Ich bin noch nie so unvorbereitet, so übermüdet und so gestresst zu einem Festival gefahren. Die letzen sieben Tage war ich komplett mit dem Umzug nach Speyer beschäftigt. Ich habe mit meinem Handwerker heute morgen so lange Regale geschleppt und Kisten ausgeräumt, bis ich dringlichst auf die Autobahn musste, um im 350 Kilometer entfernten München nicht zu spät zum ersten Film zu kommen. Auf der Fahrt in die Stadt habe ich bei einem Supermarkt gehalten, um ein paar Notrationen einzukaufen, die mich zwischen den Vorführungen auf den Beinen halten sollen. 13.57 Uhr war ich an der Kasse, um meine Dauerkarte für die nächsten zwei Tage abzuholen. 14.00 Uhr ging das Licht im Saal zum ersten Mal aus.

Heute Nacht werde ich in der leeren alten Wohnung in Schwabing auf einer Matratze übernachten. Diese einleitenden Zeilen schreibe ich in meinem Wagen zwischen der ersten und der zweiten Vorstellung. Wenn es irgendwie geht, werde ich die Pausen nutzen, um meine Kritiken zu formulieren – so nah dran, so roh und so authentisch habt ihr meine Texte noch nie bekommen. Wenn ich es denn überlebe…

Vorab: Ich weiß nicht mal, welche Filme ich sehen werde. Das Programmheft habe ich eben erstmals in der Hand gehabt. Es war keine Zeit, irgendwas zu recherchieren – und das ist auch gut so. Ich gehe gerne frisch ins Kino, lasse mich ungern von Vorabkritiken oder Trailern beeinflussen.

the_sacrament_poster_largeHätte ich gewusst, dass der Eröffnungsfilm „The Sacrament“ ausgrechnet von Ti West ist, dessen „The House of the Devil“ und „Inkeepers“ für mich wirklich Musterbeispiele verfilmter Langeweile waren, vielleicht hätte ich mir auf der Autobahn mehr Zeit gelassen. Man muss sich ja nicht gleich zu Anfang so geißeln, besonders weil die neuste Eli Roth-Produktion noch einen drauf setzt. Es ist ein blitzsauberer Found Footage-Film. Himmel hilf.

Aber oho und aha: „The Sacrament“ entpuppt sich zuerst einmal als relativ zügig inszenierter, straffer Psudodoku-Streifen über das Massaker in einer religiösen Kommune, das offensichtlich an Jonestown angelegt ist. Anfänglich gelingt es Ti West auch, eine erfreulich beunruhigende Balance zu haben – hier trifft der Zynismus der Neuen Medien (in Form des Filmteams) auf fundamentalistische Bodenständigkeit – und der Anspruch auf Wahrhaftigkeit ist nicht so eindeutig, wie es scheint. So ist das Interview mit dem Sektenführer ein cleveres Beispiel für Whataboutism, bei dem beide Diskutanten gleichermaßen im Glashaus sitzen.

Danach geht es allerdings rapide bergab, denn wie schon in seinen früheren Filmen ist Ti West nur daran interessiert, WAS passiert – WARUM es passiert, ist ihm schnurz. Und so erfahren wir rein gar nichts über die Mechanismen der Sekte, über die Beweggründe der Mitglieder. Das, was diese Gruppierungen für Außenstehende so faszinierend macht – die totale Unterwerfung -, bleibt ausgeklammert. Immer wieder werden Andeutungen eingestreut (Drogenmißbrauch, sexuelle Hörigkeit), aber das bleibt unerzählt, vage, beiläufig.

Stattdessen gönnt uns Ti West detaillierte Aufnahmen des Selbstmords/Massakers der „Gläubigen“, befriedigt unsere Sensationsgier, endlich mal zu sehen, wovon wir bisher immer nur die Nachher-Fotos auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen bekamen. Intensiv, ja. Verstörend, auf jeden Fall. Packend dokumentarisch inszeniert, überraschenderweise. Aber auch leer, zynisch und oberflächlich.

Im Gegensatz zu Kevin Smiths „Red State“ ist „The Sacrament“ kein Kommentar, hat keine Meinung und keinen Standpunkt. Er ist nur Auge und Ohr, was in diesem Fall emotional funktioniert, intellektuell und im Nachklang aber ebenso verärgert wie frustriert. Nicht jeder Regisseur, der was zu Zeigen hat, hat auch was zu Sagen. Das ist im Fall von Ti West schmerzhaft offensichtlich.

Und jetzt sind meine zehn Minuten Pause rum, ab ins Kino!

witchingFilm 2: „Witching & Bitching“ von Alex de la Iglesia. Ausgezeichnet mit satten neun Goya, wird das neuste Werk des überdrehten Spaniers allem Hype (den ich verpasst habe) gerecht. Zwei Männer überfallen (mit käsehoher Hilfe) einen Goldladen, die Flucht wird zur Beziehungstherapie, dem Ziel Disneyland haben die Götter einen Ausflug in eine Hexenhochburg in den Weg gestellt.

Eine actionreiche Farce im Spirit von Klimbim, Cthulhu, Rocky Horror Picture Show und Wicker Man, eine smarte Tour de Force zum Thema Geschlechterkampf, in der unsere Gesellschaft perfekt gespiegelt wird: Die Frauen böse, die Männer Pussys – und jede neue Generation muss andere Antworten finden, um den Gender-GAU zu verhindern. Ein Film für Popcorn im Kino und ein Bier bei der Diskussion danach in der Kneipe.

„Witching & Bitching“ muss man vermutlich zwei bis drei mal gucken, um alle Details, Insider-Gags und Subebenen zu verarbeiten. Aber keine Sorge: Das schiere Entertainment, das den Film antreibt, reicht auch für multiple Screenings. Eine echte Offenbarung ist dabei Carolina Bang, die wohl sexieste durchgeknallte Hexe diesseits der Charmed-Schwestern.

In-FearEin paar kalte Hühnchenteile, einen Joghurt und einen Kaffee aus dem Kühlregal später. Ich habe Peter Osteried im Kino stehen gelassen, um diese Zeilen zu schreiben. Nächtlicher Regen prasselt auf die Windschutzscheibe meines Wagens. Das passt ganz gut zu Film 3: „In Fear“. Einer dieser mit Steuervorteilen irgendwo in der britischen Pampa gedrehten „kleinen Thriller“, von denen man auf fast jedem FFF zwei bis drei zu sehen bekommt. Die sind gerne mal positive Überraschungen, einfach weil und wenn sie vom Schema F abweichen. Es geht um ein junges Paar auf dem Weg in ein romantisches Landhotel. Die Beschilderung der Straße ist verwirrend, die Nacht bricht schnell herein, die kuschelige Romantik weicht einer unguten Beklemmung – „Verfahren – der Film“.

Das klingt bis hierher nicht sehr spannend, ist es aber. Der Regisseur versteht es, die Zuschauer zusammen mit den Protagonisten zu verunsichern, er lockt uns in ein Szenario, das wir uns alle gut vorstellen können. Wohin abbiegen, wenn beide Wege immer an den Ausgangspunkt zurückführen? Dazu die Nacht, der Regen, das versiegenden Benzin. Ich war gespannt, worauf das alles hinauslaufen sollte.

Wenig, leider.

Wie so viele Filme hat „In Fear“ eine gute Ausgangsidee, kann aber nach der ersten halben Stunde keinen Saft mehr aus ihr ziehen. Um den dramaturgischen Motor am Laufen zu halten, dreht der Streifen deshalb in sattsam bekanntes Redneck Survival Territorium, orientiert sich an US-Vorbildern und Schockern wie „Wolf Creek“, wenn auch auf sehr bescheidenem Niveau. Es wird zunehmend abstrus, die Plausibilität geht mit dem Ende der ersten Stunde flöten, ab da wartet man nur noch auf den Nachspann.

Zur fortschreitenden Einfallslosigkeit kommt noch der entnervend billige Digitallook, der dem niedrigen Budget geschuldet ist und „In Fear“ eigentlich untauglich für die große Leinwand macht – jede schnelle Szene wird zum Schlierenmatsch, ständige Ultra-Nahaufnahmen müssen mangelnde Möglichkeiten in Sachen Beleuchtung und Kameraführung ausgleichen.

Solide angefangen und dann stark nachgelassen. Schade.

Man kann „In Fear“, das bildete ich mir zumindest mittendrin mal ein, allerdings auch ganz anders „lesen“ – als Metapher auf eine Beziehung, die zu Beginn in einen Irrweg gerät, dann durch Außenstehende in Gefahr gebracht wird, am Ende zerbricht und der Protagonistin einen neuen Aufbruch abverlangt. Unterstellt man diese (von mir an den Haaren herbei gezogene) Ebene, dann könnte man zumindest die logischen Patzer entschuldigen. Aber soweit möchte ich nicht gehen.

Und schon wird es Zeit für Film 4 des Tages. „Dead Snow 2“. Vielleicht hätte ich mir vorher „Dead Snow“ mal anschauen sollen? Man wird sehen…

Gesehen.

16521Okay, die Szenen aus dem ersten Film, die dem zweiten vorgestellt werden, lassen mich nicht um das Versäumnis weinen, soviel steht fest. „Dead Snow 2“ schließt inhaltlich nahtlos am Original an, wenn auch mit deutlich mehr Aufwand, dafür aber mit deutlich weniger Schnee.

Die Nazi-Zombies wollen die Ortschaft Talvik dem Erdboden gleichmachen, Held Martin aus Teil 1 (mit einem eher versehentlich angenähten Zombie-Arm) sucht Hilfe bei US-Zombie-“Spezialisten“ und ein paar Untoten Sowjet-Soldaten. Es kommt zum ganz großen Showdown – inklusive Panzer.

Das ist launig, brutal, sehr splatterig und in seinen besten Momenten an Peter Jacksons Frühwerke erinnernd. Der gute Geschmack ist ein Gefangener, der hier definitiv nicht gemacht wird. Teilweise beeindruckt, was für hirnrissige, aber mordsmäßig launige Gags der Regisseur aus der doch recht ausgelutschten Nazi-Zombie-Prämisse noch raus wringt. Das Publikum amüsierte sich prächtig, Festivals und Abende im Freundeskreis sind definitiv die richtigen Gelegenheiten, „Dead Snow 2“ zu konsumieren.

Natürlich kommt kein echtes Drama auf, wirklich spannend ist der Film auch nicht und mitunter nervt diese permanent pubertäre Art, sich auf jeden Kopfplatzer einen zu wedeln, aber da mag auch der Alt-Nerd sprechen, dessen Hitzewallungen angesichts solcher Exzessen irgendwann Mitte der 90er abgeklungen sind.

rigor-mortis-posterUnd schon ist es nach Mitternacht. Den Ausklang des heutigen Tages bildete „Rigor Mortis„, ein Film, der die Nachfolge der chinesischen Spooky-Filme der 80er anzutreten trachtet. Aber schon inhaltlich ist man weit von den Vorbildern entfernt: In einem gigantischen verfallenen Apartment-Hochhaus will sich der ehemalige Filmstar Chin das Leben nehmen. Der letzte einer Ahnenreihe Vampirjäger (denen die Vampire abhanden gekommen sind) rettet ihm das Leben – und schon bald sinnen dämonische Kräfte in den Mauern darauf, sich zu manifestieren.

Oh, boy. Und sowas zur Schlafenszeit. Abgesehen von der beeindruckend trostlosen Darstellung des „urban decay“ macht „Rigor Mortis“ wirklich gar nichts richtig. Der Film ist ein Sammelsurium an unzusammenhängenden Szenen unzusammenhängender Charaktere, die deprimiert und aller Lebensfreude beraubt durch die Gänge schleichen. Es gibt ein wenig „Ring“-Gegrusel, der hüpfende Vampir wirkt wie ein müdes Zitat, die Action reißt die allgemeine Lethargie auch nicht auf. So etwas wie eine Story tritt gar nicht erst auf und der Fakeout am Ende überrascht keinen FFF-gestählten Besucher.

War es „A chinese ghost story 2012“ wenigstens noch gelungen, die Vorbilder technisch akkurat und mitreißend in die Neuzeit zu übertragen, scheitert „Rigor Mortis“ schon beim grundlegenden Verständnis dessen, was die Spooky-Filme dereinst so interessant gemacht hat.

Es regnet mittlerweile in Strömen. Ich habe mehr als 10 Stunden im Kino verbracht. Ich bin mehr geschafft als müde, wenig erfreut von der nackten Matratze auf dem nackten Fußboden, die mich gleich erwartet.

Morgen wieder volles Programm, dann schließe ich das Kapitel München nach 24 Jahren. Zum ersten Mal war ich für ein Horrorfilm-Schaulaufen hier, nämlich das „Festival des phantastischen Films 1989“. Zum Abschluss wieder ein Event für die Fans des Genres. Eine gute Klammer. Passend.



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Peroy
Peroy

Den ersten „Dead Snow“ hab‘ ich damals nach 30 Minuten wegen der Scheisshaus-Szene ausgemacht, lange bevor irgendein Nazi-Zombie aufgetaucht ist… seitdem nicht zuende geguckt. Auch ich hab‘ meine Grenzen…

Marcus
Marcus

Oookay….

THE SACRAMENT: ich fand den gelungen. Sogar das mir mittlerweile verhasste Found Footage-Gimmick ist hier gut umgesetzt, und die verstörende „irgendwas stimmt hier nicht“-Atmosphäre ist super. Da hätte es meines Erachtens eher gestört, wenn Ti West versucht hätte, das „Innenleben“ der Kommune noch auszuleuchten – dass das Kamerateam „Außenseiter“ bleibt, ist kein Makel, sondern Teil des stimmigen Gesamtkonzepts.
Und der Typ, der den Sektenführer spielt, ist der Hammer. 8/10.

WITCHING & BITCHING: what he said. Ein Knaller vor dem Herrn, irre, witzig, fies, clever. 9/10.

IN FEAR: solide, mehr auch nicht. Fängt gut an, gute Darsteller, aber gegen Ende geht der Film zu sehr auf Schema F. Mir hätte es wesentlich besser gefallen, wenn der atmosphärische Anfang auf irgendwas übernatürliches hinausgelaufen wäre und nicht auf „irrer Killer Nr. 324ff“. 7/10.

DEAD SNOW 2: machen wir uns nichts vor, der erste Teil (den ich gerade am Tag davor zum ersten Mal gesehen hatte) war bestenfalls Mittelmaß. Horrorfilm-Klischeeplotte Nr. 11b „Eine Gruppe junger Leute gehen zum Partymachen in den Wald, und dort lauert….“, ewig viel Leerlauf am Anfang, zu wenige gute Gags, zuwenig eigene Ideen.
All diese Fehler macht Teil 2 zum Glück NICHT. Die Story dreht sofort auf 11, wir haben einen sympathischen Ash-mäßigen Helden, mehr Zombies, mehr Splatter, mehr gute Gags (die Nerds, die Polizisten…) und generell mehr Tempo. Als Film an sich natürlich nicht wirklich „gut“, aber als geschmacklose Trashgranate in entsprechender Gesellschaft ein großer Spaß. Perfektes FFF-Futter. 8/10.

RIGOR MORTIS: ebenfalls what he said. Die Umgebung des verfallenden Hochhauses hätte eine gute Location für einen wirklich gruseligen Film abgegeben, die Effekte sind auch nicht so schlecht, aber hier fügt sich nichts zusammen, hier wird der Zuschauer so gar nicht abgeholt, wirre Langeweile überall. Der Film lief bei uns Sonntags als erster – und es war trotzdem der einzige Film, bei dem ich wirklich hart gegen das Einschlafen ankämpfen musste. 4/10.

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Interessant, Rigor Mortis würde ich persönlich locker 8/10 geben und war mir eigentlich sicher, dass die meisten Leute das ähnlich sehen würden.

Witching & Bitching klingt ganz gut, wobei de la Iglesia ja leider immer Glückssache ist.

Karsten

Klingt bei dir dieses Jahr tatsächlich mehr nach Arbeit denn Spaß 🙂 Aber wenn ich mir so die Filme anschaue, hätte es dich auch schlimmer treffen können. Drei der Filme hau ich mir mal auf meine „schau ich mir mal an“-Liste.

PS: Dead Snow fand ich tatsächlich echt witzig, was wohl einzig und alleine daran lag, dass ich an dem Abend unglaublich viel Bock auf „Hirn-aus-Splatter“ hatte … zur richtigen Zeit den richtigen Film.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Nachdem ich den ersten Dead Snow ja relativ mies fand, machen mich der Trailer und die positiven Meinungen hier jetzt doch neugierig. Dürfte es ja hoffentlich bald auf Blu-ray geben 🙂

trackback

[…] dort und schildert seine Eindrücke der gesehenen Filme wie immer in nachvollziehbaren Kritiken (Teil 1 und Teil 2). Im Forum des FFF-Archivs wird übrigens vom Fantalk mit den Machern des Festivals […]

DMJ

Found-Footage von Ti West und dennoch teilweise was taugend? Das erstaunt! – Aber trösten wir uns damit, dass das Konzept etwas (bzw. etwas sehr) von der einen „SVHS“-Episode geklaut scheint (die ja sogar auf etwas hinauslief).

„Ich habe Peter Osteried im Kino stehen gelassen, um diese Zeilen zu schreiben.“ – Das hat irgendwie Poesie. 😛

“ „Dead Snow 2“ schließt inhaltlich nahtlos am Original an, wenn auch mit deutlich mehr Aufwand, dafür aber mit deutlich weniger Schnee.“ – Der ist wohl im Vorgänger gestorben. MUAHAHARrrrrgh… *hust*

„Rigor Mortis“ habe ich auch gesehen und mir hat er gefallen, allerdings nicht als Film (erstrecht nicht als Horrorfilm), sondern eher systematisch. Er behandelt gewissermaßen den Niedergang eines Genres und ist so gerade im Vergleicht mit den Klassikern, äußerst interessant analytisch zu betrachten und äußerst melancholisch.
Als eigenständiges Werk reißt er aber wirklich ziemlich wenig.

Peroy
Peroy

„Rigor Mortis“ und „Witching & Bitching“ heute gesehen, zweimal richtig gut.

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[…] ♦ Dead Snow 2 ♦ Enemy ♦ In Fear ♦ Retornados ♣ Rigor Mortis ♦ Sacrament ♦ Snow Piercer ♦ The Green Inferno ♥ Witching & Bitching ♦ Wolf Creek 2 […]