Originaltext Januar 2014:

Eigentlich sollen User-Kritiken nicht mehr und nicht weniger sein als eine Orientierungshilfe. Doch seit jeher werden sie auch genutzt, um schamlos Eigenwerbung zu betreiben, Konkurrenten zu diskreditieren und persönliche Fehden auszutragen. Jetzt hat die Spaß-Guerilla die Möglichkeiten des Review-Trollings entdeckt – und Amazon ist machtlos.

Generell gilt die Faustregel: Je mehr, desto besser. Eine große Menge an Nutzerkritiken gleicht Fakes und Eigenlob aus, sorgt für ein grob plausibles Stimmungsbarometer. In manchen Fällen fungiert die Usergemeinde auch als Korrektiv: Als ein Ebook namens „Intersection“ mit uncharmant „entliehener“ Cover-Artwork angeboten wurde, fanden sich gleich mehrere Autoren, die den Kopisten in wütenden Reviews zur Rede stellten. Ergebnis: 1,5 von 5 Sternen.

Auch als der britische Bestsellerautor RJ Ellory erwischt wurde, wie er unter verschiedenen Pseudonymen nicht nur die eigenen Bücher lobte, sondern auch Kollegen mit Häme überzog, folgte die Strafe auf dem Fuße: Ellory musste öffentlich gestehen und Reue zeigen. Seine Reputation leidet noch heute unter der Affäre.

Seit einigen Monaten gibt es allerdings eine Entwicklung, die sich mit Flashmobs vergleichen lässt: User tun sich zusammen, um als besonders abstrus identifizierte Werke mit echt klingendem, aber in Wirklichkeit ätzend sarkastischem Lob zu überziehen. Es bleibt jedem Reviewer dabei selbst überlassen, das ausgesuchte Ziel ironisch hoch oder authentisch niedrig zu bewerten.

Ein bekanntes Opfer der letzten Wochen ist der australische Konservative Cory Bernardi, dessen „Family, Faith, Flag, Freedom and Free Enterprise“-Rhetorik ihm in der Netzgemeinde wenig Freunde gemacht hat. Sein Buch „The Conservative Revolution“ wurde in Dutzenden als Lob getarnten Kritiken verrissen:

„Als Dackel kann ich weder dieses noch irgendein anderes Buch lesen, aber ich danke Corgi Bernardi für seinen Kampf gegen die Homo-Ehe, die mit Sicherheit auch zur Sodomisierung meiner Spezies geführt hätte.“

Auch vor verstorbenen Diktatoren machen die Fun-Reviewer nicht halt: Kim Jong-il, der 2011 verstorbene „liebe Führer“ Nordkoreas, war bekanntermaßen zeit Lebens ein begnadeter Dichter, Opernkomponist und Buchautor zu so ziemlich allen relevanten Themen der Zeitgeschichte. Sein 344seitiges Traktat „Über die Kunst des Kinos“ konnte gleich Dutzende 5 Sterne-Kritiken in diesem Stil verzeichnen:

„In diesem Buch erläutert der Große Anführer die Details verschiedener Aspekte des Filmemachens, von der Entführung ausländischer Regisseure bis zur Zwangsverpflichtung des Volkes zum Kinobesuch.“

Das Review-Trolling erschöpft sich nicht in Fantasie-Kritiken von Büchern. Manchmal steckt echte Konsumkritik hinter den blumigen Beschreibungen. Das musste gerade erst Haribo feststellen, dessen zuckerfreie Gummibärchen in den Ruf gerieten, recht starken Durchfall auszulösen:

„Fünf Pfund essen, zehn Pfund loswerden! Gibt es die Dinger auch in Säcken à 30 Pfund?“

„Wenn Sie die bestellen – viel Glück. Aber verschonen Sie uns mit einem Video der Folgen!“

Natürlich birgt der Spaß auch Gefahren – nicht auszuschließen, dass z.B. die Konkurrenz von Haribo die vernichtenden Kritiken selbst initiiert hat. Der mögliche geschäftliche Schaden ist immens.

Bisher hat Amazon noch nicht auf das Review-Trolling reagiert. Vielleicht ist dem Konzern die Gefahr zu groß, voreilig Ironie zu unterstellen und vielleicht tatsächlich lobend gemeinte Kritiken zu löschen. Die Frage, was ein Rating-System noch taugt, das Attacken der Spaß-Guerilla nichts entgegenzusetzen hat, bleibt wohl vorläufig unbeantwortet.

NACHTRAG 2017: Dass das Thema des Review-Trolling durchaus auch einen politischen Hintergrund haben kann, konnte man an Richard Gutjahrs kürzlicher Kommentar-Fehde mit Gerhard Wisniewski sehen.



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mmKunigunde KundeergejDietmarPeter Recent comment authors
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Peter
Peter

Dachte bei der Überschrift, dass es um Rezension in der Art der „Dino-Rezension“ geht, da gibt es auch einige echt gute 🙂
https://www.amazon.de/Vamundo-GIGANTISCHER-Dinosaurier-Styracosaurus/dp/B004054AXY

Peter
Peter

Das Nashorn ist auch super: „Gibt es zu diesem Produkt eine Wandhalterung?“

Peter
Peter
Dietmar

Gutjahr/Wisniewski ist völlig an mir vorbei gegangen. Vielen Dank!

Kunigunde Kunde
Kunigunde Kunde

Das ist so ziemlich genau nicht mein Humor. Kundenbewertungen wie bei Amazon oder sonstwo sind nämlich an sich eine schöne Sache, sie bewahrten mich bereits vor so manchem Fehlkauf und sie decken (im Bereich Bücher, aber auch sonstwo) allzu dreiste Mogelpackungen dann doch meist auf.

Über die Witzigkeit von „Review Trolling“ mag vielleicht noch gestritten werden, dass es aber einem Bereich, der an sich ein klein bisschen Macht des Kunden gegen die Konzerne beinhalten könnte, den Nutzen entzieht, das ist dann einfach nur noch schade.

Für die eigenen Späßchen anderen etwas durchaus Wertvolles zu zerstören, das kann ich mit einem Wort benennen: asozial.

(Übrigens halte ich verallgemeinernde Formulierung à die „die Netzgemeinde“ für selten zielführend, darüber hinaus aber für weit unter deinem Niveau, lieber Wortvogel)