Es ist die erste wirkliche Pandemie, die ich miterlebe. Veranstaltungen abgesagt, in anderen Ländern bleiben die Schulen zu, Grenzen werden abgeschottet. Die Menschen horten Klopapier und Nudeln, in Arztpraxen wird das Desinfektionsmittel geklaut.

Was vor sechs Wochen noch nach einem Exotenproblem klang, das uns nur betrifft, weil wir über das Internet vom Weltgeschehen erfahren, ist angekommen. Ich komme mir vor wie im Vorspann der englischen Serie SURVIVORS von 1975, in der ein Ausbruch und die Verbreitung der Seuche perfekt in sparsame Bilder gepackt wurde:

Wir schauen uns die Webcams an vom Markusplatz in Venedig, von der Spanischen Treppe in Rom – gespenstische, fast postapokalyptische Leere. Die Häufigkeit, mit der versichert wird, wir sollten uns nicht allzu große Sorgen machen, macht uns Sorgen.

Aber dennoch: Ich fühle mich von dem Geschehen seltsam abgekoppelt und völlig unberührt. Hätte ich kein Internet, hätte ich bis heute von der Pandemie vermutlich weder gelesen noch gehört. Sie hat, wenn ich das klaren Kopfes analysiere, bis heute keinen direkten Einfluss auf meine Sphäre nehmen können.

Oder doch: Am Samstag wollten wie hier im Theater in München LULU anschauen, die Inszenierung war uns empfohlen worden. Die Aufführung findet nicht statt.

Mangelt es mir an Empathie? Bin ich generell zu kopfgesteuert, um mich über die Wahrscheinlichkeit hinaus zu sorgen? Ist "keep calm and carry on" Teil meiner Gene?

Ich vermute, die Antwort ist viel banaler: ich bin so ziemlich das Gegenteil der Zielgruppe des Virus. Mein Lebensstil ist einer, bei dem immer ein grüner Haken gemacht wird, wenn es um Gefährdung geht. Alles okay.

Schauen wir uns die Fakten an: Die LvA und ich leben in einer großen Wohnung, das gesamte Geschoss des Hauses ist unsere Domäne. Wir arbeiten von Zuhause. Was andere Firmen jetzt auf die Schnelle für ihre Angestellten einzurichten versuchen, ist bei uns Realität: Home Office. Virtuelle Redaktion. Oder wie man 2020 sagt: New Work.

Wir können, aber wir müssen nicht mit anderen Menschen physisch interagieren. Die Arbeit wird digital koordiniert, meine Artikel schreibe ich vom Sessel meines Arbeitszimmers aus. Der Postbote kann Päckchen vor der Tür stehen lassen. Der Kühlschrank ist voll, unsere Vorratsschränke sind es auch. Ein echtes Problem haben wir erst, wenn der Strom ausfällt. Ab dann gilt Faustrecht.

Von der Biographie passen wir auch nicht ins Krankheitsbild: Wir sind Anfang 50, generell sehr gesund und ohne Vorbelastungen. Wir haben auch keine Kinder, über die wir uns anstecken könnten. Unseren Katzen reicht die Terrasse, wir müssen nie Gassi. Kein Verein, kein Einkauf, keine Veranstaltung zwingt uns vor die Tür.

Im Grunde genommen sitzen wir hier in einem Elfenbeinturm, hoch über und weit entfernt von jedem Risikofaktor. Wir sind – sicher?

Einerseits erschreckt es mich, dass sich Teile der Wirtschaft so fragil zeigen. Wir haben hier in München schon von Restaurants und Hotels gehört, die am Rande des Bankrotts stehen. Wo monatlich hohe Kosten anfallen, aber keine Einnahmen reinkommen, ist schnell Schicht im Schacht. Der Markt ist gnadenlos – und er steht auf der Seite der Großunternehmen, die genug Rücklagen haben. DAS ist ein Punkt, der mir wirklich Sorgen macht: Motel One kann so eine Krise über stehen. Pension Meier nicht. Und sogar Uwe Bolls Restaurant BAUHAUS leidet. Man merkt, dass das Weltgeschehen auf dauernde Bewegung ausgerichtet ist, auf einen permanenten Austausch von Waren, Dienstleistungen und Menschen. Der Markt ist wie ein Hochseehai, der erstickt, wenn er nicht mehr vorwärts schwimmt.

Andererseits hat die aktuelle Stille etwas Beruhigendes, etwas Innehaltendes. Einfach mal nicht alles planen, einfach mal sitzen und aussitzen. Die Hektik runterfahren, daheim Vernachlässigtes nachholen, abwarten und Tee trinken.

Ich glaube, dass wir die ganze Sache in spätestens drei Monaten überstanden haben und ich hoffe, dass ich damit nicht irre, denn meine Meinung fußt wahrlich nicht auf einer irgendwie gelagerten Expertise. Ich weiß nicht mehr als ihr. Und ich weiß auch nicht, was die mittel- und langfristigen Folgen der Pandemie sein werden. Nach "Schuhe aus" und "keine Flüssigkeiten an Bord" künftig auch noch Speichelprobe am Flughafen?

Es sind seltsame Tage, seltsame Wochen, fürwahr.

Ich kann mich allerdings erinnern, dass es schon mal eine "Seuche" gab, die mich deutlich mehr verunsicherte. Mitte der 80er war das, als uns langsam klar wurde, was AIDS bedeutet. Ich war 15, als der SPIEGEL die Krankheit erstmals unter diesem Namen auf das Cover hob:

Klar betraf das erstmal nur Schwule und Junkies, das wurde uns damals versichert. Und mein erster Geschlechtsverkehr sollte noch ein Weilchen hin sein. Kein Grund zur Panik demnach. Dennoch: ich verspürte eine Unruhe, eine Depression fast. AIDS, das war unerklärlich und unheilbar, tödlich und widerlich.

Als Junge hatte ich die sexuell befreiten 70er erlebt, ich bin ein Kind "nach Pille" und "vor AIDS". Spaßvögeln war angesagt, man konnte den Playboy stressfrei in der U-Bahn lesen und im Deutschunterricht erklärte Klassenclown Kim der Deutschlehrerin Frau Knabe, was "Natursekt" in der Bekanntschaftsanzeige der Düsseldorfer Stadtzeitung bedeutete. Sex war kein Problem, die Risiken von Herpes und ungewollter Schwangerschaft minimal. So hatte ich das im Bio-Unterricht gelernt.

AIDS änderte das. AIDS war das Ende der Spaßgesellschaft, nahm dem Sex die Harmlosigkeit, überzog jede Geilheit mit einer schmierigen, unappetitlichen Schicht von Angst, Gefahr und Paranoia. Man musste die Mädels künftig nicht nur rumkriegen – man musste ihnen vertrauen. Das war ein völlig neuer, brutaler Maßstab. Denn wenn sich ein Mädel leicht rumkriegen lässt – wie leicht haben dann wie viele andere Jungs sie rumgekriegt? Kann man sich selbst vertrauen? Kann das Mädel mir vertrauen? Warum sollte es?

Das war das Klima, in dem ich meine Pubertät erlebte – von Waldsterben, Atomtod und Modern Talking mal ganz abgesehen. Ich kann mich gut erinnern, wie frustriert und wütend ich war. Jetzt war doch ICH dran mit dem Sex! Die ganzen tollen Girls aus der BRAVO und der NEUEN REVUE, die warteten doch nur auf mich! Und jetzt AIDS? Ich fühlte mich vorab betrogen um ein sorgloses Rumbumsen, das es vermutlich SO nie wirklich gegeben hatte – ich bezog mich dabei weitgehend auf die EIS AM STIEL-Filme und SCHLÜSSELLOCH-Ausgaben, die bei uns in der Lesemappe an der Klotür hingen, als meine Eltern noch nicht geschieden waren:

Meine Befürchtungen traten ein – und es wurde doch nicht so schlimm. Weil wenig so flexibel ist wie der Mensch, der am Ende doch nur ein panikfreies Leben führen will.

Wir schreiben jetzt das Jahr 2020. Wir haben mit AIDS im wahrsten Sinne des Wortes leben gelernt. Die Krankheit ist nicht besiegt, aber die Angst vor ihr, die Hysterie. Wir haben den Umgang mit ihr in unseren Alltag integriert und die Betroffenen sind weder ausgegrenzt noch dem Siechtum überlassen. Im Grunde ist AIDS ein weiterer Beweis, dass jenseits der Panikmache und des Menschenhasses Einiger die Gesellschaft insgesamt zu erstaunlich humanen Großleistungen fähig ist. Manchmal wünschte ich mir, auch dieser Aspekt würde mehr gewürdigt.

Und damit abschließend zurück zu Corona. Angst bringt uns nicht weiter, auch wenn meine eigene Sicherheit (siehe oben) mich das leicht sagen lässt. Es war immer das Augenmaß, das den Menschen vor den größten Dummheiten beschützt hat. So schlimm die Pandemie vielleicht wird, so schöpfe ich Hoffnung aus der Tatsache, dass sie – anders als AIDS – in absehbarer Zeit überstanden sein wird.

Es wird eine Zeit "nach Corona" geben, kein dauerhaftes Leben "mit Corona".



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Dietmar

Eine ehemalige Schülerin von mir ist jetzt Lehrerin an einer Grundschule: Sie ist gestern geschlossen worden. Meine Mutter liegt in der Klinik: Seit heute kein Besuch mehr erlaubt. Die Besprechung mit dem behandelnden Arzt und uns erfolgt morgen per Telefonkonferenz. Ich habe eine "normale Erkältung", fühle mich wieder tipptopp, aber weil ich bis Freitag krank geschrieben bin, hat sich mein Orchester dafür ausgesprochen, dass ich heute zuhause bleiben soll. Extrem ärgerlich, weil wir gerade an meinem Arrangement von "Back to the Future" proben und ich dafür für heute "Mr. Sandman" sehr witzig auf unseren Klangkörper übertragen habe. Eines der wenigen anderen Orchester, die mit mir noch Kontakt pflegen, hat mich zu ihrem Konzert am Samstag eingeladen: Ich werde heute absagen. Denn wenn ich da im Publikum husten sollte, was manchmal noch passiert, obwohl es mir wirklich gut geht, weiß ich nicht, wie gut das jemand dort findet.

Aber zum Glück hängt ja international viel von den USA ab und dort ist ja ein stabiles Genie in der Zentrale der Macht. Donald Trump: “Wissen sie, mein Onkel war eine große Person. Er war am MIT [Massachusetts Institute of Technology]. Er lehrte am MIT für, ich denke, wie eine Rekord-Zahl von Jahren. Er war ein großes Super-Genie. Dr. John Trump. Ich mag dieses Zeug. Ich schnalle das wirklich. Leute sind überrascht, dass ich das verstehe.”

Wir sind gerettet.

simop
simop

Sag mir bitte, dass das Trump-Zitat lediglich eine grottige Übersetzung ist … *wimmer*

Goran
Goran

You know my Uncle was a great — he was at MIT,’ the president said while standing next to health officials who are working to contain the outbreak of coronavirus.

‘He taught at MIT for a record number of years. He was a great super genius, Dr. John Trump.’

Dietmar

Ich habe ziemlichen Spaß daran, seine Aussagen zu übersetzen. 🙂

Zum Kreuzfahrtschiff "Grand Princess", das jetzt erst Oakland anlaufen durfte: “Ich meine, ehrlich, wenn es nach mir gehen würde, ich wäre geneigt zu sagen, lasst alle an Bord für eine gewisse Zeit und benutzt das Schiff als Basis. Aber viele Leute würden es eher anders machen. Sie würden die Leute quarantänisieren, wenn sie an Land sind. Nun, wenn sie das tun, werden unsere Zahlen dabei sein hoch zu gehen. Okay? Unsere Zahlen werden dabei sein hoch zu gehen. Ich würde eher – weil ich die Zahlen mag, wo sie sind. Ich brauche die Zahlen nicht verdoppelt wegen eines Schiffes, das nicht unser Fehler war.”

Tante Jay
Tante Jay

Nein. *seufz*
Der bringt momentan dauernd sowas 🙁

Dietmar

Dies ist ja trump-freie Zone. Aber wenn der nicht, aus purer Selbstverliebtheit und echter Dummheit, so gefährlich wäre, wäre das Ganze brüllend komisch: Finnland hat laut Trump keine Waldbrände, weil sie den "Fußboden" (seine Wortwahl, nicht meine) vom Wald harken. Als er Hurrikane-Opfer besucht, trifft er auf eine Familie, auf deren Grundstück ein Segelboot zu liegen kam, und fragt allen Ernstes: "Whose boat is this boat?" Um dann zu erklären, naja, immerhin hätten sie jetzt ein Boot.

Aber das Schlimmste ist, dass die Demokraten, auch durch aktive Mitschuld Hillary Clintons, mit dem degenerierenden Joe Biden wieder den denkbar schlechtesten Gegenkandidaten aufstellen und Trump deshalb nach meiner Einschätzung wiedergewählt werden wird.

Dietmar

Das sehr stabile Genie analysiert vor laufenden Kameras gegenüber der von ihm so genannten “Lügenpresse”: “Es ist ein New-York-Hospital, sehr – es ist immer brechend voll. Wie kommt man von zehn- zu zwanzig- zu dreihunderttausend?” In geduldig belehrendem Ton fährt er fort: “Zehn- bis zwanzigtausend Masken bis drei-hundert-tausend!” Bedeutungsschwangere Pause. Und dann: “Selbst wenn das unterschiedlich ist, das geht nicht mit rechten Dingen zu. Und ihr müsst euch das als Reporter genau ansehen! Wo sind die Masken hin? Sind sie zur Hintertür rausgegangen? Ich denke, Leute sollten das untersuchen, weil etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, ob – es ist nicht – es ist Horten, ich denke, es ist vielleicht schlimmer als Horten.” Ihm sei empfohlen worden, die Pandemie “auszureiten”: “Wir hatten viele Leute, die sagten, vielleicht sollten wir gar nichts machen. Einfach ausreiten. Sie sagten, reite es wie ein Cowboy!” Das imaginäre Lasso schwingend, unerschrockene Tapferkeit in Stimme und Gesicht: “Reite es einfach! Reite diesen Lutscher! Reite mittendurch!” Eloquent, staatsmännisch, tröstend, ein rhetorisches sehr stabiles Genie, fürwahr.

Dietmar

Habe soeben die Meldung von Kollegen bekommen, dass ab Montag alle Schulen in Niedersachsen geschlossen werden sollen.

simop
simop

Niedersachsen hat auch schon lang Veranstaltungen wie den Boys' und Girls' Day abgesagt.
edit: und wir hier in NRW auch.

Harry
Harry

Schulen werden geschlossen! Ja was sit den mit all den anderen Menschen die mit vielen bis zu Tausend Menschen oder mehr am Tag in Kontakt kommen?
Einzelhandel zum Beispiel ? Öffentlicher Nahverkehr,Polizei,Feuerwehr etc.
War erstaunt als ich mit jemand gesprochen habe wo in einem mittleren Lebensmittelmarkt also nix gigantisches oder so, locker Tausend Kunden am Tag haben!
Da wollen wir von Busfahrer oder allgemein dem Öffentlichen Nahverkehr gar nicht sprechen!
Oh ich höre gerade das ab Montag in unserer Stadt nur man nur noch hinten einsteigen darf und der Busfahrer keine Fahrscheine mehr verkauft. Damit diese vor Ansteckung besser geschützt sind!?
Na ja, wer sich näher mit dem Thema befasst hat weiß das jede Veranstaltung (in geschlossenen Räumen?) ab 100 Menschen unterbunden werden sollten. So jedenfalls die Meinung des Coronavirus Experten "Alexander S. Kekulé". Es gibt da wohl Statistiken wie sich das (der??) Virus vermehrt.
Alexander S. Kekulé meinte auch in einer Sendung das schon gesunde Menschen ohne jegliche Vorerkrankung im mittleren alter gestorben sind.
In der letzten Sendung wo ich Ihn gesehen habe wollte Er sich aber nicht mehr groß dazu äußern!
Im fehle die genaue Daten!?
Fakt ist wenn jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht wird das nichts.

Wat kütt, dat kütt. Et kütt wie et kütt.

Gruß und bleibt alle Gesund.

Dietmar

Der oder das Virus, da ist meine Meinung eindeutig: Der Virus. Denn so funktioniert unsere Sprache. Der Standard-Genus (leider missverständlicherweise "männlich" genannt) ist die Grundeinstellung, Femininum und Neutrum sind substantivierte Verläufe, Ergebnisse von Ereignissen oder "eingefrorene" Tätigkeiten. Jetzt kommt jemand und sagt: "Moment mal! Virus ist Latein, und da ist es ein Neutrum!". Worauf ich antworte: "Das ist aber ein schöner Klischee. Und jetzt besuchen wir alle das Tempel." (Klischee franz. maskulin, templum lat. neutrum).

Im Lateinischen ist Virus etwas Schleimendes und Templum das Ergebnis des Abzirkelns. Diese Verknüpfung fehlt uns, also fällt das bei uns sprachgefühlig in das Standardgenus. Klischee ist für uns ganz klar etwas ständig Getanes, Abgegriffenes und deshalb ein Neutrum. Don´t fuck with the Sprachzentrum.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann

Natürlich sterben auch junge Menschen OHNE Vorerkrankung dran! Es ist nur sehr unwahrscheinlich, ändert aber nix dran, wenn du der 1000. Tote bist, den das trifft.
Der Virus kann eine Lungenentzündung hervorrufen, wenn die nicht ordentlich behandelt wird, kanns fix sehr schlecht für dich aussehen. Sowas kommt dann mehr vor, wenn es wie in Norditalien und Wuhan komplett aus dem Ruder läuft. Denn Ärzte (und Krankenschwestern) sind auch nicht sicher gegen eine Erkrankung, dadurch fallen die weg. Erst trifft es die Schwächeren, aber wenn da nicht gehandelt wird, gehen alle Sterblichkeitsraten hoch.

Michael Marrak
Michael Marrak

Ich erinnere mich, vor ein, zwei Wochen ein Interview mit einem Virologen gelesen zu haben, in dem dieser sehr überzeugt sagte, Corona werde eben nicht gehen. Es werde sich etablieren und bleiben, wie die Grippe, und es werde jährlich neben einer Grippe-Welle nun auch Corona-Wellen geben. Und er meinte, dass wir uns wohl oder übel darauf einstellen müssten. Ich hoffe, er irrt sich.

Dietmar

Er irrt sich sicher nicht. Aber jetzt geht es vor allem darum, eine Welle wie die der spanischen Grippe 1918 – 20 zu verhindern (ein Urgroßvater von mir starb daran).

Jojo
Jojo
Matts
Matts

Genau diesen Artikel hat gestern der Professor und Chef von unserem Institut auch rumgeschickt. Damit hat er angeregt, dass jeder, der es sich leisten kann, ins Home Office gehen sollte.
Der Artikel macht einige gute Punkte, kommt mir trotzdem aber auch ein bisschen nach Panikmache vor. Aber ich schätze, unser Prof wird schon wissen, warum er ihn geteilt hat.
Obwohl hier in Tschechien bislang erst um die 100 Fälle aufgetreten sind, sind die Eindämmungsmaßnahmen um einiges schärfer, als in Deutschland. Hoffen wir, dass es was bringt…

hilti
hilti

Persönlich gehts mir wie Dir, dass ich keine Angst um mich hab. Unter 50, nie geraucht und keine Vorerkrankungen. Wenns mich erwischt, dann ist ein leichter Verlauf wahrscheinlich. Aber um meine Mama und ihren Mann hab ich Angst. In Italien hats so viele erwischt, dass das Gesundheitssystem völlig überlastet ist und die alten Leute sterben da wie die Fliegen. Da kann man nur hoffen, dass die Fallzahlen bei uns niedrig genug bleiben, so dass die Krankenhäuser nicht überlastet werden.

Thies
Thies

Vorletzte Woche gehörte ich noch zu der "Keine Sorge"-Fraktion und hatte mich mit einem Kumpel am Telefon bei jeder Gelegenheit über die Panikmacher lustig gemacht. Ich hatte ohnehin immer genügend Nudeln und Klopapier im Haus und dachte, dass die Nachrichten zwar nicht gut klangen, aber auch schlimmer sein könnten.

Hier bitte eine Einspielung von Han Solo "Es ist schlimmer!"

Jetzt höre ich das rechts und links Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden. Gerade als ich mir ein Ticket für den neuen Bond gesichert hatte, kam die Nachricht das der Start um sechs Monate verschoben wurde. Ich wurde beim Nasehochziehen im Bus sehr schief angeschaut, obwohl ich derartige Symptome in dieser Jahreszeit für normal halte. Und ich will gar nicht erst damit anfangen was für ein Unsinn bei uns im Betrieb die Runde dreht.

Ich glaube nicht dass der Virus die Menschheit "28 days later"-Style vom Planeten fegen wird. Aber mir machen die Meldungen doch einige Sorgen, die ich nicht einfach abschütteln kann. Denn zur reinen wissenschaftlichen und rationalen Betrachtung kommt halt immer noch die persönliche Wahrnehmung dazu. Und da fühle ich mich auch nach durchaus informativen Artikeln und Fernsehbeiträgen machmal einfach nur ratlos.

Dietmar

Ja, genau das (!) ist es, was diese ganze Sache so schwierig macht: Die Meldung, die Schulen in Niedersachsen würden schließen, kam aus seriöser Presse und wurde von meinem Seminar und sogar der Leitung geteilt. Heute kam raus, dass das eine vorschnelle Mitteilung war.

Ich habe mich auf Seminar und Presse verlassen und damit Falschinformationen verbreitet.

Dietmar

Aber jetzt! Schulen in Niedersachsen machen dicht. Lehrer haben Anwesenheitspflicht. Was allerdings ziemlich sinnfrei ist, denn kaum ein Lehrer hat sein Vorbereitungsmaterial in der Schule und Korrekturen etc. macht man auch zuhause. Denn wir haben Lehrerzimmer, keine Büros.

Thomas
Thomas

Ich habe keine Angst es zu bekommen, ich habe keine Vorerkrankungen, die mir da Probleme machen könnten. Aber ich hätte ein furchtbar schlechtes Gewissen, wenn ich die schwangere Cousine, den 92jährigen Opa oder die Kollegin, die durch eine Krebstherapie ein geschwächtes Immunsystem hat, anstecken würde.

takeshi
takeshi

Je nachdem, wie verspielt man persönlich ist, können sich Interessenten hier aus drei verschiedenen Livetickern den liebsten aussuchen.

https://www.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6

https://covid19info.live/de/?fbclid=IwAR3kDklX_FUd-GmfgC7ZI0CRcSv4U0DCQnLQ35DgIGxSMA9O-kOZZgOCBkc

https://mackuba.eu/corona/#total

Fakt ist: wenn man sich die Prozentzahlen der lethal verlaufenden Fälle im Verhältnis zu den Gesamtansteckungen ansieht, zeigt sich, dass Hysterie nicht gerade die überlegteste Handlungsweise ist.
Aber versuche das mal dem Typen zu erklären, der beim Einkaufen in der Schlange vor dir steht und 8 Kästen Bier und ebenso viel Packungen Toilettenpapier im Wagen aufgetürmt hat… 🙂

Thies
Thies

Bis Mittwoch dachte ich noch, dass sich die Hysterie in Sachen Hamsterkäufe gelegt hat. Da war unser Markt stellenweise so tot, dass man in Gedanken Windhexen durch die Gänge rollen sah. Donnerstag stieg der Kundenverkehr schon wieder merklich an und heute war mit Sicherheit mehr Umsatz als an den Tagen vor Weihnachten. Und die Regale sehen aus als wären die Hunnen eingefallen.

Medienjunkie

Der Vergleich mit der damaligen AIDS-Hysterie ist interessant. Die fühlte sich für mich insoweit berechtigter an, als dass das lange Zeit wirklich eine tödliche Krankheit war. Also nicht nur potentiell tödlich wie Corona, an dem dann aber nur ein kleiner Prozentsatz der Infizierten mit Vorerkrankungen tatsächlich stirbt, sondern anfangs für fast 100 Prozent der HIV-Infizierten tödlich endend. Die Hysterie hat sich dann gelegt, als es wirksame Medikamente wie AZT gab, und heute ist HIV zwar immer noch nicht heilbar, aber im Normalfall eben nicht mehr tödlich (zumindest in unseren reichen Gesellschaften, wenn man Zugriff auf die Medikamente hat) und die Infizierten können ein normales Leben bis ins hohe Alter führen.

Dietmar

Das Problem bei COVID-19 ist nicht die Tödlichkeit oder die sozusagen Raffinesse des Virus. COVID ist hoch ansteckend, viele Tage auf Oberflächen aktivierungsfähig ("lebensfähig" wäre bei einem Virus wohl ein fragwürdiger Begriff), dabei allgemein nicht besonders lebensbedrohlich außer für Lungen-Vorerkrankte und ältere Menschen. Wir werden ihn alle kriegen. Irgendwann. Und wir werden schnell Resistenzen bilden. Es geht nur darum, dass diese Infektionen nicht schlagartig auftreten sondern über einen größeren Zeitraum entzerrt werden. Bei HIV ist das anders. Der infiltriert das Immunsystem, sodass sich Resistenzen nur über evolutionäre Zeiträume entwickeln könnten.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann

Es trifft eben nicht nur Alte und Vorerkrankte, sondern nur bevorzugt, da sie ein schwächeres Immunsystem haben. Aber auch Stress kann zB das Immunsystem schwächen und dann auch tödlich für jüngere Menschen sein. Deswegen ist zB die Sterblichkeitsrate bei medizinischen Personal so hoch, da die zur Zeit keine Zeit haben sich ordentlich zu erholen. Das kann also sehr wohl eine Teufelskreis werden, wenn nicht so vorgegangen wird wie aktuell.
Und Immunität ist eher unwahrscheinlich, da das ein Coronavirus ist. Der Mensch hat nie/selten (nicht sicher, ob es vielleicht doch paar gibt) langfristige Immunität gegen Coronaviren entwickelt. Für SARS wird zB maximal eine Immunität von 3 -4 Monaten ausgegangen. Das reicht dann um eine Epidemie einzugrenzen, aber nicht es vollkommen aufzuhalten. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir SARS2 so erfolgreich beseitigen können wie Polio und die Pocken.

Dietmar

Es trifft eben nicht nur Alte und Vorerkrankte

Habe ich auch nicht behauptet.

Und Immunität ist eher unwahrscheinlich, da das ein Coronavirus ist. Der Mensch hat nie/selten (nicht sicher, ob es vielleicht doch paar gibt) langfristige Immunität gegen Coronaviren entwickelt.

John Ziebuhr, Institut für Medizinische Virologie an der Universität Gießen, im SPIEGEL: "Gestoppt werden kann die Weiterverbreitung des Virus erst, wenn jeder Infizierte nur noch weniger als eine andere Person infiziert. Hatten zwei Drittel der Bevölkerung Kontakt mit dem Virus und sind dadurch immun, fallen von den drei Menschen, die jeder anstecken würde, zwei weg. Das Virus wird dann zwar weiter zirkulieren, aber nicht mehr massenhaft infizierbare Personen finden. […] Die Immunität, die jemand im Laufe seines Lebens gegen verschiedene Erkältungsviren aufbaut, ist oft flüchtig. Wer sich jetzt mit dem Virus infiziert, hat vielleicht zwei, drei Jahre oder vielleicht auch etwas länger eine gute Immunität. Dann bekommt das Virus erneut eine Chance. So ist es zumindest bei allen anderen Coronaviren, die wir kennen."

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir SARS2 so erfolgreich beseitigen können wie Polio und die Pocken.

Wir können keinen "Erkältungsvirus" so erfolgreich beseitigen. Diesen macht "nur" besonders, dass er sich lange an Oberflächen aktivierungsfähig hält und hoch ansteckend ist.

(Aber auch Stress kann zB das Immunsystem schwächen und dann auch tödlich für jüngere Menschen sein.Ich weiß. Letzer Sommer war buchstäblich fast der letzte für mich. Knapper kann es kaum sein.)

Dietmar

Und weil wir hier auch in Thunderf00t-Land sind, wird das hier erlaubt sein: https://www.youtube.com/watch?v=On1hWBn3Ofg

Aus dem Video: Sterberate bei unter 50-Jährigen maximal 0,4 %, bei über 80-Jährigen 14,8 %.