21
Okt 2015

Dokumentation als Dokument der Zeitgeschichte: "Nachrede auf Klara Heydebreck"

Themen: Film, TV & Presse |

Ich habe vor ein paar Monaten ein Buch zu einem sehr eng gefassten Thema gelesen: Die Dokumentarfilm"schule" des NDR in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit. Man könnte denken, dröger geht’s nimmer und ein bisschen nach Selbstbeweihräucherung riecht es auch, aber das täuscht: Tatsächlich entwickelte sich in den Dritten Programmen in den 50er, 60er und 70er Jahren eine Philosophie in Sachen Dokumentation, die auf Erzählen durch Beobachten aus war, die in Fakten ihre Emotionen fand und Schichten und Ecken der Republik ausleuchtete, die vom offiziellen Primetime-Fernsehen gerne ausgeblendet wurden.

Vor ein paar Tagen stolperte ich dann zufällig über ein exzellentes Beispiel dieser Sorte Dokumentation. Schwarzweiß, eine gute Stunde lang, mit einem Thema, für das man dem Publikum heute kein Geld abverlangen, sondern bezahlen müsste: Der Freitod einer völlig unbedeutenden Berliner Rentnerin.

Und doch, sei es als Testament der NDR-Schule, fasziniert und bestürzt "Nachrede auf Klara Heydebreck" auch heute noch, weil das Thema so aktuell ist wie 1969: Menschen fallen durch den Rost, verschwinden aus dem Leben ihrer Mitmenschen, verblassen in kleinen Wohnungen, werden leiser, sterben weg. Der Tod kommt oft Jahre, nachdem jedes Leben aufgehört hat. Die heimische Stube als quälender Wartesaal mit den immer gleichen mechanischen Abläufen, ein freudloses Nichts auf der Zielgeraden. Jeder Abend endet mit "vielleicht heute nacht", jeder Morgen beginnt mit "dann noch diesen Tag".

Vielleicht bewegt mich "Nachrede auf Klara Heydebreck" auch nur deshalb, weil ich als Zivildienstleistender viele Klara Heydebrecks kennen gelernt habe. Weil wir neben einer Klara Heydebreck gewohnt haben. Weil ich seither weiß, wie viele Klara Heydebrecks hinter so vielen vergilbten Gardinen in vergilbten Stuben hocken und warten, manchmal beten, dass ihre Zeit endlich vorbei ist.

Das hier ist mehr als spannend – es ist wichtig:

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Um auf einer etwas erträglicheren Note zu enden, verweise ich auf die Wunderbarkeit des Internets, in dem man die damals gezeigten Straßen heute prima nach den erwähnten Häusern absuchen kann. Und ja, das Haus der Klara Heydebreck gibt es noch immer…



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comicfreak
comicfreak
22. Oktober, 2015 08:37

..ich muss unbedingt "meine" Klara anrufen..
🙁

Tim
Tim
29. Oktober, 2015 22:33

Toller Film. Erstaunlich flott erzählt, mit viel Hingabe produziert, wie ich finde. Die Rechnerei was Klara Heydebreck so verdient hat in ihrem Leben, fand ich sehr geil. Ging über 5 Minuten und bekam was kafkaeskes, als zum zehnten Mal die entsprechenden Brotpreise genannt wurden. Wie wenig man braucht, um gute Filme hinzubekommen und wie selten es gelingt!
Ergänzung: Anke Groener hat neulich einen Link gepostet, zu einem Artikel der New Times, der auch einem einsamen Tod nachgeht und ihn in gesellschaftlichen Kontext setzt. Toller long read: http://www.nytimes.com/2015/10/18/nyregion/dying-alone-in-new-york-city.html?_r=0