Die Tatsache, dass wir nur 15 Minuten vom Flughafen entfernt wohnen und RyanAir verflucht billig fliegt, verführt uns immer wieder zu kurzen Städtetrips, die eigentlich nicht im Reisekalender standen. Als ich vor ein paar Wochen feststellte, dass es mal wieder sehr einfach und günstig möglich war, von Freitag Nachmittag bis Sonntag Nachmittag in die britische Hauptstadt zu fliegen, dauerte es nur eine halbe Stunde von der Idee bis zur Buchung.

Zugegeben: gerade mal 43 Stunden vor Ort sind nicht viel. Zieht man jeweils acht Stunden für den Schlaf ab, reduziert sich das sogar auf 25 Stunden, die man verplanen kann. Aber wir sind entschlossen, diese so optimal wie möglich zu nutzen.

Zuerst steht nur ein Theaterstück auf dem Programm, dann zwei, dann drei. Ich habe die entsprechenden Aufführungen ja schon vorgestellt. Daneben stehen noch diverse kulinarische Ausflüge und Spaziergänge durch die Stadt an. Eigentlich lassen wir uns in London ja gerne treiben, aber diesmal bedarf es genauer Planung.

Die Planung hält genau bis zum Abflug von Baden-Baden.

Der Flieger verspätet sich. Erst um 15 Minuten, dann um 45, schließlich um knappe anderthalb Stunden. Wie üblich bei RyanAir: Keine Informationen zum Thema. Wir rechnen schon mit Ausfall, aber schließlich öffnet sich das Gate doch noch. Ich gehe meinen Ablauf im Geiste durch: die beiden Puffer, die ich eingeplant hatte, sind auf null geschmolzen. Es muss jetzt ALLES glatt gehen, damit wir die erste Vorführung noch schaffen.

Rein in den Flieger, rüber über den Kanal, raus aus dem Flieger, rein in den Stansted Express, raus an der Liverpool Station, zehn Minuten Fußmarsch zum Motel One, einchecken, frisch machen (hier ist eine Pause von 45 Minuten eingeplant gewesen), raus aus dem Hotel, rein in die U-Bahn der District Line, 50 Minuten Fahrt ans andere Ende der Stadt, raus in Richmond, im Bahnhof noch Cornish Pasties kaufen und auf dem Weg ins Theater mampfen (hier ist die zweite Pause von 45 Minuten eingeplant gewesen), rein ins Theater, Sitz suchen, hinsetzen – in dem Moment geht das Licht aus und der Vorhang hoch. Sowas nennt man wohl Punktlandung.

„Love from a Stranger“ entpuppt sich als ein sehr untypisches Theaterstück von Agatha Christie – mehr Thriller als Krimi. Kein Wunder – es ist eine alte Adaption einer Kurzgeschichte, die sich sehr viele Freiheiten mit der Quelle nimmt.  Uns unbekannte Schauspieler, aber mit sehr viel Verve und einem guten Gefühl für Zeitkolorit gespielt.

1937 war das Stück übrigens schon mal mit Basil Rathbone verfilmt worden:

Das Wenige, was wir von Richmond sehen, gefällt uns sehr. Der noch sehr von der viktorianischen Ära geprägte Vorort profitiert von vielen deutschen Auswanderern. Außerdem finden sich hier die Kew Gardens. Wir entscheiden uns spontan, bei einem weiteren Städtetrip auch mal mehr Zeit in der Gegend zu verbringen.

Gegen 23.30 Uhr sind wir wieder im Hotel. Es war kein stressiger, aber ein straffer Tag, das fordert Tribut. Ich sage noch das Frühstück ab, denn wir haben beschlossen, lieber extern zu speisen.

Samstag stehen wir relativ früh auf, denn wir wollen ins Cereal Killer Café in der Brick Lane, die erfreulicherweise nur einen kurzen Fußmarsch entfernt ist. Der Laden entpuppt sich tatsächlich als Heidenspaß – hier ist alles auf knallbunte 90er Jahre getrimmt, auf Röhrenfernsehern laufen die „Duck Tales“ und die „Thundercats“, es gibt einen Simpsons-Spielautomaten und Dutzende von ungesunden, übersüßten Frühstücksflocken-Sorten, aus denen man sich sein Frühstück zusammenstellen kann.

Die Speisekarte liest sich wie ein Alptraum für kalorienbewusste Esser:

Wir entscheiden und schließlich für „Minty Marge“ und „Salty Balls“:

London ist nicht die richtige Stadt, um zu fasten.

Ansonsten schauen wir uns noch weiter in der Gegend rund um die Brick Lane um – samstags ist hier deutlich weniger los als sonntags, wenn der große Straßenmarkt tausende von Besuchern anzieht:

London ist ja auch eine Stadt der Promis – wie schnell läuft man da mal Xavier Bardem über den Weg!

Gerade weil nicht so viel los ist, suchen wir auch den sagenumwobenen Plattenladen Rough Trade auf, in dem man sich prima in einem alten Fotomaten schwarzweiß verewigen kann. Die Unzahl von Vinylscheiben, die hier käuflich zu erwerben sind, wecken den spontanen Wunsch, uns wieder einen Plattenspieler anzuschaffen (eine Idee, von der wir nach der Rückkehr wieder Abstand nehmen):

Wir spazieren auch noch durch die Petticoat Lane, an der Themse entlang und schließlich wieder zum Tower, denn heute Mittag steht eine Matinee-Vorstellung nahe Trafalgar Square an. Wir nehmen den Bus statt der U-Bahn, weil wir an diesem schönen Tag so viel wie möglich von der Stadt sehen möchten. Da bietet es sich an, rund um den Covent Garden für die LvA nach Turnschuhen zu schauen beim Pret-a-porter noch ein Sandwich mitzunehmen. Bei Tesco Express kaufe ich außerdem eine 0,7er-Flasche Apfel/Cranberrysaft, der aber so verflucht süß ist, dass ich ihn in die Tasche stecke, um ihn im Hotel mit etwas Wasser zu verdünnen.

Eher aus Laune steigen wir früher aus dem Bus, spazieren durch das City/Bankenviertel. Es ist faszinierend, wie die Menschen aus viktorianischen Obrigkeitsbauten mitten in der Stadt Ausflugsparadiese improvisieren:

Der neugestaltete Leicester Square gefällt uns gut und im riesigen Souvenirladen kaufen wir ein Stück für unsere neuste Sammelleidenschaft: Kühlschrankmagneten von allen gemeinsamen Urlaubszielen. Wir holen am Haymarket Theater auch gleich die Karten für das dritte Theaterstück am Abend ab – „Frozen“. Leider informiert man uns, dass Hauptdarstellerin Suranne Jones, wegen der wir das Stück sehen wollen, wegen „Unpässlichkeit“ die letzte Vorstellung ausfallen lässt und vertreten wird. Ärgerlich.

Aber zuerst einmal ist Gore Vidal’s Politklassiker „The best man“ dran – und man erkennt gute Theaterstücke auch an ihrer Zeitlosigkeit. Dieses Drama um die Nominierung des Präsidentschaftskandidaten stammt aus dem Jahr 1960 – aber die Figuren, die Mechanismen und die Tricks sind so frisch, als hätte es gestern Premiere gehabt. In einer frühen Verfilmung spielten Henry Fonda und Cliff Robertson die Hauptrollen im Tauziehen um das Recht, Präsident der USA zu werden:

Und tatsächlich: Es ist ein Knaller, so intelligent wie aktuell, so spannend wie witzig. Nicht nur Martin Shaw und Jeff Fahey begeistern in den Hauptrollen, auch Glynis Barber überrascht mich positiv – sie hatte ich seit der legendären Serie „Dempsey and Makepeace“ nicht mehr gesehen:

Es ist eine amüsante Randnotiz, dass ihr damaliger Partner (und Ehemann) Michael Brandon demnächst im Richmond Theater zu sehen sein wird.

Zwischen „Best Man“ und „Frozen“ haben wir zwei Stunden Zeit, und die wollen wir mit Fish & Chips im hochgelogen „Golden Union“ Diner verbringen. Also zwei Stationen U-Bahn und zweimal Fisch mit Pommes auf den Teller:

Leider eine Enttäuschung. Der Fisch ist sehr gut und auch nicht zu fettig gebacken, aber ich werde nie ein Freund der nur einmal frittierten britischen Chips, die mir zu hell, zu dick, zu mehlig und zu labberig sind. Da haben Belgier und Holländer (und sogar McDonald’s) einfach die Nase vorn.

Vom Diner zum nächsten Theater können wir entspannt zu Fuß schlendern. Und wo wir gerade beim Thema Füße sind – DAS sind Schuhe, die mir gefallen würden:

Habe ich eigentlich schon ein Weihnachtsgeschenk für mich für dieses Jahr?!

Und vor wir gerade bei Schuhen sind – in einer trendigen „pop up boutique“ sehe ich diese Exemplare, die sich gut für mein diesjähriges Festival-Outfit eignen würde:

Kurz vor dem Piccadilly Circus stolpern wir an einem Süßwaren-Geschäft mit einem beeindruckenden Schokoladen-Fall vorbei:

Ich lasse mich nicht zweimal bitten und kaufe das zu teure, aber in der Tat leckere Eis:

Eine Crema wie auf Sizilien. So gestärkt kann das dritte Theaterstück ruhig kommen. Das Haymarket Theater ist ja auch wieder ein echter Hingucker:

Und ja: „Frozen“ ist ein exzellentes Stück über die traumatischen Erlebnisse, die uns prägen, die uns in der Zeit festhalten, jede Weiterentwicklung unmöglich machen. Der Serienkiller, ein wirklich hassenswertes Subjekt, verdient am Ende das meiste Mitleid, denn er KANN aufgrund seiner Störung nicht voran – alle anderen Beteiligten weigern sich nur. Das wird recht abstrakt und mit teilweise großen zeitlichen Sprüngen und weitgehend ohne Interaktion der Figuren erzählt. Vielleicht nicht jedermanns Sache und ich hätte mir im Zentrum eine stärkere Darstellerin – eben Suranne Jones – gewünscht, aber unter dem Strich ist es trotzdem gut. „Love from a stranger“, „Best Man“ und „Frozen“ zeigen schön die Bandbreite des Londoner Theaters.

Damit ist der Tag rum und wir sind deswegen fast ein wenig traurig. Erneut schnappen wir uns den Bus gen Tower Hill. Im Hotel fülle ich den zu süßen Apfel/Cranberry-Saft mit Leitungswasser auf, aber er ist immer noch zu süß.

Der nächste Morgen Erneut verzichten wir wieder auf das eigentlich empfehlenswerte Frühstück im Hotel und gehen um die Ecke in „Peter’s Café“, das uns als „traditionell und bei allen Schichten beliebt“ empfohlen wurde. Tatsächlich: hier ist es angenehm schrabbelig, man sitzt an Plastiktischen und bekommt das Essen auf Tabletts vor die Nase gestellt wie in der Kantine. Ich esse warmen Porridge, wie das Engländer seit Jahrzehnten tun. Schmeckt sehr lecker.

Es fällt wieder mal auf, wie permanent „in flux“ die Stadt ist. Ich bin ziemlich sicher, dass die Mini-Aschenbecher für Kippen und Kaugummis im letzten Dezember noch nicht an den Straßenlaternen hingen:

Borough Market hat sonntags zu, aber der Straßenmarkt in der Brick Lane ist ja auf. Also spazieren wir in weitem Bogen durch das Viertel darauf zu. In der Marina am Tower Hill sehen wir, dass ein Teil des Hafenbeckens mit schwimmenden Puzzleteilen für das nächste Wochenende in eine Festival-Plattform umgebaut wird:

Wir würden uns ärgern, dass wir das verpassen, aber: mit jedem Tag, den man nicht in London ist, verpasst man sowieso irgendwas.

Der Spaziergang ist selbst dann, wenn man nichts sieht, sehenswert. Weil in London schon die Kontraste in der Architektur eine Schau sind, für die es sich lohnt, die Kamera zu zücken:

Hier steht der Glaspalast neben der alten Klinik aus edwardianischer Zeit und dem runtergekommenen Wohnviertel der Arbeiterklasse. Man sieht die silbern blitzenden Monumente des Raubtierkapitalismus in den Himmel ragen, biegt rechts ab und steht vor Backsteinfassaden, an denen der Wandel scheinbar spurlos vorbei geht:

Der Besuch auf der Brick Lane ist erwartungsgemäß wieder mal ein Feuerwerk für Augen, Ohren und Nase. Ich kann mich gar nicht entscheiden, wo ich zuerst hingucken soll. Schließlich setze ich mich mit der LvA auf eine Bank und schaue ein paar Malern zu, die ein haushohes Gemälde pinseln:

Zwei Straßen weiter kann man kostenlos und unverbindlich gegen einen Mann im Schachspiel antreten – aber dazu sind meine Fähigkeiten leider zu eingerostet:

Was es so eigentlich nur in London und vielleicht in Berlin zu sehen gibt – am Vortag hat hier wohl jemand seinen Wagen vor die Laterne gesetzt. Und stehen gelassen. Der Betrieb des Straßenmarktes ist davon nicht betroffen.

London ist eine Stadt, in der man interessante kulturelle Artefakte an den ungewöhnlichsten Stellen findet. So stoßen wir auf eine kleine Gruppe von Spendensammlern, die zu den legendären „pearly kings and queens“ gehören:

Und natürlich Straßenmusiker – oft genug besser als alles, was man beim Eurovision Song Contest auf die Ohren bekommt:

Hunger meldet sich. Nur Porridge reicht ja auch nicht für den ganzen Tag. Ich wandere die Fressstände aus der ganzen Welt ab und kann mich nicht entscheiden. Die Auswahl ist unvorstellbar und überall riecht es exotisch und einladend. Schließlich lande ich hier – und bereue es nicht:

Alter Falter! Fleisch so zart und lecker, man möchte sich reinsetzen! Fünf Pfund für eine Faust voll Himmel. Eine Mahlzeit, an die man noch Tage später denkt.

Und so spazieren wir wieder zurück zum Hotel, vollgestopft nicht nur mit Essen, sondern auch mit vielen neuen Eindrücken und Erinnerungen. Im Zimmer wartet schon der gepackte Koffer, ich habe wieder alles so geplant, dass wir entspannt zum Flughafen fahren können. Zum DRITTEN mal fülle ich die Flasche mit dem Apfel/Cranberry-Saft auf, um im Standsted Express etwas zu trinken zu haben. Und WIEDER ist die Plörre immer noch zu süß. Wie kriegen die Briten sowas bloß runter?! Endlich mache ich mir die Mühe, mal das Etikett zu lesen: „Sirup, ergibt 5 Liter Fruchtsaft“. Es findet sich manchmal keine Entschuldigung für meine Blödheit.

Spaziergang durch das menschenleere Bankenviertel zur Liverpool Street, ab in den Zug. Gemütlich tuckern wir gen Nordosten, sehen Füchse an der Bahnstrecke, Kanäle mit Hausbooten, englische Familien in Parks. Wir würden gerne noch bleiben, aber diesmal ist das einfach nicht drin.

Express, Flughafen, Flieger, Gepäck – diesmal läuft die Rückreise glatt wie Butter. Am Nachmittag noch noch in London, vor dem Abendessen wieder in Baden-Baden. Die Katzen freuen sich auch.

43 perfekte Stunden. Ich glaube nicht, dass unsere Liebe zu London jemals enden wird. Und wir haben jetzt schon wieder den Zettel voll mit Ideen für den nächsten Trip.



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Rudi RatlosPogopuschelChristian Recent comment authors
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Christian

Toller Bericht, vielen Dank! Ich hatte schon mal ein ähnliches Erlebnis mit Orange Squash – erlebt man einmal, danach hat man’s verinnerlicht :-).

Pogopuschel

Sollte ich mal nach London kommen, der Ribman ist vorgemerkt.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Toll, jetzt hab ich wieder Bock auf London – aber weder Geld noch Urlaubstage dafür übrig :'(