Weiter geht’s, wir haben noch einiges abzuklappern…

Manche Städte wie Modica oder Ragusa beeindrucken durch die schiere Masse an Häusern, die hier an Berghänge gepresst wurden:

Es lohnt sich wirklich, die verschlängelten Landstraßen über die Dörfer zu nehmen, wenn man auch die landschaftliche Schönheit Siziliens erleben will. „Üppig“ ist kaum das richtige Wort – die Insel scheint vor Lebenskraft zu explodieren, es grünt und blüht, als gäbe es einen Wettbewerb zu gewinnen (permanent im Hintergrund: der Ätna). Die Autobahnen, die nun immer stärker in die Landschaft schneiden, lohnen sich nur für Leute, die Zeit und Ziel brauchen. Putzig allerdings, dass auch die offiziellen Schilder keine Verpflichtung zur Rechtschreibung verspüren:

Nach drei Tagen begann es leider zu regnen. Es waren also Indoor-Aktivitäten gesucht, bevorzugt außerhalb des eigenen Hotels (die LvA hat es nicht so gerne, wenn ich kostbare Urlaubszeit damit verbringe, einen „Community“-Marathon zu absolvieren). Was bietet Italien außer alten Häusern und schlechten Autofahrern? Mode, genau. Und Sizilien beheimatet erfreulicherweise ein exzellentes Outlet Village westliche von Catania, in dem gerade Sale war. So huschten wir von Marken-Boutique zu Marken-Boutique und am Ende war ich Besitzer gleich zweier neuer Sakkos, diverser T-Shirts, Socken, etc. Win!

In der Nacht kam ein Sturm auf, der so lange fauchend an den Fensterläden rüttelte, bis sie ermüdet aufsprangen. Ich musste daraufhin ebenfalls ermüdet aufspringen, um im wütenden Regen und bei Blitz & Donner unter der Mithilfe der LvA gegen die Elemente anzukämpfen. In Sekunden war ich pitschnass, der Boden auch. Aber es ist schon ein tolles Erlebnis.

Nächster Tag: Wieder Regen. Zum Glück gibt es unglaublich fette Shopping Malls in Catania und Umgebung – man schaue sich nur mal Etnapolis an.

Gegen Abend klarte es wieder auf und sollte auch für den Rest der Reise angenehm temperiert bleiben. Wir konnten also ausgiebig Ausflüge machen und manchmal auch einfach nur bummeln. Das Weltkulturerbe Altstadt Syrakus bietet ausreichend schöne Ecken, in die man mal rein spieken kann:


So konnten wir des abends Heerscharen von Vögeln in den mächtigen alten Bäumen am Hafen zwar nicht sehen, aber doch eindrucksvoll hören:

Da wir uns auf einer Insel befanden, wollten wir auch mal das Meer sehen. Es wurde uns sehr schnell klar, warum Sizilien nicht für seine Badeurlaube bekannt ist – und Hotels in Noto z.B. eher für das anspruchslose italienische Festland-Klientel gedacht sind:

Im Hintergrund steht übrigens unser Miet-Panda. Der war klasse: klein, kompakt und sehr verzeihend, was Fahrfehler und Schlaglöcher angeht. In Italien scheißt man auf Vorfahrt und Tempolimit, gefahren wird nach Schnauze. Das funktioniert deutlich besser als erwartet, weil man sich dort z.B. an Kreuzungen am „Flow“ orientiert. Sieht man eine Lücke, kann man sie auch nutzen, ohne dass der nachfolgende Wagen hupend und aggressiv „dicht macht“. Trotzdem scheint es mehr Erinnerungsplaketten an Verkehrstote zu geben als Straßenschilder, „lebensmüde“ beschreibt sehr schön den Fahrstil der Italiener, die grundsätzlich links das Handy und rechts die Fluppe halten. Womit die lenken? Vermutlich mit den Knien.

Es ist auch nicht von Vorteil, einen Wagen zu fahren, der größer ist als unser Miet-Panda. Die Gassen in den Städten sind mitunter so eng, dass man die Außenspiegel einklappen muss, um unbeschadet zu bleiben. Wenn es dann noch steil bergab geht… ich vergleiche italienische Autos einfach mal mit italienischen Katzen: wenn sie älter als zwei Jahre sind, haben sie es auch verdient. Praktisch kein Wagen, der nicht frisch aus dem Autohaus kommt, ist hier ohne Kratzer oder Dellen. Es schert niemanden.

Zwar gibt es auf der Insel (vermutlich EU-geförderte) Rent-a-Bike-Stationen – dem Zustand der Räder nach zu schließen werden die allerdings nicht üppig genutzt:

Was soll ich sagen? Der Italiener fährt halt lieber Roller. Ich auch.

Aber Sizilien kann auch deutsch. Im örtlichen Lidl, bei dem wir uns mit Getränken für das Hotelzimmer eindeckten, waren alle Lebensmittel, die nicht frisch produziert werden, komplett deutsch verpackt:

Und überall lagen Prospekte von Penny aus, die auch nicht das Hohelied des italienischen Bieres sangen:

Bleiben wir beim Konsum. Erfreulicherweise packen auch italienische Verlage ihren Zeitschriften was bei. Daneben gibt es direkt für den Zeitschriftenhandel vertriebene DVD-Reihen wie „Trash-Parade“:

Erinnerungen an die „Flotten Teens“ und Adriano Celentano werden wach…

Das alles lenkt aber nicht ab von den schönen Details und den manchmal liebevoll zu Restaurant/Shop-Kombos umgebauten Katakomben:

Hier habe ich mir den neuen Frühstücksaufstrich gekauft, den ich dieser Tage noch mal separat vorstellen werde. Wer meine sonstigen Erfahrungen mit dem italienischen Süßkram lesen möchte, kann das drüben beim Snackjunkie tun – ein Korrespondentenbericht mit 5 Kilo Nutella!

Zurück zur Kultur: Nach den Regentagen wurde unser Programm dann doch etwas kompakter. Da Sizilien in seiner Jahrtausende währenden Geschichte von so ziemlich jeder Hochkultur des Erdkreises mal besetzt wurde, gibt es reichlich spannende Trümmer zu bestaunen. Gleich westlich von unserem Hotel ist ein großes Areal mit aktuellem Fußballstadion, römischer Gladiatorenarena und griechischem Amphitheater.

Fangen wir mit dem Theater an:

Groß genug für ein PUR-Konzert allemal. Ich hätte mich sofort auf die Bühne gestellt und schwadroniert, aber meine LvA fand das peinlich. Stimmt auch, aber hat mich das je abgehalten?

Direkt am Theater war eine Frischwasser-Quelle – quasi die antike Version eines Cola-Standes:

Sehr angenehm. Allerdings muss dabei Feuchtigkeit auf meine Kameralinse gekommen sein, die alle Fotos der nächsten halben Stunde verschandelt hat, darunter die Aufnahmen der Arena:

Ich kann mir nicht helfen: Ich sehe so ein Stadion und denke nicht an „Spartacus“, sondern an „Asterix als Gladiator“. Ich schmeiss mein Pilum in dein Sternum!

Eigentlich hatte ich keine Lust, mir nach der enttäuschenden Villa Romana del Tellaro noch eine Ruine mit alten Mosaiken anzusehen. Doch die Villa Romana del Casale entpuppte sich als spektakuläres Zeugnis römischer Baukunst und Organisation. Eine gigantische Anlage mit über 3500 Quadratmetern Mosaik, die fast 800 Jahre lang vergessen worden war. Wer sich auch nur rudimentär für sowas interessiert, kommt hier aus dem Staunen nicht mehr heraus:

Die Rückfahrt von der Villa gestaltete sich ob der Serpentinenstraßen als deutlich länger als erwartet, aber auch schöner und entspannter. Ich fliege ja nicht nach Sizilien, um zu hetzen.

Weil wir auf unser Frühstück im Hotel mittlerweile konsequent und dankend verzichteten, aßen wir am nächsten Morgen im „Café Bianco“. Nebenan gab es einen Autohändler, der am Wochenende wohl gerne mal ein paar Klassiker ausstellt, um potentielle Kundschaft anzulocken. Was da an Oldtimern stand, konnte einem wirklich das Wasser im Mund zusammen laufen lassen:

Es gab auch Marken und Modelle zu bewundern, von denen ich noch nie gehört hatte:

Haben wollen!

Weiter im Text. Wir waren jedes Mal, wenn wir von der Autobahn Catania-Syrakus abgebogen waren, an einem Friedhof vorbei gekommen, der unser Interesse erregte. Am letzten Tag der Reise schien es uns angebracht, diesen mal zu besuchen.

Es ist ja bekannt, dass die Italiener ihre Angehörigen gerne mit etwas mehr Standesbewusstsein unter die Erde bringen, aber angesichts dieses Mini-Vatikans  aus zweistöckigen Prachtbauten war ich dann doch baff:

Manche der Grabmäler sahen aus, als könne man mit einer vierköpfigen Familie dort einziehen:

Die ärmeren Bewohner des Landkreises liegen dagegen in Urnengräbern gestapelt, die an Schließfächer im Hauptbahnhof erinnern.

Es ist üblich, Bilder der Verstorbenen am Grab anzubringen. Da kann man sich prima drüber amüsieren – manchmal ist es aber so spooky, dass man gleich einen Gruselroman daraus machen will:

Und kurz vor dem Abflug habe ich hier auch noch den Bart der Saison entdeckt, das Sinnbild totaler Männlichkeit – oder ein ganz fieser Doppeltumor, aus dem Alien-Parasiten schlüpfen werden:

Das war es dann auch schon. Ab in den Flieger, zurück in die Heimat.

Schee war’s. Ich bin nicht sicher, ob ich Sizilien mit meinen Bildern gerecht werden konnte, schließlich fotografiere ich nur, was mir als schräg oder ungewöhnlich auffällt. Dabei fallen die multiplen Schönheiten der Insel vielleicht hinten runter. Sizilien ist reich an kulinarischer wie architektonischer Vielfalt, man kann toll essen, viel schauen, einiges lernen. Der Verfall so ziemlich aller Errungenschaften, die weniger als 100 Jahre alt sind, sticht aber nicht minder ins Auge. Die Leitkultur dieses Mittelmeervolkes ist lange her.

Vor Ort merkt man auch durchaus, wie ernst es den Italienern mit der Überwindung der Krise sein muss – selbst beim Kaugummi an der Tankstelle wird einem die Quittung notfalls bis zum Auto nachgetragen. „Bar auf Kralle“ geht hier seit den Monti-Reformen gar nicht mehr.

Überrascht hat mich besonders die Schönheit der Natur. Mandeln, Zitronen, Oliven, Tomaten, dazu saftige Wiesen und grüne Hügel – das spielt schon in einer anderen Liga als Ibiza oder Syros. Sizilien ist mediterraner Überfluss, ein Fest für die Sinne.

Soviel dazu von meiner Seite.



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sergejWortvogelNikolaiPauleAchim Recent comment authors
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Snyder
Snyder

Für was steht eigentlich LvA? Nichtmal google findet etwas passendes

Dietmar
Dietmar

„Ich musste daraufhin ebenfalls ermüdet aufspringen, um im wütenden Regen und bei Blitz & Donner unter der Mithilfe der LvA gegen die Elemente anzukämpfen.“

Ich habe mir sagen lassen, dass es für Frauen nichts Erotischeres gibt, als einen Mann im heroischen Kampf mit den Elementen. Glückspilz! 😉

Snyder
Snyder

@Wortvogel: Unsinn, das wurde hier noch nie ausgeschrieben, deine eigene Blogsuche fällt dir in den Rücken!

Das Gewächs von Mr. Backenbart sieht aber wirklich fies aus, wie schwammartiges Gewebe aus dessen Löchern gelbe Augen listig blitzen wenn der Blick entschweift …

Dietmar
Dietmar

Sehr, sehr schöner Artikel mal wieder!

„das wurde hier noch nie ausgeschrieben“

Dohoch!

😉

Snyder
Snyder

@Wortvogel: Ich suchte nach „Liebste“ und der Kasus betrog mich um das Resultat. Ich gebe mich hiermit remütig geschlagen.

PabloD
PabloD

>>>Im örtlichen Lidl, bei dem wir uns mit Getränken für das Hotelzimmer eindeckten, waren alle Lebensmittel, die nicht frisch produziert werden, komplett deutsch verpackt.

Sollte LIDL das ähnlich wie ALDI handhaben (wovon ich der Einfachheit halber erstmal ausgehe), dann sind das ganz normale Waren für die deutschen Märkte, welche bei Designerstellung mit sämtlichen Export-Sprachen für Zutaten usw. auf der Rückseite versehen werden, ansonsten aber ihr „deutsches“ Grunddesign behalten. Die rund 500 italienischen LIDL-Märkte rechtfertigen da keinen finanziellen Mehraufwand, geschweige denn die habdvoll Läden in den osteuropäischen Ländern.

INeedMoney
INeedMoney

„Es ist üblich, Bilder der Verstorbenen am Grab anzubringen. Da kann man sich prima drüber amüsieren“

w00t

Achim
Achim

Franziskaner, das einzige Weiß/Weizenbier, das ich grässlich finde.

Selbst das von Karlsberg ist zu meinem Erstaunen gut.

Paule
Paule

„Zurück zur Kultur: Nach den Regentagen wurde unser Program dann doch etwas kompakter.“ Ich schlage vor, ein „m“ hinzuzufügen und bedanke mich an dieser Stelle für die gewohnt hochwertige Unterhaltung. Solches konnte ich natürlich nicht tun, ohne vorher etwas Negatives anzumerken, und ein Rechtschreibfeheler bietet sich nun mal an.

Nikolai
Nikolai

Bekommt die Galerie auch ein paar Bilder ab? 🙂

sergej
sergej

Bart der Saison, man beachte den Bassisten:
https://www.youtube.com/watch?v=sI66hcu9fIs