England 2011. Regie: Nick Murphy. Darsteller: Rebecca Hall, Dominic West, Imelda Staunton, Lucy Cohu, John Shrapnel

Story (offizielle Synopsis):
Geplagt von dem Tod ihres Verlobten, versucht Florence, sich mit der Erklärung von scheinbar übernatürlichen Phänomenen abzulenken. Sie bedient sich dabei methodischen und rationalen Erklärungen, um zu widerlegen, dass die Toten uns immer noch verfolgen können. Nun soll sie an einer Schule einen neuen „Auftrag“ erledigen, wo ein Junge tot aufgefunden wurde, der angeblich als Geist seine Kameraden heimsucht. Florence scheint das Rätsel tatsächlich lösen zu können, doch gerade als sie wieder abreisen will, hat auch sie eine unerklärliche Erscheinung.

Kritik: Es ist sicher übertrieben, von einer Renaissance des Gruselfilms zu reden, zumal „The Awakening“ keinen nennenswerten Kino-Release bekommen hat. Filme wie dieser und „The Woman in Black“ gibt es pro Saison immer ein oder zwei. Langsam getaktete Schauergeschichten mit melodramatischem Anstrich, aufpoliert für ein älteres Publikum, das seine Gänsehaut nicht im Kreischen der Kettensäge sucht.

Der Film ist das Kinodebüt von Nick Murphy, der eine relativ untypische, aber doch nachvollziehbare Karriere gemacht hat: Im Fernsehen hat er zunächst diverse Dokumentationen gedreht, ist dann später zu szenisch nachstellenden Doku-Dramen wie „Ancient Rome“ und schließlich zur Fiction („Primevals“) gewechselt.

Der Gruselfilm ist, ich hatte es schon an anderer Stelle vermerkt, sehr stark seiner eigenen Tradition verbunden. Die Figuren sind eigentlich immer gleich, ebenso die Schauplätze und Themen. Die verunsicherte junge Frau im großen alten Haus, die Angestellten mit den sinistren Motiven, lange Gänge, huschende Schatten. „The Awakening“ versucht nicht, dem zu entfliehen – wie schon in „The Woman in Black“ werden die Klischees stattdessen akzeptiert und ausgelebt.

Hierbei ist Nick Murphy allerdings erheblich erfolgreicher als James Watkins. Sein Drehort ist weniger plüschig ausgestattet, der Moderne deutlich verbundener als der viktorianische Muff von „Woman in Black“. Es ist hier nicht die Dunkelheit, die Angst erzeugt, sondern die Kälte, die Abwesenheit menschlichen Frohsinns. Das Internat und seine Angestellten wirken fast wie eine Irrenanstalt mit ihren Insassen – jeder hat seine Dämonen, seine Geheimnisse, seine Lügen, an denen er schwer trägt.

Hinzu kommt, dass Florence Cathcart ungleich interessanter ist als Arthur Kipps. Sie ist Skeptikerin und Atheistin – wenn auch nicht aus Überzeugung, sondern aus Verzweiflung. Sie bedient sich modernster Technik, so bezaubernd antiquiert uns diese auch heute vorkommen mag. Ihr wacher Geist hat einen erheblich weiteren Weg zu gehen, um an Geister zu glauben. Damit ist sie der überforderten und oftmals hilflosen Protagonistin klassischer Grusler wie „Rebecca“ weit überlegen – und dem Zuschauer auch deutlich näher.

Vor allem aber ist „The Awakening“ ein Film, der von seinen Bildern lebt, genauer gesagt von seiner Komposition. Szene für Szene ist arrangiert wie ein Gemälde, setzt die Personen in klaren Bezug zu Gebäuden und Landschaften. Immer wieder möchte man Standbilder auf die Festplatte speichern, um sie als Wallpaper zu verwenden. Dabei löst sich Murphy vollends von seinen TV-Wurzeln und reduziert die Menschen oft auf kleine Figuren auf einer ganz großen Leinwand – das wirkt im Kino deutlich besser als daheim.

Auch wenn ich die Darstellung von Radcliffe in „Woman in Black“ mochte – Rebecca Hall spielt ihre vergleichbare Rolle besser, einfacher, klarer. Sie ist eine moderne Frau – und doch ein Kind ihrer Zeit. Mit Dominic West und Imelda Staunton hat man ihr zudem sehr starke Co-Stars an die Seite gestellt.

Man kann „The Awakening“ allenfalls vorwerfen, dass er mit 107 Minuten immer noch zehn Minuten zu kurz ist. Zu lange findet Florence nur Bruchstücke, Puzzleteile, die kein Bild ergeben. Als sie endlich beginnt, die Wahrheit zu erkennen, muss das im Schweinsgalopp passieren, der dem Tempo des Films nicht gut tut. Einige Subplots werden dadurch vernachlässigt. Hätte man ein paar der Entdeckungen vorgezogen und dem Finale etwas mehr Zeit gegeben, wäre der Film flüssiger vom zweiten in den dritten Akt gegangen. Aber das sind Niggeligkeiten, die ich vielleicht nur aufgrund meines Berufes anbringe.

Fazit: Überzeugender und im wahrsten Sinne des Wortes bildschöner Geisterfilm, der etwas zu hektisch über die Ziellinie hastet, ohne ordentlich hinter sich zu zu machen.



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Dietmar
Dietmar

Wenn der hier läuft, ist der wohl das Richtige für partnerschaftlichen Grusel. 🙂

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„Filme wie dieser und “The Woman in Black” gibt es pro Saison immer ein oder zwei.“

Da würde ich aber widersprechen wollen.
In den letzten Jahren ist der „klassische Gruselfilm“ sicherlich wieder beliebter geworden, aber selbst wenn man sich auf einen Zeitraum von 10 Jahren beschränkt (statt „immer“), fallen mir nicht 1-2 Filme pro Jahr ein, die ich als „klassisch britischen / M.R. James inspirierten Horror“ bezeichnen würde.

Dr. Acula

Wobei du wieder in deiner bodenlosen Ignoranz den besten Geisterfilm der letzten Jahre, „The Innkeepers“, unterschlägst…

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“klassisch britischen / M.R. James inspirierten Horror” hatte ich nicht als Einschränkung verwendet, sondern nur als losen Oberbegriff (für auf Atmosphäre und Psychologie setzende Gruselfilme, bei denen physische Gewalt allenfalls zweitrangig Teil der Bedrohung ist und viel Aufmerksamkeit dem Look und der Stimmung gewidmet wird -hatte ich zumindest so verstanden, daß der besprochene Film in diese Richtung geht) .
Stimmt allerdings, daß ich einige der genannten Titel da bereits nicht mehr verorten würde (Mirrors und Gothika setzen deutlich mehr auf Schauwerte, The Strangers würde ich dem „House invasion“ Genre zuordnen und Lost Souls, Skeleton Key und The Messenger dem Okkult-Horror), bei einer weiteren Definition kommt man sicherlich auf 2 Titel pro Jahr.

Dr. Acula

@Vogel
Onkel Filmi und ich kommen dich mal besuchen…

Peroy

„@Vogel
Onkel Filmi und ich kommen dich mal besuchen…“

Damit er euch ins Gesicht spucken kann ?

Dr. Acula

Geht mehr um Filmverstand und dem Vogel solchen einprügeln, aber davon verstehst du ja nix…

Peroy

Darf er euch danach anspucken… ?

Marcus
Marcus

@Doc: bei der Innkeepers-Klassenkeile für den Vogel komme ich gerne mit – so wenig furchteinflößend das für ihn auch ist… 😀

@Torsten: „The Strangers“ passt in diese Liste beim besten Willen nicht rein. Das ist Home Invasion-Terror-Kino – wenn das ein klassischer Gruselfilm ist, dann ist das „Mother’s Day“-Remake auch einer.

Aber das nur am Rande. Viel interessanter:

„dass sich Ti Wests Schnarcher mehr der Tradition des US-Geisterhaus-Films verpflichtet fühlt“

Habe ich da was verpasst? Ich könnte jetzt beim besten Willen nicht sagen, ob es eine spezifische US-Geisterhaus-Film-Tradition gibt, geschweige denn, worin sie sich von der englischen unterscheidet. Ich würde sogar sagen, der klassische Grusel ist eines der Genres, dass die Engländer so sehr definiert haben, dass sich auch die Amis größtenteils an die Genrevorgaben halten.

Reini

@Doc: Der Ti-West-Fanclub Bockenheim sichert dir seine volle Unterstütztung zu…

Will Tippin
Will Tippin

Ich fand The Innkeepers sympathisch und amüsant, aber leidlich gruselig.

OnkelFilmi
OnkelFilmi

„Damit er euch ins Gesicht spucken kann ?“

Da bräuchte er erstmal ne Leiter zu…

OnkelFilmi
OnkelFilmi

„@ Acula: Abgesehen davon, dass sich Ti Wests Schnarcher mehr der Tradition des US-Geisterhaus-Films verpflichtet fühlt, weigere ich mich schlicht, den zu kennen. Den habe ich auch nie gesehen. Oder besprochen.“

Du schnarchst.

Peroy

„“@ Acula: Abgesehen davon, dass sich Ti Wests Schnarcher mehr der Tradition des US-Geisterhaus-Films verpflichtet fühlt, weigere ich mich schlicht, den zu kennen. Den habe ich auch nie gesehen. Oder besprochen.”

Du schnarchst.“

Nun ja, wenn ich die Ti West-Filme, die ich bislang gesehen habe, mit einem einzigen Wort beschreiben müsste, dann wäre das noch vor „retro“ eindeutig „langweilig“…

Marcus
Marcus

Nun ja, wenn wir „Ghost Rider“mit einem einzigen Wort beschreiben müssten, dann wäre das noch vor “unterhaltsam” eindeutig “öde”…

John
John

Trotz dem etwas übertwisteten Ende: für mich ist das (vielleicht) der beste englischsprachige Geisterfilm seit The Others – eigenständig, stilvoll, überraschend charmant und mit zwei Gänsehaut-Szenen.

Peroy

Offebar hat John weder „Insidious“ noch „Die Frau in Schwarz“ gesehen… und dabei war „the Others“ schon nicht sooo prall…

Peroy

„@ Peroy: Die “Frau in Schwarz” war deutlich schlechter als “Awakening”.“

Na, abwarten… 8)

John
John

Insidious war für mich ein 5/10 Film, dessen (an sich durchaus) ansehnlicher Grusel in dummdreisten Wahnsinn (der sich lustiger fand, als er war) abrutschte (incl. dummdreist selbstverliebtem Kitschfazit über die Liebe „zum Schreiben“, den der Drehbuchautor seiner von ihm gespielten Figur in den Mund legt).
Woman in Black habe ich wirklich nicht gesehen, spielt da Ron Weasley mit? Wenn nicht, will ich ihn auch nicht sehen!!