Über Johannes Heesters habe ich immer scherzend gesagt: "Der ist so alt, der hat das Sterben vergessen. Den werden wir nie los". Er starb am Heiligabend 2011, im Alter von 108 Jahren.
Mit Frau C. ging es mir immer ähnlich. Als wir hier in Schwabing einzogen, war sie bereits 103. Eine kleine, zerbrechliche, aber vom Leben augenscheinlich nicht zerbrochene Frau, die nicht mehr gut hören und nicht mehr gut sehen konnte, aber mit wachem Geist und ungetrübter Freundlichkeit regierte, wenn ich sie im Treppenhaus sah.
Ich weiß nicht viel über Frau C. – ein bisschen was vom Vermieter, von den Nachbarn. Der Legende nach, die womöglich wahr ist, zog sie am Heiligabend 1945 in die Wohnung ein. Mit ihrem Ehemann, dessen Inital "L." heute noch das Türschild schmückt, der aber schon 1966 verstarb. Seit 47 Jahren lebte sie also allein auf 135 Quadratmetern. Seit damals wurde die Wohnung nicht mehr renoviert, seit den 80ern auch die Miete nicht mehr erhöht. Mein Vermieter sagte mir dazu mal seufzend, aber ohne Bedauern: "Ich kann doch so einer Frau die Miete nicht erhöhen."
Ich habe Frau C. vielleicht zehn Mal kurz gesehen in den letzten drei Jahren, obwohl wir Wohnung an Wohnung lebten. Am Anfang haben wir uns vorgestellt und ich habe (ganz alter Zivi aus der Altenpflege) erst einmal klar geäußert, dass sie jederzeit um alles bitten könne und in keiner Situation Sorge haben bräuchte, uns zu stören. Ein paar Mal habe ich Vertreter verscheucht, die an ihrer Wohnung klingelten. Das war’s.
Meine Erinnerungen an Frau C. haben deshalb auch weniger mit Begegnungen zu tun als mit Geräuschen. Da ist das furchtbar laute Telefon, das morgens um 9 Uhr und abends noch einmal gegen 21.30 Uhr klingelte. Es war wohl der Anruf der Pflegestelle, der Frau C. zweimal am Tag bestätigen musste, noch gesund und auf den Beinen zu sein. Ihrer Schwerhörigkeit war zu verdanken, dass es manchmal fünf Minuten lang durch unsere Wohnzimmerwand schrillte, bevor sie dran ging.
Mein Vermieter erzählte mir, dass man sich mit Frau C. prima über Politik und Gesellschaft unterhalten könne, sie sei voll informiert. Ich weiß das – weil sie gerne vergaß, ihren Funkkopfhörer für Fernsehen und Radio einzuschalten. Dann hörten wir im Wohnzimmer glasklar und SEHR LAUT Bayern 2 oder das Bayerische Fernsehen. Einmal hat sie sich am nächsten Tag entschuldigt, weil es ihr schließlich doch aufgefallen war. Ich habe sie angelacht und gesagt: "Frau C., wenn Sie möchten, können Sie ihren Fernseher rund um die Uhr laufen lassen. Sie haben es sich verdient."
Und das hat sie. Es ist schwer vorstellbar, aber sie wurde eingeschult, da regierte in Deutschland noch der Kaiser. Es ist unwahrscheinlich, aber absolut nicht auszuschließen, dass sie in den zweisprachigen Kindergarten von Hope Adams Bridges Lehmann ging – der Frau, über die ich einen Zweiteiler für das ZDF geschrieben habe. Frau C. hat die Not des Ersten Weltkriegs erlebt, die Münchner Räterepublik, die Weimarer Republik. Sie hat die Weltwirschaftskrise am eigenen Leib erfahren. Bei der Machtergreifung der Nazis war sie 24, eine junge Frau. Sie hat ihre Aufmärsche erlebt und ihren Untergang. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, zwei Deutschland, dann ein Deutschland.
Wie kann so viel Leben, so viel Geschichte in einen einzigen Menschen passen?
Als unser Viertel wegen eines Bombenfunds evakuiert wurde, hat man Frau C. als Einzige in ihrer Wohnung gelassen. Selbst die Feuerwehr sah keinen Sinn darin, eine 104jährige Frau aus dem Haus zu zerren.
Vor zwei Jahren ist sie anscheinend mal aus dem Bett gefallen und hat mitten in der Nacht mit einem Notfallknopf an ihrem Hals die Ambulanz gerufen. Sie kam ins Krankenhaus, wurde aber schon am nächsten Vormittag wieder in ihre Wohnung gekarrt. Ich habe den Nothelfer gefragt, ob sie nicht länger im Hospital beobachtet werden müsse, aber er winkte ab: "Die ist in Ordnung und hat uns den ganzen Morgen Stress gemacht, dass sie sofort wieder nach Hause will. Die kann nicht anders."
Ganz selten, wenn die Pflegekraft die Wohnungstür nicht rechtzeitig geschlossen hatte, habe ich einen Blick in Frau C.’s Diele erhaschen können. Dicke Tapeten mit Blumenmustern, die an die 20er Jahre erinnerten. Gepflegte, dunkle Möbel, die man heute als "antik" verkauft, die für Frau C. aber vermutlich nur ihre Möbel waren. Geklöppelte Deckchen vor den Glaseinsätzen in den schweren Kassettentüren. Eine Wohnung, die zur Zeitreise einludt.
Frau C. war nicht vereinsamt, nicht unterversorgt. Täglich hatte sie ein "Essen auf Rädern" vor der Wohnungstür, eine Pflegerin schaute ebenso oft nach dem Rechten. Unsere Nachbarin hatte keine Kinder, aber wohl Neffen und Nichten, die sich um ihr Wohl kümmerten. Einmal im Jahr, um den Geburtstag herum, kam ein riesiges Paket vom Bürgermeister. Ich habe gehört, dass Menschen in diesem hohen Alter sogar einen Besuch des Stadtoberhauptes erwarten dürfen, aber Frau C. hat das wohl abgelehnt.
Frau C. hat mich fasziniert. Ich spielte immer mit dem Gedanken, sie um ein Gespräch zu bitten, vielleicht eine Reportage über sie zu schreiben, eine Dokumentation zu drehen. Ich wollte ihre Geschichten festhalten, ihre Erinnerungen. Ein Jahrhundert Deutschland in einer Person. Ich wollte dieses Leben der immer leiser tickenden Uhr entreißen, etwas schaffen, das bleibt. Mit einem Kameramann hatte ich die Idee bereits besprochen, vom Vermieter hatte ich die Adresse des Neffen, über den ich (behutsam und respektvoll) anfragen wollte.
Die Tatsache, dass ich diesen Text in der Vergangenheitsform schreibe, verrät es bereits – ich war nicht schnell genug. Letzte Woche kam die Email vom Vermieter: Frau C. ist nach einem sehr kurzen Krankenhausaufenthalt verstorben, kurz vor ihrem 107. Geburtstag.
Gerne würde ich mir die Wohnung anschauen, auch wenn die Chance zur Zeitreise vertan ist. Aber ich weiß nicht, ob es den Angehörigen recht wäre. Ich weiß nicht, ob es sich ziemt. Ob es Frau C. so gewollt hätte. Das ist wichtig. Es ist ihre Wohnung. Ich möchte sie selbst jetzt nicht ohne ihre Erlaubnis betreten.
Ich höre wieder Geräusche nebenan. Nicht mehr das überlaute Radio oder das schrille Klingeln des Telefons. Nur Möbel, die gerückt werden, Schränke, die ausgeräumt werden. 47 Jahre nach der letzten Renovierung schauen die Nachkommen, was übrig ist. Es wird nicht viel sein. Dann wird die Wohnung kernsaniert – ein Prachtstück in bester Lage, keine Frage.
Mag sein, dass wir nette neue Nachbarn bekommen nächstes Jahr. Welche, die uns Kuchen bringen und mit denen man im Hausflur plaudern kann. Aber sie werden einen entscheidenden Nachteil haben: Sie werden nicht Frau C. sein.
Das dazu.
Es ist berechtigt zu fragen, warum ich einen Nachruf auf einen Menschen schreibe, den ich kaum kannte und über den ich so wenig zu berichten weiß. Meine Antwort: weil es mir erlaubt, irgendeinen Nachruf zu schreiben statt den, den ich heute schreiben will, aber aus Rücksicht auf meine Familie nicht schreiben werde. Den auf Brigitte, die heute Nacht gestorben ist.
Ich habe jetzt keine Tante mehr.
Wenn ihr noch eine habt – umarmt sie mal. Von mir. Oder einfach nur so.



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S-Man
S-Man

Zuerst mein Beileid!
Dann eine kleine Anmerkung: Du hast kurz vor dem Ende den Namen ausgeschrieben. Wenn es Absicht war, ignorieren.

comicfreak

..mein aufrichtiges Beileid.
Fühl dich gedrückt.

Howie Munson
Howie Munson

Mein Beileid.

G

Mein aufrichtiges Beileid.

Mic
Mic

Auch von meiner Seite Beileid.
(Und ein dem Anlass entsprechend eher gemurmeltes Lob für den Text)

Marcus
Marcus

Mein Beileid.

Baumi
Baumi

Auch von mir Beileid. Und angesichts des beeindruckenden Textes ein Verweis auf diese großartige Dokumentation, an die ich beim Lesen denken musste:
http://www.youtube.com/watch?v=-1qH6wQurSQ

Achim
Achim

Ein wundervoller Text.
Du hast nicht nur deine Gedanken geteilt, auch deine Gefühle wurden transportiert. Das können nur wenige.

McCluskey

Der Text ist mir sehr nahegegangen. Mein Beileid zum Tod deiner Tante. Und gute Reise, Frau C. …

Dietmar
Dietmar

Mein Beileid und danke, wieder einmal, für einen schönen, anschaulichen und emotionalen Artikel.

o-läufer
o-läufer

Von Beileidsbekundungen, wenn auch nicht Grabe, seh ich mal ab.
Vielen Dank für diesen, mal wieder, herausragend gelungenen Text. Es ist das sehr solide handwerkliche Können, das darüber hinausgehende Talent und die große emotionale Tiefe, die mich hier immer wieder gerne lesen lassen.
Kurzum: Hier schreibt ein Mensch, der schreiben kann. Mit Betonung auf "Mensch" UND "schreiben kann".

Sylke
Sylke

Vielen Dank,
Als Familie danke ich Dir für den schönen Nachruf. Sie hätte ihn geliebt.

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[…] dass in München jetzt gerade die kleine Rosel eingeschult wird. In fast 100 Jahren wird sie meine Nachbarin sein – und eine erstaunlich direkte Verbindung in die Zeit meines […]