Stung
stung-2015-poster

Deutschland/USA 2015

REGIE

Benni Diez

DARSTELLER

Matt O´Leary, Jessica Cook, Clifton Collins Jr., Lance Henriksen, Daniele Rizzo, Florentine Lahme, Cecilia Pillado, Eve Slatner

Offizielle Synopsis: Eine glanzvolle Gartenparty in einem luxuriösen, mittlerweile aber schon ein wenig dem Zahn der Zeit anheimgefallenen Anwesen – es ist der erste große Auftrag für Julia, die gerade erst den Cateringservice ihres verstorbenen Vaters übernommen hat. Begleitet wird sie von Kellner Paul, der seiner Chefin zwar gern hübsche Augen macht, ansonsten aber nicht gerade vor Arbeitseifer überschäumt. Bevor die Party jedoch richtig in Gang kommt, meldet unerwartet eine Schar beeindruckend großer Wespen ihren Anspruch aufs Buffet an und die beiden Party-Planer haben alle Hände voll zu tun, die ungebetenen Gäste abzuwehren. Die Folgen eines illegalen Toxins im gedüngten Gras kommen erschwerend hinzu: Die stachligen Quälgeister mutieren im Nu zu mannsgroßen Monsterbrummern und blasen zur blutigen Jagd auf die entsetzte Partyrunde! Die wenigen Überlebenden des Massakers haben nur eine Chance, den giftigen Biestern Paroli zu bieten, und holen ihrerseits unter Führung von Julia und Paul zum finalen Gegenschlag aus.

Kritik: Wie schon angekündigt, gehe ich deutsche Filme beim FFF grundsätzlich mit einer „Erwartense nix, werdense auch nicht enttäuscht“-Einstellung an. Allerdings kommt „Stung“ aus dem Hause Rat Pack und für den Produzenten Christian Becker habe ich selber oft genug gearbeitet. Der Mann ist ein Nerd, kennt sich aus, hat ein Gespür für das, was Fans wollen. Und wir haben seinerzeit wahrlich oft genug darüber diskutiert, dass man endlich mal mit deutschen B-Movies auf dem internationalen Markt reüssieren sollte. Nun versucht er es.

Die Handlung ist „bare bones“, aber das muss in diesem Genre kein Makel sein. Ein paar Leute treffen sich bei einer einsamen Location (hier ein Landschloss in Brandenburg, das leider so gar nicht nach New York State aussieht, wo die Geschichte spielt), ein paar Kreaturen mischen die Party auf und alles rennet, rettet, flüchtet. Im Idealfall kriegen sich Mann und Frau zum Finale auch noch.

All das bietet „Stung“ und geht dabei noch weit über das Mindestmaß solcher Billigreißer hinaus, wie sie auf dem Syfy-Channel mittlerweile im Wochenrhythmus rausgepupst werden. Die Kameraarbeit ist wirklich sehr edel, man gönnt sich ein paar Drohnen-Luftaufnahmen, die Nachtszenen sind atmosphärisch ausgeleuchtet und der Drehort hat einen gewissen morbiden Charme, der zwar nicht ganz zu den jungen Protagonisten passt (die sich schauspielerisch wacker schlagen), aber einen gewissen visuellen Mehrwert mitbringt.

Stung-620x400Hauptverkaufsargument von „Stung“ sind neben dem grandiosen Poster (Christian, kannst du mir mal eins in die Post packen – gerollt?) die Monsterwespen und Wespenmonster (was nicht dasselbe ist, aber ich will nicht spoilern). Hier entfaltet der Film Nerd-Charme und Technik-Expertise, verweist auf „Formicula“ und „Starship Troopers“ gleichermaßen, feiert die Hochzeit von Latex und Schleim mit CGI, bis die Übergange nicht mehr sichtbar sind und man sich einfach kichernd am Massaker erfreuen kann. Genuss ohne Reue für Monstersplatter-Fans, für den ich mir mehr Daumen wünschen könnte, um sie hoch zu recken.

Die Tatsache, dass „Stung“ vieles richtig macht, kann leider nicht über die Tatsache hinweg täuschen, dass er die wichtigsten Sachen falsch macht. Und es ist mal wieder das Drehbuch, an dem es hapert. Hier verstolpert sich „Stung“ schon an den Basisanforderungen des Genres. So wird die gesamte Bedrohung durch die Monsterwespen nicht langsam aufgebaut, sondern mit einem Rumms in die Handlung gehämmert. Nach 20 Minuten. Danach ist alles gesagt und gesehen – die nächste Stunde wird nur noch willkürlich von A nach B gelaufen, dann und wann stirbt wer, die Attacken werden redundant.

Weder sind die Figuren mit der Handlung verknüpft noch bedingen sie einander – die Wespen haben kein Ziel, die Menschen demnach keine Aufgabe. „Irgendwie lebend rauskommen“ muss reichen. Weder über die Kreaturen noch über die Protagonisten erfahren wir jemals Relevantes, aus dem Spannung oder Fortentwicklung gezogen werden könnte. Für einen Film mit derart viel Hektik und Action tritt „Stung“ erschütternd permanent auf der Stelle.

Die Dialoge sind einfach nur da, füllen Zeit, Smalltalk statt Handlungsantrieb. Man könnte drei Viertel dessen, was gesagt wird, einfach weglassen. Oft ist es auch schierer Nonsens. Nehmen wir Lance Henriksens Zeile, als er heraus findet, dass man eine Flasche Wein auch mit einem Schuh öffnen kann: „Hätte ich das früher gewusst, es hätte meine zweite Ehe gerettet“. Was soll der Satz? In welchem bizarren Kontext könnte das stimmen? Es ist eine Dialogzeile, die keinerlei Sinn ergibt, als wäre sie ein Lückenfüller in der Hoffnung gewesen, irgendein Script Doctor würde später etwas Besseres finden.

Die Figuren sind mit Klischees noch freundlich beschrieben, es werden lustlos ein paar Eigenschaften zugewiesen („alte Zicke“, „buckeliger Sohn“, „harter Knochen“), ohne dass diese jemals eine Auswirkung auf die Handlung hätten. Weil nie klar ist, warum Julia und Paul kein Paar sind, kann dieses Hindernis auch nicht überwunden werden – es ist eine Romanze ohne jeden Konflikt, die den Zuschauer gepflegt gähnen lässt.

Und Lance Henriksen? Reißt der es wenigstens raus? Leider nein. Ich habe ihn selten so „anwesend“ erlebt, so präsenzfrei. Sein Desinteresse an seiner Figur und der Handlung ist erschütternd offensichtlich. Er hat ja auch nichts, an dem er sich abarbeiten könnte. Sein Charakter könnte von jedem beliebigen Provinzschauspieler dargestellt werden, trägt absolut nichts zum Plot bei. Wir erfahren, dass er bald zur Wiederwahl als Bürgermeister antritt, dass er im Korea-Krieg war, dass er mehrere Ehen hinter sich hat. Keines dieser Attribute hat jemals eine Funktion, er wird genau so als Kanonenfutter entsorgt wie alle anderen Nebenfiguren.

Henriksen hat außerdem den unangenehmsten Moment, als er tatsächlich zugibt, sich beim Angriff der Wespen in die Hosen geschissen zu haben. Den Rest des Films müssen wir unterstellen, dass es in seiner Unterhose schmatzt. WTF?

„Stung“, trotz aller technischen Expertise, versackt damit im Niemandsland zwischen „Virus undead“ (mit dem er das Setting, den groben Plot, die uninteressanten Figuren und die Nonsens-Dialoge teilt) und „The Hallow“ (bei dessen Begeisterung für gelungenen Creature-Schmodder er mithalten kann). Alle Beteiligten hängen sich sichtlich rein, wollen zeigen, dass sie auf internationalem Parkett konkurrenzfähig sind – arbeiten aber mit Material, das nicht mal eine erste Fassung hätte sein dürfen.

Und doch: Trotz aller Mankos ist „Stung“ immer noch deutlich besser als fast alles, was ich in diesem Genre aus Deutschland in den letzten Jahren gesehen habe. Wir sind nicht am Ziel – aber der WEG stimmt endlich mal. Es VERSUCHT wenigstens mal jemand jenseits der Amateure und Semi-Profis. Ein Anfang. Und als Anfang kein schlechter. So muss man das sehen.

Fazit: Ein toll gefilmtes und mit beeindruckender Begeisterung für Creature-Widerlichkeiten gedrehtes B-Movie deutscher Genese, dem leider das Drehbuch fehlt und dessen Wertung auch als hoffnungsvolles „weiter so, das wird schon!“ zu verstehen ist. 5 von 10.



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comicfreak
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..äh, yay und schade? O.o

Fake
Fake

„Hätte ich das früher gewusst, es hätte meine zweite Ehe gerettet“. Was soll der Satz? In welchem bizarren Kontext könnte das stimmen?

Also in Sitcoms ist sowas schnell erzählt: Er macht einen romantischen Versöhnungsabend, findet aber den Korkenzieher nicht. Sie macht im Vorwürfe wegen der schlechten Vorbereitung und so eskaliert ein neuer Streit – die Schuhmethode hätte geholfen.

Christian Siegel

Ich persönlich fand ja „Hell“ vor ein paar Jahren sehr gelungen. Und – ohne vergleichen zu können (habe „Stung“ ja selbst noch nicht gesehen) – scheint mir, als hätte „Blutgletscher“ einige Dinge die du hier kritisierst gut oder zumindest besser gemacht.

BTW ich bewundere dich um deine Fähigkeit, an einem Tag und in so kurzer Zeit drei derart überlegte, gut ausformulierte und ausführliche Reviews schreiben zu können *verneig*. 3 down, 47 to go?!?!?! ;-).

Peroy
Peroy

Wir hatten Henriksen aba zuerst in Deutschland… daswollteichnurnochmalanmerken… *schmoll*

Mic

Sieht aus wie ein Film, den ich unheimlich gern lieben würde, von dem ich aber jetzt schon anhand des Trailers fürchte, enttäuscht zu werden …

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[…] ♦ Scherzo Diabolico ♥ Shrew’s Nest ♣ Some Kind of Hate ♦ Strangerland ♦ Stung ♦ Sweet Home ♦ Tale of Tales ♦ Tales of Halloween ♥ Therapie für einen Vampir […]