Es ist zum Verständnis dieses Beitrags wichtig, dass ihr noch mal diesen Beitrag von vor acht Jahren lest. Bitte.

Sehr ihr die Tür da links? Ich erinnere mich an diese Tür. Ich erinnere mich an den bellenden Schäferhund dahinter, an seinen freudig auf und ab springenden Schemen. Ich habe meine Nase am Glas platt gedrückt, um zu sehen, ob jemand daheim ist.

Ich war 8 Jahre, 10 Jahre, 12, Jahre, 14 Jahre.

Es ist das Haus meiner Oma. Und ihr habt ja 2009 schon gelesen, wie sehr es mir einen Stich versetzt, dass dieses Paradies meiner Kindheit, dieser „safe space“ vor dem Ehekrieg meiner Eltern, heute eine Ruine ist.

Die Wikipedia hat ein schönes Luftbild von Bramel, auf dem man sehen kann, dass das Haus meiner Oma (roter Kreis) mitten im Kern des beschaulichen Dorfes liegt. Auch wenn man in Niedersachsen leicht und billig an Baugrund kommt – das ist premium:

Foto: Martina Nolte, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de

Gott, ist Bramel klein! Als ich ein Kind war, schien es so viel größer. Ich kann mich erinnern, dass es Nächte gab, in denen ich nicht schlafen konnte, in denen mein Sturm und Drang mich hinaus trieb, wenn um 1 Uhr die Straßenlaternen verlöschten. Ich bin nicht einfach aus meinem Zimmer auf den Hof geschlichen. Ich habe eine Donald Duck-eske Täuschung daraus gemacht, falls die Oma nach mir schaut: Klamotten grob menschenförmig unter die Bettdecke gestopft und eine halbe Stunde vernehmliches Atmen von meinem Kassettenrekorder laufen lassen. Ich war überzeugt: der perfekte Plan! Und dann bin ich durch die Straßen des Dorfes gestromert, bei völliger Dunkelheit. Ich bin zum alten Glockenturm von 1776 geschlichen, in den man einsteigen konnte, wenn man den Höhenmeter bis zur Holztür überwand. Es roch muffig, es war finster, es war spannend. Ich fühlte mich wie „das eine Fragezeichen“…

Es war der Sommer 1981, ich war 12 und im Fernsehen begeisterte mich „Kompass“:

Aber das wisst ihr größtenteils ja schon. Ich wollte nur ein wenig Atmosphäre bauen, damit ihr besser versteht, was nun kommt. Meine LvA war nämlich vorgestern in Bramel, weil sie auf einer Geschäftsreise zufällig 14 Kilometer entfernt untergebracht war. Ich bat sie, mal beim Haus vorbei zu schauen und aktuelle Bilder zu machen.

Wie es die einnehmende Art meiner Frau ist, hat sie nicht nur Bilder gemacht – sie hat gleich Bekanntschaft mit einer Nachbarin geschlossen, die sie auch zu den Umständen auf den neusten Stand bringen konnte. Die Nachbarin kannte das alles noch: die „liebe Frau Mangliers“, den ungestümen Schäferhund Lux – und ja, auch den kleinen Torsten.

Auch für sie ist das alles ferne Vergangenheit.

Wo keine Energie investiert wird, greift der 2. Hauptsatz der Thermodynamik. Dinge vergehen, ein unumkehrbarer Vorgang. Aus Ordnung wird Chaos, dem Chaos folgt das Nichts. Und das Haus unterliegt der Entropie, nach der Ordnung meiner Oma folgt das Chaos des Verfalls – und in absehbarer Zeit das Nichts.

Da ist nichts mehr zu retten, da wäre jede Investition verschwendet. Das Dach marode, die Mauern schief und das Gebälk morsch. Keine Heizung, kein Rohr, keine Stromleitung auf einem zulässigen Stand. Wenn keine Abrissbirne die hässliche letzte Aufgabe übernimmt, wird es irgendwann einer der heftigen Herbststürme tun.

Versteht mich nicht falsch: Ich sehe auch keinen Grund, das Haus zu retten. Es war vor fast 110 Jahren nur für eine, maximal zwei Generationen gebaut worden, die Modernisierung durch meine Oma war eine künstliche Verlängerung für eine weitere. Komfort, Raumaufteilung und Nutzwert waren für ein neues Jahrtausend weder gedacht noch zumutbar. Es wäre vielleicht schon Anfang der 70er ein Akt der Vernunft gewesen, dieses Monument des ärmlich-einfachen Landlebens einzureißen.

Laut Aussage der Nachbarin hat das Haus WIEDER mehrfach den Besitzer gewechselt, wurde dann für 35.000 Euro zwangsversteigert. Da eine Sanierung hoffnungslos ist, könnte man die Ruine nur abreißen und das Grundstück für einen Neubau nutzen.

Dass DAS nicht geht, war mir schon vor 20 Jahren klar, denn das Grundstück ist so klein und die Zoning-Bestimmungen so streng, dass es kaum möglich ist, die Abstände zu den Nachbarn ordnungsgerecht einzuhalten. Das Haus dürfte auch nicht mehr direkt am Bürgersteig stehen. Knapp gesagt: Man könnte ein Häuschen von vielleicht vier mal sechs Metern bauten. Und das dürfte dann auch kein Fertigbau sein, sondern müsste sich in spitzgiebeliger Ziegelbauweise dem Rest des Ortskerns angleichen. Am Ende kämen vielleicht 40, 50 SEHR teure Quadratmeter dabei rum. Das rechnet sich nicht.

Meine Vermutung? Irgendwann fällt das Gebäude mangels Interesse und wegen der Gefährdung und Verschandelung des Ortskerns an die Gemeinde. Die wird das Haus abreißen lassen und den freiwerdenden Platz vielleicht für eine kleine Grünfläche oder einen Parkplatz nutzen. Wahrscheinlicher: Die Fläche wird einem Nachbarn zugeschlagen, der seinen Garten vergrößern will.

Das ist kein Grund zur Melancholie. Ich glaube, es hätte meiner Oma gefallen. Sie war eine herzensgute, aber auch pragmatische Frau. Eine Ruine – wozu soll das gut sein? Erinnerungen, papperlapapp. Wenn das Haus weg ist und die Nachbarn da Gemüse pflanzen können, haben alle was davon.

Das Ende der Entropie ist das Ende des Chaos. Es ist Stille. Dafür ist nun die Zeit.



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S-Man

Danke für solche Geschichten!

Heino
Heino

„Es war der Sommer 1991, ich war 12 und im Fernsehen begeisterte mich „Kompass“:“

In diesem Satz ist ein sehr offensichtlicher Fehler:-)

Dietmar

@Heino: Nein! Ich war damals acht… 🙂

Ich wohne ja nur ca. 20 km von meinem Heimatort entfernt. Aber jedes Mal, wenn ich meine Mutter besuche, ist es eine Zeitreise und ich sehe Veränderungen mit Melancholie.

Tom
Tom

Das kommt mir (leider) bekannt vor. Mein Opa ist vor zwei Jahren gestorben und das Haus wäre eigentlich an Verwandte gefallen – diese haben das Haus aber schon vor dem Tod meines Opas verkauft und mit seinem Tod ist es jetzt an den neuen Besitzer übergegangen. Dieser hat aber scheinbar kein Interesse an der Immobilie und so verrottet das Haus und das Grundstück vor sich hin. Mangels eingeschalteter Heizung vermute ich, dass das Haus jetzt auch schon abbruchreif ist…
Das Unverständliche an der Situation ist, dass das Haus zwar von Feldern umgeben ist und es keinen ÖPNV gibt, man aber nicht wirklich abgehängt ist: es gibt VDSL und auch die Distanzen zur Zivilisation sind nicht wirklich weit, da das Zentrum der nächsten Großstadt nur 15 Minuten mit dem Auto entfernt ist (liegt technisch gesehen in einem Stadtteil der Stadt) und in einem Umkreis von 5km sind zwei Autobahnauffahrten (eine davon dank gut ausgebauter Land- und Bundesstraßen in 5 Minuten erreichbar – da brauche ich, mitten in besagter Großstadt, deutlich länger).

ingo
ingo

alles ist endlich….leider? hmmmm….manchmal…..

heino
heino

@Dietmar:es ging um das Alter von Torsten:-)