Kill your friends

killyourfriends-34Grossbritannien 2015

REGIE

Owen Harris

DARSTELLER

Nicholas Hoult, Craig Roberts, James Corden, Tom Riley, Ed Skrein, Joseph Mawle, Georgia King, Edward Hogg, Moritz Bleibtreu u.a.

Offizielle Synopsis: Steven Stelfox ist 26 und fühlt sich bereits als Halbgott. In seiner eigenen bizarren Welt liegt er damit nicht ganz falsch, denn Stelfox ist A&R-Manager bei einem großen britischen Plattenlabel in den 90ern. Er und seine Kollegen ziehen die Fäden hinter den Kulissen einer manipulativen Musikindustrie, die den Geschmack von Millionen diktiert und über Aufstieg und Absturz unzähliger hoffnungsvoller Künstler entscheidet. Hier zählt nichts als Erfolg und für den muss man mit Zähnen und Klauen kämpfen. Missgünstige Kollegen, schlecht gelaunte Chefs, bockige Klienten und unfähige Assistenten sind nur kleine Hindernisse auf dem Weg nach oben, der für einen wie Steven Stelfox Tag für Tag erneut mit Partys, Koks und Nutten gepflastert ist. Doch hinter all den Exzessen regiert die nackte Angst, irgendwann den Ansprüchen nicht mehr genügen zu können und erbarmungslos auf die Straße gesetzt zu werden. Als Stelfox‘ Kollege plötzlich dem ersehnten Posten in der Chefetage näher steht als er selbst, reicht Steven ein gut platzierter Schlag auf dessen Hinterkopf, um wieder ins Rennen zu kommen. Doch selbst ein eiskalter Mord bringt nicht das gewünschte Resultat, denn nun setzt man dem erfolgsverwöhnten Manager ein abgeworbenes Wunderkind von der Konkurrenz vor die Nase – und Stelfox muss sich erneut einen diabolisch mitleidlosen Plan einfallen lassen, um den lästigen Nebenbuhler ein für alle mal loszuwerden. Damit setzt er eine Kette Ereignisse in Gang, welche die Büros hinter der sauber glänzenden Glasfassade in einen wahren Hexenkessel aus Gier, Neid und Wahnsinn stürzen.

Kritik: Kleines Quiz: Was hat „Kill your friends“ auf dem Fantasy Filmfest zu suchen, noch dazu als Eröffnungsfilm? Der Film hat keinerlei Genre-Elemente, auch keine hochoktane Action. Ist die Definition von „Fantasy“ mittlerweile so beliebig, dass alles geht, solange die Veranstalter es geil finden?

Kann sein. Ist in diesem Fall aber gut so. „Kill your friends“ ist ein Rocker. Eine temporeiche Satire über das Musik-Business, in dem ein Haufen gelackter Arschlöcher auf dicke Hose macht und die Spesenkonten mit Koks und Nutten ausreizt, immer in der Hoffnung, dass einer ihrer Acts eher zufällig in den Charts landet und damit alle ihre Verfehlungen rechtfertigt. It’s a dog eat dog world – die Steven nur konsequent zu Ende denkt, als er beginnt, seine Widersacher mit wirklich allen Mitteln zu beseitigen.

Vielleicht hilft es, in den 90ern zumindest peripher in der Branche unterwegs gewesen zu sein, weil man dann besser nachvollziehen kann, dass die hier präsentierten Figuren keine überspitzten Karikaturen sind. Den Olymp, den sie sich zusammen phantasieren, haben sie wirklich gelebt. Sie sind die „masters of the universe“, leben in einem ständigen Spannungsfeld aus Selbstüberschätzung und Versagensängsten. Sie stehen ganz oben – auf einem wackeligen Kartenhaus. Sie fühlen sich unendlich groß, und sind doch unendlich klein.

Niemand repräsentiert diese Hybris so gut wie Steven, der mit dem Anspruch lebt, ein Wolf unter Schafen zu sein – aber letztlich genau so wenig Ahnung von Musik hat wie seine Putzfrau und nur darauf hoffen kann, dass der eklige Musikgeschmack der Massen seine hirntote Schlampen-Girlgroup „Songbirds“ vielleicht doch noch in die Charts hievt.

Kill-Your-Friends_0000_Layer-2

Zwischen grauen Büros und knallbunten Clubs wird gefixt, gefickt und gelinkt, dass die Schwarte kracht, jeder ist korrupt, und wenn du deinem Kollegen das Messer in den Rücken rammst, hast du schon einen Praktikanten hinter dir, der sich die richtige Stelle zwischen deinen Schulterblättern sucht.

Das alles ist schnell und hyperaktiv inszeniert, mit einem großartigen Blick für die Details der 90er, perfekt balancierend zwischen brutal witzig und brutal ehrlich – und schlicht brutal. Nicholas Hoult ist der perfekte Antiheld, the guy you love to hate. Man würde ihm die Pest an den Hals wünschen, wenn nicht alle anderen Personen in seinem Umfeld noch erheblich widerlicher wären. Auch Georgia King als überqualifizierte Assistentin, Edward Hogg als naiv-korrumpierter Bulle und (wieder) Joseph Mawles als Firmenanwalt können begeistern. Besonderer Shoutout an Moritz Bleibtreu, der letztlich nur eine Szene hat – in dieser aber sensationell die Sau rauslässt. Why don’t you?

Man kann „Kill your friends“ natürlich vorwerfen, dass er ein hochgradig zynisches Menschenbild präsentiert, dass er sich an der Gewalt und den Drogen nicht weniger berauscht als seine Protagonisten. In diesem Fall lasse ich aber gelten, dass es notwendig ist, in den Film „einzusteigen“, dass die Dramaturgie und die Sichtweite mittendrin statt nur dabei sein muss, vor allem, weil das letztliche Urteil klinisch und distanziert bleibt: Alles Wichser.

Fazit: Eine so zynische wie hysterisch komische Autopsie der egomanen Umtriebe in britischen Plattenfirmen der 90er, das perfekte Triple Feature mit „The Wolf of Wall Street“ und „American Psycho“. 9 von 10.

Kein Trailer – so frisch ist der Film!



avatar
8 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
6 Comment authors
Fantasy Filmfest Masterliste (1) | Wortvogel – 100 % Torsten DewiheinoNamenswechslerToninoJohn Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
heino
heino

Tja, viele Filme hätten bei wirklich enger Auslegung des Begriffes „Fantasy“ niemals auf dem Festival laufen dürfen. „American Psycho“ ebenso wenig wie z.B. „Four lions“ oder „We need to talk about Kevin“ (okay, der lief auf den Nights), aber ohne solche Filme wäre das Festival doch nur halb so interessant:-)

comicfreak
comicfreak

..klingt gut..

DMJ

An „American Psycho“ dachte ich auch schon während der Inhaltsangabe!
Nachdem der ja die 80er behandelte ist das hier vielleicht das wahre 90er-Sequel dazu (den offiziellen zweiten Teil verleugnen wir mal).

John
John

Ja toll, und wenn Du mal 9/10 vergibst, verpasse ich den Film natürlich: grummle!!

Tonino
Tonino

Ich habe schon den ganzen Tag auf dein Review gewartet! Besser kann man es wirklich nicht in Worte fassen, danke Torsten!

Kann mich dem nur anschließen. Auch ohne persönliche Erfahrungen in der 90er Musikszene hat mich „Kill your friends“ auf jeder Ebene überzeugt und mit seiner abgedrehten Art maximal begeistert. So einige Szenen und Dialoge brennen sich förmlich ein. Ich freue mich sehr auf die zweite Sichtung! Bis zur Kinoauswertung hierzulande werden leider noch einige Monate vergehen. Wegen dem hold-back (In UK/F startet er Anfang November.) ist erst im Laufe des ersten Quartals 2016 mit einer Veröffentlichung zu rechnen. Regisseur Owen Harris gebührt der größte Respekt, bedenkt man, dass es sich bei dem Film um seinen ersten Kinofilm handelt… Ich hatte ein kurzes Gespräch mit ihm, lässiger Typ!

Wünsche dir noch viel Spaß in Nürnberg. Auf meinem Filmfest Plan stehen noch Tale of Tales, Turbo Kid, One and Two und Cop Car.

Liebe Grüße aus Berlin

Namenswechsler
Namenswechsler

Vorgemerkt.

heino
heino

Yep, der Film rockt massiv und macht höllischen Spaß. Allerdings (ich habe das Buch nicht gelesen) hatte ich die ganze Zeit den Eindruck, dass Niven hier die Plotbeats von „American Psycho) Szene für Szene nachgekaut und immer nur leicht variiert hat. Gutes Beispiel dafür ist die Einführung des Bullen, die der ersten Szene von Willem Dafoe in AP solange gleicht, bis der naive Dummkopf Stelfox seine Demo-Cd in die Hand drückt. Ist aber egal, das war der beste Eröffnungsfilm seit Ewigkeiten. 10/10

trackback

[…] ♣ H. ♥ The Hallow ♣ Hellions ♦ Howl ♦ Hyena ♦ Infini ♦ The Invitation ♥ Kill your Friends ♥ Kung Fu Killer ♣ Maggie ♥ The Midnight After ♥ Momentum ♥ Night Fare ♦ Nina […]