mm2013 Klein

Walter-Mitty-PosterUSA 2013. Regie: Ben Stiller. Darsteller: Ben Stiller, Kristen Wiig, Sean Penn, Adam Scott, Kathryn Hahn, Shirley MacLaine u.a.

Story: Walter Mitty arbeitet im Fotoarchiv des Life Magazins in New York. Er ist ein Tagträumer, der sich das abenteuerliche Leben und die romantische Sehnsucht zu seiner Kollegin Cheryl in wilden Phantasien ausmalt. Seine extrem geordnete Welt gerät durcheinander, als die Zeitschrift aufgekauft und zum reinen Online-Format kastriert werden soll. Für die finale Ausgabe soll Walter ein Bild des publicity-scheuen Starfotografen Sean O’Connell beibringen, das sich aber als unauffindbar heraus stellt. Der Wunsch, Cheryl zu imponieren und die Angst, den Job zu verlieren, motivieren Walter, zum ersten Mal in seinem Leben den selbst gebauten Käfig zu verlassen und ohne Rückendeckung in die Welt zu ziehen…

Kritik: Für alle, die es nicht wissen – „The Secret Life of Walter Mitty“ ist die Neuverfilmung hiervon (bzw. die Adaption der gleichen Vorlage):

http://www.youtube.com/watch?v=ntATWJl6Yl0

Ich liebe Danny Kaye und als Kind fand ich den Film toll, aber er hat mit den Jahrzehnten doch sehr gelitten: zuviel alberner Slapstick, zu dünne Figuren, zu wenig Substanz.

Ob die Welt davon ein Remake braucht, ist letztlich eine sinnfreie Frage. Der Stoff ist vergleichsweise zeitlos und in einem Klima, in dem Filme schon nach 10 Jahren als tauglich für eine neue Interpretation gelten, muss man sich wohl eher freuen, dass es so lange gedauert hat.

Es ist sehr interessant, dass ausgerechnet Ben Stiller sich diesen Stoff als Quasi-Comeback-Vehikel ausgesucht hat. Stiller ist eine der größten Geldkühe Hollywoods – und hat trotzdem Probleme, als Star einen Film zu tragen. Oft wird sein beträchtliches dramatisches Talent unterschätzt. Er ist König der Franchises, der High Concept-Filme, die ihr Publikum mehr über den Gimmick als über den Hauptdarsteller ziehen.  Seine größten Erfolge feiert er regelmäßig mit vergleichsweise eierlosen Studio-Standards („Nachts im Museum“, „Meet the Parents“). Diverse Versuche, zum gleichberechtigten Star neben Tom Hanks oder Will Smith aufzusteigen, scheiterten kläglich („Mystery Men“, „Starsky & Hutch“, „The Watch“).Kaye und Stiller sind in vielerlei Beziehung vergleichbar, auch wenn Kaye nie den Anspruch hatte, als „romantic leading man“ zu reüssieren.

Nun aber zum Film selbst, der bemerkenswert schizophren, aber gerade dadurch auch nicht uncharmant ist. Stiller legt eine halbe Stunde lang eine der ausführlichsten falschen Fährten, die ich im Kino je gesehen habe: Er installiert sämtliche Mechanismen für eine typische „romantic comedy“, entscheidet sich dann aber, diese nicht zu bedienen. Aufwändige Spezialeffekt-Traumsequenzen geben dem Film ein hohes Tempo und eine Lautstärke, die im gewünschten Kontrast zu Mittys drögem, grauen Leben stehen. Beides setzt eine Tonalität, auf der „The Secret Life of Walter Mitty“ bequem über 90 Minuten zu einem befriedigenden Ende surfen könnte.

Während dieser Phase fällt auch auf, dass Stillers Film die vielleicht größte und aufdringlichste Menge an Product Placement enthält, die ich jemals in einem Hollywood-Film wahrgenommen habe. So penetrant wurden noch nie Produkte in die Kamera gehalten und Firmen in den Plot gesponnen. Wenn Fox damit nicht mindestens die Hälfte des Budgets von fast 100 Millionen Dollar reingeholt hat, sollte man das entsprechende Department feuern.

DF-11070-Edit - Ben Stiller in THE SECRET LIFE OF WALTER MITTY.

Und dann – dreht der Film. So, wie Walter Mitty das Leben in New York hinter sich lässt, um in Grönland und Island nach dem verschollenen Fotografen zu suchen, gibt Ben Stiller die tausendfach getesteten Standards der Hollywood-Komödie auf, als müsse er sich wie seine Hauptfigur auf eine Sinnsuche begeben, sich neu definieren.  Mehr und mehr schwimmt sich die Narrative von den Klischees frei, zieht sich die Kamera ins Panorama zurück, scheint das Bild durchzuatmen.

Aus der vorhersehbaren urbanen romantischen Komödie wird ein Roadmovie über die Suche nach der eigenen Seele, über das Hören auf den Klang des eigenen Herzens. Die Romanze tritt in den Hintergrund, weil Walter Mitty eine ganz andere Person trifft, die er schon immer mal kennen lernen wollte: sich selbst.

Ich kann schwer beurteilen, ob es nur mir so geht – aber in der zweiten Hälfte weckt „Walter Mitty“ eine Sehnsucht. Mittys Befreiung ist so zwingend, so total und so selig machend, dass man sie teilen möchte. So, wie man sich nach „Star Wars“ ein Laserschwert wünscht, so möchte man nach „Walter Mitty“ an den nächsten Flugschalter und ein Ticket kaufen. Egal wohin. Nur weit weg. Ohne WLAN und Vollpension.

Mittys Reise bleibt nicht ohne Komplikationen und auch der Film kommt immer wieder ins Stocken. Eine kurze Rückkehr nach New York wirkt unerwartet holperig, der tatsächliche Verbleib des gesuchten Negativs ist wie eine träumerische Schnitzeljagd arrangiert. Ein ganzer Subplot (ebenfalls Product Placement  – für eine Dating-Webseite) wird ausgewalzt und zu einem Ende geführt, das niemand braucht. Vor allem: Die Tagträume, die ja das definierende Element der Story sind, werden ad acta gelegt.

Aber das ist gar nicht so wichtig, wie der Film selbst erklärt: „There’s parts you think can’t connect, and then in the end they do, and it makes total sense.“

Und am Ende ist alles gut. Danke, Ben Stiller.

Fazit: Ein unglücklich konstruierter und anfangs etwas trittunsicherer „choose life“-Streifen, der mit zunehmender Laufzeit einen ganz eigenen Zauber entfaltet und das Fernweh nach Nirgendwo weckt.

P.S.: Gesonderte Erwähnung gebührt Adam Scott („Party Down“, „Parks & Recreation“), der einen derart widerlichen Vollbart spazieren trägt, dass dieser einen eigenen Credit verdient hätte.



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Dietmar
Dietmar

Den Kaye-Film kenne ich gar nicht! Ist damals im Fernsehen an mir vorbei gelaufen. Schade. Beim „Hofnarren“ haben wir uns damals vor Lachen gekugelt. Der Kelch mit dem Elch oder der Becher mit dem Fächer. Köstlich.

Am Anfang ihrer Karriere konnte ich Stiller und Sandler nicht auseinander halten. Sandler nervt, Stiller ist gut.

Fake
Fake

Ist das Product Placement ähnlich oder schlimmer als in „Cast Away – Verschollen“? Dort hat es mir den Versuch mich auf eine eigentlich interessante Neuinterpretation einer Robinsonade einzulassen verleidet.

Peroy
Peroy

Ich will vom Stiller „Tropic Thunder 2″…!

DMJ

Ich halte mich für fernwehresistent, aber der Film klingt dennoch interessant!

Zu Stiller, den ich an sich mag: Das scheint mir ein Schauspieler zu sein, der einen starken, dominanten Regisseur braucht, der ihn an der kurzen Leine hält und ihm Grenzen setzt. An Filmen, in denen er einen solchen nicht hat, sieht man nämlich eine Tendenz zum Klassenclownen, die zumindest bei mir nicht funktioniert. Ich bekomme das Gefühl, ihm wäre am liebsten, eine hundertminütige One-Man-Show abzuziehen, in der er nur Grimassen schneidet und komische Geräusche macht. Und das ist schade, weil er ja an sich wirklich komisches Talent hat, nicht aber zu so etwas (Jim Carrey könnte das schon eher).

Wortvogel
Wortvogel

@ DMJ: Da würde ich massiv widersprechen – Stillers Sketchshow „The Ben Stiller Show“ war nicht weniger als revolutionär, der Mann ist besser, je mehr er die Sau raus lassen kann. Er braucht Regisseure (wie hier: sich selbst), die ihn nicht in eine austauschbare Sandler/Carrey/Meyers-Nummer quetschen wollen.

Siehe auch diesen Artikel:
http://www.newyorker.com/reporting/2012/06/25/120625fa_fact_friend

Bernciz
Bernciz

Ich hab den Trailer gestern vor „Inside Llewyn Davis“ gesehen und wollte schon vor Beginn des Hauptfilms unbedingt verreisen.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

@Peroy: Da sind wir schon zwei 😀

DMJ

@Wortvogel:
Gut, da muss ich zugeben, dass mir Stillers TV-Schaffen gänzlich unbekannt ist. Ich kenne nur seine Filme und in denen erschien es mir immer wieder so. 😉