chronikWer in den 80ern aufgewachsen ist, kennt dieses Buch. Es war der Beginn eines gigantischen Booms. Plötzlich gab es überall Chroniken, die teilweise unfassbar komplexe Epochen oder Themen bildlastig und mit verständlichen Texten zusammen zu fassen suchten. Dahinter steckte der Versuch, einem immer lesemüderen Publikum ein Verständnis der großen Zusammenhänge zu vermitteln, ohne ein humanistisches Studium absolvieren zu müssen. Die fetten Hardcover-Schinken waren ein beliebtes Geschenk, auch wenn fraglich bleibt, wie viele dieser Geschenke ungelesen blieben.

Der Chronik-Verlag, damals ein Imprint des Harenberg-Verlages, machte daraus ein Geschäftsmodell: Weil die „Chronik des 20. Jahrhunderts“ 1982 naturgemäß nicht das gesamte 20. Jahrhundert abfeiern konnte, brachte man Jahresbände heraus. Dann gab es die „Chronik des Films“, die „Chronik Berlin“, „Die Chronik der Erde“, „Die Chronik der Technik“ etc. pp. Letztlich wurde damit die Idee auf den Kopf gestellt: Ein Buch, das eine Bibliothek ersetzen sollte, wurde wieder zu einer Bibliothek.

Die ganze „Chronik“-Sparte wurde Anfang der 90er an Bertelsmann verkauft. Unter dem Druck des Internets brachen die Verkäufe von Lexika und Nachschlagewerken immer mehr ein – 2014 kam das Ende.

Die LvA besitzt eine Ausgabe der „Chronik des 20. Jahrhunderts“, die 1987 endet, vermutlich also eine zweite oder dritte aktualisierte Neuauflage. Wir wollten sie eigentlich via der Bücherkiste vor unserem Haus verschenken, aber ich brachte es nicht über mich. Stattdessen habe ich sie in den letzten Wochen zu meiner Frühstücks / Badezimmer / Bett-Lektüre auserkoren. Nicht gerade leicht zu stemmen, aber umso leichter zu lesen. Ich blättere mich gerade durch die Weimarer Republik.

Und tatsächlich: Das Buch hat auch im Zeitalter von Wikipedia und YouTube seine Existenzberechtigung. Weil es strikt chronologisch vorgeht, Entwicklungen nachvollziehbar macht, Kontext liefert. Information nicht punktuell und im luftleeren Raum, sondern als Bestandteil eines riesigen Puzzles aus Kultur, Politik, Natur und Wissenschaft.

Es hilft, dass die Chronik recht sorgfältig und historisch eher neutral geschrieben ist, soweit ich das beurteilen kann. Zumindest bei der „Chronik des Films“ gab es seinerzeit ein paar inhaltliche Patzer.

Jüngeren Lesern mag die Chronik als Erklärbär für das ihnen unbekannte vergangene Jahrhundert dienen, ältere Leseratten werden sich über die ergänzende und auffrischende Lektüre freuen. Und immer wieder findet man Einträge, die zur weiteren Recherche per Internet reizen – von diesem 1986er Debakel z.B. hatte ich noch nie gehört:

auto

Google to the rescue – es finden sich tolle zeitgenössische Artikel vom SPIEGEL, dem Hamburger Abendblatt und der Stuttgarter Zeitung, aber auch erschütternde Beichten wie diese:

Verzweifelung noch nach vier Jahren

„Ich weine um mein fünftes Kind. Ich habe es abgetrieben. Ich bereue es wie ein Hund. Dass ich, die ich Kinder liebe und vier Kinder habe, dass ich ein Kind abtreiben ließ, kann ich heute noch nicht fassen. Noch heute, vier Jahre danach, empfinde ich Trauer, Reue und Verzweifelung, wenn ich daran denke. Es war im Spätherbst 1985. Michael (Pfleghar) steckte voll in der Arbeit für seine Fernsehshow zum 100. Geburtstag des Autos. Reiste quer durch die Welt. Auch ich kämpfte wie ein Löwe gegen den Zeitdruck. Und mitten in all dem war ich schwanger, ohne es geplant zu haben. Ich war im zweiten Monat. Ich sprach mit Michael. Er sagte, er fühle sich mit 52 zu alt, um noch einmal Vater zu werden. Ich war damals 38. Michael sagte, dass ich das Kind nicht austragen sollte. Damit stand ich jetzt ganz allein.“

Bei Amazon bekommt man die fetten Chronik-Bände gebraucht schon ab 88 Cent – auch wenn man kein großer Freund von bedrucktem Totholz ist: Das ist eine lohnenswerte Anschaffung. Meine gebe ich jedenfalls nicht wieder her.



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Lesenswerte Links – Kalenderwoche 31 in 2015 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2015Andreas P.martinfWortvogelkdm Recent comment authors
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Mic

Oh ja, das war damals auch mein Einstieg in die bunte Welt von Politik, Kunst, Kultur, Zeitgeschehen. Endlich verstand ich, was es mit dem Golfkrieg auf sich hatte (nämlich nicht, dass da zwei Länder sich um einen Golfplatz zankten …) und viele andere Dinge.

Heute wüsste ich nicht mehr, wo ich das alles hinstellen soll. Wobei, im Regal neben mir steht immerhin die „Chronik des Zweiten Weltkriegs“. Das ist doch schon mal was.

Holger

Diese ARD-Show müsste man mal besorgen – das würde mich sehr interessieren 😀

Andreas
Andreas

Danke für dieses „Kleinod“. Hatte ich zuvor noch nie gehört, na gut, anno 1986 war ich noch jenseits der Mauer und ich denke, da haben wir irgendwas anderes geschaut (bestimmt ZDF ^-^).

Habe mal ein wenig nachgeschaut, nachdem ja in den Artikel zu lesen war, dass der Regisseur seinen tollen Streifen so richtig zu Geld machen wollte. Und tatsächlich, es gibt den Film:

http://www.amazon.de/S-A-M-Reise-durch-Zeit-Alternativtitel/dp/B00GW3E2T4

(edit: da war der Wortvogel schneller ;-))

Ob ich ihn mir allerdings jemals ansehen werde, das bezweifle ich mal 🙂

Sowas!!!
Sowas!!!

Oh, „Die Chronik des 20. Jahrhunderts“, die steht bei uns auch dick und fett im Bücherregal. Ab 1982 – 2006, kaufte ich mir immer diese Jahreshefte, bis ich nicht mehr wußte wohin damit, da hörte ich auf zu sammeln. Anfangs war ich richtig süchtig nach diesen Dingern. Ich wollte nichts verpassen. Wir haben noch „Die Chronik der Menschheit“ und „Die Chronik der Technik“.

vobac
vobac

In einem Spiegel Artikel hierzu – den ich natürlich nur aufgrund Deines Artikels überhaupt gesucht habe – steht sinngemäß der beeindruckende Satz: „An diesem Tag war über 2 Katastrophen zu berichten, die Autoshow und die Explosion der Challenger!“.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13517067.html

Alleine für diesen Satz sollte die Show eigentlich mal in einem der ARD Digitalprogramme wiederholt werden.

Walter K. aus H.
Walter K. aus H.

Ich hab damals mal in einige dieser Chronikdinger reingeschaut – und als McWissen empfunden: Sieht wie Wissen aus; ist auch welches drin; aber weder gehaltvoll noch schön zubereitet und auf Dauer nicht empfehlenswert. YMMV

Lutz
Lutz

Bei uns stehen im Bücherregal „Chronik des Films“, „Chronik der Deutschen“, „Chronik der Medizin“, „Chronik des 19. Jahrhunderts“, „Chronik des 20. Jahrhunderts“ und die „Chronik der Menschheit“. Meine Eltern haben die meisten davon erst vor etwa 15 Jahren, als der Weltbild Verlag die auch zu Ramschpreisen verscherbelte, besorgt, „Die Chronik des Films“ hatte ich aber früher irgendwann schon einmal zum Geburtstag bekommen.

Ich glaube die „Chronik der Deutschen“ war in meiner Jugend bei vielen Familien zu finden. Irgendwie hatte die fast jeder.Ich hab mich früher immer darüber amüsiert, dass die „Chronik der Menschheit“ um etwa ein Viertel dünner war als die „Chronik der Deutschen“.

Natürlich ist das auf häppchenform gebrachtes Wissen, dass in seinen einzelnen Artikeln wenig aussagt. Ich finde auch, dass die Bücher in den meisten Fällen wenig dafür tun, Entwicklungen oder Zusammenhänge wirklich zu verdeutlichen. Aber zumindest Ansätze lassen sich erahnen und der aufmerksame Blätterer findet immer wieder erstaunliche „Oh!“ „Ah“ und „Aha“ Momente. Darum finde ich die Bücher auch für Jugendliche immer noch gut geeignet, sofern sie sich dazu überreden lassen, in sowas Altmodischem herumzublättern (ahem….. „kids react to Encyclopedias“ https://youtu.be/X7aJ3xaDMuM)

Sascha H.
Sascha H.

Interessant. Ich erinnere mich, als Kind (ich bin Baujahr 1977) eine Show zum 100-jährigen Jubiläum des Automobils gesehen zu haben, die ich damals wohl recht cool fand. Ausser daran, dass eine Zeitmaschine darin vorkam, kann ich mich jedoch praktisch an nichts Weiteres mehr erinnern. Schade, dass wohl keine Möglichkeit besteht, diese nochmals zu sehen. Ich finde solche „Flashbacks“ immer wahnsinnig spannend – gerade auch bei Dingen, die man mal gut fand, und diese nach heutigen Massstäben neu bewerten kann 🙂

Marc

Danke für diese Reise in meine Kindheit. Auch bei meinen Eltern in der Schrankwand war dieser Wälzer zu finden.

kdm
kdm

Ich stell‘ auch ab und zu Bücher vor die Tür, „zum mitnehmen“. Letztlich: Sloterdijk und Kempowski. Aber solch‘ Schinken (der bei jedem Wohnungsauflösungs-Trödler ebenfalls billigst zu haben ist; weil Hinz&Kunz das Zeugs damals kauften) würd‘ ich gleich in die blaue Tonne werfen. Egal, welch‘ winzige Kleinodien drin zu finden sind; es gibt (& ich hab‘) genug andere Bücher, die es viel mehr belohnen, wenn man immer mal wieder reinschaut. Schon der Sprache wegen (immerhin: Literatur). Und weil man wirklich was lernt, und nicht solch‘ unwichtigen Blödsinn von einer verunglückten Fernsehschau. Ist nicht fast das gesamte TV-Programm derart?

martinf
martinf

Bücher in die blaue Tonne?! Habt ihr keine Offenen Bücherschränke, wo ihr Bücher spenden, ausleihen und/oder austauschen könnt? Hier in Hannover ist das echt cool, in anderen Städten gibt es das auch (z.B. Düsseldorf, Bayreuth).

Andreas P.
Andreas P.

Ich habe als Schulkind auch gerne in der „Chronik der Deutschen“ geblättert und finde das Buch auch heute noch gar nicht mal so schlecht.

Immer noch ganz gerne verwende ich die „Chronik der Oper“. Viel mehr Bilder als in anderen Opernführern, und durch den chronologischen Zuschnitt und den Zeitungsstil aufschlussreich, um zu verstehen, was in der lange Zeit in ganz Europa sehr beliebten Popmusik namens Oper jeweils aktuell abging.

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[…] Torsten hat mir wunderschöne Kindheitserinnerungen beschert: Chronistenpflicht, Chronistenkür. […]