Wahrlich, Amerika ist in Sachen Kulinarik vielleicht als Vorreiter, aber nicht als Vorbild bekannt. Hier werden Cremetörtchen frittiert, Burger in Hühnerschnitzel gepackt, und Bällchen aus Cola-Sirup in Sahne getunkt. Ich selbst habe damit kein Problem und bei früheren Reisen sogar die explizite Entscheidung getroffen, den USA als „fast food nation“ zu huldigen. Von Taco Bell zum Wienerschnitzel, von Johnny Rockets zu Sonic, von Jamba Juice zu Krispy Kreme. Die erwartbaren und sichtbaren Folgen konnte ich immer hinterher gut abhungern.

Nun hat aber die LvA ein anderes Verständnis dessen, was „gutes Essen“ ausmacht und mich gebeten, die Speisen wenigstens primär am Tisch und nicht am Drive-Thru entgegen zu nehmen. Ich so ganz verwegen: warum nicht? Man muss ja deswegen nicht gleich die Sterneküchen der Westküste abklappern.

Was mich ebenfalls motiviert hat, ist die YouTube-Reihe „Is is worth it?“, in der verschiedene Speisen aus drei verschiedenen Preisklassen verglichen werden. Die Ergebnisse sind oft überraschend und einladend:

Und aus genau diesem Grund geht es heute mal um die Orte unserer Reise, an denen wir gut, schlecht oder hässlich gegessen haben.

Nun ist es so, dass man in den Motels in Kalifornien zum Frühstück keine Delikatessen erwarten kann – das meiste ist abgepackt, frisch gemacht wird sowieso nix und der „Kaffee“ kommt aus dem 10 Liter-Thermocontainer. Aber auch das ist in den letzten Jahren ein wenig besser geworden und im Super8, wo wir die ersten Tage verbracht haben, gab es zumindest auch ein ziemlich clever konstruiertes Waffeleisen:

Darüber hinaus sind wir beim Start unserer Reise in LA noch keine großen Risiken eingegangen. Wir mussten uns ja erstmal akklimatisieren. Also haben wir am ersten Abend in Santa Monica bei Chipotle mexikanisch gefuttert und am Tag drauf bei Johnny Rockets im klassischen Diner-Stil. Zu meiner Freude stellte die LvA dabei fest, dass Franchise-Fastfood in den USA nicht zwangsweise minderwertiges Füllmaterial sein muss. Der Burger bei Rockets hat sie nach eigener Aussage für die hiesigen Ketten verdorben.

Ein Highlight SOLLTE der abendliche Besuch in der Edel-Eis-Manufaktur Ginger’s sein. Was kühle Creme angeht, bin ich ja durchaus Experte. Doch leider war das ein Reinfall. Das Ladenlokal hat den Charme einer schmierigen Frittenbude aus den 70ern, das Eis selbst kostet lockere 7 Dollar pro Bällchen und sooo doll schmeckt es dafür auch nicht. Schlimmer noch: Das Eis-Sandwich, das ich mir bestellt hatte, war (weil voll hip) so sehr in Salz gerollt, dass es de facto ungenießbar war. Ich habe getan, was ich sonst für Frevel halten würde: ich hab’s weggeschmissen.

Ein paar Tage später konnte mich in Las Vegas auch die Kette Sloan’s nicht überzeugen, weshalb ich in den USA weiterhin Ben & Jerry’s empfehle.

Ein wenig versöhnt mit der amerikanischen Eiskultur hat mich am Venice Beach dann diese (angeblich aus Tschechien) stammende Delikatesse eines frisch gebackenen Teighörnchens mit cremiger Fülling – kein Knaller, aber mal eine Abwechslung:

Mehr wegen des Kultstatus als wegen des Essens sind wir dann noch zu Randy’s gefahren, einem Laden, der in hunderten von TV-Episoden und Filmen bereits zu sehen war und dessen Dachdekoration von weitem auf die hier dominante Speise hinweist:

Wie jetzt? Kennt ihr nicht, habt ihr noch nie gesehen? Dann habt ihr letztes Jahr einen der großen Sommerhits offensichtlich verpasst (ab 0:56):

Während es der LvA hier zu fettig war, fand ich meinen Donut (Minzglasur mit Schokoladenstreuseln, 1,25 Dollar) genau richtig: fluffig, klebrig, viel zu groß.

Die ersten wirklich überraschenden kulinarischen Erlebnisse hatten wir allerdings am Tag drauf in der Lifestyle-Wüstenstadt Palm Springs, deren Midcentury-Architektur uns massiv geflasht hat. Hier ist alles edel und hergerichtet, sogar der örtliche Starbucks:

Eher zufällig landeten wir am Abend auf der Suche nach einem zeitlich überschaubaren Abendessen bei Blaze Pizza in einem schick auf umgebaute Lagerhalle gestylten Restaurant. Der Name ist Programm, denn man hat wohl einen Weg gefunden, hier in einem Steinofen durch geschickt gesteuerte Luftzirkulation die Pizzen noch mal schneller fertig zu backen. Die „Fast Fire’d Custom Built Artisanal Pizzas“ halten, was der Name verspricht. An einem Tresen kann man sich vom Teig über die Sauce bis zu den Toppings die Pizzen exakt nach Wunsch zusammen stellen – und wenn man an der Kasse bezahlt, ist der würzige Fladen auch praktisch schon fertig. Wäre natürlich Unfug, wenn’s dann doch wie bei Pizza Hut schmeckt, aber nein – das Ergebnis überzeugt.

Aus der Wüste Arizonas und vom Grand Canyon lässt sich wenig übers Essen berichten. Man ist auch nicht wirklich scharf darauf, hier nach Nahrung zu fahnden:

Besser wurde es erwartungsgemäß in Las Vegas, wo die Krabbencocktails niemals leer gelöffelt sind und die Schokofontänen so üppig fließen wie das Bargeld. Die Museen von M & M und Coca Cola tun das Ihrige. Am ersten Abend wollten wir gut essen und es hatte den Tipp gegeben, dass nebenan im New York New York-Hotel mit dem Tom’s Urban ein ziemlich feister Laden eröffnet hatte. Und wahrlich, ich sage euch – diese Fusion aus Barfood und Streetfood mit sehr cleveren Verfeinerungen entpuppte sich als DAS kulinarische Erlebnis unserer Reise. Ich orderte eine Kombi aus drei Vorspeisen – die soll das Restaurant mal selber erklären:

Unfassbar lecker trifft es nicht annähernd – und das alles noch in toller, gar nicht stressiger Atmosphäre und mit einem Show-Magier, der von Tisch zu Tisch zieht und seine Tricks zeigt:

Gerade weil ich im Verlauf des Urlaubs alle diese Speisen separat nochmal essen sollte, lässt sich feststellen: so gut wie hier gibt’s die nirgendwo. Die Zutaten, die Zubereitung, die Würzung – perfekt.

Sehr beeindruckt haben uns auch noch andere kulinarische Großleistungen in Vegas, z.B. dieser vollautomatisierte „Weinschrank“ im Mandalay Bay Hotel, der über drei Stockwerke von Roboterarmen be- und entladen wird:

Am letzten Tag in Vegas und vor der Abfahrt zum Death Valley wollten wir eigentlich das französische Frühstück im Hotel Paris einnehmen. Daran hatte ich gute Erinnerung. Aber es war entsetzlich voll und ich wollte mich nicht anstellen, nur um Croissants zu speisen. Also planten wir auf einen amerikanischen Frühstücksklassiker um:

Familienfreundliche Atmosphäre, ausreichend Platz und eine üppige Speisekarte zeichnen Denny’s aus. Die LvA orderte das „supreme skillet“:

Ich selbst probierte das „salted caramel & banana cream pancake breakfast“. Wollt ihr euren Cholesterinspiegel mal um Hilfe schreien hören?

„Two new fluffy buttermilk pancakes with shortbread pieces cooked inside, layered with vanilla cream and topped with fresh bananas, warm salted caramel sauce and even more shortbread pieces. Served with two sunny side up eggs and hash browns, plus your choice of two strips of bacon or two sausage links.“

Ausreichend Treibstoff für die lange Fahrt durch das Death Valley…

Nebenan gingen wir noch in einen Supermarkt, wo ich auf diese Coke-Varianten stieß, die kürzlich in Deutschland durch die Presse gingen, ohne käuflich erhältlich zu sein:

Die Mango-Variante habe ich probiert – schmeckt langweilig nach gar nix.

Auch nicht schlecht – Pepsi hat seinen eigenen „Oldtimer“ rausgebracht:

Schon irre, wenn man bei frühlingshaftem Sonnenwetter in Vegas losfährt, zwei Stunden später im Death Valley Sandstürme erlebt und dann weitere drei Stunden später in einem Ski-Gebiet landet – bei Schnee und 17 Grad unter Null. Aber genau das ist der Grund, warum ich diese Reise gebucht habe. Abwechslung.

In Mammoth Lake war es bitterkalt und die Straßen waren glatt. Trotzdem entschlossen wir uns, von der gemütlichen Lodge noch mal ins Dorf zu fahren, um lokal und regional zu essen, nämlich im Slocums:

Tolle Atmosphäre wie in einem Pub vor 100 Jahren – und die LvA versichert mir, noch nie so sensationelle Ribs gegessen zu haben.

Da wir nicht Ski fahren, war am nächste Morgen auch schon wieder Zeit zur Weiterreise. Das Problem: quer durch den Yosemite Nationalpark nach San Francisco fahren fällt im Winter aus. Da sind die Durchfahrtsstraßen nämlich gesperrt. Also muss man einen sehr weiten Weg nördlich oder südlich um den Park nehmen. Wir entschieden uns für nördlich und überquerten die Sierra Nevada (was passenderweise „verschneiter Gebirgszug“ heißt) im Schneegestöber und SEHR vorsichtig.

Weil damit die direkte Weiterfahrt nach San Francisco zu lang gedauert hätte, legten wir einen Zwischenstopp im beschaulichen, mittelgroßen Sacramento ein. Hier gibt es in der Innenstadt so putzige Läden wie den hier:

Uns wäre durchaus nach Fondue gewesen, weil es hier eine Filiale vom Melting Pot gibt. Allerdings wollten die für die Reservierung unsere Kreditkarte und drohten bei Nichterscheinen mit „Strafgebühren“. Am Arsch die Räuber. Also ins Sauced BBQ:

Tolles Gewusel, echte urbane Atmosphäre, leckeres Essen. Die vielen Fernseher lenken aber vom guten Tischgespräch ab.

Auf Sacramento folgte San Francisco, auf San Francisco Monterey, und schließlich das Ragged Creek Inn bei San Simeon. Aber was soll ich sagen? Das Essen war überall in Ordnung, aber nicht so bemerkenswert, dass ich drüber schreiben müsste.

Einzige Ausnahme – das Pork Store Café im legendären Hippie-Viertel Haight-Ashbury:

Das Frühstück ist hier zwar „nur“ okay, aber dafür ist es extrem authentisch und man bekommt tatsächlich noch eine Ahnung des „Summer of Love“-Lebensgefühls. Wenn man das Geld für die (deutschsprachige!) Kellnerin unter den Kaffeebecher klemmt, kommt man sich wie in einem echten amerikanischen Roadmovie vor:

Richtig auffällig gut essen konnten wir erst wieder in Santa Barbara, einer Stadt der Reichen & Schönen, die nicht umsonst Schauplatz einer Soap war:

Hier hat man auf der zentralen State Street die Qual der Wahl, wenn man anspruchsvoll speisen will. Weil die LvA „Lust auf Fleisch“ hatte, landeten wir nach kurzer Google-Konsultation bei Holdren’s Steaks and Seafood. Meine gefüllte Hühnerbrust dort war exzellent, aber das Highlight war zweifellos das Fleisch der Gattin, die Stein und Bein schwört, noch nie so ein exzellentes Sirloin gegessen zu haben:

Obwohl ich selbst hinterher so satt wie selten war, kam ich um die außerordentlich appetitanregende Dessertkarte nicht herum, die noch dazu einen Sampler-Teller anbot, den ich mir todesmutig bestellte. Noch ein Minzblättchen!

Ich geb’s zu – ich habe aufgegessen. Aber der Rückweg zum Hotel wurde dadurch zwangsweise zum notwendigen Verdauungsspaziergang:

Die Völlerei bedingte, dass wir am nächsten Morgen KEIN schweres Frühstück mit Pancakes und Zimtschnecken zu uns nehmen wollten. Erfreulicherweise ist Santa Barbara recht ernährungsbewusst eingestellt und bei Backyard Bowls bekommt man tolle, größtenteils vegane Schüsseln mit vielen Früchten und Superfoods:

Der perfekte, nicht zu belastende Einstieg in den neuen Tag! Und gleich nebenan fanden wir die Santa Barbara Roasting Company, die wirklich exzellenten Kaffee beisteuerte:

Hier stieß ich auf ein Getränk im Kleinglas, das sich „Undertow“ nannte und aus drei Schichten bestand: oben ein starker Ristretto, darunter kalte Milch, darunter Vanille-Sirup. Ehrensache, dass ich den mal probieren musste:

Die drei Komponenten fügen sich auf der Zunge erstaunlich vielschichtig zusammen.

Und damit kam die Rundreise auch schon zum Ende, wir fuhren erneut nach Los Angeles, um u.a. die phänomenale Einkaufs-Kleinstadt The Grove zu besuchen. All die Jeans, T-Shirts, Hemden und Schuhe kaufen sich schließlich nicht von allein.

Zu unserer Freude entdeckten wir fußweit von unserem Hotel noch ein richtiges Highlight: The Boy & The Bear, eine „third wave“-Kaffeerösterei, die zu einer Bewegung gehört, die Kaffee zu einem Genussmittel von der Komplexität der Weinkultur machen möchte. Mit dem wirklich außergewöhnlich intensiven kolumbianischen Brühstoff, der hier ausgeschenkt wird, mag ihnen das sogar gelingen:

Auf der Zielgeraden traf ich mich auch mit einem in LA ansässigen Kollegen aus der Drehbuch-Zunft, der meinte, wir müssten unbedingt Tacos und Burritos essen gehen, und zwar bei Tito’s Tacos:

Ich war etwas skeptisch, weil der Laden nach billigstem Mampf aussah und auch hygienisch kaum Preise gewinnen wird. Aber das täuscht: Tito’s Tacos ist ein Klassiker, der seit 1959 im Akkord sehr leckere mexikanische Speisen raushaut. Da lohnt es sich sogar, im Gedränge anzustehen. Ein Geheimtipp!

Einige von euch haben vielleicht mitbekommen, dass unser Flieger ausfiel und wir erst einen Tag später als geplant wieder nach Frankfurt fliegen konnte. Das hatte zur Folge, dass wir an einem unerwartet weiteren Abend in LA noch einmal ein Restaurant testen konnten – mit Erfolg. Pitfire Pizza hat zwar ein bisschen was von einem Hipster-Schuppen, aber über den Geschmack der hier kredenzten Pizzas kann es keine zwei Meinungen geben. Wir waren begeistert – ich über meinen Fladen mit Rosenkohl (!) und Schinken, die LvA über eine Pizza mit Kürbis (!) und Ziegenkäse. Eine echte Erfahrung.

So – das war’s dann aber. Schlemmereien en gros, zuviel Kalorien, zuviel Kohlenhydrate, aber das war nun mal der Preis des Genusses. Wir haben ihn gerne bezahlt.

Es gibt zum Thema Essen in Amerika noch zwei, drei weitere Sachen zu sagen, aber das hier ist schon genug aus dem Ruder gelaufen. Wer bis hierher durchgehalten hat:

Respekt.



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Rudi RatlosChristianSquirreliusmmGilegion Recent comment authors
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Dr. Acula

Du warst nicht bei Trejo’s Tacos? I am disappoint!

Gilegion

Die „Teighörnchen“ kommen in der Tat aus Tschechien/Slowakei/Ungarn, heißen Trdelník (bzw sind in Österreich als Schlagkrapfen bekannt) und sind großartig. 😉 Einen Stand gibt es auch im Wiener Prater, aber mit Eis gefüllt bekommt man sie vor allem in der Prager Innenstadt.

Squirrelius

Was? Kein Heart Attack Grill in Las Vegas?
Ich kenn das nur aus „Dokus“ und finde es so widerlich… aber das wäre so das Erste wo ich reingehen würde, nur um es erlebt zu haben. Und der Widerlichkeit wegen.
Gott, ich würde mich in den USA wohl todfressen

Christian

Besten Dank für den tollen Bericht – macht richtig Appetit!

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Jetzt hab ich Hunger :/