Ich wollte den Artikel schon vor einer Woche schreiben, aber es ist mir mal wieder etwas Leben dazwischen gekommen. Also hole ich das fix nach.

Vor mittlerweile knapp zwei Wochen bin ich mit der LvA nach Porto geflogen. Warum? Because we can. Wir haben das Glück, dass RyanAir direkt von Baden-Baden aus fliegt und wir deshalb für vergleichsweise wenig Geld viele interessante Ziele in ganz Europa anfliegen können: England, Malta, Israel, Italien, Spanien. Und eben Portugal. Porto UND Lissabon. Letztlich haben wir eine Münze geworfen. Porto hat gewonnen.

Der Flug dauert knapp zweieinhalb Stunden, der Flughafen vor Ort ist modern und sogar etwas retro-futuristisch. Direkt am Terminal fährt die Straßenbahn E ab, die (ebenfalls modern und sauber) für den Preis einer normalen Fahrkarte direkt ins Stadtzentrum tuckert. 25 Minuten. Leichter kann man es sich nicht machen.

Vor Ort wohnen wir in diesem Apartment – es stellt sich nämlich heraus, dass in Portugal und Spanien viele schöne Wohnungen über Airbnb angeboten werden, da gibt es keinen Grund, ins Hotel zu gehen.

Wir kommen am frühen Abend an, eine nette junge Dame zeigt uns die Unterkunft und gibt uns gleich noch ein paar Tips, wo wir in der Altstadt gut essen gehen können. Eigentlich möchten wir in die Cantina 32, aber die ist hoffnungslos ausgebucht. Direkt daneben finden wir ein anderes Restaurant, das uns zusagt. Leider entpuppt sich der Kabeljau als unangemessen schlecht entgrätet, was nicht nur für ein mäßiges, sondern auch unappetitlich anzusehendes kulinarisches Erlebnis sorgt. Aber immerhin – es hat einen total netten und sehr talentierten Guitarrero an der Tür:

Auf dem Rückweg können wir schon das erste Mal die Schönheit der portugiesischen Altstadt genießen, die an alter Pracht wahrlich nicht arm ist:

Ein weiteres Plus: innerhalb der Altstadt gibt es praktisch keinerlei Filialisten, weder in Sachen Essen noch in Sachen Shopping. Die Einkaufskultur ist erstaunlich regional. Es fällt aber auf, dass sehr viele Häuser – auch in Bestlagen – leer stehen und/oder verfallen. Das Land hatte in den letzten Jahrzehnten zu kämpfen.

Wir schlafen gut und ruhig, nach hinten raus kann man schön sehen, dass selbst in der Innenstadt viele Grundstücke brachliegen oder von verfallenden Altbauten belegt sind:

Am Morgen spazieren wir zu einem brasilianischen Café, das zu einem brasilianischen Restaurant gehört, das zu einem brasilianischen Hotel gehört. Frugal, aber erlesen, wie Walter Moers sagen würde. Hier gönne ich mir mein erstes Pastel de Nata, jenes kleine Törtchen mit Vanillecreme, das zu den Nationalspeisen gehört. Im Restaurant kostet es „satte“ 1 Euro, im Supermarkt bekommt man die Leckerei für 25 Cent.

Ich bemerke, dass in Portugal nicht nur jedes Haus, sondern jedes einzelne Fenster eine Nummer hat, was die teilweise exorbitant hohen Zahlen erklärt:

Ebenfalls typisch für Portugal – die gefliesten Hauswände. Das reicht von einfachen Deko-Fliesen bis zu üppigen Wandgemälden:

Macht man hier so. Wird nicht so leicht schmutzig und ist gut abwaschbar.

Generell ist Porto ein idealer Ort für einen Städtetrip, weil man die gesamte Innenstadt zu Fuß erobern kann und in zwei bis drei Tagen auch ausreichend kennen lernt. Zum Hafen runter wird es allerdings mitunter etwas steil – und da muss man auf dem Rückweg auf wieder rauf. #mussmanwissen

Wer darauf aus ist, Bilder von verfallender Schönheit und vergangener Glorie zu machen, der ist hier genau richtig:

Gerade am Wochenende gibt es auch eine Menge an Straßenhändlern, die nicht nur Schnickschnack verkaufen, sondern auch Kunst in Sachen Malerei und Fotografie:

Es gibt auch wunderschöne kleine Buchläden – die Stadt ist nicht durchgentrifiziert wie andere Touristenziele. Allerdings zeigt sich gerade in den Buchläden das Problem, das ich bei solchen Reisen auch in Sachen Theater und Kino habe: ich verstehe nix.

Ich will auch nicht verschweigen, dass es in Porto einige Armut in Form von Bettlern und windigen Straßenhändlern gibt. Das hält sich aber in Grenzen, manche Obdachlosen wirken sogar ein wenig inszeniert, als befände man sich in einem Dickens-Roman.

Wer die Augen offen hält, findet immer wieder interessante Fotomotive:

Schaut man neugierig in die Schaufenster, dann wird man mitunter von einem Retro-Schick überrascht, der nicht retro ist, sondern tatsächlich authentisch alt:

Kommt man dann runter zum Hafen, wird es sehr pittoresk, wenn auch entsprechend touristisch drängelig:

Das ist der Postkartenteil von Porto, an dem die Preise ungefähr deutsches Niveau haben und wo man überall in Sightseeing-Busse und auf Boote steigen kann. Deutsche, Schweden, Asiaten, Amerikaner – hier fließt alles zusammen.

Verpflegung ist in Porto generell kein Problem – es gibt Unmassen an Restaurants und in kleinen Supermärkten kann man sich mit Obst und Getränken eindecken. Mir war nicht klar, was für eine hoch entwickelte Eiskultur man in Portugal pflegt. Ist man bereit, auch die heimischen Spezialitäten zu kosten, dann empfehle ich u.a. die frittierten Kabeljau-Frikadellen mit Käsekern, hier besonders stilgerecht mit einem Weißwein auf einer Palette serviert:

Für den späten Nachmittag schlendern wir wieder zur Straßenbahn, denn siehe – die LvA hat Kultur gebucht. Und wenn’s den Wortvogel umbringt: Mozart, Bach und Chopin sind angesagt, und zwar im hochgelobten Casa da Musica:

Was mir besonders gefällt: Die Karten sind so preiswert (subventioniert), dass sich auch normale Kleinbürger die Konzerte leisten können. Und an Front- und Rückseite ist die Halle verglast und lässt angenehmes Licht herein. So vergehen die zwei Stunden mit Ingolf Wunder wie im Flug:

Für das Opfer, mit der Gattin ein (hervorragendes) klassisches Konzert besucht zu haben, werde ich karmisch fast augenblicklich belohnt – gleich neben der Konzerthalle findet sich eine Kirmes, die zu Schlemmereien und begeistertem Schauen einlädt:

Eine ideale Gelegenheit, um mal wieder Churros zu essen, die ich in London vor ein paar Monaten als Mini-Sticks wie Pommes aus einem Pappbecher genossen habe. Hier gibt es sie gefüllt mit allerlei Kalorienbomben, in diesem Fall Raffaello:

Und zwei Straßen weiter: ein LIDL! Wer mich kennt, der weiß: da muss der Dewi zum Sortimentsvergleich gucken gehen. Immerhin war ich schon bei LIDL auf Sizilien und in Schottland. Siehe da, es gibt wenige, aber merkliche Unterschiede – so führt man in Porto deutlich mehr Konserven-Sardinen und ist auch sonst in Sachen Meeresfrüchte gut ausgestattet:

Nicht weniger begeistert bin ich, als ich in einem charmanten Spielwarengeschäft auf dem Rückweg zur Wohnung diese Überbleibsel aus den (vermutlich) 70ern entdecke:

Fleischmann-Gleise tonnenweise! Allerdings war ich damals ein Märklin-Kid.

Wir wollen dann auch noch Essen gehen, aber das edle Fleischrestaurant, das wir uns suchen, entpuppt sich als Blindgänger – mein „50 days dry aged beef“ besteht zu 70 Prozent aus Fett und ich teile nicht die Definition des Küchenchefs, was „medium“ bedeutet. Es ist ziemlich roh. Wir nehmen eigentlich nur diese nach eitrigem Vulkanstein aussehenden Vorspeisen als Erfahrung mit:

Damit ist der erste volle Tag rum und wir sind sehr zufrieden. Am Sonntag steht ein Ausflug in den legendären Buchladen Livraria Lello auf dem Programm. Angeblich geht ein Portobesuch nicht ohne. Angesichts der Schlange vor Ort entscheiden wir aber, dass es sehr wohl ohne geht:

Der Spaziergang in das Viertel ist dennoch nicht ohne Charme, denn wir treffen erneut einen sehr talentierten Musiker:

Und gleich in der Straße daneben findet sich ein Straßenmarkt mit vielen handwerklichen Mitbringseln:

Besonders cool – da sitzen ein paar entspannte Portugiesinnen und sticken ihre Produkte gleich live und vor Ort:

Weil es langsam heiß wird und wir einen Kaffee brauchen können, lassen wir uns vom ersten Lokaleingang magisch anziehen, der mit kühlen Fingern nach uns greift – das Restaurante Bar Galeria De Paris:

Geiler Laden, geile Atmo, geile Preise: Café Latte 1,10 Euro.

Wir entscheiden spontan, einen Bus für eine „ordentliche“ Sightseeing-Tour zu kapern, um auch mal aus der Innenstadt rauszukommen. Wir sehen ordentliche Mittelklasse-Vororte, Villenviertel, große Parks und schließlich die Küste mit einem überraschend urlaubstauglichen, aber wenig genutzten Strand:

Eine sehr entspannte Tour, bei der wir uns glatt leichten Sonnenbrand holen und viele charmante Häuser sehen, an denen sichtlich der Zahn der Zeit nagt. Andererseits sind überall auch Baugerüste errichtet. Es tut sich was in Porto.

Danach Pause. Weil: Fussball. Wir schauen auf dem großen Flachbildfernseher im Apartment das eher maue erste Spiel der deutschen Mannschaft. Und wie wir seit gestern Abend wissen: es soll symptomatisch für die WM sein. Better luck next time.

Allgegenwärtig in Porto übrigens: Ronaldo. Wenn in 2000 Jahren Aliens die Reste dieser Zivilisation ausbuddeln, werden sie vermuten, dass der Fussballer so eine Art Gottheit war. Und sie werden damit nicht falsch liegen.

Zum Abend bin ich nicht mehr bereit, ein Risiko einzugehen – die letzten beiden Restaurants waren teuer, im Ergebnis aber enttäuschend. Es müssen alternativ ja nicht Fritten sein, auch wenn mich der Vergleich mit Reykjavik reizt:

Oder der Laden mit den Dutzenden von Frühstücksflocken wie in London:

Ich bestehe nicht mal auf den Einkauf in dem Laden mit den Hunderten von Variationen von Dosen-Sardinen:

Aber es muss was Deftiges sein, was ohne Experimente – und da kommt das sympathische Hot Dog-Lokal Frankie gerade recht:

Ich will nicht behaupten, dass man allein für diesen Hot Dog nach Porto reisen sollte – aber man sollte allein für diesen Hot Dog nach Porto reisen:

Zehn von zehn Punkten. Ein Hammer vor dem Herrn. Ein Abend, der eigentlich nur noch durch Drinks im „Royal Cocktail Club“ besser werden kann. Wenn ihr jemals einen Barkeeper findet, der euch den Island Fruit (nur original mit Schokospur im Glas!) mixen kann, dann tut euch den Gefallen:

Nicht mit Strawberry Daiquiris oder so vergleichbar – die Zutaten erzeugen eine erstaunlich wechselhaften Geschmack mit immer neuen Nuancen.

Eine weitere laue Nacht wird zu einem warmen Morgen, der unseren letzten Tag in Porto einläutet. Und gefällt es hier so gut, dass wir froh sind, dass der Flieger erst am späten Nachmittag geht. Aber wir müssen am Vormittag auschecken. Wohin mit dem Gepäck? Kein Problem. Gepäckaufbewahrung ist in Porto ein Standard, es gibt Kabinen am Flughafen, am Bahnhof, in Hotels – in unserem Fall entscheiden wir uns für ein Schließfach direkt neben dem Apartment in einem Waschsalon, der „Laundry & Locker“ heißt. 2 Euro für 4 Stunden. Sollte es überall geben, BESONDERS in London.

Auf der anderen Seite neben unserem Apartment gehen wir in ein typisch portugiesisches Frühstücks-Café. Hier essen Handwerker und Sekretärinnen, man kauft am Tresen und isst an Plastiktischen. Viel Blätterteig, viele Kalorien, exzellenter Kaffee, frisch gepresster Orangensaft. Wir bezahlen für beide zusammen gerade mal 6,80 Euro.

Okay, wie verbringen wir die letzten Stunden, zumal es RICHTIG heiss zu werden droht? Mit einer Bootsfahrt, natürlich. Da kann man sitzen, da hat man etwas kühlere Luft um sich herum und man sieht die Stadt aus einer anderen Perspektive.

Gehört jetzt sicherlich nicht zu den „must sees“ dieser Reise, aber ist schon in Ordnung. Als wir nach 45 Minuten wieder vom Kahn steigen, haut es uns fast um: 34 Grad hat es nun locker. Der Mann im Supermarkt prophezeit für morgen über 40. Da sind wir doch froh, uns auf der Zielgeraden zu befinden, zumal ich den Aufstieg zurück durch die Altstadt ja bereits erwähnt hatte. Wir tun alles, um dem Hitzetod gegen zu arbeiten: ein leckeres Eis im Salon, eine kühle Cola im De Paris. Trotzdem müssen noch „Meilen gekloppt“ werden, denn ich habe mir ein letztes kulinarisches Experiment vorgenommen: Francesinha im hochgelobten Café Santiago.

Das stolze Nationalgericht der Einwohner von Porto ist was für Handwerker, die viele Kalorien brauchen. Mit so einem Sandwich kann man eine vierköpfige Familie durch den Winter bringen. Der Käse versiegelt das Toast gegen die Art Bratensoße, in der alles schwimmt. Zwischen den Scheiben findet sich Wurst, Aufschnitt, Steak UND Schinken. Man hört die Arterien ächzen und die Herzklappen jammern. Schmeckt „gut“ auf die gleiche Weise, wie ein halbes Hähnchen auf der Dorfkirmes „gut“ schmeckt.

Um die Ecke des Santiago finden sich dann auch zum Abschluss die Einkaufsstraßen mit den Filialisten, die im Kern der Altstadt „fehlen“. Wir schauen uns noch ein wenig um, bewundern die teilweise steile Architektur, die sogar Shopping Malls attraktiv macht:

Es lässt sich nicht bestreiten: Ich liebe Flying Tiger Copenhagen. Da finde ich immer irgendwelchen Schnickschnack, ohne den ich nicht leben kann.

Der Rest ist Standard: noch ein Café Latte für 85 Cent in einem schicken Bistro, den Trolley aus dem Schließfach holen, mit der Straßenbahn zum Flughafen, ratzfatz in Richtung Baden-Baden – und schon drei Stunden später werden vor Ort wieder die beiden Katzen beschnubbelt, die sich über unsere Rückkehr sichtlich freuen.

Fazit: es war toll, wie eigentlich immer, wenn ich mit der LvA verreise. Wir haben für uns genau das richtige Maß zwischen Vorbereitung und Spontanität gefunden, wissen vorab ein paar Eckpunkte, lassen uns aber auch gerne treiben. Dafür ist Porto ideal geeignet – und auch recht preiswert (anders als Malta, London oder Oslo). Wer gerne mal auf Städtetrip geht und einen RyanAir/Easyjet-Flughafen in der Nähe hat, wird sicher nicht enttäuscht sein.



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PabloDheinoMcKingslyRudi RatlosNummer Neun Recent comment authors
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heino
heino

Porto steht auch noch auf unserer Liste, da kommt dein Bericht gerade recht. Den Mangel an Filialisten in der Innenstadt (mit Ausnahme von McDonalds) kann man in Rom auch haben und der Lidl in Barcelona war auch gut gefüllt mit Fisch und Meeresfrüchten, dafür ist das Eis dort unverschämt teuer.

Alex
Alex

Die Hausnummern zählen nicht die Fenster, sondern die Meter von Straßenbeginn aus. Die beiden durchnummerierten Fenster waren vieleicht mal Eingänge von zwei verschiedenen Geschäften.

Nummer Neun

Toll, jetzt will ich nach Porto!

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Toller Bericht, vielen Dank dafür. Das obskure Fischkonservengeschäft gibt es in Lissabon auch, die Stadt ist auf jeden Fall eine Reise wert und manche Gemeinsamkeiten mit Porto wirst du da auch feststellen können (und es gibt sogar ein Kachelkunst-Museum XD)

McKingsly
McKingsly

Witzig. Bin gerade in Lissabon und war gestern in Porto. Habe genau denselben Bettler/Musiker wie auf dem Foto gesehen. Spontan würde ich sagen, euer Münzwurf war gut weil Porto im direkten Vergleich doch mehr Charme hat. Meiner Meinung nach zumindest.

PabloD
PabloD

Nach zuletzt jeweils 4 Tagen in Lissabon und Porto würde ich sagen, dass in Bezug auf Städtereisen Lissabon nach wie vor die tolle Pflicht und Porto die etwas coolere Kür darstellt. Heillos überlaufen von Touris waren im August „leider“ beide (von Sintra ganz zu schweigen…)

Direkt neben dem „blaue Katze“-Mural kleben übrigens mittlerweile solche Zettel:
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