Originaltext März 2013:

London ist eine der ältesten Großstädte Europas. Der Kampf gegen den Kollaps der Infrastruktur hat hier Geschichte. Vielleicht ist die Stadt gerade deshalb Vorbild und Testlabor für viele Innovationen auf dem Gebiet der urbanen Verkehrsplanung.

Als 1863 die erste U-Bahn der Welt in London den Betrieb aufnahm, ging es noch nicht um Smog und Parkplätze, sondern um Schlamm und Pferdeäpfel. Große Mengen Pendler mussten durch den zunehmend industrialisierten Großraum transportiert werden, ein effizienter Nahverkehr wurde gebraucht.

1987 kam die Docklands Light Railway dazu, eine Art S-Bahn-System für den boomenden Londoner Osten, welches weitgehend fahrerlos auskommt, auch wenn die Züge selbst noch Service-Personal mitführen. Zum Vergleich; in Deutschland fuhr die erste nicht mehr vom Cockpit aus gesteuerte U-Bahn erst 2008.

Auch bei neuen Schnellverbindungen zum größten Airport der Umgebung ist die britische Metropole Deutschland voraus: lange bevor Edmund Stoiber vergeblich von einem Transrapid zwischen Frauenkirche und dem Flughafen stammelte, ließ der Heathrow-Betreiber BAA 1998 eine Express-Strecke einweihen, die Reisende ohne Zwischenstop in 15 Minuten ins Zentrum bringt.

Sanfter Druck gegen das Auto

Trotz des gut ausgebauten Schienenverkehrs drohte London zur Jahrtausendwende an Kraftfahrzeugen zu ersticken. Der linke Bürgermeister Ken Livingston führte daher 2003 eine City-Maut von 5 (heute: 10) Euro ein, um den Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel zu fördern. Das Ergebnis: fast 30 Prozent weniger Kraftfahrzeuge auf den Straßen und eine dreistellige Millionensumme an Einnahmen, die in den Ausbau des Nahverkehrs flossen.

Ebenfalls 2003 ging die „Oyster Card“ an den Start, ein Zahlungsmittel im Kreditkartenformat mit RFID-Chip, das die Suche nach der richtigen Fahrkarte und dem notwendigen Kleingeld überflüssig macht. Beim Betreten der Bahnsteige wird die Karte kontaktlos gelesen und bei mehreren Fahrten errechnet das System automatisch den dafür günstigsten Fahrpreis. Aufgeladen werden kann die Oyster Card fast überall, automatisch, sogar online oder über das Handy. Wer jemals frustriert an einem deutschen Kartenautomaten gescheitert ist, beneidet die Londoner um diese elegante Lösung.

Eine Stadt setzt (sich) auf das Rad

Viele Londoner befürchteten, mit dem Wechsel im Rathaus 2010 vom linken Ken Livingstone zum konservativen Boris Johnson würde der Innovationsschub nachlassen. Doch weit gefehlt: Johnson kippte zwar den Versuch, die City-Maut deutlich drakonischer zu gestalten, fand aber in der Barclay’s Bank einen Partner zur Erfüllung seines eigenen Verkehrstraums: Leihfahrräder. 6000 moderne Bikes, die den Namen „Drahtesel“ nicht mehr verdienen, können an 400 Stationen im ganzen Stadtgebiet ausgeliehen werden. Bei den Londonern heißen sie liebevoll spöttisch „Boris Bikes“.

Was nützt aber das schönste Fahrrad, wenn es sich mühsam durch den Verkehr schlängeln muss? Diesem Problem will Johnson künftig mit 12 „Bike Superhighways“ Abhilfe schaffen, die ausreichend breit und mit Vorfahrt eine leichte Durchquerung der Stadt in allen Himmelsrichtungen erlauben.

Fahrkarten hin, Fahrräder her – wer an Londoner Verkehr denkt, denkt zuerst an die legendären schwarzen Taxis. Aber auch die bekommen nun (zumindest teilweise) eine Runderneuerung verpasst. Basierend auf dem Nissan NV200 wird eine neue Generation durch die Straßen rollen, mit deutlich geringerem Benzinverbrauch und mehr Komfort für die Passagiere. USB-Ladebuchse für Mp3-Player und Smartphones inklusive.

NACHGEDANKEN 2017: Boris ist nicht mehr Bürgermeister, aber an den Bike Superhighways wird weiter fleißig gebaut. Das infrastrukturelle Großprojekt der Saison: Die massive Elizabeth Line, die Pendler und Touristen deutlich schneller und stressfrei in die Stadt hinein und wieder heraus bringen wird:



Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
noyse
noyse

„Beim Betreten der Bahnsteige wird die Karte kontaktlos gelesen und bei mehreren Fahrten errechnet das System automatisch den dafür günstigsten Fahrpreis.“
Ein ähnliches System gabs ja mit touch and travel. leider eingestellt. war sehr komfortabel und bei mehreren Fahrten am Tag wurde dann automatisch die günstigste Alternative abgerechnet (Tageskarten etc.)

Paddy
Paddy

Ein Traum! Wusste nicht, dass das Bahn-System so komfortabel ist.
Hier in Köln/Düsseldorf bin ich auch nach Jahrzehnten immer noch nicht in der Lage, Touristen zu erklären, welchen Tarif sie denn jetzt brauchen und bis wohin eine Kurzstrecken-Karte reicht.
Das kommt nämlich anscheinend darauf an, wo man einsteigt -.-

Immerhin: Die Landeshauptstadt hat es vor wenigen(!) Jahren tatsächlich ja mal geschafft, den Automaten ein mehrsprachiges Menü zu spendieren. Nicht mal Englisch war vorher drin.
Und: Vereinzelt kann man jetzt sogar mit etwas anderem bezahlen als Münzgeld!
The Future is now!!!11

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

@noyse: Das versuchen manche Lokalverbünde jetzt durch „tolle“ Apps wieder ein wenig einzuführen, Benutzer von Windows Phones schauen aber z.B. in die Röhre.

@Oyster-Card: Großartiges System, gibt es in ähnlicher Form auch in Tokio (Saeco/Pasmo). Unkompliziert und schnell kommt man von A nach B und die Fahrtpreise sind zumeist wesentlich preiswerter als hierzulande. Leider gibt es ja keine Pläne, hier auf ähnliche Systeme umzusatteln – in dem Zuge der Umstellung könnte man sich die stets unfreundlichen und als Kontrolleure verkleideten Kontrolleure gleich mit sparen…

noyse
noyse

@Rudi Ratlos
Tatsächlich benutze ich oft die einzelnen Apps in den Verkehrsverbünden – die aber in der Regel nur Einzelfahrscheine anbieten.
2 Erwachsene und ein Kind kann man in den seltensten Apps gleichzeitig buchen – Ausnahme BVG. Hier muss man aber wie bei den meisten sofort einen Fahrschein lösen. Die Fahrten werden nicht gesammelt wie bei T&T – dort konnte man aber wiederum auch nur Tickets für eine Person buchen und nicht zwei Einzeltickets.

noyse
noyse
Holger
Holger

Deutschland steht doch jetzt auch die Zukunft im Nahverkehr bevor. Ein Ticket für alle Nahverkehrsverbünde – oder so ähnlich. Der Dobrindt hat sich doch mit der ankündigung weit aus dem Fenster gelehnt. Harhar.

Der Nachteil beim Touch&Travel war aber, daß mein sein Handy immer an haben mußte, damit das getrackt wird zur Abrechnung. Bei der Ouster toucht man In und Out, das wars. Ohne Handy. Den deutschen reciht das ja nicht, da muß man wissen, ob man nun linksrheinisch oder rechtsrheinisch von Mainz nach Köln gefahren ist.

wpDiscuz