USA/Kanada 2017. Regie: Guillermo del Toro. Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, Doug Jones, David Hewlett

Offizielle Synopsis: Im 60er Jahre-Amerika des Kalten Krieges verliebt sich eine stumme Putzfrau in eine amphibienartige Kreatur, die, von der Regierung gefangen gehalten, mit geheimen Experimenten gequält wird.

Kritik: Ich kann wenig zu diesem Film schreiben, was ihr in den nächsten Wochen nicht anderswo auch lesen werdet. Er hat bereits Dutzende Preise eingesammelt, er wird vermutlich Hunderte weitere bekommen. Er ist „talk of the town“, Oscar-Anwärter und so eine Art „Amelie“, ein Märchen für Erwachsene, die mal wieder glauben wollen, dass auch in der noch so kalten Welt ein warmes Herz schlagen kann.

Machen wir uns nichts vor: genau genommen hat del Toro hier SEINE Fortsetzung zu Jack Arnolds „Der Schrecken vom Amazonas“ gedreht. Das Wenige, was wir über die Vorgeschichte des Fischmannes erfahren, passt eigentlich ziemlich genau. Und auch darüber hinaus reißt del Toro inhaltlich keine Mauern ein und keine Bäume aus: Sensibles Wesen wird von kalten Wissenschaftlern/Militärs gefangen gehalten, gefoltert und missbraucht – findet in einer einsamen Frau den Seelenverwandten. Gemeinsam mit Freunden, die sich ihre Menschlichkeit bewahrt haben, wird die Flucht geplant. Liebe siegt schließlich über alles, sogar über den Tod.

Man könnte das zynisch abhaken, „tausendmal gesehen“ gesehen knurren und del Toro vorwerfen, dass er hier lediglich den Spagat zwischen seinen Anspruchswerken „Pan’s Labyrinth“ und „Cronos“ und den glatten Auftragsarbeiten wie „Mimic“ und „Hellboy“ versucht. Er ist als Regisseur und vor allem als visueller Gestalter zu gut, um so eine leichte Geschichte nicht in der Mittagspause zu konzeptionieren.

Aber „The Shape of Water“ gelingt es, den Zuschauer über seine billigen Mechanismen hinaus zu gewinnen, ihn einzulullen in den Traum von zarten Menschen in einer harten Welt, in die Möglichkeit der Kleinen, gegen die Großen zu bestehen. Der Film besitzt tatsächlich eine hohe technische Perfektion UND ein weites Herz, er verliert sich nicht in den Effekten und dem beträchtlichen Aufwand an Sets und Requisiten, sondern verwebt sie – wie eben „Amelie“ oder „Delicatessen“ – in eine homogene Fabel aus einer anderen, aber doch unserer Welt.

„The Shape of Water“ ist magisches Kino, gedreht für große Augen und kindliches Staunen. Sarkasmus und Zynismus haben in diesem Film so wenig Platz wie im Kinosaal.

Trotzdem möchte ich einen Punkt ansprechen, der mich vielleicht nicht wirklich gestört hat, aber durchaus aufgefallen ist: Elisa verbringt unglaublich wenig tatsächliche Laufzeit mit dem Fischmann. Innerhalb von zwei Stunden haben die beiden vier, vielleicht fünf gemeinsame Minuten. Del Toro scheint mehr an seinen Nebenfiguren und deren Subplots gelegen – vor allem der Grafiker Giles, der Security Chef Strickland und der Wissenschaftler Hofstettler bekommen so viel Raum, dass sie mitunter den Fokus von der zentralen Romanze nehmen. Das hätte ich persönlich vermutlich etwas anders gewichtet. Aber es wiegt auch so nicht schwer, denn diese Nebenstränge sind durch die Bank außerordentlich unterhaltsam.

Und ja, so ist „The Shape of Water“ tatsächlich der große „Uniter“, der Film für den Gourmet und den Geek, den Alles- und den Anspruchsgucker, Kommerz und Kunst. Einer, wie er nur alle paar Jahre kommt. „Braveheart“. „Der mit dem Wolf tanzt“. „Thelma & Louise“. „Pulp Fiction“. Und doch.. und doch… ein bisschen mehr Mut zum Inhalt wäre schön gewesen.

Fazit: „Free Willy“ mit Fischmenschen-Sex oder „Splash“ mit Geschlechtertausch – auch wenn die Geschichte alt und vorhersehbar wie sonst was ist, kann sie wohl kaum jemand so schön und so bezaubernd erzählen wie del Toro. Für Leute, die noch des Zaubers wegen ins Kino gehen. 9 von 10 Punkten.

Das Grummeln der Kinosaurier

Markus Nowak: „Del Toro ist sicher der beste moderne Märchenerzähler, und das beweist er einmal mehr. Schlichte Geschichte, aber wundervoll erzählt…“

Philipp Seeger: „Ein wunderbares Märchen mit tollen Bildern und viel Herz.“



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dermaxJakeMarcusRudi RatlosHeino Recent comment authors
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Heino
Heino

Der Film ist perfekt, wenn man einen phantastischen Streifen braucht, der auch der Freundin gefallen könnte. Mir hat er gut gefallen

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Tue mich mit solchen „Blockbustern“ beim FFF immer sehr schwer, da die eh ’nen großen Start bekommen und dann für einen weniger Festival-üblichen Kurs mitgenommen werden können (da kommt dann der Knauser durch…). Liest sich aber zumindest gut!

Marcus
Marcus

Perfekt. 10/10.

Jake
Jake

Visuell ist der Film über jeden Zweifel erhaben, inhaltlich hätte ich mir hingegen etwas mehr Substanz erwartet. Gegen den von Torsten erwähnten „Amelie“ oder „Delicatessen“ stinkt er meiner Meinung nach storytechnisch jedenfalls ziemlich ab. 8/10

dermax
dermax

Kann auch nur zustimmen, wunderbares Märchenfür jedermann, nur am Ende find ich, dass es sich GdT etwas sehr einfach macht.