So wie man aus Obst Schnaps machen kann, kann man aus Schnapsideen auch Spaß machen. Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam, dass Holger Kreymeier, der Kopf hinter der viel beachteten Sendung Fernsehkritik-TV, den Vorschlag machte, ich solle doch mal als Gast bei seinem Format Pantoffel-TV vorbei schauen. Klar doch, mache ich, gerne, wird bestimmt lustig. Holger hakt nach: Kennst du die Sendung? Klar doch, kenn ich, super, wird bestimmt lustig.

Meine treuen Leser ahnen: Der Wortvogel hat zu diesem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung, worum es geht. Aber wofür gibt es dieses Internet-Dingsbums, in dem kann man ja alles nachschlagen. Siehe da: Pantoffel-TV ist ein Review & Talk-Format in kleiner Runde, das im Studio der Alsterfilm aufgezeichnet wird, wo Holger seine Shows unter der Dachmarke Massengeschmack-TV produziert.

Reviews? Talk? Das passt. Der Wortvogel sagt zu, Holger sagt: 10.7. oder 24.7. Zuerst ist der 10.7. angepeilt, weil ich da nach einer Reportagereise an die Ostseeküste direkt an Hamburg vorbei komme. Leider wird die Reise in der Woche drauf eingedampft und endet schon am 8.7. Für den 10.7. muss ich absagen und damit wird es knapp: 24.7. ist letzter Aufzeichnungstermin vor einer längeren Pause. Ich fühle mich verpflichtet. Versprochen ist versprochen, und wird nicht gebrochen. Wiederholen ist gestohlen.

Holger schickt mir eine kleine Liste von Filmen und Serien, die in der Sendung besprochen werden sollen: Das Crime-Drama „Felony“, die neue Krimiserie „Mob City“, der SF-Film „Chappie“, die Agentenparodie „Kingsman“. Außerdem als Einsprengsel was über „Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon“. Einen ganz persönlichen DVD-Tipp für die Zuschauer soll ich auch mitbringen.

Ich besorge mir die vorgeschlagenen Produktionen und arbeite mich in die Themen ein. Man will ja wissen, wovon man spricht (was bei mir normalerweise keine Grundvoraussetzung ist). Außerdem checke ich die Möglichkeiten, am Freitag von Speyer nach Hamburg zu kommen. Zug: 190 Euro. Flieger: 400 Euro. Fernbus: 10 Stunden. Das liest sich unschön. Da ich zeitlich flexibel und zu alt zum trampen bin, entschließe ich mich, den Besuch bei Pantoffel-TV mit einem Test der angeblich sehr populären Mitfahr-Plattform Blablacar zu kombinieren.

Die Bedienung der Blablacar-Webseite ist wirklich denkbar einfach. Einloggen mit Facebook, gewünschte Fahrstrecke eingeben, Fahrer per Chat kontaktieren. Kostet (bisher) nicht mal Gebühren. 28 Euro pro Strecke. Das passt. Ich wähle ein Angebot um 12.30 Uhr ab Mannheim. Die Aufzeichnung bei Alsterfilm beginnt um 20.00 Uhr. Siebeneinhalb Stunden für 570 Kilometer, das sollte mir genügend Puffer geben, vorher noch entspannt ins Hotel einzuchecken, zu duschen und mich umzuziehen.

Umziehen! Ach du Schreck! Was ziehe ich bloß an? Kreisch! Wie jung sind die da wohl in der Sendung, wie nerdig? Soll ich selbstbewußt auf souveräner Spießer machen oder den verfetteten Alt-Geek unterstreichen? Eher „Anne Will“ oder „Alles nichts oder?!“? Ich konsultiere meinen Kleiderschrank, ziehe schließlich das alte Leder-Sakko raus, dazu ein Batman-T-Shirt, eine Jeans und schwarze Sneaker. Nicht zu auffällig, aber doch eigenwillig.

Und so pickepacke ich meinen Rucksack und starte die Tour am Freitag um 12:02 mit der S-Bahn in Speyer. Nach drei Stationen ist bereits Wartezeit angesagt, wegen technischer Probleme. Ein Omen, ich ahne es.

In Mannheim treffe ich wie verabredet Studentin Gina, die zu Ihrem Liebsten nach Hamburg fährt. Renault Megane, weiß. Keine Klimaanlage. Gina raucht. Um Schnappatmung zu verhindern, fegt der Wind während der gesamten Fahrt durch die geöffneten Fenster. Hannover, 15.00 Uhr – die Frisur sitzt. Aber Gina ist eine Nette, die beiden anderen Mitfahrer sind entspannt, ich fühle mich an die 90er erinnert, als noch die Mitfahrzentralen namens Känguruh das Geschäft in der Vor-Internet-Ära dominierten. Es ist so improvisiert, so seltsam fremd und gleichzeitig vertraut – wie die rausgezerrte Matratze in einer fremden Wohnung, in der man nach einer Party hängen bleibt. Ich fühle mich unangemessen jung.

Gegen das Gefühl der unangemessenen Jugend helfen die Umstände, die mich stetig altern lassen: Es ist drückend schwül, in zwei Bundesländern haben die Schulferien begonnen, die Strecke ist gespickt mit Staus und Baustellen. Schnell zeigt sich, dass ich gut beraten war, üppigen Puffer einzuplanen. Und selbst der verpuffert sich besorgniserregend schnell.

Ungefähr in Höhe Kassel ist klar: Vor der Aufzeichnung ins Hotel ist illusorisch. In Höhe Hannover: Ich darf froh sein, es überhaupt rechtzeitig ins Studio zu schaffen. Gina tut das furchtbar leid, aber ich bin zu lange im Geschäft, um nervös zu werden. Entweder ich schaffe es – oder ich schaffe es nicht. Die Jungs kommen vor Ort sicher auch ohne mich klar. Ich kann es sowieso nicht ändern.

Ein Check meines Smartphones verrät mir, dass ich das falsche Hotel gebucht habe. Eine halbe Stunde mit der U-Bahn vom Studio entfernt, obwohl ein Haus der gleiche Kette in Fußweite gewesen wäre. Ich telefoniere fix und es gelingt mir, einen Zimmertausch zu initiieren. Wenn schon spät, dann wenigstens einfach.

Es wird eng, aber nicht zu eng – zumal Gina anbietet, mich direkt ins Studio nach Wandsbek zu fahren. Um 19.40 Uhr betrete ich Gebäude F im Hinterhof eines alten Gewerbegebiets. Punktlandung. Alsterfilm. Holger und seine Truppe begrüßen mich, man ist extrem entspannt und plauderig.

Ich hatte mir keine Vorstellungen von Alsterfilm gemacht und bin positiv überrascht: Regie, Studio, Maske, Büros, Teeküche, WC – bei den meisten „richtigen“ Studios, die ich im Laufe meiner 25 Jahre besucht habe, sah das allenfalls größer, aber keinesfalls überzeugender aus. Hier arbeiten keine Amateure, das kann ich schon nach dem ersten Blick sagen.

Man beschnuppert sich, jemand zieht einen „SF TV Guide“ aus der Tasche. Ein Euro für jedes Mal, wenn mir das passiert. Die Bücher sind fast 20 Jahre alt, aber immer noch das, was die meisten Leute mit mir assoziieren. Nun gut, es gibt schlimmere Dinge, die einen unsterblich machen können (siehe Hitler oder Hasselhoff). Ansonsten herrscht eine joviale, stammtischige Atmosphäre, von Druck oder Aufregung ist wenig zu spüren. Man holt sich ein Becks aus dem Kühlschrank (Verpflegung für Gäste ist kostenlos und ich bin entschlossen, meine Spesen über Snickers, Bockwurst und Bier wieder reinzuholen), greift sich ein Funkmikro vom Tisch. Ich fühle mich wohl. Bis mir das Snickers das Provisiorium vom Backenzahn hebelt. Autsch – da sollte in zwei Wochen die neue Krone drauf. Der Dewi ist ein alter Mann, der langsam in seine Einzelteile zerfällt. Wenigstens sieht man es von außen nicht.

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Es gibt auch Publikum im Studio, im Halbdunkel sitzen auf gemütlichen Sesseln Hamburger Geeks, die aussehen, als hätten sie keine Aufzeichnung ausgelassen. Fast schon Inventar. Ein paar meiner Mitbringsel (Bücher, DVDs, etc.) werden auf dem Tisch auf der Bühne ausgebreitet, die Gesprächsrunde nimmt Platz, ich sitze neben Holger, gewöhne mich an die Position der beiden Kameras und des Monitors, auf dem wir uns etwaige Einspieler sehen können.

Es geht los.

Holger begrüßt die Zuschauer, reißt die Themen an, lässt mich ein paar Worte sagen – und bereut es sofort wieder.

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Ihr wisst es: Der Dewi ist eine elende Rampensau. Gebt ihm eine Bühne und er wird sie füllen. Gebt ihm ein Mikro und er wird sprechen. Obwohl die LvA mich vor solchen Anlässen immer inständig bittet „Denk dran – LANGSAM reden und auch mal andere Leute zu Wort kommen lassen!“, blutgrätscht mein Adrenalinspiegel in alle guten Absichten. Ich bin prächtig gelaunt und wenn ich prächtig gelaunt bin, komme ich in Fahrt. Dann hole ich die großen Gesten raus und schwinge das große Wort. Und weil Spannung nur aus Konflikt entsteht, fühle ich mich bemüßigt, bei allen Filmbesprechungen des Abends den Konsens mit einem „Das ist zwar durchaus richtig, aber…“ zu keulen. Und weil gute Laune noch keinem geschadet hat, stelle ich „Mob City“ von Frank Darabont als „Mops City“ von Loriot vor und lasse auch sonst keine flaue Pointe aus. Alles im Sinne der wortvogelschen Mantra-Trinität: Ich bin alt – ich weiß alles besser – früher war auch alles besser.

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Immer wieder werden auch meine eigenen Projekte thematisiert, von den SF TV Guides („wir hatten ja nix anderes“) über Sumuru („ist das noch Trash oder kann das weg?“) bis „Apokalypse Eis“ („eine Sammeltasse aus Genreklischees“), von dem Holger einen kurzen Super RTL-Trailer ausgebuddelt hat:

Ach so, ja: Mein persönlicher Filmtipp für die Zuschauer. „Avengers“ kann jeder, also habe ich den hier mitgebracht, eine Perle meiner Kinojugend:

zamboIn die versammelte Fassungslosigkeit doziere ich, dass „3 Supermänner räumen auf“ die reine Lehre des Comicfilms repräsentiert und von ansteckender Begeisterung aller Beteiligten über die Laufzeit getragen wird. Außerdem ist Brad Harris dabei, von dessen „Zambo“ ein Plakat im Vorraum des Studios hängt. Nuff said. X-Men my ass.

Meine Kleiderwahl entpuppt sich als kameratauglich, aber klimatisch ungünstig gewählt: Im Studiolicht wird es recht warm und das dicke Leder meines Sakkos presst die ersten zwei Flaschen Becks als Schweißfilm aus meinen Poren. Ich kann auf dem Bühnenmonitor sehen, dass ich schwitze wie Tante Rosi beim Tunesien-Urlaub. Da muss ich durch. Ein Hitzeschlag wäre ja auch ein schönes Highlight für die Sendung.

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Und so kommen wir, wie man bei uns so schön sagt, vom Hölzchen aufs Stöckchen, reden über die Bond-Darsteller und die Unfehlbarkeit von Michael Caine, über „Dawn of the Dead“ auf Super-8 und Nazi-Greuel. Es ist eine gute Zeit für Roboterfilm-Fans („Ex machina“, „The machine“, „Chappie“, Automata“), der neue Bond-Trailer rockt und „Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon“ macht auch die größere Runde rechtschaffen fassungslos. Die Zeit vergeht wie im Flug, open end ist wegen der folgenden Veranstaltung leider nicht möglich, dem plauderigen Wortvogel werden kurzfristig ein paar reguläre Features der Sendung geopfert (z.B. „Original & Remake“).

Irgendwann drängt sich Holger in meinen Wortschwall, um zur Abmoderation zu kommen. Er verabschiedet das Publikum in eine längere Pause bis September – welche Gäste dann dabei sein werden? Er weiß es noch nicht. Ich springe spontan in die Bresche: „Ich! Ich bleibe einfach hier sitzen. Mir gefällt’s. Ob ihr wollt oder nicht, ich bin jetzt immer dabei.“

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Der Nachspann läuft, die Kameras werden ausgeschaltet, die Diskussionteilnehmer legen ihre Funkmikros weg. Ich stehe vom Sofa auf, stelle mich vor das für meinen Geschmack etwas zu lethargische Publikum, reiße die Arme hoch und brülle in bester Gladiator-Manie mit düsterer Stimme: „Are you not entertained?“. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Banausen.

Im Büro wird bei weiteren Bieren und Bockwürsten Nachbesprechung gehalten. Ist prima gelaufen. Unterhaltsame zwei Stunden. Man ist immer noch etwas baff angesichts meiner dominanten Bühnenpräsenz und ich entschuldige mich mehrfach, wenn ich Gesprächspartner gebulldozert haben sollte. Ich kann so schlecht an mich halten. Der meint das nicht so, der will nur spielen. Zumindest scheine ich mir damit keine Feinde gemacht zu haben.

Ich gehe kurz raus an die frische Luft und sage erstmals den noch seltsam fremden, aber angenehmen Satz „Ich muss kurz meine Frau anrufen“. Meine Frau. Sachen gibt’s. Draußen, in der Stille des Hinterhofs und der Dunkelheit der Nacht, komme ich etwas runter. Und mir fällt auf: Ich vermisse das. Diese Geek-Projekte, die Begeisterung, den Enthusiasmus, die Kreativität, die Diskussionen. Einfach mal was machen.

Ich muss unbedingt mal wieder einfach was machen.

Im Studio läuft mittlerweile die Spätvorstellung – die Übriggebliebenen gönnen sich „Schlefaz“ auf Tele5. Heute ist der „Dampfhammer von Send-Ling“ dran, ein Kung Fu-Klamotte aus den 70ern, die damals unglaublicherweise mit bayerischen, berlinerischen und pfälzischen Akzenten synchronisiert wurde.

Eine Tortur de Force, an der auch Oliver Kalkofe schwer zu kauen hat. Ich kaue derweil M&M, zerbrösel eine Bierflasche auf dem Studioboden und entscheide, dass dieser Tag lang genug war. Handshakes, Fistbumps, Highfives, dann mache ich mich auf den Weg zum Hotel.

Es ist immer noch drückend schwül. Im Hotelzimmer merke ich, dass ich mein Wechsel-T-Shirt bei Alsterfilm vergessen habe. Wenn ihr einen von den Jungs also mal mit „Beer Pressure“ auf der Plauze rumlaufen seht – das ist meins! Müde, aber noch aufgekratzt plane ich die Rückfahrt für den nächsten Morgen. Wieder BlablaCar, schon um 7.45 Uhr, Berliner Tor. Das sind vier Stationen mit der U-Bahn, dann umsteigen, dann noch mal eine Station. Das schaffe ich. Wecker stellen, Macbook zu, Affe tot.

In der Nacht wache ich einmal auf, weil es blitzt und donnert und Regen wütend an mein Fenster klatscht. Endlich.

Das hier ist speziell für Holger, die Jungs auf der Bühne, hinter den Kameras, im Publikum: Es war geil. Vielen Dank für die Einladung und die Gelegenheit, dem Affen Zucker zu geben. Gern wieder. Jederzeit.

P.S.: Die Folge kann jetzt hier für schlankes Geld käuflich erworben werden, was ich durchaus empfehle.



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CornyOliverSteffenDietmarcomicfreak Recent comment authors
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kremtortchen
kremtortchen

hihi „für schlankes Geld“ da werden im Chat doch immer Wetten abgeschlossen, ob und wenn ja, wann der Nils das von sich gibt.

Ich habe mir die Lifesendung im stream angeguckt und fand dich (Sie) sehr amüsant. Es machte Spass euch allen zuzusehen.

Danke schön auch für den Filmtipp mit den Superhelden.

Lothar
Lothar

Beim Absatz zum Zambo wird der Massengeschmack-Crew beim Lesen deines Blogeintrags vermutlich das Bier vom Mund auf den Monitor spritzen. Wenn dein Reserve-T-Shirt mit Biergeruch an dich zurückgesendet wurde, weisst du, dass sie es aus Rache zum Saubermachen verwendet haben.

Hinter dem Plaket steckt eine Geschichte, die sich in einer Folge Pasch-TV zugetragen hat.

Peroy
Peroy

„Sumuru („ist das noch Trash oder kann das weg?“)“

Das MUSS weg…

Peroy
Peroy

„Ich muss unbedingt mal wieder einfach was machen.“

Oh je, dann viel Spaß…

comicfreak

..zu geil 😀

Dietmar

Der Urlaub naht und ich werde sehen, ob ich noch schlankes Geld auftreiben kann …

Steffen
Steffen

Habe den Stream nicht gucken können, aber die Folge werde ich jetzt einfach mal kaufen und mir morgen Abend in Ruhe ansehen 😀

Oliver

Hallo Wortvogel,

es war eine geile Sendung mit dir.
Ich mag alles von Alsterfilm, aber du bist ein „Echter“, „Lauter“ und meinungsstarker Typ. Ich hoffe dich mal wieder bei Alsterfilm zu sehen.

Danke

Oliver

Corny
Corny

Ganz großer Respekt an den super Gast!
War echt toll Dir zuzuhören!
Ich hoffe die „Drohung“ öfters bei P-TV vorbeizuschaun ist nicht nur eine leere! 😉

Ich träum ja von einer Wortvogel meets Olaf Brill Ausgabe – unter 3 h wird da nix gehen! 🙂

MFG
Corny