Das hier fällt mir schwer – weil ich den Deppen-Preis eigentlich nur an Leute vergebe, die mir auf die Nerven gehen. Heute verleihe ich den Schandorden allerdings an jemanden, den ich gemeinhin gut leiden kann.

Vor mittlerweile auch schon zehn Jahren habe ich für die längst eingestellte Zeitschrift TV SÜNDE (deren wechselhafte Geschichte ihr hier nachlesen könnt) ein Interview mit der Schauspielerin Katja Bienert geführt, die in den 70er Jahren durch harmlose Nackedei-Rollen bekannt geworden war (man entschuldige den krassen Fehler im Namen der Aktrice im Titel, das hier ist die noch unkorrigierte Version des Artikels):

Das Interview habe ich dann auch hier auf dem Blog bereit gestellt.

Bienert kam extrem entspannt rüber, sehr freundlich, sehr geerdet. Kein Wunder, dass ich ihr auch auf Facebook einen Friend-Request schickte und seither aus der Ferne ihr Treiben verfolgte. Das gab immer mal wieder Anlass zur Sorge: sie wurde des Stalkings verdächtigt, landete in den USA im Knast, bekam wohl auch Brustkrebs, heiratete schließlich vor ein paar Wochen. Jede Menge Drama.

Nun ist es nicht verwunderlich, dass jemand, der ein extraordinäres Leben im Showbusiness geführt hat, auch ein paar extraordinäre Innenansichten aus dem Showbusiness mitbringt. Das kann ich einpreisen.

Und das bringt uns zu Filmproduzent Harvey Weinstein, der gerade zu wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, von denen er sicher nicht alle absitzen wird. Entweder wird er vorzeitig entlassen oder stirbt zeitnah. Fünf Jahre hätten es bei dem vorliegenden Schuldspruch mindestens sein müssen, 23 Jahre liegen am ganz oberen Ende der Ermessensskala des Gerichts.

Meine persönliche Meinung? Ich habe weder mit dem Prozess noch mit der Verurteilung ein Problem, halte aber das Strafmaß für überzogen, zumal eine Menge der Vorwürfe gegen Weinstein niemals zur Anklage kamen, geschweige denn bewiesen wurden. In meinen Augen wurde hier ein Exempel statuiert, und in keinem anderen Kontext als der aufgeheizten #metoo-Debatte wäre das Urteil so drastisch ausgefallen. Weinstein büßt für all das Unrecht, das Frauen in Hollywood erlebt haben oder erlebt haben wollen.

Das ändert aber an den Fakten nichts. Er ist ein Dreckschwein, das mit seiner sexuellen Ausnutzung von Menschen, die von ihm abhängig waren, zu lange davon gekommen ist. Falls jemand meint, das konnte ja keiner ahnen:

Nicht nur Weinstein gehört in den Knast – das Weltbild, das Männer wie ihn erzeugt und gefördert hat, muss ad acta gelegt werden.

Ihr seht, ich stehe mal wieder in der Mitte. Ja, der Mann gehört verurteilt und er wurde ja auch verurteilt. Nein, das Strafmaß halte ich für nicht angemessen. Muss ich mich aber entscheiden, ist mir das immer noch lieber als ein fischiger Freispruch.

Katja Bienert sieht das allerdings anders – und ich dachte zuerst, das könne, das MÜSSE ein schlechter Scherz sein:

Asking for it?! Eine SCHAUSPIELERIN holt allen Ernstes dieses ekelhafte wie überholte Argument aus der Mottenkiste und proklamiert "der arme Mann!"??? Sie wünscht sich Freiheit für einen erwiesenen und verurteilten Vergewaltiger?!

Ich kann und möchte mir nicht vorstellen, was in ihrem Kopf vorgeht – hoffentlich gar nichts, das wäre noch die erträglichste Erklärung. Und es freut mich, dass in ihrem Thread eine echter Shitstorm losbricht, denn nicht mal enge Freunde können so recht fassen, was sie da vom Stapel gelassen hat:

Ich melde mich auch, äußere mich angesichts meiner Vergangenheit mit Bienert moderat und ernte Zustimmung:

Bienert MUSS merken, dass sie Mist geredet hat, dass sie in einer Sackgasse steckt. Es wäre der Moment, da man in sich gehen und Einsicht zeigen muss. So sehr kann einem die Scheiße nicht ins Gesicht fliegen, ohne dass man zumindest ahnt, sich vergaloppiert zu haben. Aber es gehört zu den Hässlichkeiten von Social Media, dass Menschen in der Sackgasse sich lieber einbuddeln, statt umzudrehen:

Als wäre das alles nicht Weinsteins Schuld, als würden die körperlichen Gebrechen die Vergewaltigungen aufwiegen, als wäre es Weinstein, der Mitleid verdient hätte.

Der Mangel an Empathie, an weiblicher Solidarität, an simplem Verständnis für das Prinzip Schuld und Sühne macht mich fassungslos.

Und darum muss ich – sehr zu meiner Entgeisterung – den heutigen Depp des Tages an Katja Bienert verleihen, verbunden mit der aufrichtigen Hoffnung, dass sie irgendwann zu der Erkenntnis kommt, was hier komplett schief gelaufen ist…

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dermax
dermax

Ist ja nur ein Eindruck, aber auffällig ists schon, wie bei manchen Menschen der Gesundheitszustand dann steil in Graben geht, wenn strafrechtliche Konsequenzen am Horizont lauern, ist grad bei den ganzen Machern der WM 2006 ähnlich.
Und ja, er mag seine Kinder nicht aufwachsen sehen, das ist zB eines der Dinge, die eben jemanden davor abschrecken sollten, Straftaten zu begehen.

Tante Jay
Tante Jay

Weinstein war schon länger krank. Im Knast ist das halt eskaliert. Das ist nichts ungewöhnliches, der Unterschied zwischen seinem bisherigen Leben und dem Knastleben ist so groß, dass gerade Leute, die vorher sehr reich und berühmt waren, ihn nur selten schaffen.

Die Gesundheitsprobleme sind dann nur der äußerliche Ausdruck.

Dietmar

Zum Thema des Artikels: Sehe ich ganz genau so wie Du, das heißt, ich verstehe nicht, was Bienert da reitet (no pun intended).

Zum Thema Weinstein: Ich denke nicht, dass er ein gutes Beispiel für eine überzogene Metoo-Debatte ist, sondern, dass es hier den Richtigen trifft. Ein gutes Beispiel für überzogenen Feminismus wäre Elevatorgate und Dawkins oder das, was Al Franken passiert ist (was auch den skrupellosen und scheinheiligen politischen Missbrauch einer Bewegung durch die Republikaner zeigt).

Luc
Luc

Nochmal (s.o.): ich hege keinerlei Sympathie für Weinstein. Und es hat wenn man an Karma glaubt, im Ergebnis sicher nicht den Falschen getroffen. Aber der konkrete Weinstein-Prozess ist geradezu ein Musterbeispiel dafür, dass die #metoo-Debatte in den USA außer Kontrolle geraten ist.

Ich habe den Weinstein-Trial inhaltlich eng verfolgt. Die Anklage hatte bei beiden vor Gericht verhandelten Fällen das Problem, dass die mutmaßlichen Opfer in der unmittelbaren Folgezeit nach den mutmaßlichen Übergriffen und teils noch lange Zeit danach zuckersüße bis schwärmerische Nachrichten mit Weinstein austauschten (wann sehen wir uns wieder, ich freue mich auf dich, usw). Auch Zeugenaussagen von Weggefährtinnen malten das Bild von Frauen, die sich bewusst mit Weinstein eingelassen hatten. Ein dritter Fall (Lucia Evans) musste aus der Anklage gleich ganz gestrichen werden, weil Evans zu Protokoll gab, der Oralverkehr sei doch einvernehmlich und nicht erzwungen gewesen, wie sie zuvor gesagt hatte, sie hätte sich davon eine Rolle versprochen. Eine Zeugin wurde von der Polizei bedrängt, widersprüchliche Nachrichten von ihrem Smartphone zu löschen, um der Anklage zu helfen (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/kann-weinstein-noch-verurteilt-werden-15849302.html).

Über die Jahre gab es immer wieder auch Anzeigen (über Belästigungen, nicht Vergewaltigungen) einzelner Frauen gegen Weinstein, die ein Bild von einem groben und plumpen Grabscher zeichnen, der sich ganz so verhält, wie es das Klischee seines äußeren Erscheinungsbildes diktiert. Aber verurteilt wurde er nicht nur, weil er ein sexuell übergriffiger Rüpel ist, sondern wegen Vergewaltigung. Dafür braucht man auch im amerikanischen Rechtssystem einen Vorsatz. Und an der Stelle ist mE offensichtlich, dass nur der massive soziale Druck der #metoo-Bewegung zu einer Verurteilung geführt hat.

Dietmar

Ich habe die Verhandlungen nicht eng verfolgt. Deine Darstellung verändert mein Bild. Danke!

Luc
Luc

Da muss ich um der Diskussion willen doch den advocatus d. spielen, auch wenn ich für Weinstein als Menschen keine Sympathie hege.

Was in der #metoo-Debatte fast vollständig untergeht und was Bienert anspricht – ihre konkrete Formulierung zunächst beiseite gelassen – ist, dass Frauen das System genauso aktiv antreiben wie Männer. So wie es die männlichen Produzenten gibt, die nie auf die Idee kämen, Rollen für sexuelle Gefälligkeiten zu tauschen, so gibt es die Schauspielerinnen, die damit überhaupt kein Problem haben oder es gleich aktiv in den Raum stellen. Und solange wir sagen, dass eine solche Entscheidung das Recht jeder selbstbestimmten Frau ist, solange haben alle aufstrebenden Schauspielerinnen in Hollywood das Problem, damit umgehen zu müssen, dass eine andere vielleicht zu einem solchen Austausch bereit ist.

Die #metoo-Bewegung hat spezifisch für Hollywood (und den medialen Betrieb) dafür gesorgt, dass Frauen zwar nach wie vor ihre sexuelle Macht für ihre Karriere einsetzen können, wenn sie es wollen, Männer aber die ihre riskieren, wenn sie darauf eingehen oder ihre funktionale Machtposition missbrauchen. Die Verhinderung von Machtmissbrauch ist vollumfänglich zu begrüßen. Aber die #metoo-Lösung ist offensichtlich eine Lösung, die die Verantwortung vollständig und in allen Szenarien den Männern aufbürdet, und das ist der mE völlig berechtigte Kern von Bienerts Kritik.

Ihre konkrete Formulierung ("asking for it") ist sicher maximal unglücklich und weckt auch andere Assoziationen (Rock zu kurz? Selber schuld). Aber dass sie DAS nicht gemeint hat, sollte man ihr denke ich zugestehen. Sie wollte den Frauen einfach eine Mitverantwortung für ihr Verhalten geben und störte sich daran, dass das im Weinstein-Trial evident nicht der Fall war.

Dietmar

Du hast die Problematik der Debatte in meinen Augen sehr überzeugend auf den Punkt gebracht: Männer sind schuldig bei Verdacht, was Gestalten wie Anita Sarkeesian und Elevator-Watson ja auch aktiv fordern.

Tante Jay
Tante Jay

Prozess und Verurteilung habe ich auch kein Problem mit – aber ich sehe das wie du, die 23 Jahre waren ein Exempel, das statuiert werden sollte. Nichts weiter.

"Der arme Mann"? Nein, das hat er sich ALLES selbst zuzuschreiben. Alles. Es waren seine Entscheidungen, sein Größenwahn, seine Hybris, die zu seinem Fall geführt haben.

"Asking for it"?? Für den hätte ich Bienert gerne übers Knie gelegt. NIEMAND "asks for it".

Dietmar

Ich habe vor ein paar Wochen die Quarantino … ´tschuldigung … Tarantino-Dokumentation gesehen. Da wurde am Ende dran gehängt, wie Tarantino erklärt, er und eigentlich alle hätten gewusst, was bei Weinstein abgeht, und er habe ein schlechtes Gewissen deshalb.

Ben Poorthuis
Ben Poorthuis

Ich habe eine 33 jährige Tochter. Sie ist mehrere male sexuell missbraucht worden und seit 17 jahre in der Psychiatire. Ich sage nichts mehr dazu.

Martin Däniken
Martin Däniken

Also soweit ich die ersten Berichte erinnere,gab es eine richtige Infrastruktur…
weibliche Mitarbeiter,die Frauen "besorgten"
…Schweige-Vereinbarungen,
Medikamente für Weinstein,damit Klein-Harvey nicht schlapp machte…
Für mich ist der Eindruck entstanden,das sich solche Imperatoren nicht zusicher sein sollen,
das es Richter gibt, die das manipulative jahrzehntelange Machtspiel sehen und ahnden!
The bigger they are…