Great-Martian-War-Hero-609x343England/Kanada 2013

Ich bespreche für gewöhnlich keine Dokumentationen, da meine Chronistenpflicht nur Serien und Filme umfasst. Dokus schaue ich zum Spaß und weitgehend nur für mich. Darum habe ich mich hier auch nicht über „Get Lamp“ ausgelassen, über „How Videogames changed the World“ oder „Chasing Ghosts“.

Im Fall von „The Great Martian War“ mache ich allerdings eine Ausnahme, weil es a) eine „Mockumentary“ ist (also eigentlich eine fiktive Narrative), und b) in den Bereich der „alternative history“ gehört, den ich persönlich hoch spannend finde.

Kurz gesagt ist „The Great Martian War“ eine Rückschau auf die große Invasion von 1913, die von den vereinten Streitkräften der Welt nur mit Mühe und unter großen Verlusten nach vier Jahren zurück geschlagen werden konnte. Zeitzeugen (teilweise in alten Aufnahmen) legen Zeugnis ab, neuste wissenschaftliche Erkenntnisse werden präsentiert. Und am Ende steht die erstmalige Entschlüsselung des „Martian Code“, der bizarren Schrift der Außerirdischen, die vielleicht das größte Geheimnis des ganzen Krieges enthüllt…

Technisch ist „The Great Martian War“ aufgebaut wie eine der unzähligen Dokus über den ersten und zweiten Weltkrieg, mit wenigen (sich oft wiederholenden) zeitgenössischen Filmaufnahmen, viel Stock Footage, und Interviews mit Veteranen. Die Aufarbeitung des „Jahrhundert-Krieges“, bei dem es um nicht weniger als den Fortbestand der Menschheit ging, wird strikt chronologisch angegangen, von der Ankunft der Aliens im Böhmerwald über den Fall von München bis zur Attacke auf London, die den Schlüssel zum Sieg der Alliierten bringt.

The_Great_Martian_War_1913_1917

Mit für den Dokumentarbereich sympathisch viel Liebe zum Detail werden historische Aufnahmen um marodierende Alien-„Tripods“ ergänzt, wird Kontext neu gesetzt, wird tausendfach Bekanntes in ein neues Licht gestellt. Wer hätte z.B. gedacht, dass der Schlieffen-Plan tatsächlich geeignet war, den französischen Freunden zu Hilfe zu eilen?

An vielen Stellen wirkt „The Great Martian War“ unter der pädagogischen Oberfläche wie ein glorreicher „Doctor Who“-Zweiteiler – dem der Doktor fehlt. Oder wie eine weniger moderne Variante der exzellenten Miniserie „Invasion Earth“. Oder wie die dokumentarische Aufarbeitung des „War of the Worlds“ (der auch in einigen Textzeilen subtil referenziert wird).

Das allein würde schon ausreichen, TGMW für mich zum „must see-TV“ zu machen. Aber die Autoren gehen weit über ihre Pflichterfüllung hinaus und reichern die Narrative des Krieges mit  so vielen interessanten Twists und Einzelschicksalen an, dass die Dokumentation den Drive und die Spannung eines Spielfilms erhält. Trotz der weitgehend nüchternen Erzählweise werden die Tragik und das Pathos eines Ereignisses, das es nie gegeben hat, für uns deutlich spürbar.

Fazit: Für alle Fans von „alternative history“ und generell für „war buffs“ eine spannende Abwechslung und ein gelungenes Experiment in der Twilight Zone aus Dokumentation und Science Fiction.

In diesem besonderen Fall habe ich nicht mal etwas dagegen, dass man zur Doku auch noch ein Videospiel veröffentlicht, auch wenn sich das als simpler „Temple Run“-Klon entpuppt:



Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
wpDiscuz