Ich mag Speyer. Eigentlich. Ist eine schöne, kleine Stadt, viel alte Architektur, überschaubar, gute Restaurants, alle relevanten Geschäfte in Gehweite, okayer Asia-Grill, okayer Pizza-Service. Bei den Behörden muss man nie lange warten und am Rhein gibt es im Sommer einen Strand-Bar.

Das Problem ist das Pack.

Es gibt in Speyer eine unangemessen große Menge sauffreudigen Gesindels, das die vielen Stadtfeste und jetzt auch den Weihnachtsmarkt primär dazu nutzt, Alkoholkonsum als Leidenschaft zu leben. Von Freitag bis Montag ist eigentlich jede Nacht vor unserem Fenster Remmidemmi: Lautes Geschrei, gerne auch Beziehungskonflikte, die mit 140 Dezibel diskutiert werden müssen, oder einfach mal den Fiat Panda mit 90 durch die 30er Zone nageln. Hat Speyer bei irgendwer bei irgendwas gewonnen, vom Fußball bis zum Lotto, muss es jeder wissen. 4 Uhr morgens. Etwas betankteres Jungvolk versucht sich gerne mal im „Asiaten klatschen“, als wäre man nicht in der Pfalz, sondern in Sachsen.

Kurzum: Entertainment für die ganze Familie – sofern sie auf Nachtschlaf verzichten kann.

Eine Präsenz der Ordnungsmacht ist eigentlich nur an der Anzahl der verteilten Parkknöllchen zu erkennen – die Stadtkasse profitiert prächtig davon, der Bevölkerung eine skandalös geringe Menge an Stellflächen zu bieten.

Man lernt, damit zu leben. Speyer ist nicht München, hat auch keine Universität, da muss man sich den regionalen Gepflogenheiten anpassen. In meinem Fall heißt das: Fenster zu und Ohrstöpsel rein.

Vor einem halben Jahr, ich wohnte noch keine zwei Monate hier, wurde das erste mal mein Fahrrad umgetreten – da war wohl jemand sauer, dass es gut genug angekettet war, um sich nicht ad hoc zur Heimfahrt fremdverpflichten zu lassen. Rücklicht im Arsch, Speichen verbogen.

Mit meinem Motorroller bin ich vorsichtiger. Zwar steht er gewöhnlich auf der Straße, an Silvester, Fasching oder zum Feuerwerk des Stadtfests schiebe ich ihn aber auf einen Hinterhof. Da kann er provisorisch übernachten, ohne bequeme Sitzfläche für vorbeiziehende Spacken zu sein.

Leider ist der Weihnachtsmarkt in Speyer nah, lang und alkoholisiert wie eine Fußball-WM. Heute morgen kam ich aus dem Haus und fand meinen Roller so vor:
2014-12-14 08.31.52In die Hausecke geschoben und dann mit Wumms vor die Mauer.
Außenspiegel zerbrochen und ab, Scheinwerfer zerbrochen und ab, die komplette Vorderverkleidung am Arsch:
2014-12-14 08.34.03Es wird erstmal schwer werden, hier in der Gegend eine Werkstatt zu finden, die meinen China-Kracher reparieren kann. Von der Frage, ob sich das lohnt, ganz abgesehen. Übernimmt so etwas die Versicherung? Keine Ahnung, muss ich erstmal die Police lesen.

Apropos Police: Fuck the.



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TimeTourist
TimeTourist

Pack gibt es überall – nicht nur in Speyer. In München fällt es weniger auf, da die Stadt größer ist. Das verteilt sich dann auf „seine Viertel“. In einer kleinen Stadt fällt das Pack mehr auf, da es weniger sozialschwache Viertel gibt. Hier sind es einfach nur ein paar auffällige Straßen in Mitten der Stadt. Das Problem kenne ich. Das mit dem Roller ist ne Schande. Bei meinem Auto wurde die Scheibe eingeschlagen und eine Sonnenbrille geklaut – vor meinem Haus in der Innenstadt! Die Versicherung hat nicht gezahlt, da ich nur eine Haftpflicht hatte.
http://www.autobild.de/artikel/vandalismus-wann-die-versicherung-zahlt-36663.html

Gottloser
Gottloser

Als mir damals in Mannheim (glaub mir, das ist Speyer ein vergleichsweise packloses Örtchen) mein Motorrad zerlegt wurde hat die Vollkasko das anstandslos bezahlt.

sergej
sergej

Vandalismus zahlt die Vollkasko. Ein 50er Roller (stimmt doch?) hat nur ein Versicherungskennzeichen. Meines bescheidenen Wissens nach, gibt es das nicht mit Vollkasko.

Teleprompter
Teleprompter

„Speyer hat keine Universität“ – da werden sich die Jungs und Mädels von der Verwaltungshochschule aber ein wenig ärgern. Die haben sogar Promotionsrecht, als ich mich damals bei einer Angestellten erkundigte, wo es denn „zur Fachhochschule“ gehe, hat die mich mächtig angeblasen.
Ach ja, „saufreudiges Gesindel“ ist zwar ein netter Ausdruck, aber die Bilder, die sich mir da in den Kopf schleichen, mag ich nicht wirklich.

Peroy
Peroy

Mannheim ist so ein Scheissloch… 🙂

Steffen
Steffen

Oh mann, was für Arschlöcher.

Kaio
Kaio

Sowas gibts leider überall. Bei mir in der Kleinstadt hab ich das „Glück“ in der Straße zu wohnen in der eine von zwei Bars der Stadt liegt – direkt gegenüber. Da ich auch noch unterm Dach bin wird der Schall schön im zickzack zwischen den Häusern direkt in mein Fenster reflektiert. Selbst wenn das Fenster zu ist kann ich teilweise nachts die netten Konflikte die besoffene unter sich austragen glasklar mithören. Das ist dann aber nicht nur zu besonderen Anlässen sondern alle paar Tage. Hm, in letzter Zeit wars eher ruhig jetzt wo ich drüber nachdenke, denen wirds Nachts wohl zu kalt um sich draussen anzukacken.

Ich frage mich da auch immer was jemanden dazu bringt Kneipenbesitzer zu werden. Sich jeden Tag mit besoffenen Idioten rumschlagen zu müssen wäre für mich so ziemlich der grottigste Job der Welt.

Zum Glück haben wir wenigestens das Vandalismus Problem nicht, alle draußen zu lagernden Habseligkeiten sind in nem abgeschlossenen Hof.

Michael
Michael

Das mit dem Roller ist unterirdisch, solch Leuts die den Weihnachtsmarkt zum Saufen nutzen gibts überall. Was ich mich allerdings frage, gibt es den Bierbrunnen/Durchbruch noch? Habe den Laden, 1999/2000 rum, als ganz angenehm in Erinnerung.

Wortvogel
Wortvogel

@ Michael: Den gibt es noch, ist auch immer noch ganz nett.

Michael
Michael

Schön zu wissen, habe da so manche Stunden verbracht 🙂

Mencken
Mencken

Klingt so, als ob die Wohnungswahl ziemlich unglücklich war. So gehäuft habe ich dergleichen selbst noch nie erlebt, obowohl ich auch schon einige Jahre in sozialen Brennpunkten gelebt habe.

„Asiaten klatschen“ und mit 90 durch die 30er Zone sind auch Sachen, die ich für vollkommen inakzeptabel halte, würde die Polizei da durchaus regelmässig nerven.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Gibt’s in Speyer nicht auch Ableger diverser MCs (Hells Angels & Co.)? Soviel zur ruhigen Provinz 😉

Exverlobter
Exverlobter

„Speyer ist nicht München, hat auch keine Universität“

In Speyer ist doch die Verwaltungshochschule.

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Straffreiheit für den Wortvogel! | Wortvogel - 100 % Torsten Dewi

[…] Vor einem Jahr, also vor zwei Wohnungen und in Speyer, hatte ich das Glück, dass sich direkt vor unserem Haus ein Zweirad-Parkplatz befand, der ideal für meinen Roller war – abgesehen davon, dass sich immer wieder mal besoffenes Pack daran verging. […]

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