Ihr werdet es vermutlich schon gehört haben: „Guardians of the Galaxy“-Regisseur James Gunn wurde von Disney gefeuert. Rechtskonservative Medien haben einen Haufen alter Tweets ausgebuddelt, die Gunn nicht gut aussehen lassen und von denen er sich längst distanziert hat. Retten konnte ihn das nicht – „Guardians of the Galaxy 3“ wird ohne ihn stattfinden.

So, wie es sich mir darstellt, gibt es zwei Fraktionen: Die Konservativen spielen empört und verlangen Gunns Kopf, weil „so einer“ keine familienfreundlichen Filme für Disney machen darf. Sie stellen Gunn in eine Reihe mit Kevin Spacey und Victor Salva. Die Liberalen hingegen berufen sich darauf, dass man Gunn nicht für zehn Jahre alte dumme Witze hängen dürfe – jeder habe das Recht, Fehler der Jugend im Alter nicht mehr vorgeworfen zu bekommen. Schließlich war einer von Ace of Base ein Neo-Nazi und Sascha Hehn hat früher Softsexfilme gedreht.

Wo ich stehe? In der Mitte, wie oft.  Ich bin überrascht, dass ich mit meiner Meinung zum Thema relativ allein bin – und deshalb möchte ich sie etwas genauer erklären.

Meine Bauchreaktion auf den Skandal war eher liberal – gerade bei Leuten, die in Sozialen Netzwerken sehr aktiv sind, kann man über die Jahre immer was finden, was sich prima gegen sie verwenden lässt, auch wenn man es dafür krass aus dem Kontext reißen und arglistig interpretieren muss. Ich bin sicher, dass ein paar für sich genommene Sätze aus diesem Blog schon reichen würden, um meine geplante Kanzler-Kandidatur oder die ausstehende Nominierung für den Friedensnobelpreis zu torpedieren. Es liegt in der Natur der Sache – und im Gegensatz zum kollektiven Gedächtnis der Menschen hat das Internet leider kein Verfallsdatum.

Hinzu kommt die Person James Gunn selbst – der Mann kommt von Troma, hat früher sehr rüde Sachen gedreht und war bekannt für scharfe, nicht immer geschmackssichere Sprüche. Wer so sehr in die Mediasphäre ballert, der schießt auch gerne mal daneben. Die USA haben aktuell einen Präsidenten, dessen gesamte Außenwirkung aus Fehlzündungen und Kollateralschäden besteht.

Und schließlich: Es kann doch nicht angehen, dass wir verdiente und geachtete Prominente ans Messer liefern, nur weil ein paar rechtskonservative Schreihälse mit Mistgabeln und Fackeln durch Hollywood ziehen. Gunn ist einer von uns, der wird nicht einfach am nächsten Galgen aufgeknüpft. Aber typisch „corporate politics“ – da hat die Maus den Schwanz eingezogen, um den Profit nicht zu gefährden.

Und dann habe ich angefangen, über die Sache genauer nachzudenken. Und mir wurde klar, dass es nicht so angenehm einfach ist.

Fangen wir mit der Behauptung an, es ginge hier um 10 Jahre alte „Witze“. Spannenderweise zitieren einige Leute auch in meinem Facebook-Strang zum Thema zur Verteidigung  von Gunn nur die harmloseren Sachen, die sich tatsächlich noch irgendwie als Humor erkennen lassen. Aber es lässt sich schlecht bestreiten, dass Gunn oft genug weder auf eine Pointe noch auf eine Reaktion aus war – es beschleicht mich eher das Gefühl, dass hier jemand gewisse (illegale und geächtete) sexuelle Neigungen relativieren und verharmlosen möchte:

Nennt mich Spießer, aber mir sind Leute suspekt, die auffällig gerne über Pädophilie und Kindesmissbrauch phantasieren. Da kann ich „Super“ und „Guardians of the Galaxy“ noch so toll finden. Und wenn ich unterstelle, dass es hier weniger um Humor oder Schockwert als um persönliche Präferenzen geht, dann entwertet das auch Gunns Erklärungen, er sei gereift und sein Humor habe sich weiterentwickelt. In meinen Augen wird damit die Implikation seiner Tweets komplett ausgeblendet.

Dann ist da die Frage der Parteilichkeit: Die ganzen Leute, die Gunn auf Facebook lautstark verteidigen – würden die sich auch so vehement empören, wenn vergleichbare Tweets von Sean Hannity oder James Woods aufgetaucht wären, also von bekannten rechtskonservativen Größen der Medienbranche? Wohl kaum. Es überrascht und enttäuscht mich immer wieder, wie sehr moralische Maßstäbe abhängig sind von der Frage, gegen wen sie sich richten. Die Person ist einer von uns? Hexenjagd! Die Person ist einer von denen? Gerechtigkeit!

Ich mag Genre-Kritikerlegende Tim Lucas, aber sein Kommentar zur Sache ist für mich der Kern des Problems:

„This story is about „conservative representatives“ digging up old dirt that he tweeted years ago, before he was placed in this position“

Als ob die liberalen Medien nicht EXAKT die gleiche Nummer durchziehen würden (siehe Trump und die Ausgrabung der „grab her by the pussy“-Aufnahmen). Und wenn man argumentiert, dass Gunn damals nicht „in dieser Position“ war (was in meinen Augen ein totales Non-Argument ist), dann müsste man auch Trump einen Freifahrtschein ausstellen.

Wir leben in einem Klima, in dem es keine Warnschüsse mehr gibt, keine Hinterzimmer-Verhandlungen, keine Diplomatie – shoot to kill. Kimme, Korn, Schuss. Und das machen eben ALLE Seiten. Niemand ist mehr unschuldig und wenn wir „die“ für vogelfrei erklären, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie „uns“ für vogelfrei erklären. Diese Atmosphäre des totalen ideologischen Krieges haben beide Seiten geschaffen.

Wer Gunn sagt, kommt um Barr nicht herum. Roseanne Barr war – wie Gunn – super erfolgreich. Und Disney wusste, wo sie politisch steht. Es gibt von ihr Tweets, die nicht weniger widerlich sind als die von Gunn, und die nicht weniger als „lustig gemeint“ verbrämt wurden. Und wie Gunn wurde sie von Disney abgesägt, als die öffentliche Stimmung umschlug. Der einzige Unterschied: Barr hatte sich aktuell geäußert, nicht vor zehn Jahren. Für mich ist das völlig irrelevant. Sie hat ebenfalls darauf gepocht, dass ihre Äußerungen so nicht gemeint waren, dass es spät nachts war und sie schwere Beruhigungsmittel geschluckt hatte.

Hat irgendwer von denen, die in meiner Facebook-Timeline nun für Gunn in die Bresche springen, Roseanne Barr mit dem gleichen Maß gemessen? Fehler passieren, ist doch nur menschlich, muss man nicht überreagieren? Natürlich nicht. Die ist ja keine „von uns“, die mag ja Trump. Off with ´er head!

Ich glaube, der für mich verlogenste Aspekt ist die Empörung, viele (auch rechte!) Leute würden Sachen wie Gunn twittern und dafür nicht den Job verlieren. Abgesehen davon, dass man von mir KEINE launigen Sprüche zu Kindesmissbrauch und Vergewaltigung findet, habe ich schon oft genug hier den Standpunkt vertreten, dass das nicht relevant sein DARF. Wenn WIR die Besseren sein wollen, den höheren moralischen Maßstab reklamieren – ja, dann MÜSSEN wir auch hinnehmen, dass unsere Helden einen schmaleren Grat wandern. Wenn die Konservativen kein Problem haben, moralische Abgründe in den eigenen Reihen zu ignorieren, dann sollten wir nicht auf „gleiches Recht für alle“ pochen. Dann sollten wir besser SEIN, statt es immer nur zu BEHAUPTEN.

Auch wenn jemand wie Gunn im alt-right-Lager vielleicht nicht gefeuert worden wäre, so sollten seine Äußerungen in meinen Augen auf jeden Fall Konsequenzen haben in Kreisen, die nicht ganz so abgestumpft sind. Seit wann sind Kindesmissbrauch und Vergewaltigung probate Themen für launige Sprüche?!

Natürlich ist das eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Ich bin nicht sicher, ob die Entlassung von Gunn bei Disney angemessen ist. Ich war auch schon nicht sicher, ob Barrs unrühmliches Ende nicht überzogen war. Let the punishment fit the crime – aber doofe Tweets taugen in hysterischen Welt, in der wir leben, mittlerweile zum Todesurteil. Das KANN nicht richtig sein. Diese medialen Pranger müssen wieder abgebaut werden – und die Millionen kleiner Richter, die froh sein können, dass sich nur niemand genug um sie schert, um unter ihren eigenen Teppich zu schauen, sollten endlich die Fresse halten. Die Kollateralschäden sind zu hoch: für jeden Spacey, den wir abschießen, muss ein Al Franken seinen Hut nehmen. Für jeden Dieter Wedel opfern wir auch einen Jörg Kachelmann.

Aber wenn wir Verstand und Augenmaß für die Promis verlangen, die uns am Herzen liegen – dann müssen wir es auch für die tun, die wir scheiße finden. Wer sich empört, dass Rose McGowan angesichts der #metoo-Debatte Morddrohungen bekommt, darf „Vergast Helene Fischer!“ nicht liken. Und es ist genau diese Differenzierung, die mich ankotzt – diese Verlogenheit in der Bewertung, die sich bei Gunn sehr deutlich zeigt.

Zusammenfassend: Ich finde Gunns Tweets unsäglich und weder durch Jugend (der Mann war damals 40!) noch durch Humor entschuldbar. Hätte man ihm dafür die Karriere kappen müssen? Vielleicht nicht. Vielleicht müsste es auch in der öffentlichen Meinung Dinge wie Bewährung geben, wie Geldstrafen oder Sozialdienst. Aber wir alle haben diese Atmosphäre geschaffen, in der Zwischentöne oder Graustufen keinen Platz mehr haben. Und damit haben auch wir, die wir Gunn mögen, ihn im Grunde genommen zu Fall gebracht.

Wir sind der Mob.



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DietmarsergejWortvogelGoranPremium-Kommentator Recent comment authors
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Gerrit
Gerrit

Just diese Ausgewogenheit sorgt dafür, dass ich deine Kanzlerkandidatur unterstützen würde. Und mit der zunehmenden Verdummung der Menschheit wirst du irgendwann drüber stolpern, dass du im bildblog auftauchtest und in Sippenhaft genommen, wenn dort mal einer der Autoren sich vergaloppiert.
Zum Fall selbst: PG könnte Leuten wie Trump ein Vorbild sein. Einsicht, Relativierung, sich neue Freunde suchen. RB war mit ihrem Verhalten lächerlicher…

Peroy
Peroy

„Just diese Ausgewogenheit sorgt dafür, dass ich deine Kanzlerkandidatur unterstützen würde.“

Wenn der kandidiert, knall‘ ich ihn ab… :/

Dietmar

Aufruf zur Gewalt und Ankündigung einer Gewalttat: Damit bist Du disqualifiziert für alles und Du wirst nie Präsident der USA!

Tantejay
Tantejay

„es beschleicht mich eher das Gefühl, dass hier jemand gewisse (illegale und geächtete) sexuelle Neigungen relativieren und verharmlosen möchte:“

Bingo. Genau das.

Organisationen wie NAMBLA oder in Deutschland die „Krumme 13“ wollen Pädophilie legalisieren. Sie sehen Kinder als „sexuell gleichberechtigt“ an und wollen das Recht, sexuelle Beziehungen mit Kindern zu haben.

Sie verstehen sich als Lobbyorganisationen, die die öffentliche Meinung drehen wollen. Babysteps. Und genau wie wir bei Neo-Nazis NICHT aufgepasst haben, müssen wir hier genau hingucken.

Gunns letzter Tweet ist es, der das gesamte Narrativ dreht. Damit hat er sich als Pädophiler geoutet, hat das Wasser getestet, um zu gucken, ob er schon schwimmen kann. Für ein paar Jahre gings ja auch gut, aber „rechtskonservativ“ hin oder her, ob die Leute Trump verteidigen wollten oder nicht:

Was Gunn da gepostet hat, wäre wohl schon bei Troma nicht so das Gelbe vom Ei gewesen. Bei einem Familienkonzern wie Disney gibts keine Erklärungen, nichts mehr, nur noch die Beendigung des Vertrags.

Gunn wird völlig zu Recht gerade fertiggemacht. Er hat versucht, durch die Hintertür, Pädophilie zu legalisieren.

Und bevor DAS wieder kommt: Natürlich darf man sich die Filme von Gunn, Polanski und Co. noch angucken. Da waren ja noch mehr mit beteiligt als nur die Verbrecher.

Marcus
Marcus

Aus einer Handvoll Tweets, die über einen Zeitraum von einigen Jahren verfasst wurden, nicht nur bei einem dir völlig Fremden Pädophilie ferndiagnostizieren können, sondern in dieser Handvoll Tweet auch gleich noch eine handfeste pro-Pädo-Lobbyarbeit erkennen, UND ihn dann noch im letzten Abschnitt einen Verbrecher nennen, obwohl du, selbst wenn diese Neigung da sein sollte, keinerlei Beweise für kriminelles Verhalten hast…

…merkste selber, oder?

invincible warrior
invincible warrior

Dir ist aber schon bewusst, dass Pädophilie, ganz im Gegensatz zu Neo-Nationalismus, eine anerkannte psychische Sexualstörung ist unter der Menschen leiden, oder? Nicht jeder Pädo wird zum Täter, allerdings wird jeder Pädophiler, der sich offiziell outet zu einer Persona non grata – deswegen ist es auch schwer, dafür Hilfe zu finden, falls man betroffen ist. Aus diesem Grund gehen die meisten Betroffenen halt damit um wie sie mit allem umgehen, im Fall Gunn vielleicht mit derben Humor. Daraus aber zu schließen, dass Gunn ernsthaft gut findet, Kindern etwas anzutun oder gar selbst schon zum Täter geworden ist…

jimmy1138
jimmy1138

Gefühlsmäßig kam die sog. „outrage culture“ – berüchtigtestes Beispiel Justine Sacco – zuerst von der US-Linken. Die echten Rechtskonservativen in den USA waren da mMn entweder in Sachen Internet nicht versiert genug oder fanden das schlicht zu blöd, bei dem Spiel mitzumachen, daß man jemanden drankriegt, indem man über dessen Arbeitgeber oder Werbekunden geht.
Soweit ich das gesehen habe, waren im Fall Gunn das eher Hardcore Trump-Anhänger, Verschwörungstheoretiker aus dem Alex-Jones-Dunstkreis, die keine Scham haben, Jahre alten Schmutz auszugraben, um irgendjemandes Karriere im anderen Lager zu zerstören. Angesichts dessen, aus welcher Ecke das kam, war ich auch überrascht, daß Disney da die Notbremse gezogen und nicht versucht hat, das auszusitzen. Denn damit tut man diesen Leuten einen Riesengefallen – und bei Gunn wird’s wohl nicht bleiben.
Was mich da überhaupt wundert: Man ist kreatives Hirn einer höchsterfolgreichen MCU-Franchise, damit hauptverantwortlich für Filme, die grob gesagt 200 Mio$ kosten und weltweit 600 Mio $ einspielen und dann matcht man sich auf sozialen Medien mit irgendwelchen Trump-Desperados, von denen bekannt ist, daß sie gerne in der Twitterhistorie ihrer Kontrahenten nach Dreck suchen. Haben solche Leute keine Publizisten, Social-Media-Berater,…? Welchen Nutzen hat es, alte Tweets zu behalten und nicht regelmäßig zu löschen oder sich per Twitter mit irgendwelchen Nobodys zu streiten? Da fehlt mir irgendwie die Cleverness…

Goran
Goran

Das passiert derzeit doch überall.

Man gucke sich nur die Editoren und Autoren von z.B. Marvel Comics an, die sich mit ein paar konservativen Youtubern Schlammschlachte liefern, die an Peinlichkeit nicht zu überbieten sind, wobei das Schlimmste ist, dass die offensichtlich nicht eine höhere Bildung genießenden YTer hier teilweise sogar besser rauskommen, als die Profis, da man anstatt die Argumente der YTer anzugreifen, deren Person in den Dreck zu ziehen versucht.

Oder Hollywood und die unsäglichen Debatten über Ghostbuster (2016), Last Jedi, etc., in denen die Totschlagargumente Frauenfeindlichkeit und Rassismus sofort jeder kritischen Meinung entgegengeschleudert wurden.

Warum da nirgendwo ein PR Büro einschreitet, ist mir ein Rätsel, aber ich verstehe auch nicht, warum man Beteiligten an Multimillionendollarprojekten, besonders den Schauspielern, keine psychologische Betreuung zur Seite stellt.
Jeder, der sich öffentlich bewegt, hat doch schon mal Formen der Gewaltandrohung erhalten.

Dirk
Dirk

Als jemand der schon Scheiß- und geschmacklose Witze gemacht hat, zum Glück nicht im Internet, habe ich da glaub ich mehr Mitleid mit Gunn. Nicht weil er einer von uns ist, sondern weil es sehr lange her ist und er sich dafür schon mal gerechtfertigt und entschuldigt hat. Ich denke, wir alle haben in der Vergangenheit Fehler gemacht haben und wenn man sich von seinen Fehlern schon distanziert hat, dann sollten sie einem nicht nochmal um die Ohren fliegen.
Auch denke ich nicht, dass da mehr dahinter steckt, als Provokation. Warum? Weil ich im Grunde immernoch glaube, dass jemand unschuldig ist, bis das Gegenteil bewiesen ist. Davon sind wir hier weit entfernt, niemand ist an die Öffentlichkeit gekommen um Anschuldigungen zu erheben.
Ich fand auch die Reaktion auf Rosanne überzogen. Aber immerhin waren es Kommentare die sie jetzt gerade gemacht hat. Nicht jeder Kommentar, ob öffentlich, on- oder offline, muß immer Konsequenzen nach sich ziehen. Auch der von Roseanne hätte nicht gleich zum Rauswurf führen müssen. Andererseits hat sie jemanden direkt und persönlich beleidigt.
Ich stimme dir zu, dass nicht mit zweierlei Maß gemessen werden sollte und die mediale Empörung wieder in verhältnismäßige Grenzen geleitet werden sollte. Aber damit komme ich nicht zu dem Schluß, dass Gunn auch unters Messer gehört, sondern eher, dass nicht jeder uralte Scheiß relevant ist.

heino
heino

Schwierige Frage. Natürlich ist Disney völlig zurecht konsequent gewesen, denn diese Tweets lassen sich nicht aus der Welt schaffen und werfen zumindest ein sehr fragwürdiges Licht auf James Gunn und damit auch seinen Arbeitgeber. Andererseits hat er sich schon vor langer Zeit dafür entschuldigt und im Zweifel sollte man ja für den Angeklagten sein. Dazu kommt, dass Gunn bisher meines Wissens nicht durch irgendwelche Aktionen aufgefallen oder von jemandem solcher Dinge beschuldigt wurde und dass er früher definitiv einen sehr rüden Humor gepflegt hat. Daher wäre ich hier für die salomonische Lösung:abmahnen und Falle einer Wiederholung abstrafen, wie es ja sonst auch in der Arbeitswelt üblich ist.

Was die generelle Diskussionkultur und den virtuellen Pranger angeht, bin ich absolut deiner Meinung. Dieses Vorgehen hat inzwischen mindestens soviel Schaden wie Nutzen angerichtet, das gehört definitiv beendet.

Und ich war nie der Ansicht, dass ich einer der „Guten“ wäre, da man sich damit automatisch moralisch über alle mit einer anderen Meinung (die ja nicht zwangsläufig beleidigend oder falsch sein muss) erhebt. Das ist für mich nichts anderes als gelebte Arroganz.

AlphaOrange
AlphaOrange

Ich kann wahrlich nicht sagen, dass ich viel Mitleid mit Gunn habe, da seine Tweets mindestens absolut geschmacklos und in höchstem Maße bedenklich sind. Aber damit, wie er aus diesem Grund nun von DIsney gefeuert wurde habe ich ein großes Problem.
Gunns Aussagen waren bekannt und öffentlich (nicht ohne Grund gab es vor Jahren schon eine Entschuldigung dazu, die ich in hier aber eher irrelevant finde). Das waren sie schon als er von Disney für den Film verpflichtet wurde und niemand kann mir erzählen, dass dort keiner über die Hintergründe Bescheid wusste. Man hat es gewusst, es war in Ordnung, es war den Verantwortlichen mit der Firmenphilosophie vereinbar (oder der Name wichtig genug, um jene in den Hintergrund zu rücken) bzw. egal. Vermutlich hätte die Reaktion eines jeden Disney-Managers, der vor der aktuellen Schlammschlacht auf die Tweets gestoßen wäre, irgendwo auf der Skala zwischen „schräger Kerl, dem geb ich meine Kinder nicht zur Settour mit“ und einem dreckigen Lachen gelegen.
Nun, da er in die Schusslinie gerät, ist es dem Konzern nicht mehr Recht, dabei hat sich in dem, worauf man sich beruft, rein gar nichts geändert. Gunns Aussagen sind die gleichen wie schon die Jahre zuvor und die „Werte“ von Disney sind es auch. JETZT ist so eine Entlassung einfach nur in höchstem Maße verlogen, denn es geht einzig darum, auf dem rechten Flügel (ob rechts oder links ist hier auch nicht wichtig) zu punkten und nicht um irgendwelche Werte.
Das ist auch das, was die Personalie für mich von Roseanne Barr unterscheidet. Dort war die Hintergrundgeschichte zwar auch bekannt, aber die Entlassung folgte, als sie erneut auffällig wurde (ob die Reaktion in der Schwere angemessen ist, sei dahingestellt). Gunn hat sich soweit ich weiß in der Zwischenheit nichts zu schulden kommen lassen, der hatte nicht einmal eine Chance, es richtig zu machen.

heino
heino

Dass die alten Tweets bei Disney bekannt waren, kannst du aber auch nur vermuten. Die waren 12 Jahre alt, damals war Gunn alles andere als ein hoffnungsvoller Kandidat auf eine Big Budget-Karriere und dürfte damit unterhalb des Radars von Disney geflogen sein. Natürlich ist es theoretisch möglich, dass vor seiner Verpflichtung ein kompletter Check seiner Online-Aktivitäten vorgenommen wurde, aber das könnte nur Disney definitiv bestätigen, aber die werden sich hüten, dazu was zu sagen.

Den Rauswurf von Roseanne Barr fand ich absolut berechtigt. Es war schon mehr als leichtsinnig, ihr überhaupt wieder eine Plattform zu geben, nachdem sie ja immer wieder durch solche Aktionen aufgefallen war. Und die hoch rassistischen Tweets, die sie dann ins Netz stellte, waren auf jeden Fall Grund genug, sie rauszuschmeißen

AlphaOrange
AlphaOrange

Ich finde den Rauswurf von Roseanne auch gerechtfertigt bzw. hätte ihr die Plattform gar nicht erst gegeben. Wollte das oben nur nicht mit der Diskussion um „hätte man vorher wissen können“ verknüpfen.

Gunns Tweets mögen 12 Jahre alt sein, aber seine letzte öffentliche Entschuldigung dafür datiert soweit ich das in diversen Artikeln lese auf spätestens 2012 – dasselbe Jahr, in dem Disney ihn für Guardians engagierte.
Letztendlich hast du natürlich Recht: das ist nur Vermutung meinerseits.

Goran
Goran

Die letzten Tweets sind fünf Jahre alt und JG hat sich schon mal öfffentlich dazu geäussert.

Glaubt doch kein Mensch, dass bei Disney wirklich niemand von einer öffentlichen Erklärung und Tweets, die während er für Disney arbeitete gemacht wurden, wusste.

Man hat dem nur offensichtlich bis jetzt weniger Gewicht zugemessen.

Marcus
Marcus

„Und wenn ich unterstelle, dass es hier weniger um Humor oder Schockwert als um persönliche Präferenzen geht“

Und genau da gehen deine Meinung und meine auseinander – wer so einen derben und gewollt geschmacklosen Sinn für Humor pflegt wie der ex-Troma-Mann, der kann hier auch einfach nicht gewusst haben, wann genug genug ist. Allein daraus zu unterstellen, dass er pädophil ist, halte ich für zu gewagt.

Dass Disneys Reaktion aber auch ein Resultat der mittlerweile gnadenlos gewordenen öffentlichen Diskussionskultur (an deren Schaffung die Linke weiß Gott nicht unschuldig ist) darstellt und man sich im Fall Roseanne Barr eben nicht so differenzierte Gedanken auch nur mal gemacht, sondern gleich beim Rauswurf Beifall geklatscht hat, und deshalb zumindest ein Gschmäckle von Heuchelei nicht von sich weisen kann, stimmt natürlich.

Der Vergleich mit Trumps „grab them…“ ist interessant, aber letztlich hinkt er, würde ich sagen. Klar, beide Fälle konfrontieren uns mit vergleichbar widerlichen Aussagen. Beide Fälle wurden von den Verantwortlichen als „Humor“ oder „locker room talk“ abgetan. In beiden Fällen wurde kein Gesetz gebrochen und niemandem konkret geschadet. Und deshalb wurde in beiden Fällen auch keine Bestrafung gefordert, sondern lediglich der moralisch anständige Charakter der Person und ihre Eignung für eine gewisse Position infrage gestellt. Der Unterschied ist aber, dass ich es für etwas übertrieben halte, an einen Mann, der Unterhaltungsfilme für die ganze Familie macht, die gleichen Ansprüche zu stellen wie an einen Mann, der Präsident der USA werden wollte.

Heino
Heino

Wobei „Unterhaltungsfilme für die ganze Familie“ und Witze über Pädophilie und Vergewaltigung sich aber schon im Ansatz gegenseitig ausschließen. Klar hat er die nicht in den Filmen eingebracht, aber das macht es aus Sicht von Disney, die ja traditionell eher ein junges Publikum ansprechen, nicht weniger unzumutbar

Martin Däniken
Martin Däniken

James Gunn hat(te) Macht.Er hat Gegner. Er hat Schachstellen.
Die wurden ihm zum Verhängnis.
Ganz einfach…
Momentmal,hatte er denn keine namhaften Freunde,Unterstützer?
Anscheinend wäre es nicht opportun gewesen seinen „Rüssel“ zusehr in den Wind zuhängen….
Nunja,im TV (Car Sing-along!)und Making-of tun alle nett und sind Freunde ,
aber die WirklichWirkliche
Realität ist anders…

Christian Siegel

Ich stimme überein, dass beide Seiten des politischen Spektrums abseits der eigenen politischen Einstellung mit gleichem Maß gemessen werden sollen. Wo ich mich hingegen von dir unterscheide ist, dass ich den Zeitplunkt der Tweets sehr wohl für maßgeblich halte. Roseanna direkt nachdem sie die rassistischen Meldungen abgesetzt hat zu feuern, ist für mich nachvollziehbar. Jemanden für Tweets zu feuern die er absetzte noch bevor er für mich arbeitete, und für die er sich in der Zwischenzeit bereits entschuldigt hatte, ist es nicht. Und das hat nichts mit meiner persönlichen Präferenz zu tun; hätte Gunn (um dem es mir bei GotG Vol. 3 sehr leid tut) die Tweets erst jetzt abgesetzt, und wären Roseannes (die mir persönlich egal ist) Tweets mehrere Jahre her, würde ich das genauso sehen.

Darüber hinaus stimme ich mit Marco überein, dass man an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika schon noch andere Ansprüche stellen sollte, als an einen Regisseur und Drehbuchautor.

Im Grundgedanken, Lagerdenken bzw. Doppelstandards Marke „Wenn mein Spieler den Gegner foult, zolle ich Beifall, im umgekehrten Fall fordere ich lautstark die rote Karte“ abzulehnen, stimme ich aber uneingeschränkt zu.

Matts
Matts

Im Bezug auf die Diskussionskultur stimme ich ebenfalls zu: Parteilichkeit und Doppelmoral wo man hinsieht, „Us vs. Them“, Neutralität ist tot. Auch fühle mich schon in einem Camp, wenn es mir um Gunn mehr leid tut als um Rosanne.

Ein weiterer Punkt, der sich hier wieder auftut – und den auch andere Kommentatoren schon angesprochen haben: Die alte Frage: Kann/Sollte man das Kunstwerk vom Künstler trennen? Auch ich mag viel von dem, was Gunn bisher gemacht, sehr gerne. Darf man sich das jetzt noch ansehen? Ich weiss, dazu gibt es viele Ansichten. Ich werde das für mich wohl weiter von Fall zu Fall unterscheiden. Gunns Tweets sind, gelinde gesagt, problematisch. Andererseits ist er auch (soweit wir bisher wissen) kein Polanski, der nachweislich eine 13-jährige vergewaltigt hat.

Premium-Kommentator
Premium-Kommentator

Ich finde die Schubladenbildung hier problematisch und zu undifferenziert. Links steht hier für die laute Minderheit der Social Justice Warrior, rechts für den gemeinen Neo-Nazi an der Tastatur. Beide mit stark faschistischen Tendenzen.

Warum, ob oder wo ich mich in diese extreme Twitter-Umwelt bzw. Weltsicht einordnen oder fühlen soll ist mir nicht klar. Und wer liked bitte „Vergast Helene Fischer“? Das Problem scheint mir hier weniger, dass die faschistischen Ränder mit der meisten Aufmerksamkeit nicht „fair sind“ und „ausgeglichen urteilen“, sondern dass diese Extrema soviel Aufmerksamkeit bekommen und somit die Optionen so eingeschränkt werden.

Und dass der Herr Wortvogel sich dann bemüssigt fühlt, sich auf eine dieser Seiten zu schlagen. 😉

Ich bin nicht der Mob.

Dietmar

Den entscheidenden Unterschied zwischen Gunn und Trump in dieser Sache sehe ich dort: Trumps Äußerung „Grab…“ spiegeln sein tatsächliches Verhalten wider. Das ist ein Geständnis von Fehlverhalten, das er selbst auch als solches erkennt, aber stolz ist, als Prominenter und Reicher damit durchzukommen.

Ich kenne Gunn nicht, ich kenne seine Tweets nicht (und hier bitte einfügen: „Wenn Du das Buch von XY nicht vollständig gelesen hast, kannst Du nicht mitreden/Wenn Du die Tweets nicht gelesen hast…“). Was ich gehört habe, ist, dass er vor einiger Zeit blöde Sprüche gemacht hat, die mir möglicherweise auch nicht gefallen würden. Und es ist mir tatsächlich egal, in welchem „Lager“ er da steht. Beispiel: Ein Al-Franken-Foto mit Donald Trump als Akteur wäre für mich kein Aufreger. War es bei Al Franken nicht, wäre es bei Trump nicht. Ich habe hier und woanders von mehreren sexistische Sprüche gelesen, ich habe mich an dem Humor selbst beteiligt, und es wird auch anders zugelangt. Alles kein Grund für solch eine Maßnahme.

Es wundert mich schon, dass das Land, das angeblich die freie Rede so hoch hängt, solche Hexenjagden auf Künstler veranstaltet, während vor allem konservative Politiker, die so etwas tun (!), nicht nur dumm herumreden, damit durchkommen.

Gestartet gegen Gunn hat die Kampagne Mike Cernovich, der den Pädophilie-Vorwurf gegen jeden erhebt, weil er weiß, dass er funktioniert. Ich finde Cenk Uygur (https://www.youtube.com/watch?v=dxFKJ4IVOEE) da sehr überzeugend.

Und nein: Ich finde nicht und ich fand auch nie, dass „die Mitte“ in einem Streit der richtige Standpunkt ist. Auch nicht oft. Denn das bedeutet nur, dass jemand einfach extremen Unsinn behaupten darf und automatisch Landgewinn hat.

Blöde und geschmacklose Witze sind blöd und geschmacklos. Deshalb nennt man sie so. Al Franken, der so tut, als würde er einer schönen, schlafenden Moderatorin, die unter anderem Erotik-Aufnahmen machen ließ, an die Brust fassen wollen und das nicht (!) tut, hat einen blöden, geschmacklosen Witz gemacht. Machen wir hier auch. Gunn hat blöde, geschmacklose Witze über Pädophilie gemacht. Wurde hier auch gemacht in einer Debatte um „Rape Culture“ mir gegenüber von einem vorbeisurfenden Troll.