem Fall aber für eine lässliche Sünde, die ich nicht empfehle, von der ich aber auch nicht im Brustton der ehrlichen Überzeugung abraten kann. Macht, was ihr wollt.

But wait – there’s more!

Das Hacking des SNES Classic Mini bringt natürlich noch ganz andere Möglichkeiten ins Spiel. Es ist keine Überraschung, dass die Konsole sämtliche Nintendo-Spiele perfekt emuliert. Dafür wurde sie ja gebaut, dafür sind die Controller prädestiniert. Aber genau genommen ist die Hardware ein Mini-Computer, der das alte SNES nur emuliert. Das wirft die Frage auf: was kann die Konsole womöglich noch emulieren? Wo liegen die Grenzen des Prozessors, der Systemarchitektur?

Schön, dass ihr fragt.

Fakt ist: Das SNES Classic Mini ist stark und schnell genug, um ein breites Spektrum nicht nur von klassischen Videospiel-Konsolen zu emulieren, sondern auch Spielautomaten aus der Daddelhalle. Wer meint, die Obergrenze in Sachen Grafik und Geschwindigkeit sei mit „Donkey Kong Country“ erreicht, kann gerne mal „Metal Slug 5“ auf die Konsole heben oder „Streetfighter 2“ direkt mit dem Automatenvorbild vergleichen. Das handtellergroße SNES Classic Mini kann nämlich auch das.

Dazu braucht man allerdings die Software Retro Arch und deutlich mehr Geduld als bei der Beschränkung auf originale SNES-Spiele. Man darf nicht vergessen, dass die Hardware hier manipuliert wird, um etwas zu leisten, wofür sie nicht vorgesehen ist. Und die Controller haben eine limitierte Menge an Tasten, die teilweise nicht kompatibel mit Spielhallenautomaten sind. Wer wirklich ALLES aus dem SNES Classic Mini herausholen will, sollte sich Zeit nehmen und mit Problemen rechnen.

Das Ergebnis kann dann aber wirklich überzeugen, wie ihr in diesem Video seht:

Ich gestehe: EIGENTLICH will ich mich an Retro Arch nicht versuchen. Dafür, dass ich selber gar nicht groß spiele, scheint mir der Aufwand zu groß. Aber beim Schreiben dieses Beitrags kribbelt es nun doch und ich fürchte, dass ich mich bei nächster Gelegenheit noch mal ran gebe. Nicht, weil ich muss – sondern weil ich kann.

Soweit von mir. Ich gebe die Frage an andere Besitzer solcher Mini-Konsolen weiter – wie haltet ihr es mit handgeschraubten Upgrades? Unsinnige Geek-Bastelei, weil die 21 installierten Spiele auf Jahre hinaus reichen sollten? Illegale Schweinerei zum Schaden der gebeutelten Games-Industrie? Oder seht ihr in der kleinen Plastikbox sowieso nur einen Baukasten, der geradezu danach verlangt, ausgereizt zu werden?



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