Vorab: Ich bin sicher, die Asterixperten unter euch kennen das hier schon und ich bin wieder mal „late to the game“, aber ich komme nicht umhin, das Thema trotzdem aufzuarbeiten – weil es mich gleichermaßen fasziniert wie schockiert.

Danke an Dia Westerteicher für die Scans – übrigens ein weiterer Beweis, dass die Digitalisierung alter Medien ALLEN zugute kommt.

Wir kennen die legendären Asterix-Alben von Ehapa. Wer die in seiner Jugend nicht auf dem Klo liegen hatte, konnte keine ordentlichen Parties schmeißen. Die Hälfte des Lateins, das Deutsche meiner Generation heute sprechen, verdanken wir dem viel zu früh verstorbenen René Goscinny. Auch wenn das deutsche Lettering mechanisch und die Übersetzungen mitunter etwas fad waren – Asterix war, ist und bleibt Kult.

Nun hat Asterix (ebenso wie Superman, der in den 50ern hierzulande als Klaus Kent unterwegs war) eine Prä-Ehapa-Vergangenheit. Es gab z.B. „Die goldene Sichel“ nämlich auch schon im Comicheft LUPO zu lesen. 1966 war das. Die Übersetzung ist allerdings… so frei wie fragwürdig.

Es geht um diese Ausgabe:

Asterix trifft Lupo auf dem Cover – historisch nicht korrekt, aber eine hübsche Idee. Das Coloring entspricht ebenfalls nicht dem Original, ist aber auch nicht schlechter:

Da es sich um ein Magazin handelt (es gibt noch andere Beiträge neben Asterix), gibt es natürlich auch ein Editorial von Comic-Legende und Fix & Foxi-Erfinder Rolf Kauka, der sich rückblickend etwas wirre Gedanken zur Benahmung der Jugend macht:

War das wirklich ein Lesestück, das die Jungs & Mädels Mitte der 60er begeistern konnte? Ich möchte es bezweifeln.

Aber dann, DANN geht’s richtig los! Wir bekommen die legendäre Intro-Seite mit der Vorstellung der Asterix-Figuren präsentiert – und wenn euch jetzt nicht der Schädel platzt, dann ist euch nicht mehr zu helfen:

Asterix ist Siggi, Obelix ist Babarras und Miraculix ist Konradin!

Denn wahrlich, ich sage euch, Kauka hat das gesamte Asterix-Universum eindeutschen lassen. Und das meine ich nicht nur sprachlich.

Das kleine gallische Dorf ist nun das germanische Bonnhalla – und der Verweis auf die ehemalige deutsche Hauptstadt wahrlich kein Zufall.

Vom ersten Panel an wird deutlich, dass das Coloring und das (mechanische) Lettering durchaus hohe Qualität haben und die Sprache hier erheblich ruppiger und launiger rüberkommt. Aber es fällt auch sofort eine gewisse Kommisskopp-Mentalität auf. Das Dorfidyll – es ist hier nur die Pause zwischen den Kriegen:

Im Vergleich dazu die Ehapa-Variante:

Was der „echte“ Asterix erst in den Bänden des neuen Jahrtausends auf die Spitze trieb, ist hier von der ersten Seite an Methode – alles ist Referenz, Injoke:

Das ist so falsch – und doch so richtig, wenn man es mit der heute bekannten blassen Übersetzung von Ehapa vergleicht:

Ich war an dieser Stelle gewillt, die Ur-Version als die überlegene und sympathischere Übersetzung zu preisen, auch wenn sie sich arg viele Freiheiten nimmt.

Aber dann stellt sich heraus, dass die Macher die Übertragung der Geschichte in den germanischen Lebensraum wirklich auf allen Ebenen politisch aufgeladen haben. Hier z.B. der Sichelmacher aus dem Ehapa-Original:

Bei Kauka hat das eine deutlich problematischere Referenz:

Für alle, die es nicht wissen – Wernher von Braun hatte im Zweiten Weltkrieg für die Nazis Raketen entwickelt und war dann von den Amerikanern in die USA geholt worden, um beim Bau von Trägerraketen zu helfen. Ein Mann von durchaus fragwürdigem Charakter und einer ebensolchen historischen Bilanz.

Und wo von Braun ist, da sind die Amerikaner Römer nicht weit:

Dünnkirchen – eine der Schicksalsschlachten des Zweiten Weltkriegs. Und die Römer reden hier im Kaugummi-Slang. Man weiß gar nicht, was man denken soll.

Ich sage ja nicht mal, dass es unkomisch ist – es ist nur so… bizarr:

Wir halten also fest: Siggi ist ein stolzer Germane im besetzten Deutschland, das der Obrigkeit der Amerikaner Widerstand leistet. Und die geldgierigen Franzosen?

Sind hier natürlich… ich vermute mal Polen:

Einige andere Leser vermuten, es geht hier um den verschlagenen Juden, was ein neues Level an Empörung auslöst.

Das ist nicht mehr lustig. Das ist revanchistische Scheiße, die aus einem grandiosen franko-belgischen Comic billige Rechtfertigungs-Propaganda macht.

Dass solch eine Übersetzung Mitte der 60er möglich war und nicht als problematisch angesehen wurde, sagt einiges über den Muff von 1000 Jahren. Vor allem, wenn man bedenkt, dass LUPO eindeutig an sehr junge Leser gerichtet war.

Trotzdem gibt es eine leise Stimme in meinem Kopf, die mir zuflüstert, dass es toll gewesen wäre, wenn es MEHR dieser Übersetzungen gegeben hätte. Wie hätten die Macher wohl die gepeinigten Piraten („Schaut nu‘! Die ´ömer! Die ´ömer!“) übersetzt? Hätte man den Cäsaren-Palast in Rom das Weiße Haus genannt? Wie hätte man die Neutralität in „Asterix in der Schweiz“ thematisiert? Wir werden es nie erfahren.

Wollten die Kids der 60er ihre Comics wirklich als Metaphern sehen und Asterix als unbeugsamen germanischen (Über)Lebenswillen gegen die feindlichen US-Besatzer? Brauchte die Zielgruppe dieser Hefte moralischen Aufbau – oder spiegeln sich hier nur die schwärenden Ressentiments der Macher?

Dass LUPO auch ansonsten wenig mit den tatsächlichen Interessen der Zielgruppe am Hut hatte, erkennt man daran, dass es mitten im Heft einen Nachruf auf den gerade verstorbenen Nat King Cole gibt, der als großer Jazz-Sänger gefeiert wird von einem Redakteur, dem das Thema offensichtlich am Herzen lag. Ob sich irgendwelche zehnjährigen Steppke anno 1966 dafür interessiert haben? Ich bezweifle es. Aber diesen Absatz möchte ich euch nicht vorenthalten:

Nicht ganz durchgestiegen bin ich durch die vagen politischen Andeutungen angesichts einer Schlagerreise von Peter Kraus in die Ostzone:

Was genau soll der letzte Satz bedeuten? Nun gut, wenigstens weiß ich jetzt, dass es durchaus auch in den 60ern schon deutsch-deutschen Musikaustausch gab. Peter Kraus ist demnach „the original Udo Lindenberg“.

Ich bin am Ende – und weiß irgendwie nicht, wie ich zum Ende kommen soll. Die Lektüre des „Siggi“-Abenteuers hat mich ratlos zurück gelassen. Einerseits ist das Coloring schön und die Übersetzung ist deutlich lebendiger als die Ehapa-Version. Ich habe mich auch köstlich amüsiert. Aber politisch ist das unterste Schublade und verbrämt die deutsche Nachkriegsexistenz zu einer unglücklichen Verirrung der Weltgeschichte, als hätten die gemeinen Amerikaner die armen Deutschen von ihrem Schicksalsauftrag abgehalten.

Vielleicht wird auch andersrum ein Schuh draus – vielleicht ist das hier gar nicht das Ende. Angesichts der Tatsache, dass noch in den späten 70ern deutsche Superheldencomics „entjudet“ wurden, gibt es viel aufzuarbeiten:

Wie seht ihr das? Ist das empörend oder nur eine belanglose Fußnote, hat das System oder entspringt es einer Stammtischmentalität alkoholisierter Altredakteure?



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Comicfreak
Comicfreak

Ich empfinde es als extrem gruselig. Solche Sachen erfinden und etablieren ihre eigene Realität.
Das gehört unbedingt besser aufgerollt

Der_Hanseat
Der_Hanseat

Auf welchen „Schuldkomplex“ der einleitende Text zu Obelix, tschulligung Barrabas, wohl anspielt?

Marcus
Marcus

Die anitsemitische Karikatur, die Kauka aus diesem Ladenbesitzer gemacht hat, in Verbindung mit der Lesart, die „Germanen“ Siggi und Barrabas stünden für das toitsche Volk, lassen da Raum für die eine oder andere außerordentlich unschöne Vermutung…

Steuerhorstix
Steuerhorstix

Ja, die antisemitische Karikatur stellt sicherlich keinen normalen Polen dar (Deutsch mit polnischem Akzent klingt anders); vielmehr findet hier eine Anspielung auf die jiddische Sprache statt, d.h. der Ladenbesitzer verkörpert einen „Ostjuden“, wie es in der Nazizeit hieß (vielleicht auch vorher schon), von denen es in Osteuropa (auch in Polen) viele gab. Zwei Jahrzehnte nach deren millionenfacher Ermordung war das aus meiner Sicht noch eine ganze Ecke geschmackloser, als es das wäre, wenn der Comic heute in dieser Form erscheinen würde. Nicht, dass der Massenmord aus heutiger Sicht weniger schlimm wäre, aber heute wird kaum jemand die Anspielung auf den Ostjuden verstehen, während damals wohl jedem Erwachsenen, der den Comic in die Hand bekam, die Anspielung klar gewesen sein dürfte.

Dietmar

Vielleicht der Dialekt bei etwa 2.05? https://www.youtube.com/watch?v=C_D4MTpkf-E

Poldi
Poldi

Wieso schockiert? Es ist ein fantastisches Zeitdokument. Würde sowas heute veröffentlicht werden, wäre das Geschrei groß, aber damals hat sich niemand drüber aufgeregt. Entnazifizierung bei einem ganzen Volk funktioniert nicht über Nacht sondern über Generationen. Siggi und Barbarras sind ein Paradebeispiel einer solchen Zwischenstufe.
Fun Fact am Rande – Wegen Kauka ließ sich Goscinny anschließend Übersetzungen rückübersetzen, um sie darauf zu überprüfen, nahe am Original zu bleiben

Marcus
Marcus

“ ich bin wieder mal „late to the game“, “

Very late to the game, indeed. *Hipster-Hornbrille zurechtrück* 🙂

Schon lange bekannt und auch schon oft aufgearbeitet. Aber dennoch sehr interessanter Beitrag auch für mich, denn bisher hatte ich von der Kauka-Version zwar gehört, sie aber nie mit eigenen Augen gesehen.

Es gab übrigens, wenn ich mich recht entsinne, noch eine weitere nicht-werkgetreue Asterix-Übersetzung (ich glaube sogar auch aus dem Hause Kauka), wo die beiden Helden „Fritze Blitz und Dunnerkiel“ hießen. Bei der sollen aber die plumpen deutschen Polit-Referenzen nicht vorgekommen sein.

Und wie du richtig sagst – das Problem ist nicht die freie Übersetzung (siehe auch Erika Fuchs), das Problem ist die Vereinnahmung für fragwürdige politische Aussagen. Deshalb wurden, soweit ich weiß, Kauka auch die Rechte weggenommen, nachdem Goscinny und Uderzo erfahren haben, was hier aus ihrem Werk gemacht wurde. Seitdem ließen sie angeblich jede Asterix-Übersetzung von eigenen fremdsprachenkundigen Leuten gegenchecken, bevor sie veröffentlicht werden durfte.

Heino
Heino

In der Tat, die eher rechte Gesinnnung von Kauka ist schon lange bekannt und wurde auch oft thematisiert. Das ist wie mit Hergè, dessen erste Tim &Struppi-Bände strotzen ja auch vor Rassismus, das wurde aber auch erst viel später beachtet und wirklich aufgearbeitet ist es meines Wissens ebenfalls bis heute nicht.

Imiak
Imiak

Ich habe mich nie näher damit beschäftigt, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass ein derart bekannter Comic wie Tintin nicht von vorne bis hinten literaturwissenschaftlich durchleuchtet worden ist – inklusive Hergés politischer Motive. Da wäre dann eher die Frage was man unter „aufgearbeitet“ versteht.

Nebenbei bemerkt ist meiner Erinnerung nach der einzige tatsächlich von vorne bis hinten als „rassistisch“ zu bezeichnende Band „Tim im Kongo“ – und der ist 1931 erstmals erschienen als kolonialistische Attitüden leider noch dem Mainstream entsprachen, von daher ist es wenig überraschend, dass das erst wesentlich später beachtet worden ist.
Bei allen anderen Bänden ist das mit dem Rassismus weniger eindeutig der Fall. „Tim im Lande der Sowjets“ (1929/30 erschienen) ist beispielsweise vollkommen krude anti-sowjetische Politpropaganda, aber nicht per se rassistisch.

@Marcus
„Fritze Blitz und Dunnerkiel“ war keine Asterix-Übersetzung, sondern eine nach dem Verlust von den Asterix-Rechten von Kauka in Auftrag gegebene eigene Comic-Reihe mit deutlichen Anleihen bei Asterix (http://www.spiegel.de/einestages/deutsche-comics-a-946621.html) – die sehen auch dann doch etwas anders aus, wenngleich gewisse Attribute durchaus erkennbar sind: http://www.kaukapedia.com/index.php?title=Datei:Tip_Top_1967-79.jpg

Heino
Heino

Ich gestehe, dass ich mich mit Tim und Struppi nicht so gut auskenne, daher bezog ich mich speziell auf „Tim im Kongo“. Mir war auch klar, warum das so rassistisch ist, aber das ändert ja nichts an seiner heutigen Wirkung

Imiak
Imiak

An der Wirkung ändert das natürlich nichts, nur finde ich, dass das bei Hergé durchaus aufgearbeitet worden ist. Anderswo halt nur mal wieder mehr als hier.
Es gibt ein Interview mit dem deutschen Lizenznehmer, der die Sachlage in Deutschland, was den Band angeht darstellt:
https://www.neues-deutschland.de/artikel/811697.wir-setzen-auf-den-muendigen-leser.html

Heino
Heino

Da hast du bestimmt recht, ich habe das nur nicht verfolgt. Und es war ja auch nur als Beispiel dafür, dass solche Sachen auch anderswo vorkamen , gedacht

Sigur Ros
Sigur Ros

Ein gern übersehener fragwürdiger Tim und Struppi-Band ist auch „Tim im Lande der Sowjets“, ein weniger rassistisch als propagandistisch gefärbter Band, der an den Sowjets kaum ein gutes Harr ließ und wohl auch deshalb nie offzieller Teil der Reihe war: https://de.wikipedia.org/wiki/Tim_im_Lande_der_Sowjets#Hintergrund
Ich war ohnehin nie großer T&S-Fan, wenn auch weniger wegen der fragwürdigen Weltsicht Hergés als weil ich mich schon immer gefragt habe, welche Zielgruppe er damit eigentlich ansprechen wollte – einerseits war der slapstickhafte Humor sehr kindgerecht, andererseits war die teilweise arg brutale Action, bei der ständig geschossen und gestorben wird, eindeutig nichts für Kinder.

Imiak
Imiak

„Brutale Action“? Bei „Tim und Struppi“? Mir ist bewusst, dass so was Ansichtssache ist, aber unter „brutaler“ Action verstehe ich ehrlich gesagt etwas anderes als das was da gezeigt wird.
Und „ständig gestorben“? Es sterben in der ganzen Reihe nur in einigen wenigen Fällen überhaupt Figuren – noch nicht einmal Antagonisten (davon fallen mir fünf spontan ein – in drei Bänden). Und kein einziger dieser Tode ist explizit dargestellt.

Man kann ja darüber diskutieren, ob „Tim und Struppi“ für Kinder geeignet ist. Aber sicher nicht wegen expliziter Darstellungen von Gewalt.

Imiak
Imiak

Wieder nur „Tim im Kongo“? Okay, wenn man nur den kennt, dann funktioniert die Aussage vielleicht.

Wie gesagt, sonst wird da nicht „ständig geschossen und gestorben“. Das entspricht nicht dem was ich gelesen habe.

Martin Däniken
Martin Däniken

Jetzt weiss ich auch woher einige Leute ihre Art her haben „Pseudo- Englisch mit Deutsch“ zumischen!
Ich bin jetzt über 50 und habe mich immer gewundert über die komische Sprachverquickung,die bei mir immer dämlich rüber kam und nicht komisch.
Dieses heimliche Kamickbuck-Lesen hatte gewisse Auswirkungen auf die Sprachentwicklung.
Ok es gab auch deutsche/österreischische „Komödien wo geradebrecht (schönes altes Wörd) wurde…
Man kann sich überlegen inwieweit das die Deutschen beeinflusst hat hochwertige deutsche Synchros anzufertigen,weil die Verleiher in Deutschland wussten das die Zuschauer englisch als „minderwertig“ wahrnehmen würden…
Nur so eine Vermutung?!
Inwieweit das noch heute nur deutschsprechende Filme-Guckende Beeinflusst hat-keine Ahnung!
Für mich steht fest das diese Gruppe so sie kein Englisch hatten(kann ich nach vollziehen) deutsche Filmversionen vorziehen.
Aber es gibt die andere Gruppe,die Englisch kann und die deutschen Stimmen vorziehen-sagen sie…
Es ist eine Überlegung wert in wieweit Englisch in den Medien mehr oder weniger unterschwellig schlecht gemacht in doppelter Hinsicht….

Heino
Heino

Hier mal ein paar Links zu Artikeln, die sich schon vor geraumer Zeit mit Kauka und seiner Gesinnung beschäftigt haben:

http://www.spiegel.de/spiegel/dokument/d-68105089.html
http://eberhard-eimer.blogspot.com/2008/09/sapperlot-wie-man-da-so-manchmal-vom.html
https://jungle.world/artikel/2011/46/andi-mandi-maus-und-mucki

Man sieht, es wird schon recht lange über diese Problematik geredet. Ob das komplett aufgearbeitet wurde, darf bezweifelt werden, aber immerhin wird es nicht totgeschwiegen.

Ich würde auch nicht sagen, dass da System hinter steckt. Ich habe in den 70ern und 80ern auch alles an Comics gelesen, was hier erschienen ist und kann mich an keinen anderen Fall erinnern, der das so offen zur Schau gestellt hätte. Mir scheint das ein Einzelfall zu sein.

Matts
Matts

Mann, Mann! Was ich hier im Blog in letzter Zeit so alles lernen muss: Erst das mit der Cinema, und jetzt das kleine gallische Dorf! Obwohl ich mich auch als großen Asterix-Fan outen würden, hab ich das auch noch nicht gewusst. War halt doch vor meiner Zeit…

Ich finde das auch wirklich nicht ok. Das geht über missglückte Eindeutschung schon deutlich hinaus. Oder war das vielleicht sarkastisch gemeint? Wenn der Autor, wie manche sagen, im rechten Spektrum angesiedelt war, wohl eher nicht…

Was den N*ger betrifft: Ich denke, das war damals noch allgemeiner Sprachgebrauch. In Bayern, definitiv ; )

Andy Simon
Andy Simon

Ich sehe das inzwischen deutlich milder als noch vor ein paar Jahren. Ein Lieblingsbeispiel ist das Nachretuschieren von Hergés „Der geheimnisvolle Stern“ (Tim & Struppi), entstanden während der dt. Besetzung Belgiens und entsprechend gefallsüchtig skizziert, insbes. Financier Blumenstein (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_geheimnisvolle_Stern#Hintergrund ); das wurde dann bei der Neuübersetzung ins Deutsche weißgewaschen, damit keine antisemit. Klischees perpetuiert werden. Läuft bei mir aber auf einer Ebene wie die dt. Erstfassungen von „Casablanca“ und „Berüchtigt“.

MinkyMietze
MinkyMietze

Ich sehe da schon einen großen Unterschied: Bei Hergé wurde ein antisemitisches Klischee „bereinigt“, während im Fall der beiden Filme im Nachfolgestaat des NS-Regimes genau dieses als Gegner entfernt wurde. Das ist nicht nur politisch untragbar sondern enstellt die Absicht der beteiligten Künstler.

Sigur Ros
Sigur Ros

Zwar für alle, die sich mit Asterix einigermaßen auskennen, in der Tat ein alter Hut, aber trotzdem danke, dass du dieses kuriose Kapitel deutscher Comic-Geschichte hier noch einmal aufbereitet hast. Wobei „Die Goldene Sichel“ ja da noch ein harmloses Beispiel ist – viel krasser war ja die Kaukasche „Übersetzung“ von „Asterix und die Goten“, die aus dem Band eine allzu offensichtliche Allegorie auf die innerdeutsche Teilung machte und die Ostgoten als Ossis darstellte, die nicht nur sächsischen Dialekt sprachen und sich mit „Genosse“ anredeten, sonder zu allem Überfluss auch noch rote Buschstaben in den Sprechblasen hatten. Dies brachte dann auch das Fass zum Überlaufen, und der Vertrag zwischen Dargaud und Kauka wurde gekündigt. Sicherlich nicht zuletzt deswegen waren Goscinny und Uderzo später dafür bekannt, auf möglichst korrekte Übersetzung der Asterix-Bände zu achten und sich jede ausländische Übersetzung zurückübersetzen zu lassen.
Ach ja, und in „Bonnhalla“ steckt nicht nur „Bonn“ drinn, sondern auch Wallhalla.

Andy Simon
Andy Simon

So komisch das klingt, aber in dem Fall kann ich es sogar verstehen. Wenn man sich die „Reise-Asterixe“ anschaut (z.B. auf Korsika, bei den Belgiern, bei den Briten, bei den Schweizern etc.), dann sind die dort vorgestellten Völker immer mit einem Augenzwinkern und sympathisch dargestellt. Die einzige Ausnahme ist „…bei den Goten“; dieser Band ist auf das geteilte Deutschland geschrieben, und weder Ost- noch Westgoten haben sympathische Eigenschaften. So sehr ich insbes. Goscinny schätze, diesen Band empfand ich immer als Tiefschlag gegen die Deutschen, erklärbar nur aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts (auf eine Asterix-Vichy-Story warte ich übrigens noch). Von daher konnte ich der Kauka-Variante da etwas abgewinnen, und sei es nur ein Grinsen.

Sigur Ros
Sigur Ros

„Asterix und die Goten“ war für Goscinny/Uderzo in der Tat durchaus das, was „Tim in Kongo“ für Hergé war. Ähnlich wie Hergé haben sich auch Goscinny/Uderzo spätern für die Darstellung der Goten geschämt und es als Jungendsünde angesehen. Wobei in dem Fall aber (im Gegensatz zu dem Rassismus und Kolonialismus in „Tim in Kongo“) die Motivation dafür in der Tat halbwegs nachvollziehbar war, denn der Band entstand im Nachkriegs-Frankreich, das von den Folgen des 2. Weltkriegs noch sehr gebeutelt war, weshalb verständlich ist, dass das Bild der Deutschen damals nicht gut war. Ob man das negative Bild der Deutschen derart befeuern musste, kann man natürlich trotzdem diskutieren.

Johann

Hi Torsten – falls du Interesse an fundierter Lektüre zum gesamten Thema hast, kann ich nur folgendes Werk empfehlen >
‚Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics‘
Verlag Archiv der Jugendkulturen, Berlin, 2011, 450 Seiten, Format A4

Dort wurden zusätzlich zu den unsäglichen Kauka-Adaptionen auch noch andere Beispiele analysiert und wissenschaftlich aufgearbeitet.
Ausserdem enthalten, weiterführende Bestandsaufnahmen zu Comics gegen Rechts uvm.

Wortvogel
Wortvogel

Danke für den Tipp – werde ich mir besorgen.